Für heute eine Geschichte aus dem Bereich Lost-Places-Images
Die Geschichte beginnt an einem weit entferten Grundstück, das mich aber dennoch seit Jahren immer mal wieder anlockt und mir als Zufluchtsort dient, wenn ich der Zeit entfliehen muss.
Obwohl das Grundstück sehr gefährlich ist, strahlt es für mich eine unglaubliche Ruhe aus und lässt mich in eine andere, surreale Welt abdriften.
Nicht umsonst aber beginne ich meine heutige Reise auf einem ganz „schönen“Stück Land mit modernen Neubauten, idyllischer Landschaft und einer, über tröpfelnde Wasserhähne jammernde Gesellschaft.
Von diesem kleinen Fleck inmitten eines Maisfeldes, in der mich wohl mit Ausnahme von ein paar Mäusen und Schnecken niemand sehen kann, beginne ich meine Reise. Sie führt mich über eine kleine Schwelle am Ende einer Brücke ...
in eine, so scheint mir manchmal, völlig andere Zeitepoche, in der ich für einen Moment den Stellenwert morbider Erscheinungen in der heutigen Gesellschaft ignoriere - oder aber der Ort zieht mich gerade deshalb fast schon magisch an.
Von weither sieht man der versunkenen Industrieanlage den inneren und äusseren Zerfall noch nicht so richtig an, wir sprechen hier ja auch bloss von einer Erscheinung; böse Zungen nennen es auch "Schandfleck" und wer über tröpfelnde Wasserhähne jammert, der wird beim genaueren Anblick dieses alten Bauwerks so richtig klagend.
Die Reise also geht in jene Zeit zurück, in der der technische Fortschritt begann, als der Schandfleck noch als Baumwollspinnerei in Kinderschuhen steckte und sich die Gesellschaft an tropfenden Wasserhähnen und laut dröhnenden Dampfmaschinen erfreute. Gedanklich hänge ich im Jahre 1900 fest und je näher ich mich meinem ganz persönlichen Kraftort nähere, desto mehr blüht meine Fantasie auf. Die Zeit rattert an meinem geistigen Auge vorbei, stehe vor einer grossen Spindel, als würde ich selbst die Fäden ziehen, sehe Arbeitende, die ganze Produktion und dann bin ich mitten im ersten und zweiten Weltkrieg und höre die Schüsse und Bomben, jedes Mal, wenn ein morscher Balken sich von den maroden Dächern lösst. Ich sehe Plünderungen von Lagerräumen, aber auch Spekulanten, die das Areal für den ganz eigenen Grössenwahn missbrauchen wollten.
Ich bin mittlerweile schon im Jahre 1982 angekommen, in dem das Fabrikgelände stillgelegt wurde und sehe die Leere und Einsamkeit, die diese Bauwerke ausstrahlen. Spinnereien werden nicht mehr benötigt und niemand weiss etwas mit diesem alten, zerfallenen "Schandfleck" anzufangen. 1990 wird das Gelände weitläufig umzäumt, um Besucher, die zufällig auf diesen Schandfleck treten zu schützen – zu gefährlich sind die herabfallenden Balken, die fast im Minutentakt den Zeugen des Zerfalls Furcht einflössen.
Es ist eine Geschichte eines alten Industriegeländes, müsste man meinen. Vielleicht aber auch ist es meine eigene.
Mein Ex-Therapeut hätte gesagt: kommen sie zurück, ins hier uns jetzt, wir schreiben das Jahr 2013. Ich gebe zu, ich halte dieses Aussage manchmal für wenig feinfühlig. Die Weltkriege sind vorüber, die Spinnerei längst lahm gelegt, alles was wir heute noch zu sehen kriegen ist der Zerfall, das was übrig bleibt, nach Jahren von Beanspruchungen, aber auch nach Jahren des einsamen Zerfalls seit der Stillegung. Die Frage aber bleibt, was es dem Haus nun nützt, nach dem benutz werden für eigene Zwecke, nach der ganzen Arbeit, das es vollbringen musst, nach den Kriegen und Nöten. Der Zerfall ist es, mein lieber Ex-Therapeut, der Zerfall ist es, der nicht vorbei ist. Auch nicht im Jahre 2013.
