Stabilisierungstechniken

Hier können Betroffene über ihre Erlebnisse diskutieren.
eva*

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*wirrli

Re: Stabilisierungstechniken

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atmen....

Immer wieder bewusst atmen!
Lorelei

Re: Stabilisierungstechniken

Beitrag von Lorelei »

Gedanken bezähmen und positive Gedanken weiter entwickeln mit Yoga (Mittelstufe-Profis)
Es gibt einen Ausspruch über unsere Gedanken. Man kann nicht verhindern, dass Vögel der Gedanken durch unseren Geist fliegen, aber wir können verhindern, dass sie ein Nest in unserem Geist bauen. Und wir können bestimmte Vögel einladen und andere darum bitten, weiterzufliegen. So haben wir die verschiedensten Gedanken in unserem Geist und manche kommen und jetzt haben wir die Wahl: Wollen wir sie ein Nest in uns bauen lassen oder sie weiterschicken? Und sehr häufig haben Menschen eine Neigung, sich mit den Gedanken besonders zu beschäftigen, die sie eigentlich nicht mögen. Und die Gedanken, die man mag, mit denen beschäftigt man sich nicht, denn mit denen ist ja alles in Ordnung. Und dann denkt man, wenn man lange genug sich mit den unerwünschten Gedanken beschäftigt, dann würden die vielleicht umso besser verschwinden.

Aber was machen wir, wenn wir uns sehr lange mit den unerwünschten Gedanken beschäftigen? Wir laden sie ein, ein Nest zu bauen. Unsere Gedanken verstehen jetzt nicht, was wir mit denen so alles anfangen. Unsere Gedanken verstehen nur, dass wir sie da lassen. Und Gedanken, die wir wiederholen, haben eine Neigung, sich selbst zu verstärken, das nennt sich Samskaras. Die meisten von euch sind ja mit Raja Yoga ein bisschen vertraut. Ein einzelner Gedanke im Raja Yoga nennt sich Vritti. Wenn wir eine Vritti, einen Gedanken, ein paar Mal haben, dann wird diese stärker und dieses führt dann zu einer Gedankenfurche und das kann man dann als Samskara bezeichnen.

Also angenommen, ihr merkt, dass ihr eher ängstlich seid, schüchtern seid, euch nichts zutraut, dann wäre es eine Hilfe, man entwickelt Mut. Wenn ihr ständig überlegt: „Was ist die Ursache meiner Angst? Warum bin ich Angst? Wieso bin ausgerechnet ich Angst? Wann war ich schon ängstlich? Welche Auswirkung hat die Angst für mich gehabt?“ Was geschieht? Wir denken immer nur über Angst nach. Die Samskara wird folglicherweise stärker. Und vielleicht stellt man dann fest: „Ja, als Jugendlicher hatte ich mich schon mal blamiert. Als Kind habe ich mich schon mal blamiert.“ Vielleicht geht man dann zurück, Rückführung: „Im Moment der Geburt hatte ich Angst gehabt. Es war so kalt, als ich rausgekommen bin. Außerdem wurde ich gequetscht und geschlagen, habe keine Luft gekriegt, man hat mir die Nabelschnur abgetrennt, folglich habe ich Angst gehabt.“ Vielleicht noch weitere Rückführung, Astralwelt. Man stellt fest: „Irgendwo in der Astralwelt war es so schön, dann musste ich runter in die physische Welt, in diesen Mutterleib, auch wieder Angst, was passiert als nächstes.“ Man geht noch weiter zurück, früheres Leben, vorvorheriges Leben usw. Wir werden immer wieder feststellen, die Ursache dieser Emotionen ist nicht so einfach fassbar. Sie gehören ja letztlich zum Menschsein und nicht nur zum Menschsein dazu, weil jedes Tier hat auch Ängste.

Wenn aber jetzt die Angst irgendwie recht groß ist, dann, leichter als die Angst zu verscheuchen, indem wir ständig uns gegen sie richten, ist, sie vorbeifliegen zu lassen, uns mit etwas anderem zu beschäftigen oder Mut wachsen zu lassen. Und wir können Mut wachsen lassen, z.B. indem wir jeden Tag ein paar Minuten über Mut nachdenken. Sei es in der Meditation, wie in der Eigenschaftsmeditation, sei es, dass wir mindestens in einer oder zwei Asanas die Affirmation bewusst gebrauchen. Es gibt ja viele Asanas, wo wir Mut mit verwenden können. Man könnte es bei der Kobra machen, wo wir aufgerichtet sind, Brustkorb geöffnet, nach oben schauen.

Oder man kann eine Asana ausprobieren, die man sich bisher nicht zugetraut hat und sich sagen: „Ich bin mutig.“ Z.B. der Kopfstand oder der Skorpion. Also, jeden Tag ein paar Minuten darüber nachdenken, mit Affirmationen, vielleicht auch mit Visualisierung. Man kann sich so ein paar Situationen durchspielen. Man kann auch, wenn man irgendwo merkt, man ist jetzt gerade wieder dabei, Lampenfieber zu haben oder ängstlich zu sein, kann man sich auch überlegen - da gibt es auch noch eine andere Methode - man kann dann gleich sagen: „Ich bin mutig, Om Om Om. Ich bin mutig, Om Om Om.“ Eine Möglichkeit. Eine zweite Möglichkeit ist: „Oh Gott, ich bin so ängstlich, bitte hilf mir, ich komme allein nicht weiter. Wirke du durch mich hindurch, ich selbst packe es nicht.“ Das ist auch eine Möglichkeit, wir richten uns an etwas Größeres. Oder Jnana-Yoga Weg, wir sagen: „Neti, Neti, ich bin nicht die Angst. Aham Brahmasmi, ich bin Brahman. Mag ruhig eine Angst da sein, ich bin es nicht.“

In dem Moment, wo wir uns nicht mehr damit identifizieren, fliegt sie auch vorbei. Oder Hatha Yoga, wir atmen, einatmen, Bauch hinaus, ausatmen, Bauch hinein. Wenn das nicht ausreicht, in ein Zimmer gehen und Kapalabhati. Wenn das nicht ausreicht, Bhastrika. Spätestens nach vier Runden Bhastrika hat man die Power und selbst wenn Ängste noch da sein würden, das spielt überhaupt keine Rolle mehr. Oder man kann sich vorstellen: „Angenommen, ich wäre jetzt mutig und souverän, wie würde ich das jetzt angehen? Wie würde ich mich fühlen? Ich bin zwar jetzt momentan ängstlich und verschüchtert. Aber angenommen, ich wäre mutig, ich hätte jetzt großes Selbstvertrauen, wie wäre ich?“ Und dann können wir das ein paar Mal durchspielen und manchmal merkt man: „Ja, ich bin es plötzlich.“

Dann können wir auch beim Einschlafen - wir können uns entweder beim Einschlafen Sorgen machen, „oh, wie soll das werden“, oder wir können sagen, „ich bin mutig, Om Om Om“ oder „Großer Geist, bitte gib mir Mut, Om Om Om“ oder „Aham Brahmasmi“. Irgendeinen spirituellen Gedanken zum Schluss. Davon träumt man dann die ganze Nacht und damit wacht man dann am nächsten Morgen wieder auf. Überhaupt, die ersten Gedanken am Morgen sind ganz besonders wichtig. Manche Menschen wachen morgens auf: „Oweija, jetzt muss ich wieder aufstehen. Muss das sein? Was wird heute werden?“ Kein Wunder, dass man anschließend am liebsten noch mal eine Weile weiterschlafen möchte. Dann klingelt der Wecker zum vierten Mal, nur noch vier Minuten bis zum Satsang, also ausreichend Zeit. Stattdessen kann man als erstes sagen: „Ich freue mich auf den heutigen Tag.“ Oder: „Lieber Gott, ich danke dir für diesen wunderbaren Tag.“ Und besonders schön ist: „Ich freue mich auf diesen Tag.“ Wenn man dann merkt, irgendwo ist was anderes dabei: „Ich freue mich auf die Herausforderungen dieses Tages.“

Das kann man auch sagen. Und das spricht man ein paar Mal und prompt ist die Energie da. Dann kann man noch eine Affirmation, wie „ich bin mutig, Om Om Om“, sagen, oder ein Gebet sprechen oder was auch immer man will. Jedenfalls, wir können etwas tun, morgens beim Aufwachen, abends beim Einschlafen, mindestens einmal am Tag ein paar Minuten konzentriert positive Gedanken entwickeln, sei es in einer Meditation, sei es in einer Asana, sei es im Pranayama, dann fällt es relativ leicht, zwischendurch andere Gedanken vorbeifliegen zu lassen und Gedanken wieder einzuladen. Man hat ja vielleicht den guten Vögeln ein Nest gebaut über diese Meditation und dann sind die vielleicht mal weggeflogen, vielleicht woanders hin, dann können wir sie ja wieder rufen und dann, „Freude, komm doch wieder her“ oder „Mut, du warst doch heute Morgen so schön da, komm doch bitte her“ und dann, „aha, die Angst kommt auch wieder, du kannst wieder weiterfliegen“.

