Liebe xxx,
heute kann ich guten Gewissens hier schreiben, ja, ich bin traurig. Ich bin traurig über so viel Leid, ich bin traurig über so viel Schmerz, ich bin traurig
über so viele so liebenswerte Menschen, denen so sehr weh getan wurde. wenn ich andere hier lese, dann werde ich wütend auf deren täter, ich
werde traurig, über ihre schicksale, ich werde froh, wenn ich was schönes lese. oftmals schmerzt es mich unendlich, dieses leid hier zu spüren, manchmal
kann ich es kaum ertragen. was wäre aus all diesen menschen geworden, wenn sie eine schöne kindheit hätten durchleben dürfen? und zugleich will ich
nicht wahrhaben, dass sie uns zerstört haben. dass sie sie zerstört haben, weil ich auch so viel gutes und heiles sehen kann.
warum fällt mir das bei mir und viel wichtiger - bei dir - so unendlich schwer?
bald ist dein todestag, bald ist dein geburtstag, als wäre leben und tod eng umschlungen. dieses jahr wird ein besonderer geburtstag und ein
besonderer todestag sein. entschuldige, stehe irgendwie den tränen nah und weiss, dass es raus muss, irgendwann. ich warte auf die explosion, ich
weiss, sie muss sein. entschuldige ...
warum fällt es mir so schwer, dich zu fühlen? mich zu fühlen? warum lasse ich immer wieder diese programme über uns laufen, diese drehbücher, die
wir spielen mussten, als wären wir hauptdarsteller in einem psychothriller oder horrorfilm? warum muss ich uns so sehr rationalisieren und kann uns
nicht fühlen? warum kann ich deinen tod nicht fühlen, wie damals, als ich 5 war. die kälte - sie war echt. das war ein gefühl, kein gedanke. die angst
um dich. die scham vor papa. das alles waren gefühle und sie waren so verdammt echt?
ich will fühlen und ich will nicht fühlen, das macht mich klirre irre.
LIEBE XXX, ES TUT MIR UNENDLICH LEID, WAS DU ERLEIDEN MUSSTEST. ES TUT MIR SO LEID
