Opa, Mitte Juli bist du gestorben und bis heute war nicht genug Raum und Platz, um zu trauern. Auch war es mir nicht möglich, bei der Trauerfeier zu sein. Aber das weißt du ja und du kennst auch die Gründe. Ich glaube auch, dass es für dich nicht wichtig ist, ob ich nun körperlich dort war. In Gedanken war da. Schon vorher und immer mal wieder auch danach. Und da Oma auch bei dir ist, war es auch nicht wichtig für dich oder Oma, dass ich körperlich dort war.
Für mich als Kind ward ihr, du und Oma, für mich die Menschen, die es mir ermöglichten zu überleben. Bei euch konnte ich "Urlaub" machen von der Hölle und kam zur Ruhe, konnte Kind sein und ich habe bei euch viel wichtiges gelernt, was ich zuhause nicht lernen durfte/ konnte. Ihr ward streng, aber gerecht. Ich wusste, woran ich war. Bei euch bekam ich den Zugang zur Natur, der mir das Überleben ermöglichte und heute Leben möglich macht. Eine ganz wichtige Ressource für mich.
Ach Opa, gerade habe ich den Duft deiner Zigarren in der Nase, die du nur in der Werkstatt oder auf den Spaziergängen mit mir geraucht hast. Oma wollte nicht, dass du in der Wohnung rauchst. Ich liebte diesen Duft (was ich heute nicht so wirklich verstehe, denn eigentlich stinken diese billigen Zigarren bestialisch

), denn er bedeutet für mich gemeinsam mit dir in Ruhe in der Werkstatt mitarbeiten, mir Dinge selbst machen zu dürfen und du hast mir dabei geholfen. Ohne schimpfen, mit viel Geduld. Gerade habe ich dein Lachen im Ohr. Du lachtest oft, wenn ich mal etwas "auf meine Art" machte oder sagte. Im Gegensatz zu dem hämischen Lachen zuhause, den Abwertungen und der Tatsache, dass alles was ich machte, nachdem es schlecht gemacht wurde, zerstört wurde und entweder in den Abfall kam oder im Ofen verbrannt wurde, war dein Lachen liebevoll und hast mir dann gezeigt, wie man es auch anders machen kann.
Wie oft habe ich dir deinen Hut geklaut und hab dann mit diesem und einer viel zu großen Schürze, die du mir umgebunden hast, herumgewerkelt.
Gerade schreibe ich auch mit dem Finger, in den ich mir mal geschnitten habe. Deine Messer waren immer ganz scharf und du hast beim Spazierengehen immer Spazierstöcke oder Nussbaumpfeifen geschnitzt, die du mir dann geschenkt hast und die ich bei dir in der Werkstatt deponierte, weil sie sonst im Ofen oder Abfall gelandet wären. Dann wollte ich mal selbst schnitzen. Es war die kleine Lh., die sich dann dabei in den Finger geschnitten hat. Oh, sie hatte Angst nun ausgeschimpft zu werden und schwer bestraft zu werden. Und du? Als du es sahst hast du nicht geschimpft, sondern die kleine Lh. getröstet, liebevoll dein TAschentuch darum gewickelt, bist gemeinsam mit ihr zur Oma gegangen, bei der sie dann ein Pflaster bekam und du bekamst Schimpfe von Oma, weil du nicht auf Lh. aufgepasst hast. Oh je, das wollte die Lh. doch gar nicht, weil sie doch den Opa überredet hatte.
Gemeinsam gingen wir in den Wald und haben Eichhörnchen und Meisen gefüttert. Du zeigtest mir was ich tun muss, damit diese aus der Hand fressen bzw. auf die Hand kommen. Weißt du, was die kleine Lh. manchmal dabei überrascht dachte? "Ich bin ein Monster. Trotzdem kommen die Tiere zu mir." Es war eine wichtige Erfahrung.
Es gibt noch viele schöne Erinnerungen an die Zeiten mit und bei dir und sie sind mir wertvoll. Auch wenn ich weiß, dass du und deine Frau ein Monster aufgezogen habt und ihr einen großen Teil daran habt, dass euer Sohn so wurde wie er ist. Ja, ich bin auch wütend auf dich. Aber ich schreibe das alles jetzt erst mal für die kleine Lh. und die Anteile, die auf Urlaub bei dir und Oma waren. Die Anteile, die bei euch zur Ruhe kamen, durchatmen konnte, Kraft sammelten, für das Leben in der Hölle.
Das andere, ja das andere braucht einen anderen Rahmen, einen anderen Platz.
Opa, ich danke dir für all das überlebenswichtige, was du mir gegeben hast!
In Liebe
die kleine Lh., R. und die E.
(von L.)