Aham Brahmasmi, Om Shanti

www.yoga-vidya.de
Lorelei

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Beitrag von Lorelei »

Achtsamkeit, der innere Beobachter und Hypnosetherapie (Profis)
Dr. med. Michael E. Harrer

Dieser Artikel ist als Fortbildung für Psychotherapeuten gedacht und bestätigt die positiven Wirkungen von Achtsamkeit. Er führt allerdings auch das Gegenteil der Achtsamkeit vor Augen, die ebenso notwendig sein kann, und schult den Blick für den "inneren Beobachter". Wer sich nicht durch Fachtermini abschrecken lässt, findet hier vielleicht einige Anregungen für weitere Forschung. Wer denkt, dass diese Art zu arbeiten ihm gut tun würde, kann sich auf die Suche nach spezialisierten Therapeuten machen und ggf. auch an den Autor wenden (der garantiert irgendwo jemanden kennt, der jemanden kennt, der das macht).

Was ist Achtsamkeit?

Wie wir die Welt erleben und sie immer wieder neu konstruieren, hängt zu einem großenTeil davon ab, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken und aus welcher Haltung heraus wir sie wahrnehmen. Achtsamkeit bedeutet, seine Aufmerksamkeit der jeweils gegenwärtigen Erfahrung zu schenken – auf eine akzeptierende und nicht beurteilende Weise – und sich dabei zugleich des Gewahrseins des jeweiligen Objektes der Aufmerksamkeit bewusst zu sein. So lautet die Basisanweisung zur Achtsamkeitsmeditation (Vipassana) folgendermaßen:

»… sitze still, bewege Dich nicht und lenke einfach Deine offene Aufmerksamkeit auf das,
was da ist, von Augenblick zu Augenblick, mit Gleichmut, ohne Anhaften oder
Ablehnung …und ohne zu versuchen,es zu verändern«

(Tart 2001b, S.68; Übersetzung durch den Verfasser).

Das Wort Achtsamkeit beschreibt in seiner modernen Anwendung dreierlei:
Vorübergehende, definierte Bewustseinszustände (»states«), überdauernde Eigenschaften (»traits«) im Sinne einer Haltung oder aber umschriebene Formen der Übungspraxis. In Achtsamkeitstrainings oder dem klassischen Weg der »Geistesschulung« (Nyanaponika 2000) werden achtsame Zustände wiederholt aufgesucht, um diese zu kultivieren und als Haltung zu verinnerlichen.

Lest weiter unter
http://www.meg-tuebingen.de/downloads/2 ... amkeit.pdf
Lorelei

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Beitrag von Lorelei »

Entwurf eines entwicklungsorientierten psychodynamischen Therapieansatzes für früh traumatisierte Kinder (Profis)
Dissertation von Dipl. Soz. et Päd, M.A. Cornelia Volk

Diese Dissertation erklärt und beleuchtet traumatische Ereignisse bei Kindern, ihre Auswirkungen und ihre Behandlung in einer Spieltherapie. Es ist ein sehr langes Dokument, aber wirklich ausführlich und wissenschaftlich fundiert und - für eine Dissertation - gut zu lesen. Besonders spannend fand ich die verschiedenen Fallbeispiele, die sie als Stundenbeschreibungen mit kleinen Patienten an das Ende des Dokumentes gesetzt hat. Hier sind auch immer wieder die Erläuterungen zu den Stunden interessant und wichtig zu lesen.

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Fallvignette Anna *triggert... und heilt, als Belohnung*

Die 5jährige Anna wird mir von ihren Pflegeeltern wegen heftiger Angstanfälle und schwerer
Alpträume vorgestellt. Anamnestisch ergeben sich eine frühe Vernachlässigung durch eine
alkoholabhängige alleinerziehende Mutter und ein länger andauernder sexueller Mißbrauch
durch den jugendlichen Sohn eines Nachbarn, dem die Mutter ihre Tochter zum abendlichen
Babysitten anvertraute. Neben den Pflegeeltern ist auch die Pflege-Oma eine wichtige Bindungsfigur.

Nach anfänglicher extremer Ängstlichkeit ist Anna in der Therapie so weit erstarkt, daß sie sich immer mehr zutraut. Als im Kindergarten für Halloween Kürbisse zurechtgemacht werden, erzählt sie mir aufgeregt davon, und so fangen Anna und ich an, Gespenst zu spielen, indem wir uns Bettlaken über den Kopf ziehen und „Huhu!“ machen. Dabei darf aber das Laken mein Gesicht nicht verdecken, sonst bekommt Anna Angst. Bald ensteht unter großem Gekicher eine spielerische Jagd durch das Therapiezimmer, bei der ich Anna fangen muß. Wegen der Vernachlässigung Annas denke ich zunächst an ein frühkindliches „Fang-mich!“-Spiel, in dem es um Trennung und Wiedervereinigung geht. Nach einer Weile hält sie jedoch inne und gibt mir folgende Spielanweisung: „Ich würde jetzt im Bett liegen und schlafen, und dann würde ein Monster kommen. Du bist das Monster!“ Mir fallen Annas Alpträume ein. In der Gegenübertragung fühle ich mich etwas beklommen, ahne Schlimmes, und so frage ich nach, was dann passieren würde. Das weiß Anna aber selbst noch nicht. Also gehe ich zunächst auf die Vorgabe ein. Als sich Anna auf den Boden legt, fällt mir auf, daß sie die Beine zusammenpreßt und den Blick starr an die Zimmerdecke gerichtet hält. Ich denke sofort an den sexuellen Mißbrauch, von dem zu sprechen sich Anna bisher standhaft geweigert hat. Nach einem ersten zaghaften „Huhu!“ meinerseits verstärkt sich Annas Verkrampfung. Darauf lege ich einen Spielstop ein, um ihre Realitätsorientierung zu überprüfen.

Ich spreche sie als „Anna“ an, betone den Spielcharakter, frage nach, was ich jetzt im Spiel machen müsse, und Anna teilt mir mit, ohne den Blick von der Decke zu wenden, daß ich sie „mit einer Säge zerhacken“ solle. An dieser Stelle beschließe ich, zunächst eine Pause einzulegen, da ich das Abgleiten Annas in einen dissoziativen Zustand befürchte. Auf meine Bitte, aufzustehen, reagiert Anna auch nur sehr verlangsamt. Ich spreche sie deutlich an, orientiere sie in Zeit und Raum, und als sie wieder ganz präsent zu sein scheint, frage ich, wie das Mädchen in dem Bett denn heiße. Sie zuckt die Achseln. Ich mache ihr eine Vorschlag: „Sandra“? Sie nickt. Ich sage „Die Sandra hat gerade ganz schön Angst bekommen, vielleicht weil sie einen schlimmen Traum gehabt hat“ und will Sandra mit Annas Einverständnis an einen „Sicheren Ort“ bringen. Wo der denn wäre? „Auch in einem Baumhaus“ (Annas „Sicherer Ort“ ist, so hatten wir es am Anfang der Therapie erarbeitet, „im Baumhaus in Omas Garten“). Ich lasse Anna Sandras Baumhaus ausphantasieren (bunte, selbstgemalte Bilder an der Wand, weiches Bett, viele Kuscheltiere, die Vögel zwitschern, es riecht nach Parfüm, Sandra hat von der Pflege-Oma ein altes Parfümfläschchen bekommen). Die Grenzen zwischen Annas und Sandras „Sicherem Ort“ verschwimmen, aber das macht nichts. Anna lächelt, sie ist gut im Ressourcenpol verankert. Dann schlage ich vor, an ihrer Stelle eine Puppe in Sandras Bett zu legen, und sie entscheidet sich für die Baby-Born-Puppe. Wie würde die Puppe heißen? „Sandra“. „Das geht nicht, die Sandra ist ja im Baumhaus“ kläre ich die Grenze. „Der Sandra geht’s gut, und die ist in absoluter Sicherheit, die ist froh, daß das alles nur ein schlimmer Traum ist.“ „Dann heißt sie …Nicole“. Gut. Ich erkläre Anna nun, daß jetzt nicht mehr ich das Monster spiele, sondern 3mir einen Stellvertreter suche, und dann würden „wir uns beide hier in Sicherheit anschauen, was da in dem schlimmen Traum passiert“. Anna ist einverstanden, sie tastet nach meiner Hand, um sich zusätzlich Sicherheit zu verschaffen. Ich nehme meinen Riesenteddy mit der „bösen“ schwarzen Augenmaske, werfe ihm das Laken über und führe ihn an Nicoles Bett. „Was würde das Monster jetzt machen?“ Anna starrt verkrampft auf das Baby. „Aua“ sagt sie tonlos. „Aua.“ „Wo denn?“ „Da!“ Anna zeigt auf ihren Schoß. Ich halte inne. „Wie geht’s denn jetzt der Nicole?“ „Die schläft.“ „Merkt die nicht, daß das Monster da ist?“ „Nein.“ Ich frage mich, ob ich das Mißbrauchs-Spiel wirklich weiter entfalten soll. „Wacht die denn nicht auf?“ „Noch nicht.“ Aha, es soll also weitergehen. Ich nähere den Teddy der Puppe, beobachte dabei aufmerksam Annas Reaktion, bereit, jederzeit abzubrechen. Sie ist verspannt, starrt auf das Baby. In der Gegenübertragung fühle ich mich äußerst unwohl. Sollte ich nicht spätestens jetzt abbrechen? Ich versuche, auf der sprachlichen Ebene mit Anna im Kontakt zu bleiben. „Wie geht’s jetzt der Nicole?“ „Die schläft noch.“ „Soll das Monster jetzt die Nicole an ihrem Pipi anfassen?“ Sie nickt. Vorsichtig, mit einem sehr unguten Gefühl, lasse ich den Bären Nicoles Schoß berühren. Anna zuckt zusammen, klammert sich an mich. „Jetzt ist sie aufgewacht!“ „Und wie geht’s ihr jetzt?“ „Sie hat ganz doll Angst“. Immer noch an mich geklammert, auf das Baby starrend, erzählt Anna atemlos, daß es Nicole „am Pipi ganz doll brennt“ und daß Nicole „denkt, daß das Monster sie totmacht“ (BASK-Modell). Jetzt, da der Bann gebrochen ist, verspüre ich einen gewaltigen Zorn. „Dieses Schwein!“ stoße ich hervor, nehme mich schnell zurück, als Anna mich erschrocken anschaut. „Ich find das so gemein, daß das Monster der Nicole so weh tut!“ Anna schaut mich immer noch fassungslos an. Ich habe das Gefühl, viel zu intensiv zu sein. Ich denke an Annas Verlassenheit in der Babysitting-Situation ihrer frühen Jahre. „Könnte jetzt jemand kommen und Nicole helfen?“ Anna schüttelt den Kopf. „Eine Gute Fee vielleicht?“ frage ich. Wieder Kopfschütteln. Fast bin ich erleichtert. Dann kann ich das Monster ja endlich verprügeln.