Das Dach der Hauptproduktionsstätte ist längst eingefallen und die Natur nimmt sich langsam wieder zurück, was einst ihr gehörte. Bäume, Sträucher und Gräser wuchern sowohl innen wie aussen, vielerorts ist ein Durchkommen gar nicht mehr möglich. Es erinnert ein bisschen an Dornrösschen's Schloss, nur dass ich es nicht erobern, sondern Zeuge seiner Existent werden möchte, in allem was es für mich persönlich bedeutet.
Es gibt nicht viel hier, was nicht droht jeden Moment einzustürzen. Die Fenster sind von innen zugemauert, wodurch man an den meisten Orten nicht ins Innere des Bauwerkes sieht,
und wenn man doch einen Blick erhascht, so sieht man nichts als morsche Hölzer ...
und wilder Naturwuchs inmitten der Häuser.
Mancherorts drückt der ganze Schutt immens gegen die Aussenmauern, was den "Zerfall in sich selbst" erklärt. Es ist, als würde es unser seiner eigenen Last zusammenbrechen.
Noch etwas weniger dicht ist es im hinteren Bereich der Analge, in der sich alte Räumlichkeiten noch ganz "gut" erhalten zeigen.
Nicht nur die Natur nimmt sich, was sie möchte. Hier sehen wir Spuren, die von wilden Partys zeugen. Insgesamt 5x musste angeblich die Feuerwehr ausrücken alleine wegen
gelegten Feuern im hinteren (nicht ganz so gefährlichen) Teil der Anlage.
Neben dem allgemeinen Zustand
fallen aber die Brandspuren weniger auf als die Spuren von Sprayern, die sich am seltenen noch vorhandenem Verputz oder den zugemauerten Fenstern probierten.
Von diesem Lagerraum ist nicht mehr viel übrig geblieben ...
und auch hier ist manches in sich zusammen gebrochen.
Beinahe gar nichts mehr übrig und schwierig innen von aussen zu unterscheiden ist hier sichtbar:
Auch hier waage ich mich ohne suizidale Absichten nicht einfach so rein,
doch die riesigen Mauern imponieren auch von aussen. Hier heran gezoomt.
Dagegen ist das 6. Haus eine kleine Hütte
und hier kann man nur spekulieren, dass da mal irgedetwas gestanden haben muss.
Ebenfalls zu spekulieren gilt es die Intension des Verfassers dieser Nachricht.
Auch dieser Teil hat schon bessere Zeiten erlebt.
Hier führt die Treppe direkt zu einer zugemauerten Türe – ich würde da allerdings auch nicht freiwillig hoch steigen
… und vorne türmt sich der Müll in der völlig verwachsenen Umgebung
... oder tritt aus einem der Häuser raus
mancherorts sieht man nur noch ein einsames Fenster (hier nicht zugemauert
Es gäbe noch so viele Fotos und Eindrücke zu zeigen. Bilder von Zerstörung und Zerfall eines Grundstücks, das nun freigegeben ist, um ersetzt zu werden. Es sollen Luxushäuser oder Geschäftsräume entstehen, denn was zerfallen ist, das möchte niemand gerne sehen. Zu gefährlich, zu hässlich, zu unnütz.
Daher endet hier die Geschichte einer industriellen Anlage, die Weltkriege überstanden und so vielen Leuten gedient hat. 82 Jahre lang hat sich gute Dienste erwiesen, geschuftet und gehalten – für andere. Sie hat hergehalten für die Ideen von grössenwahnsinnigen Produzenten, Tag für Tag.
Ja, mein lieber Herr Ex-Therapeuten. Es ist vorbei. Die Weltkriege sind vorbei und bald soll was anderes her, dann weicht selbst der Zerfall der Ewigkeit. Dann müssen sich die Leute nicht mehr über herabfallende, laut krachende Balken beschweren und die Feuerwehr wegen Bränden ausrücken. Dieses Grundstück erfüllt keinen Zweck mehr, ist zu nichts zu gebrauchen. Ja, mein lieber Herr Ex-Therapeut, dann kann sich die Gesellschaft getrost weiter über tropfende Wasserhähne beschweren.