Meine Geschichte

Hier können Betroffene über ihre Erlebnisse diskutieren.
Bewölkt

Meine Geschichte

Beitrag von Bewölkt » Di Jul 20, 2021 10:30 am

Hallo,
Ich bin ganz neu hier und ganz zufällig auf dieses Forum gestoßen.
Ich erzähle jetzt einfach mal drauf los...es fühlt sich komisch an...ich habe es noch nie jemandem erzählt, außer meiner Schwester kurz nachdem es passiert ist. Ich weiß nicht ob sie sich noch daran erinnern kann....wir haben nie wieder darüber gesprochen.
Es sind mittlerweile 9 Jahre vergangen, ich war 12...zumindest glaube ich das, ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, weil ich mit aller kraft versucht habe es zu vergessen. Ich weiß nicht so recht wie ich anfangen soll, ich glaube es gibt kein richtig oder falsch aber es ist sooo schwer für mich. Aber egal. Ich weiß noch, dass ich geschlafen habe und einen wirklich sehr merkwürdigen Traum hatte. Irgendwann bin ich dann aufgewacht. Es war stockdunkel in meinem Zimmer. Das verrückte war, ich bin aufgewacht und war sofort wie gelähmt, ich konnte mich nicht bewegen, ich brachte kein Wort aus meinem Mund garnichts....ich lag einfach da...es war als wäre ich in meinem Kopf gefangen und hätte keine Kontrolle über meinen Körper. Meine Augen hatte ich ganz weit offen...aber ich konnte nichts sehen. Mein älterer Bruder, kniete höchstwahrscheinlich, neben meinem Bett, das weiß ich nicht so genau, seine Hände waren überall auf meinem Körper....seine Finger zwischen meinen Beinen...einfach überall. Das Schlimmste daran war, dass ich in meinem Kopf geschrien habe so laut ich konnte, mit meinen Beinen nach ihm getreten habe, so fest ich konnte....aber es ging nicht! Ich konnte nichts tun. Es war als wäre es nicht mein Körper als wäre irgendwie alles aus Watte...keine Ahnung wie ich das beschreiben soll. Ich höre immer noch seine Stimme in meinem Kopf seinen Atem, ich höre ganz genau was er vor sich hingemurmelt hat...wenn ich daran denke bekomme ich keine Luft mehr, mein ganzer Körper zieht sich zusammen...irgendwann habe ich es mit aller Kraft geschafft mich irgendwie weg zu drehen...es hat mich soooo unendlich viel Kraft gekostet, ich weiß garnicht wie ich es überhaupt geschafft habe. Er hat aber trotzdem nicht sofort aufgehört...ich habe dann glaube ich irgendwie nach ihm getreten und er dachte wahrscheinlich, dass ich gerade aufgewacht bin und meinte dann zu mir, er hat was aus meinem Zimmer gehört und wollte nur kurz nachsehen...ich weiß nicht was ich ihm geantwortet habe, ich stand noch so unter schock. Als er dann weg war, bin ich vollkommen zusammengebrochen. Ich habe gefühlt stunden geweint, hatte meine Beine ganz fest an mich gezogen und an die Wand gestarrt...ich weiß noch, dass ich so gewippt habe wisst ihr, so nach vorne und zurück und wieder und wieder...Irgendwann bin ich aufgestanden und ins Bad und saß dort ewig auf dem Boden. Dann habe ich mich irgendwie überwunden zu meiner Schwester zu gehen...ich habe wie verrückt geweint und konnte ihr nur sagen, dass Er mich angefasst hat. Ich weiß noch, dass meine Schwester meinte ich soll es unserer Mama erzählen, aber ich wusste noch in der selben Nacht, dass ich das nieemals könnte. Dann bin ich eingeschlafen...an die nächsten Tage erinnere ich mich nicht.

Er kam in andern Nächten wieder, und mit ihm die Lähmung, die Unfähigkeit mich zu bewegen und das alles. Aber er hat es nicht geschafft mich nochmal zu berühren. Da ich mich weder bewegen konnte noch sprechen konnte habe ich einfach irgendein laut von mir gegeben. Er sollte wissen, dass ich nicht schlafe! Er hatte immer eine andere Ausrede warum er in meinem Zimmer war.
Aus lauter angst habe ich dann angefangen "Alarmanlagen" zu bauen, damit ich es ja nie wieder überhöre wenn meine Zimmertüre aufgeht. Ich habe z.B. leere Deo Dosen hinter meine Türe gestellt, die dann umfallen sollten und mich evtl. davon abhalten würden in eine schock Starre zu verfallen. Ich glaube meine Familie hielt mich für verrückt...ich habe ihnen erzählt ich hätte angst vor Einbrechern...später habe ich dann angefangen einfach meine Türe abzuschließen. Es war ein langer und harter Weg, bis ich meine Türe ganz "Unbewacht" lassen konnte.

Meinem Bruder gegenüber Empfinde ich an vielen Tagen ein große Abscheu, z.B wenn ich seine Hände sehe läuft es mir meist kalt den Rücken runter.
Aber dennoch liebe ich ihn, wie ich alle meine Geschwister liebe. Ich weiß das hört sich komisch an, aber ich kann ihn nicht hassen. Ich weiß nicht warum...ich sollte ihn wahrscheinlich dafür hassen.

Wisst ihr, ich denke immer, dass es nicht wert ist dieses Erlebnis irgendjemandem zu erzählen, weil anderen Menschen vieel schlimmere dinge angetan wurden. Und ich ja "nur" angefasst wurde. Aber dann kommt wieder die Erinnerung an diesen Abend und mir wird klar, dass das wirklich das aller schlimmste war, dass mir in meinem Leben bisher zugestoßen ist. Es war einfach diese Hilflosigkeit, dass ich mich nicht bewegen konnte diese Lähmung einfach keine Kontrolle über den eigenen Körper zu haben....die Gedanken rasen...man weiß was man tun muss aber der Körper reagiert nicht...unbeschreiblich.

traurigetraene
Beiträge: 20
Registriert: Mi Sep 12, 2018 1:30 pm

Re: Meine Geschichte

Beitrag von traurigetraene » So Aug 22, 2021 2:32 pm

Hallo Bewölkt,

ich wollte dir sagen dass ich dich gelesen habe und es mir leid tut, was dir passiert ist. Bei mir war es ganz ähnlich wie bei dir und auch der Gedanke, dass anderen viel schlimmere Dinge passiert sind und meines nicht nennenswert ist, kenne ich zu gut. Doch genau das ist falsch, dich hat es zu tiefst verletzt, es war ein großer vertrauensbruch und es war sexueller Missbrauch. Das hätte er nicht tun dürfen!

So vieles aus deinem Text kenne ich ganz genau so, wie du es beschrieben hast. Das Gefühl wie gelähmt zu sein, der Körper der nicht gehorchen will, die Abscheu beim Blick auf seine Hände...

Wie ist denn eure Bindung heute zueinander? Hast du mal darüber nachgedacht ihn darauf anzusprechen?

Antworten