„Du gemeines Monster!“ rufe ich empört und haue den Teddy mit der Faust ins Laken-Gesicht. „Laß sofort die Nicole in Ruhe! Hör sofort auf, du Schwein! Der Nicole so weh zu tun!“ Wieder schlage ich zu und beobachte Annas Reaktion. Sie schaut zu, gespannt. „Soll ich das Monster weiter hauen?“ Sie nickt heftig. Ich schlage weiter und beschimpfe das Monster, artikuliere die traumaverabeitenden Gefühle von Wut, Verachtung und Ekel. Dann besinne ich mich und suche nach einer symbolisierteren Form, lasse den Monster-Teddy fallen und hole mir einen Schaumstoffschläger (Batakas). „Na warte, du böses Monster, jetzt hol ich mir ein Schwert!“ – und Anna läuft sofort mit! Sie schnappt sich den zweiten Schläger - wir haben damit schon etliche „Ritterkämpfe“ ausgefochten -, und gemeinsam schlagen wir nun auf den Teddy ein. So habe ich Anna noch nicht erlebt! „Schwein! Schwein!“ schreit sie wie wild, wirft schließlich den Schläger weg und tritt wütend auf den Teddy ein. Sie hört erst auf, als ihr die Luft ausgeht.

Erschöpft setzen wir uns auf den Boden und verschnaufen. Anna rückt dicht neben mich. „Puh! Das war schwer!“ sage ich. Gemeinsam betrachten wir den Teddy, der eigenartig „hilflos“ vor uns liegt. Das Laken und
die Maske sind verrutscht, es zeigt sich das harmlose Gesicht. Ich überlege, ob ich einen verbalen Bezug zu Annas Mißbrauch herstellen soll, befürchte aber, damit die Abwehr wieder zu verstärken. So überlasse ich mich meinen Gegenübertragungsgefühlen und sage traurig zum Teddy, wie wenn er der Mißbraucher wäre: „Da haben wir immer so schön gespielt miteinander! Ich hab gedacht, du wärst mein Freund… Du hast mich verraten! Du bist gemein! Hast
mir so wehgetan! Ich bin so traurig! Du bist nicht mehr mein Freund!“ Anna dreht sich zu mir und schaut mich mit großen Augen an.

Diskussion

Diese Stunde habe ich als „Ritt auf dem Tiger“ erlebt, eben weil die Analytikerin in der Rolle des Täters so schnell eine Retraumatisierung heraufbeschwören kann. Es war für mich ein heikles Oszillieren zwischen Trauma-Assoziation und Trauma-Dissoziation. Immer wieder mußte ich Anna helfen, Distanz zum traumatischen Geschehen zu schaffen, am Ressourcenpol wieder gute Objekterfahrungen zu „tanken“ und sich in der Realität zu „erden“. Beeindruckend war, wie Anna mich wiederholt durch nonverbale Signale „geführt“ hat. So kündigte sich das Thema Sexueller Missbrauch, das in der Therapie bisher tabu war, über eine Körpererinnerung (zusammengepreßte Beine, starrer Blick an die Decke) an. Auch die Frage, wie
weit ich in meiner „Rolle“ jeweils gehen sollte, hat Anna über nonverbale Signale – Körperspannung, Erregungsniveau, Blickverhalten, stummes Nicken oder Kopfschütteln– beantwortet. Aufgrund des hohen Retraumatisierungsrisikos mußte ich in dieser Stunde den Spielverlauf sehr stark steuern (vgl. Kap. B.2.3.2.4.5.). Diese aktive Rolle der Analytikerin birgt die Gefahr, daß der eigene Gegenübertragungsanteil in der Ko-Konstruktion der Szene die Oberhand gewinnt und damit das Erleben des Kindes zu sehr zurückgedrängt wird. Daß ich in dieser Stunde davor nicht gefeit, äußerte sich in dem starken Gegenübertragungswunsch, auf das Monster einzuschlagen. Dennoch kann dieses Agieren nicht völlig ohne Bezug zu Annas Erleben gewesen sein, sonst hätte sie sich schließlich nicht – bei aller Macht der Suggestion – so begeistert mit mir auf das Monster gestürzt. Nicht zuletzt kann auch ein unvollständiges Containing, wie in Kap. B.2.2.1.4. ausgeführt, eine positive therapeutische Wirkung entfalten, wenn der Patient erfährt, daß er den Analytiker erreichen, starke Affekte in ihm wachrufen und miterleben kann, wie dieser mit diesen Affekten umgeht (Mertens, 1991 b, S. 66).

Der Angstpatientin Anna gelang es in dieser Szene zum ersten Mal, einen Teil ihrer Wut und Enttäuschung auf den Mißbraucher zu entladen. Man mag einwenden, daß ich am Schluß der Szene einen deutenden Bezug zur Mißbrauchserfahrung hätte herstellen sollen. Meiner Erfahrung nach verstärkt dieser kognitive Zugang jedoch eher die Abwehr, zumindest in Fällen wie diesem, in denen das Thema Mißbrauch aus Angst und Scham noch nicht angesprochen werden konnte. Stattdessen gelang es, auf der Basis meiner Gegenübertragung einen indirekten Bezug zum Mißbraucher auf der analogen Ebene des Spiels herzustellen. Trauer über den Verrat des Freundes konnte auf diese Weise spürbar werden, ein Gefühl, das bei der Traumarekonstruktion in Kindertherapien sonst oft zu kurz kommt, weil es im aggressiven „Rachegetümmel“ untergeht. So konnte ein erster Weg in Richtung Ambivalenzerleben gebahnt werden.
2.3.3.3 Identifikation mit dem Täterintrojekt (Kind als Täter, Analytikerin als Opfer) *triggert ... und heilt, als Belohnung*

Diese Konstellation ist die typische in der Kindertraumatherapie. Im Schutze der Passiv/Aktiv-Verkehrung nähert sich der Patient seinen traumatischen Erfahrungen, wobei er die Rolle des gequälten Opfers der Analytikerin zuweist, die in projektiver Identifikation die unaussprechlichen, unerträglichen Gefühle des traumatisierten Kindes „containen“ und durchleiden muß. Dieses Vorgehen ist für die Analytikerin mit schwer erträglichen Gegenübertragungsgefühlen verbunden. Darauf weist auch Weinberg hin, die sich deshalb auch das Recht vorbehält, bei Bedarf „auszusteigen“. „Wenn mir, der Therapeutin, eine zugewiesene Rolle mulmig wird (z.B. als Opfer einer kannibalistischen Szene), dann darf ich sie guten Gewissens verlassen.“ (Weinberg, 2002, S. 13). Weil aber auch Weinberg weiß, daß das Kind „diese Szene braucht“, sucht sie sich einen Stellvertreter für die Opfer-Rolle und sorgt so dafür, „daß das Kind guten Gewissens die Szene weiterspielen kann.“ (ebd.). Dieses „Aussteigen“ aus der Szene hat jedoch zur Folge, daß der Patient wichtige Erfahrungen eben nicht bei der Analytikerin deponieren kann, was seine Entwicklungsmöglichkeiten beschneidet. Die Opfer-Rolle der Analytikerin bietet m.E. dem Patienten besonders gute Möglichkeiten, seinen „TraumaFilm“ wie in Zeitlupe aus gesicherter Distanz zu betrachten. Die damit verbundenen somatosensorischen Erregungszustände des Patienten können von der Analytikerin als Gefühle der
Angst, Wut und Trauer verbalisiert und somit als symbolisierte Affektrepräsentanzen verinnerlicht werden (klassisches Containing). Aus traumazentrierter Perspektive sollte die Analytikerin allerdings auch hier wieder die traumaverarbeitenden Gefühle breit entfalten und die traumaassoziierten Gefühle eher knapp halten. Da die Analytikerin die Affekte in diesem Szenario stellvertretend für den Patienten erlebt, muß sie durch aufmerksame Beobachtung der affektiven Gestimmtheit des Patienten, insbesondere seines Erregungsgrades, fühlen, wieviel Trauma-Assoziation er noch ertragen kann. Wann spätestens die Trauma-Verarbeitung i.S. von Auflehnung und Wut gegen den Täter mit Einführung imaginativer Rettergestalten angezeigt ist, sollte weniger von der Stress-Toleranz der Analytikerin als der des Patienten abhängen. Zur Verankerung des Patienten im Hier und Jetzt sollte sie durch wiederholten Spielstop mit Regieabfrage die Grenze zwischen Realität und Als-ob-Ebene des Spiels immer wieder neu ziehen, nicht zuletzt, um sicherzustellen, daß der Patient sie nicht physisch verletzt.

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Fallvignette Franzi

Die 8j. Franzi wird mir von den Pflegeeltern wegen „Ausrastern“ in Familie und Schule,
Selbstverletzung (Nägelbeißen bis aufs Blut, Kopfschlagen an die Bettkante) und Attacken auf
Gleichaltrige in der Schule vorgestellt. Anamnestisch ergeben sich eine frühe Verwahrlosung
und körperliche Mißhandlung durch die alkoholabhängige Mutter sowie ein Verdacht auf sexuellen Mißbrauch durch einen ehemaligen Partner der Mutter.
Der leibliche Vater, ein LKW-Fahrer, kümmert sich nicht um die Tochter. Laut Akten des Jugendamtes ist u.a. belegt, daß die Mutter Franzi einen ganzen Tag lang im Waschkeller des Mietshauses „vergessen“ hat...
Nach kurzem Heimaufenthalt kam Franzi schließlich in der jetzigen Pflegefamilie unter.


Ausgangspunkt des Spiels mit Franzi ist ein zunächst harmlos erscheinendes „Schule-Spiel“, bei dem Franzi die Lehrerin ist und ich das Schulkind („Ella“). Auf Nachfrage erfahre ich, daß ich ein „dummes Kind“ sei, das ständig Fehler mache, falsch rechne etc., und schon bald eskaliert die Szene in eine sadomasochistische Täter-Opfer-Beziehung, die mir in der Gegenübertragung wahre Qualen bereitet. Ich werde wegen meiner Fehler von der hämisch grinsenden Lehrerin verspottet und gedemütigt, schließlich hetzt sie die ganze Klasse gegen mich auf: Ich werde in die Ecke gestellt, von allen Kindern bespuckt, als ich davonzurennen versuche, schließlich von der johlenden Menge durchs Schulhaus gejagt. Während dieser Szenen
frage ich Franzi, ob „die Ella“ jemand retten könne, was Franzi jedes Mal höhnisch lachend verneint. Schließlich soll ich in den Keller der Schule gesperrt werden, weil ich meine „Hausaufgaben nicht gemacht“ habe. Neben den Schulproblemen der Patientin ist mir in dieser Situation die Waschkeller-Szene gegenwärtig. Ich schwanke, ob ich sofort einen Retter einführen soll, um Franzis Stressverarbeitungssystem nicht zu überlasten, oder die Szene doch weiterlaufen lassen soll, um möglichst viel von Franzis Traumanetzwerk zu prozessieren. Ich versuche, einer Überforderung Franzis gegenzusteuern, indem ich weniger Angst und Panik als Wut und Haß auf meine Peiniger artikuliere. Franzi scheint ihre Überlegenheit sadistisch zu genießen. Irgendwann rufe ich aus Verzweiflung nach „meiner Mama“. Zu spät wird mir klar, daß in Franzis Fall die Mama alles andere als eine Retterin ist. „Die Mama von der Ella“ kommt auch prompt. Ich bin zunächst erleichtert, erschrecke aber dann, als sich „die Mama“ mit der Lehrerin solidarisiert und ebenfalls über mich „Dreckstück“ herzuziehen beginnt. Ich fühle mich am Boden zerstört, während Franzi einen eigenartig verstörten Gesichtsausdruck annimmt und in hysterisches Gelächter ausbricht. Ich befürchte einen flash back und breche sofort ab. „Spielstop!“ rufe ich, atme tief durch und frage sie, „was die Ella jetzt fühlt“ (BASK-Modell). Franzi wirkt jetzt verängstigt, nennt „Angst“, die „die Ella im Kopf hat“. Ella hat „Angst, daß sie jetzt sterben muß“. Jetzt frage ich noch einmal nach einem Retter. Franzi schaut mich hilflos an, sie weiß keinen. „Könnte jetzt der Schuldirektor kommen?“ frage ich. „So ein ganz großer starker Mann, der alles wieder gut macht?“ „Jaaa!“ (Franzi idealisiert ihren fernen leiblichen Vater). „Und würde der Direktor die Ella an ihren ‚Sicheren Ort’ bringen?“ „Ja!“ „Wo wäre der denn?“ Franzi überlegt. „Im Auto von ihrem Papa!“ (Franzis „Sicherer Ort“ ist die Fahrkabine des väterlichen LKW). „Gut, dann ist die Ella jetzt in Sicherheit?“ „Ja.“

Ich spare mir das BASK-Modell, weil ich befürchte, daß der Rest der Szene verloren geht und spiele nun den Direktor, der mit sonorer Stimme fragt, „was hier eigentlich los“ sei. Franzi berichtet mir, dem Direktor, ganz aufgeregt, daß „die alle die Ella gehauen und in den Keller gesperrt“ haben. Franzi ist nun auf der Seite des Opfers. „Was? In den Keller gesperrt?! So eine Gemeinheit!“ donnere ich empört los. „Na ein Glück, daß die Ella jetzt in Sicherheit ist! Wo ist denn die Lehrerin?“ rufe ich und stelle die imaginierte Lehrerin zur Rede: „Sie sind ja eine ganz böse Lehrerin!“ poltere ich los. „Sie müssen doch auf Ihre Schulkinder aufpassen!“ Ich suche nach einem Bild, das Täterintrojekt in „gut“ und „böse“ zu trennen. „Ja, jetzt seh ich’s ja erst … du bist ja eine Hexe!! Eine ganz böse Hexe !! Schleichst dich in die Schule ein, um unsere Kinder zu quälen…Na, warte, du böse Hexe!“ rufe ich empört und beginne die imaginierte Hexe zu hauen. Franzi macht begeistert mit. Ich drehe die „Bühne“ ein wenig in Richtung des Sandsacks („das wär jetzt die Hexe“), und schließlich schlagen wir gemeinsam auf die Hexe (den Sandsack) ein. Franzi ist jetzt mit Eifer dabei. Voller Lust phantasiert sie diverse Qualen, die sie der Hexe zufügt (Augen ausstechen, Nase abschneiden, anzünden, Besen in das Geschlecht bohren, bis sie „tot, tot, tot!“ ist). Ich erlebe in der Gegenübertragung zunächst erleichtert die Entladung von Franzis traumatischer Wut auf die Täterin, auch wenn mir ihr Sadismus etwas Sorgen bereitet. Dabei überlege ich, wie wir mit der „Mama“ umgehen sollen, die ja auch noch „im Raum“ ist. Ich frage Franzi. Sie überlegt, dann hat sie eine Idee: „Die wär von der Hexe verzaubert worden!“ „Dann wäre sie jetzt wieder frei?“ „Nein, die Hexe hält sie immer noch fest!“ „Ich dachte, die Hexe ist tot?“ „Ja … nein, ist wieder lebendig!“ „Los, laß die Mama los, du gemeine Hexe!“ schimpfe ich. Wieder schlagen wir auf die Hexe ein. Vergeblich. Sie läßt die Mama nicht los. „Wir müssen die Gute Fee herholen!“ rufe ich, lasse sie herbeifliegen und einen Zauberspruch gegen den Fluch der Hexe richten, den Franzi mit Phantasieworten weiter ausschmückt. Das scheint zu wirken. „Juchhu!“ jubelt Franzi. „Die Mama ist frei! Sie ist wieder frei!“. Franzi lehnt sich ermattet an den Sandsack, schwankt ein wenig, als er wegpendelt, hält sich an ihm fest und bleibt so stehen – als umarme sie ihre „geliebte Mama“. „So gut, daß die Mama wieder da ist“, sage ich leise.

Doch was ist mit der Hexe? Ist sie jetzt doch tot? Ich frage Franzi. „Sie ist abgehauen!“ ruft sie. „Sie ist weggeflogen, auf ihrem Besen!“ Was tun? Um das „böse Introjekt“ besser unter Kontrolle zu bekommen, schlage ich vor, die Hexe einzufangen und „ins Gefängnis zu werfen“. Doch Franzi geht darauf nicht ein: „Die ist weg, die kriegen wir nicht mehr!“ „Na, dann sind wir sie ja endlich los, die böse Hexe!“ schließe ich mich Franzi an. „Dann können wir ja
endlich feiern, daß wir die liebe Mama wiederhaben!“ „McDonalds!“ ruft Franzi wie aus der Pistole geschossen (in ihrer Pflegefamilie werden freudige Ereignisse wie gute Schulzeugnisse etc. mit McDonalds-Besuchen belohnt). So packen wir das Puppengeschirr aus und genießen in vollen Zügen Big Macs, Pommes mit Ketchup und Milchshakes (BASK-Modell).

Diskussion

Diese Fallvignette spiegelt einiges von dem Chaos wider, das in posttraumatischen Spielszenen abläuft und von dem die Analytikerin mit erfaßt wird. Zunächst ist kritisch zu fragen, ob es nicht bereits retraumatisierend war, die anfänglichen
Opfer-Szenen von Ella so lang und breit auszuspielen, ob es nicht sensu Reddemann besser gewesen wäre, Ella sofort an einen „Sicheren Ort“ zu bringen und mit einem Stellvertreter weiterzuspielen. Gegen mein Vorgehen könnte man einwenden, daß die traumatischen Szenen, auch wenn sie in der Täter-Opfer-Umkehr inszeniert werden, von der Patientin, vermittelt über die Spiegelneurone, auf der Opfer-Ebene miterlitten werden und somit retraumatisieren. In der konkreten Szene bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, mir einen Stellvertreter zu holen. Ich handelte im Sinne des klassischen Containings, demgemäß Franzis unerträgliche Affekte bei mir deponiert seien, die ich nun zu metabolisieren und zu symbolisieren hätte.
Hier kann ich auch dem Modell Reddemanns nicht zustimmen, da bei diesem m.E. die Gefahr besteht, daß man sich zu sehr auf Ressourcenorientierung und Stabilisierung konzentriert und deshalb nicht mehr zur Traumakonfrontation kommt. Durch die „Bühne“ des Spiels und durch die Abwehr der Täter-Opfer-Umkehr war aus meiner Sicht genügend sichernde Distanz gegeben, um die Konfrontation mit dem traumatischen Material zu riskieren. In diesem Punkt besteht auch eine wesentliche Differenz zum „Anna“-Fall (s.o.), da dort die Patientin unmittelbar in der Opfer-Rolle war und bereits Ansätze von Dissoziation zeigte. Unterstützt habe ich bei Franzi die sichernde Distanz, indem ich mich – hier folge ich Reddemann – mehr auf die
traumaverarbeitenden Affekte, also Wut und Trauer, als auf die traumaassoziiierten Affekte Angst und Schmerz konzentriert habe. Wie sehr ich in der Gegenübertragung mit dem Opfer identifiziert war, wird an meinem Impuls erkennbar, im schlimmsten Moment nach der „Mama“ zu rufen, auch wenn diese, wie erwähnt, eine ungeeignete „Retterin“ war. Franzis Inszenierung, daß sich die Bindungsfigur Mama als Täterin erweist, spiegelt ihre maligne Bindungserfahrung wider. Sie hat zu dem sadistischen Täterintrojekt geführt, das nun den weiteren Spielverlauf dominiert. Dieser Moment der existentiellen Verlassenheit (die „Mama“ entpuppt sich als Täterin) markiert vielleicht auch den Wendepunkt in Franzis Täter-Identifikation. Denn als ich das Spiel unterbreche und nach „Ellas“ Gefühlen frage, kann sie diese nicht nur benennen, sondern scheint nun auch vom Übererregungs-Modus in einen ängstlichen Dissoziations-Modus zu wechseln und ihre Opfer-Gefühle zu spüren. Dieser Angstmoment wiederum ermöglicht jetzt auch die Einführung eines Retters, den Franzi zuvor abgelehnt hatte. Ich habe dafür intuitiv den triangulierenden Vater gewählt, den Direktor. Zur weiteren Distanzierung konnte Ella nun auch an den „Sicheren Ort“ gebracht werden.

Die Einführung der Imago der Hexe kam nicht von Franzi, sondern von mir. „Engführung und Überwachung“ (s. Kap. B.2.3.2.4.5.) des posttraumatischen Spiels bedeutet nicht nur, „gute“ Objekte in Notsituationen als Helferfiguren einzuführen, sondern auch für „böse“ Introjekte entsprechende Figuren vorzuschlagen, um dem Patienten zu helfen, seine chaotische innere Objektwelt zu ordnen. Hierin besteht ein deutlicher Unterschied zur nondirektiven Kinderanalyse. Die anschließende Rache an der Hexe trug deutlich sadistische, auch sexuell-sadistische Züge, die sich aber für mein Erleben noch im konstruktiven Katharsis-Bereich und noch nicht im destruktiven Retraumatisierungs-Bereich bewegten. Ein wesentlich schwierigeres Problem war der Umgang mit der hochambivalenten Mutter-Imago, ein Problem, für das Franzi jedoch eine überraschend kreative Lösung fand: Durch die Befreiung der von der „bösen“ Hexe verhexten „guten“ Mama konnte die Macht des Täterintrojekts deutlich geschwächt werden, indem es in die Anteile der „bösen“ Hexe und der „lieben“ Mama gespalten wurde. Hier zeigt sich, daß die Patientin meinen direktiven Vorschlag der Hexen-Imago aufgreifen und konstruktiv weiterentwickeln konnte.

Meine Anregung, die „böse“ Hexe durch Gefangennahme noch besser unter Kontrolle zu bekommen, wurde von Franzi nicht aufgegriffen. Angesichts der noch labilen Trennung von „böser“ Hexe und „lieber“ Mama befürchtete Franzi womöglich unbewußt, das „Böse“ der Hexe könnte wieder von der „lieben“ Mama Besitz ergreifen, wenn man die Hexe zu nahe ans sie heran ließe. Immerhin konnte sie die Hexe wegfliegen lassen und mußte sie nicht totschlagen, was vielleicht ein erster zaghafter Schritt in Richtung Ambivalenzerleben ist.
Verschränkung von Trauma- und Konfliktdynamik

In fortgeschrittenen Therapiephasen beginnt sich das traumatische Material zunehmend mit konflikthaftem Material zu verschränken. Dabei entfalten sich konflikthafte Szenen, deren affektiver Spannungszustand zunehmend länger aufrechterhalten und in der Schwebe gelassen werden kann, bis im Spielverlauf Lösungen gefunden werden. Hier nähert sich die Arbeit mehr und mehr dem klassisch-kinderanalytischen Vorgehen an. Aber auch hier gilt das Primat einer traumazentrierten Orientierung: sobald traumatisches Material „einbricht“ – was angesichts der affektiven Spannungszustände oft geschieht – müssen wieder Ressourcen aktiviert und stabilisierende Lösungen herbeigeführt werden, um Überflutungen zu vermeiden.

Bild

Fallvignette Tobias *kann triggern...für die Jungs hier und in euren Seelengärten*

Der „hyperaktive“ Tobias wird mir im Alter von 7 Jahren wegen häuslicher und schulischer Auffälligkeiten vorgestellt, die eine PTSD-Symptomatik widerspiegeln. Anamnestisch ergeben
sich eine frühe Vernachlässigung durch eine depressive Mutter sowie eine chronische Traumatisierung durch das Miterleben körperlicher Gewalt gegen die Mutter durch deren wechselnde Partner.
Tobias` anfängliche chaotische Katastrophenszenarios haben sich im Therapieverlauf durch kontinuierliche emotionale Stabilisierungsarbeit in klarer strukturierte, konsistente Spielnarra-
tive verwandelt, in die jedoch immer wieder traumatisches Material „eindringt“. Psychodynamisch ist ein parentifizierender, selbstobjekthafter Beziehungsmodus der narzißtisch bedürftigen und selbst multipel traumatisierten, überwiegend alleinerziehenden Mutter zu ihrem Jungen zu vermuten. Im unbewußten Erleben des Patienten dürfte deshalb eine präödipalsymbiotische Verschmelzung mit der „frühen“ Mutter persistieren, die sich mit altergemäßen
ödipalen Impulsen verdichtet, die von der Mutter auch gefördert werden. So stellte mir die Mutter ihren Sohn im Erstgespräch mit den Worten vor: „Und das ist Tobias, mein kleiner
Mann“.


Die folgende Szene aus einer Spielstunde zeigt das Zusammenspiel von traumatischem und konflikthaftem Material auf. Behandlungstechnisch beantworte ich Tobias’ Vorgaben, wie beschrieben, mit einer grundlegenden entwicklungsorientierten Hintergrundhaltung empathischen Holdings sowie einer traumaorientierten Vordergrundhaltung, die durch Einsatz von distanzierenden Techniken eine Überflutung mit traumatischem Material verhindern soll. Auf psychodynamischer Ebene spiele ich i.S. gemeinsamer Ko-Konstruktion der „Szene“, so wie es der Kinderanalytiker Fahrig als eine Form analytischer Behandlungstechnik formuliert:

„Der Therapeut kann sich innerlich einstellen auf den Fokus des zentralen unbewußten Konflikts des Patienten. Nun kann er, weitgehend unbewußt, sich dem überlassen, was ihm beim Sprechen gerade einfällt. Ich habe dieses Vorgehen an anderer Stelle … als assoziative Gesprächsführung beschrieben, wobei sich der Therapeut, ohne viel nachzudenken, vom Patienten führen läßt und assoziativ, d.h. geleitet vom eigenen Unbewußten, auf das antwortet, was der Patient sagt. Bei diesem Vorgehen kommt es zu besonders lebhaften, weil ganz spontanen Spielhandlungen und starken Affekten.“ (Fahrig, 1999, S. 704).

So spielt Tobias mit mir am Puppenhaus zunächst den Alltagablauf einer „Bilderbuch“-Familie (Kinder kommen aus der Schule, Mittagessen, Hausaufgaben, Fernsehen, Abendbrot, Schlafengehen). Doch die Ruhe trügt. Tobias wird auf einmal unruhig. Und dann sagt Tobias wie nebenbei: „Das Baby ist aus dem Fenster gefallen. Ist tot.“ Nach einem ersten Schrecken in der Gegenübertragung artikuliere ich aus der objektalen „Mutter“-Übertragung heraus meine Angst um das Kind („Ja, um Himmels willen, das Baby!“). Aus der Perspektive des projezierten Selbst-Anteils des Patienten verbalisiere ich die Gefühle der Angst, des Schmerzes und der Verzweiflung, die das Baby empfinden mußte (Containing). Da ich die Szene jedoch
angesichts Tobias’ affektiver Apathie als tendenziell retraumatisierendes Re-Enact-ment erlebe, komme ich zu der Überzeugung, daß ich es bei einem Containing des Schreckens allein nicht belassen darf. Ich frage Tobias, ob es jemanden gäbe, der das Baby noch retten könne. Als Tobias den Kopf schüttelt, lasse ich einen Schutzengel herbeifliegen („Alle Babys haben Schutzengel!“), der dem fallenden Baby einen Heuhaufen unterschiebt, so daß es „weich gelandet wäre“. Tobias erklärtsich nach einigem Zögern mit der Rettung des Babys einverstanden. Nun lasse ich die Puppenfigur der Oma als „gute“ Mutter auftreten, die das Baby findet, aufnimmt und tröstet. Nach dem BASK-Modell kann Tobias den Affekt des Babys („ganz
große Angst“ und „alles tut weh“) benennen. Die Trennung des psychischen Affekts und des somatischen Schmerzes gelingt mir nicht, geschweige denn die Erfassung der Kognition, da ich merke, daß der hyperaktive Tobias unaufmerksam wird und der Spielfluß abzubrechen droht. Wir bringen nun das Baby gemeinsam an seinen „Sicheren Ort“, den Tobias „in Omas Bett“ phantasiert. (Er selbst hat seinen Sicheren Ort „in Mamas Bett“.) Dort bei der Oma wird die Ressource verankert, Tobias malt die sensorischen Qualitäten aus (riecht gut wie Oma, warm, kuschelig, dunkel, Karamelbonbon). Das Baby ist in Sicherheit. Nachdem die Gefahr gebannt ist, werde ich in der Gegenübertragung wütend auf die Mama, woraus ich schließe, daßes hier offenbar auch um die Wut auf die vernachlässigende „böse“ Mutter geht. Da ich Tobias’ Konfliktfähigkeit inzwischen für ausreichend entwickelt erachte, wage ich die Konfrontation: Ich lasse die Oma-Figur ins Schlafzimmer der Mutter stapfen, um sie aufzuwecken und auszuschimpfen. Aber Tobias kommt mir zuvor. Er wirft die Kinderfigur (Schulmädchen) aus dem Puppenhaus-Fenster. Wieder kriege ich Angst, verbunden mit Zweifeln an der stabilisierenden Wirkung der „Baby-Rettung“. Habe ich durch ein zu hastiges „happy end“ vermeiden wollen, die schwer erträglichen Gefühle auszuhalten? Zu meiner Erleichterung erfahre ich jedoch von Tobias, daß das Mädchen in einem Baum gelandet sei. Es habe sich sehr wehgetan, habe sich aber „an den Ästen festgehalten“. Tobias hat also eine erste eigenständige Lösung gefunden. Wieder kommt die Oma, wir gehen in Ansätzen das BASK-Modell durch (das Mädchen hat Angst und denkt, daß es sterben muß). Wir versorgen die Wunden und trösten ausgiebig, dann kommt das Mädchen ebenfalls „in Omas Bett“. Noch einmal artikuliere ich die schreckliche Angst und den Schmerz, den das Baby und das Mädchen ausgestanden haben und wie erleichtert sie sind und wie gut sie sich fühlen, daß sie nun endlich wieder bei der Oma „in Sicherheit“ sind. Verschnaufpause.

Aus meiner Gegenübertragung heraus mache ich nun einen zweiten Anlauf, die Wut auf die vernachlässigende Mutter zu aktivieren. Wieder gehe ich als „Oma“ ins Schlafzimmer der Mutter, stauche sie zusammen, weil sie auf ihr Kind nicht aufpaßt. Tobias wendet sich nun empört gegen die Oma und verteidigt die Mutter („Die Mama hat doch geschlafen! Die hat das doch nicht gemerkt! Das Baby ist einfach aus dem Bett raus, obwohl’s die Mama verboten hat!“ etc.). Es entwickelt sich nun ein Disput darüber, ob Kinder an ihren Katastrophen schuld sein können, und ich kläre Tobias als „Oma“ darüber auf, daß Kinder nicht schuld sind, wenn ihnen was Schlimmes passiert, sondern immer die Erwachsenen, die nicht genug aufpassen. Diese Psychoedukation erscheint mir zur Über-Ich-Entlastung wichtig, obwohl mir bewußt ist, daß sie Tobias’ unbewußte Täteridentifikation nicht auflösen kann. Er braucht die Mutter als Bindungsfigur noch so sehr, daß er sie schützen muß. Die Oma als „gute“ Mutter reicht offenbar nicht aus, um eine Konfrontation mit der „bösen“ Mutter zu riskieren. Tobias wendet sich nun vom Puppenhaus ab und schlendert zum Sandkasten, wo er mit Playmo-Cowboys eine Lagerfeuer-Szene„in der Wüste“ aufbaut. Ich setze mich neben den Sandkasten, schaue zu, denke noch über die Puppenhaus-Szene nach, bin ein wenig unzufrieden über deren Verlauf, betreibe „rêverie“. Auf meine Nachfrage erfahre ich, daß das keine „bö-sen“, sondern „liebe“ Cowboys seien, die am Lagerfeuer ein Spanferkel braten und Bier trinken - eine kernige Männerrunde. Frauen, so erfahre ich, hätten da „nix zu suchen“.

Ich sehe das sofort ein, „richtige Männer eben“, frage dann aber vorsichtig, „ob vielleicht ein kleiner Junge mit dabei sei?“ Tobias strahlt mich an, nickt heftig, sucht sich einen kleinen PlaymoJungen aus, setze ihn dazu. Nun phantasiert Tobiasmit meiner affektiven Begleitung die Szene aus: der Junge ist bei seinem Papa zu Besuch, und der hat ihn auf eine aufregende Nachtwanderung mitgenommen (Der Patient Tobias hat einen idealisierten „fernen Vater“, der sich jedoch nicht um ihn kümmert). Ich spiegele Tobias nun ausgiebig seine ideale VaterIdentifikation, lasse en passent nach dem BASK-Modell – diesmal geht es viel leichter - positive Gefühle und Kognitionen des Jungen „durchfließen“, und gemeinsam genießen wir die
wunderbare Papa-Welt.

Gestärkt durch diese Ressource versuche ich nun erneut, Tobias mit seiner Wut auf die vernachlässigende Mutter zu konfrontieren. Ich nehme die Mutter-Figur aus dem Puppenhaus und lasse sie am Lagerfeuer aufkreuzen („So, Jungchen, jetzt is aber Schluß mit Lagerfeuer. Jetzt geht’s ab ins Bett!“). Tobias wehrt sich zunächst vehement gegen diese Intervention („Nee, nee, die würde nicht mitspielen!“). Ich zögere, frage mich, ob die positive Vater-Repräsentanz, die wunderbare Papa Welt, noch zu fragil ist, um sie der Belastung durch eine „böse“ Mama auszusetzen. Oder ist es doch die Abwehr der Wut, um die es geht? „Haben die Cowboys Angst, daß die Mama schimpft?“ frage ich mitfühlend. Tobias runzelt die Stirn, läßt dann seinen Blick über die Cowboy-Runde schweifen. „Nö!“ entfährt es ihm dann spontan. Ich greife seinen Elan auf und „empöre“ mich als Mama auf der Spielebene. „Was?! Die haben keine Angst vor mir?!“ beschwere ich mich. „So ein Mist! Die werden mich doch nicht einfach wieder nach Hause schicken?!“ Mit dieser – leicht suggestiven - Replik versuche ich, eine Auseinandersetzung zu provozieren, was im Handumdrehen dazu führt, daß sich die Cowboys gegen die Mutter auflehnen. In kürzester Zeit ergießt sich ein Schwall von Schimpfwörtern über sie. Ich reagiere als „Mama“ entsprechend empört und ziehe mich schließlich beleidigt zurück, was Tobias sichtlich begeistert registriert. Dies bestärkt mich
darin, daß in der Szene nicht nur meine Suggestion wirksam war, sondern daß es Tobias gelungen ist, ein Stück seiner Wut zu artikulieren. Die Cowboys lehnen sich daraufhin mit großem Hallo lässig zurück und genießen ihren „Sieg“.

Doch dann bricht plötzlich ein „Flammeninferno“ aus. Tobias aufgeregt: „Das Lagerfeuer! Es brennt!!! Jetzt brennt alles!!!“ Wieder spüre ich in der Gegenübertragung Angst. Ich: „Wir müssen das Feuer löschen!“ Tobias (aufgeregt): „Geht nicht mehr, brennt schon alles, die ganze Wüste!“ Ich fürchte, daß die Szene entgleist und Retraumatisierung droht. An dieser Stelle mache ich einen Spielstop, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen und bei Tobias die Grenze zwischen Realität und Phantasie zu stärken. Ich erkläre Tobias, daß sich ein Feuer so schnell nicht ausbreiten könne, das Feuer sei nur etwas außer Kontrolle geraten. Außerdem seien Cowboys sehr erfahren im Umgang mit Lagerfeuern, die hätten das im Griff. Gestützt durch diese positive Vater-Ressource kann sich Tobias etwas beruhigen, und wir überlegen, was zu tun ist. Da hat Tobias einen Einfall: „Ne Mauer rumbauen!“ Ich bin von seiner Idee begeistert. Hier kann Tobias an hilfreiche Therapie-Erfahrungen anknüpfen: Schon beim „Familie-inTieren“-Test am Therapiebeginn war der Leoparden-Junge, mit dem sich Tobias identifizierte, aus heiterem Himmel von Feuer bedroht worden. Wir hatten das Feuer damals durch Einzäunung unter Kontrolle gebracht. So bauen wir auch jetzt schnell aus Lego-Steinen eine Mauer rund um das Feuer im Sandkasten. Daraus entsteht schließlich ein mächtiger Ofen. Tobias (begeistert) „Jetzt haben wir `nen richtigen Ofen!!“
Ich: (ebenso begeistert). „Klasse! Nachts in der Wüste, da ist es saukalt! Da ist es toll, wenn man einen Ofen hat. Wie schön warm der ist, mmhh!“ (Gemeinsam setzen wir die Cowboys und den Jungen um den Ofen und lassen sie die Wärme genießen.) Ich (als Cowboy-Papa): „Bin wirklich stolz auf dich, Junge, daß du die Idee mit dem Ofen hattest. Und dann hast du noch so toll mitgeholfen beim Bauen. Du bist wirklich ein starker Junge! Bin mächtig stolz auf dich! Und das mit der Mama … daß wir die ein bißchen zusammengestaucht haben … das hält sie schon aus. Vielleicht hast du deshalb ein schlechtes Gewissen … vielleicht ist ja auch deshalb das mit dem Feuer passiert … aber du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, Mamas halten so was aus …“

Abschließend lasse ich noch die Oma vom Puppenhaus rüberschauen („Schau nur, was die Jungs für einen Super-Ofen gebaut haben!“). Und auch die Mama, obwohl noch etwas beleidigt, gibt anerkennend zu: „Ja, das muß man den Jungs lassen, Ofen bauen, das können sie ...“


Diskussion

Diese Fallvignette zeigt, wie traumatisches Material immer wieder in episodisch repräsentiertes Spielmaterial „einbricht“. Die Auslöser sind unmittelbar meist nicht zu erkennen, sondern, wenn überhaupt, erst nachträglich zu rekonstruieren. Der „Fenstersturz“ des Babys dürfte durch das Schlafengehen und damit assoziierte nächtliche Gewaltexzesse der Partner der Mutter ausgelöst worden sein, die Tobias von seinem Kinderbett aus miterleben mußte. Das „Flammeninferno“ in der nächtlichen Wüste dürfte auf traumaassoziierte Verlassenheitsängste und Schuldgefühle zurückzuführen sein, als Tobias auf der Spielebene, unterstützt durch die triangulierende Vater-Figur des Cowboys, zum ersten Mal seine Wut auf die vernachlässigende Mutter vorsichtig zu artikulieren gewagt hatte.

Bezeichnend ist, daß das Trauma-Thema des „Fenstersturzes“ („den Boden verlieren“) nicht mit einem einzigen Durchgang erledigt ist, sondern einen zweiten erfordert. Die Verfrachtung des verletzten Kindes an den „Sicheren Ort“ (vgl. auch Krüger & Reddemann, 2007, S. 240) ist mir bei solchen Inszenierungen als ressourcenorientierte Intervention wichtig. Manchmal führt sie jedoch dazu, daß das Kind die traumatische Szene wiederholt, als würde durch die Rettung des Kindes sein traumatisches Leiden nicht genügend „anerkannt“, weshalb es mir dies als Enactment ein zweites Mal mitteilen müsse. In diesem Fall geschah dies durch den „Fenstersturz“ des Mädchens, der jedoch wesentlich glimpflicher ausging als der Sturz des Babys. Dieses „gute Ende“ konnte Tobias aus eigenen Ressourcen entwickeln, was die Methode der Ressourcenstärkung bestätigt. Man kann nun einwenden, daß die Rettung des Babys etwas zu hastig erfolgte. Auch wenn ich hier einen Anteil von Gegenübertragungsagieren nicht ausschließen will, halte ich die zügige Intervention doch nach wie vor für angebracht. Denn der Tod eines Babys ist eine beispielhafte Trauma-Metapher, die Symbolisierung einer existientiellen Todesangst in absoluter Hilflosigkeit. Entsprechend dem Containing-Konzept soll dem Patienten zwar immer signalisiert werden, daß die Analytikerin das traumatische Geschehen aushalten kann. Hier ist jedoch m.E. eher Krüger & Reddemann zu folgen, die empfehlen, den Patienten mit den traumaassoziierten Affekten nicht zu lange allein zu lassen, um keine Überlastung des Stressverarbeitungssytems zu riskieren. Stattdessen sind verstärkt traumaverarbeitende Affekte zu entfalten,
auch um einer weiteren Gefahr zu begegnen, nämlich daß die Analytikerin in die Übertragungsposition des „silent partner“ gerät, der der Mißhandlung des Babys tatenlos zuschaut.

Dadurch würde sich für den Patienten die traumatische Erfahrung der existentiellen Verlassenheit wiederholen. Zur Klarstellung: Ganz anders wäre bei einem reif neurotischen Kind zu intervenieren, das nicht traumatisch untersozialisiert, sondern konfliktpathologisch übersozialisiert und mit heftiger Abwehr, Trieb- und Affektunterdrückung ausgestattet ist. Auch bei diesen höherstrukturierten Kindern können ähnliche Szenen vorkommen, in denen das Baby, etwa auf dem Hintergrund einer Geschwister-Rivalität, im Puppenhaus zu Schaden kommt. (Erfahrungsgemäß würde ein reif neurotisches Kind das Geschehen weit weniger drastisch darstellen, sondern deutlich abwehrgesteuert: Das Baby würde, statt aus dem Fenster, „aus Versehen“ vom Stuhl fallen o.ä.). Hier wäre durchaus im Sinne von Katharsis die abgewehrte Wut des Patienten auf sein jüngeres Geschwisterkind herauszufordern und analog zu deuten. Die Analytikerin könnte sich etwa als weiteres Puppen-Kind über das „nervige Geschrei des Babys“ beschweren und behaupten, daß es „ohne Baby zuhause doch viel schöner wäre“ etc. Aggression des Therapiekindes gegen das Baby, auch gespielte körperliche Attacken, würden in diesem Fall toleriert und empathisch begleitet. Um wieder auf den Fall von Tobias zurückzukommen: Bei konfliktorientierter Betrachtung wird an dieser Vignette deutlich, daß das Konflikt-Thema der Separation und der Trennungsaggression durch die Tatsache noch kompliziert wird, daß der Junge in seinem bisherigen Leben männliche Aggression gegen die Mutter als besonders traumatisierend erlebt hat. Die Aktivierung eigener Separationsimpulse ist daher mit dieser traumatischen Angst verknüpft, so
daß die Entwicklung einer individuierten, von der Mutter abgegrenzten männlichen Identität fortwährend torpediert und die unbewuße Ungetrenntheit von der frühen Mutter perpetuiert wird. Möglicherweise ist auch die Wahl des Mädchens als Identifikationsfigur im Puppenhaus Ausdruck dieser unsicheren männlichen Geschlechtsidentität. So ist psychodynamisch der Weg vom mütterlichen Puppenhaus, in welchem die frühe Traumatisierung inszeniert wurde, zur väterlichen Cowboyrunde in der Wüste als Weg der männlichen Individuation zu verstehen, bei der aber ein phantasierter idealer Vater triangulierend zur Seite stehen muß. Nach der konflikthaften Auseinandersetzung mit einer infantilisierenden Mutter („ab ins Bett…“) brechen die Schuldgefühle ein, die jedoch wie das Feuer unter Kontrolle gebracht werden konnten. Eine vorsichtige Deutung dieser Schuldgefühle des Jungen aus dem Munde des Vaters war mir wichtig, jedoch eingebettet in eine ressourcenstärkende Anerkennung seiner Männlichkeit. Ebenso ließ ich die Mutter, wenn auch „noch etwas beleidigt“, diese Anerkennung affirmieren, um bei Tobias möglichen Ängsten vor mütterlicher Vergeltung vorzubeugen.

Nun könnte man die gesamte Szene auch klassisch-psychoanalytisch, d.h. konflikttheoretisch, deuten. So wäre etwa der „Fenstersturz“ unter dem Gesichtspunkt des AutonomieAbhängigkeitskonflikts als reif-neurotische Symbolisierung (Loslösungswünsche müssen tödlich enden) zu deuten. Ebenso wäre das „Flammeninferno“ auch als ödipales Begehren des Jungen interpretierbar, das beim Auftritt der Mutter vor den Männern „auflodert“ und gleichzeitig die Vater-Welt i.S. ödipaler Rivalität zu zerstören trachtet. Nicht zuletzt könnte die mütterliche Aufforderung „Ab ins Bett“ ja nicht nur als Infantilisierung, sondern auch also ödipale Versuchungssituation verstanden werden. Gegen eine solche Interpretation spricht m.E. jedoch die noch immer labile Ich-Struktur des Patienten, bei der ein inneres Konflikterleben erst in Ansätzen erkennbar ist (vgl. Kap.A.2.2.). Der von Tobias unbewußt gewählte Selbstausdruck des Babys läßt in mir kein Bild eines
männlichen Loslösungkonflikts entstehen. Auch ist Tobias` Triangulierungsfähigkeit als Voraussetzung, ödipale Konfliktspannungen auszuhalten, erst schwach entwickelt (vgl. seine anfängliche Weigerung, die Mutter am Lagerfeuer „mitspielen“ zu lassen). Sicherlich ist bei Tobias die präödipal-symbiotische Nähe zur Mutter auch mit altersgemäßen ödipalen Impulsen verquickt. Das wiederholte traumatische Erleben destruktiver Aggression von Männern gegen seine Mutter dürfte Tobias jedoch daran gehindert haben, Trennungs-Aggression gegen die Mutter als konstruktiv zu erleben und eine positiv konnotierte männliche Geschlechtsidentität zu entwickeln (vgl. auch die Wahl des Mädchens im Spiel). Gerade weil ein positiv konnotiertes Vaterbild bei Tobias noch so schwach repräsentiert ist, geht es behandlungstechnisch zunächst um eine triangulierende Besetzung eines idealisierten Vaters, um erste Separationsschritte von einer vereinnahmenden Mutter möglich zu machen. Erst wenn lustvolle aggressive Auseinandersetzungen mit dieser Vater-Imago verinnerlicht werden, könnte in einem nächsten Schritt die Triade auch erotisch „aufgeladen“ werden. Im Rahmen solcher Erotisierung wären dann „Feuersbrünste“ auch als ödipale Inszenierungen auf der analogen Spielebene deutbar. In diesem Sinne könnte das „Flammeninferno“ in der oben beschriebenen Spielszene allenfalls ein Wetterleuchten am Horziont künftiger Entwicklung sein…
Lest weiter über die theoretischen Hintergründe dieser therapeutischen Spielstunden unter:
http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen ... F/volk.pdf
eva*

Re: Stabilisierungstechniken

Beitrag von eva* »

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Lorelei unlogged

Re: Stabilisierungstechniken

Beitrag von Lorelei unlogged »

Innere Kinder retten mit imaginativer Traumatherapie (Fortgeschrittene-Profis)
Gabriele Kahn

Dieser Artikel beschreibt die Rettung innerer Kinder mit imaginativer Traumatherapie. Ich erinnere mich, dass ich so etwas ähnliches bei meiner ersten Therapeutin gemacht habe - es war sehr hilfreich, um meinen inneren Krieger, der des ewigen Soldatenlebens müde war, und mein "Kellerkind" zu entdecken, das sich über jahrelang wie eingesperrt und verlassen gefühlt hatte. Auch das "Tier", das für elementare Lebensbedürfnisse wie Hunger und Durst zuständig war, konnte ich auf diese Weise sehen lernen. Sie haben sich durch die Integration und viele, viele Rollenspiele und innere Dialoge alle verwandelt. Krieger benötigt keine Waffen mehr, ist in eine weibliche Form mit goldener Haut übergewechselt und muss jetzt nur entschieden auftreten, um einen Konflikt zu gewonnen. Sie heißt Jeanne, nach Jeanne d'Arc, und ist nach wie vor für die Sicherheit der anderen Anteile zuständig. Das unbändige "Monster" in einem Käfig hat sich durch langsame Annäherung und Fütterung (!) mit dem, was es braucht, zu einem starken und flugfähigen, weisen Drachen verwandelt. Auf diesem Drachen darf das von Krieger gerettete Kellerkind dann fliegen, weshalb es mittlerweile "Fliegekind" heißt und somit die absolute Freiheit genießt.

Da diese Methode eher eine Therapiebeschreibung und keine Anleitung zur Selbsthilfe darstellt, werde ich sie hier lediglich verlinken. Wer sich für diese Arbeit interessiert oder selbst eine Therapie nach dieser Methode aufnehmen möchte, kann sich an die Autorin wenden - ihre e-mail-Adresse steht am Anfang des Artikels.

http://www.gkahn-traumatherapie.de/das_ ... retten.pdf
*wirrli

Re: Stabilisierungstechniken

Beitrag von *wirrli »

Neugierig auf sich sein....
Neues ausprobieren...
den Körper neu entdecken und schauen, was wohl tuen kann.

Immer mal wieder probieren, ob sich etwas jetzt als gut und hilfreich erweist,
was lange sonst schwierig war:

Cremen
Massage
Körperpflege
Öl
....

Wir verändern uns und manches kann hilfreich sein,
aber wir probieren es nicht mehr aus,
weil wir denken: das tut nicht gut.
Und doch kann sich da immer wieder etwas ändern :)
Lorelei

Re: Stabilisierungstechniken

Beitrag von Lorelei »

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*wirrli

Re: Stabilisierungstechniken

Beitrag von *wirrli »

Ich finde hier stehen - kurz und knackig - richtig hilfreiche Dinge drin
und es lohnt sich immer wieder mal reinzuschauen!
Eine Reise....

Und, für die, die wirklich hart an sich arbeiten wollen (und die es betrifft):
Traumabedingte...

Ich weiß, das steht hier sicher schon,
aber es gibt ja sicher Leute, die nicht den ganzen Thread lesen
und so kann ruihig immer mal wieder was wiederholt werden?!

"Die hilfreichste Hand hängt an deinem eigenen Arm"
Na dann 8)
*wirrli

Re: Stabilisierungstechniken

Beitrag von *wirrli »

Immer wieder:

Bewegung!

Raus und gehen/walken/laufen/radeln - je nachdem, was einem liegt.

Das kann mobilisieren, Gedankenkreisen unterbrechen, ablenken,
neu orientieren, entspannen, einfach gut tun.

Aber oft ist es eben schwer, sich aufzuraffen....
Lorelei

Re: Stabilisierungstechniken

Beitrag von Lorelei »

Literatur über Täterintrojekte (Mittelstufe-Profis)

Ich suche nach Täterintrojekten und was dagegen hilft. Die Publikationen von Michaela Huber sind ganz gut, und heute hat sie mir sogar geantwortet und geschrieben, dass sie gerade erst ein neues Buch veröffentlicht hat, das Täterintrojekte zum Thema hat. Es heißt "Der Feind im Innern". Und ich denke, man kann es sich durchaus durchlesen. Das Vorwort hat sie offenbar in Rom geschrieben, es ist sehr politisch. Ab dem ersten Kapitel wird's interessant. Und von Anfang an wird klar: Ohne gute Beziehungserfahrungen kommt man damit nicht weiter. Es ist kompliziert und lässt sich nicht in einem Artikel abhandeln, der hier nur kurz angerissen wird.

http://www.amazon.de/Der-Feind-Innern-P ... 3873875837


http://www.michaela-huber.com
Zuletzt geändert von Lorelei am Mi Jun 26, 2013 11:47 am, insgesamt 1-mal geändert.
Lorelei

Re: Stabilisierungstechniken

Beitrag von Lorelei »

Matthieu Ricard über das Glück. (Mittelstufe-Profis)
Ein zweiteiliges Interview über Meditation, das Ich, Glück und die Kraft der Vorstellungen. Interessant wird's ab der Mitte des ersten Teils. Mit Anleihen an den Buddhismus. Alle anderen Videos von ihm sind auf englisch, aber ebenso sehenswert.
Ich persönlich bin Fan von seinem Buch "Glück", das viele Meditationsübungen beinhaltet. Sie beruhigen und klären den Geist.

"No matter what, deep within, I don't wish to suffer."

http://www.youtube.com/watch?v=wdD6zWOkGnI
http://www.youtube.com/watch?NR=1&v=_bm ... =endscreen

Bild

http://www.amazon.de/Gl%C3%BCck-Matthie ... 3485011169
cree

Re: Stabilisierungstechniken

Beitrag von cree »

jemand erfahrung mit
- traum und täterintrojekt ?
- selbstverletzung und täterintrojekt ?
- kompletter täterintrojektübernahme bzw. kontrollverlust ?
- kognitive verarbeitung von reorientierung nach täterintrojektübernahme?
- stabilisierungsmethoden um täterintrojekte zu schwächen?
Lorelei

Re: Stabilisierungstechniken

Beitrag von Lorelei »

Ich suche noch nach Lösungen, cree. Erfahrungen damit haben einige hier. Es ist offenbar wirklich ein wenig speziell und auch für Therapeuten kein Allerweltsthema. Die brauchen da auch Fortbildungen für. Was ich bisher lese, geht in die Richtung von den Täterintrojekten eine neue Aufgabe zuweisen. Aber das ist nur ein Teil des Prozesses, und ich will euch hier nichts Halbgares vorsetzen.

Lo
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