Ausbildung

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Gast71019

Ausbildung

Beitrag von Gast71019 » Mo Okt 07, 2019 3:23 pm

Hallo.
Ich weiß gar nicht so genau, was ich mir hier erhoffe, vielleicht das einfach mal loswerden..
Ich hab mich ziemlich Hals über Kopf für einen Ausbildungsplatz beworben und diesen auch bekommen. Das ganz alles sehr schnell, ich hätte den Job innerhalb einer Woche. Aber ich hab ein sehr großes Problem. Ich kann und will ihn gar nicht machen. Ich habe mich in einer Kanzlei beworben, diese vertritt auch Täter. Bei der Bewerbung wusste ich nichts davon, im Vorstellungsgespräch kam dies aber zur Sprache. Ich war so überrumpelt, dass ich darauf gar nicht reagieren könnte. Ich habe zugesagt und eine Woche später meinen Vertrag unterschrieben. Allerdings war mir das da noch gar nicht so bewusst. Ich hab erst nach und nach gemerkt wie sehr mich das stresst und wie große Angst ich jetzt davor habe. In eineinhalb Wochen hätte ich meinen ersten Arbeitstag, aber ich weiß nicht wie ich das schaffen soll... Ich bin grade einfach nur so verzweifelt. Ich könnte nur weinen, wenn ich daran denke dorthin zu gehen. Aber ich habe ja unterschrieben, zugesagt. Sie haben es ja extra erwähnt. Es fühlt sich unmöglich an, diese Stelle nicht anzutreten, verboten. Aber es ist auch unmöglich dort zu arbeiten... Mein Mann meint, das wäre kein Problem, ich müsste halt wollen, dann schaffe ich das auch. Aber hier ist so viel Panik...

Gast 3030

Re: Ausbildung

Beitrag von Gast 3030 » Mo Okt 07, 2019 5:26 pm

Hallo Gast 71019,

Du bist zu nichts verpflichtet - Du hast zwar den Vertrag unterschrieben, aber davon kann man auch zurücktreten,
bzw. es gibt ja eh immer eine Probezeit (im Ausbildungs- bzw. Arbeitsverhältnis).

Das hört sich für mich so an, als ob Deine kindlichen Innenanteile da zu Recht massiv rebellieren.
Und wenn es Dich zu jetzt schon im Vorfeld so fertig macht und stresst, wirst Du die Ausbildungszeit wahrscheinlich
eh nicht durchhalten.

Dann besser jetzt sich da gleich rausziehen - dann kannst Du Dir noch was Neues suchen, und die
Anwaltskanzlei auch. Wäre eine Win-Win-Situation, von der Beide was haben.
Was nützt denen ne Azubine, die unkonzentriert (weil in Gedanken bei den Tätern) ist und deshalb
die Arbeit nicht richtig macht - gar nix.

Ich an Deiner Stelle würde um einen Aufhebungsvertrag bitten bzw. vom geschlossenen Vertrag
zurücktreten. Vielleicht mit ein paar klärenden Worten anbei, dass Dir erst Zuhause nach Unterschreiben
des Vertrages die Tragweite, dass auch mit Tätern gearbeitet wird/werden muss so richtig brwusst
geworden ist, und dass Du dass aus persönlichen Gründe (ohne das näher auszuführen)
nicht kannst. Das werden sie schon verstehen.

LG Gast 3030

P.S. ... und Dein Mann muss da ja nicht tagtäglich hin - sondern Du.

Bugs
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Registriert: Do Jul 06, 2017 2:56 pm

Re: Ausbildung

Beitrag von Bugs » Mo Okt 07, 2019 5:26 pm

Hey Gast71019,

ich würde nicht bei einer Stelle anfangen, wo es mir nicht gut bei gehen würde. Selbst wenn es erst nach einiger Zeit aufkommt.
Sicherlich eine Zeit lang kann man überbrücken oder sollte es auch.

Andererseits ist es ein Ausbildungsplatz. Und nach einer Zeit kannst du sicher wechseln. Du musst dort ja nicht ewig bleiben.
Selbst Täter haben ein Recht auf einen Anwalt. Und das ist gut so.

Was kann passieren wenn du ablehnst?
Was kann passieren wenn du die Arbeit trotzdem antrittst? Wer könnte dich in deinem Gewissenskonflikt evtl. unterstützen?
Auf wen möchtest du hören?
Was ist dir wichtig?

Ich hoffe ich konnte dir ein wenig weiterhelfen.

Lieben Gruß

luz
Beiträge: 1464
Registriert: Di Feb 01, 2011 4:12 pm

Re: Ausbildung

Beitrag von luz » Mo Okt 07, 2019 7:24 pm

auch ein Täter hat das Recht auf eine Verteidigung, das sollte allen auch hier klar sein, das ist ein
gutes und wichtiges Prinzip unsere Rechtsstaates. Ja, es schmerzt, wenn manche Anwälte
so geschickt sind und einen Freispruch oder eine geringe Strafe für ihre Mandanten herausholen.

Wer sich in so einem Beruf bewirbt, dem sollte das auch schon vorher klar sein. Wo willst Du/Ihr
eine Grenze ziehen? Kleine Ladendiebe sind ok, aber mehrfacher Stehlereien nicht.

Jemand der bei rot über eine Ampel fährt hat eine Verteidigung verdient, aber der etwas Alkohol
getrunken hat nicht?

Es ist wichtig, das Jusitia blind ist und es sollte allen klar sein, dass Recht haben und Recht bekommen
zwei Dinge sind, auch wenn es sehr schmerzhaft sein kann. Was stört dich daran, daß Dein Chef Täter verteidigt? Du hast
ja in deinem Tätigkeitsbereich nur wenig Kontakt mit den Mandanten.

Klar, kannst du jetzt noch die Stelle absagen, aber dann solltest Du überlegen, ob generell der Beruf vielleicht
nicht das Richtige für Dich ist, denn Du wirst immer in diesem Feld auf irgendwelche Täter stoßen.

Luz
never know better than the natives (Kofi Annan)

Gast71019

Re: Ausbildung

Beitrag von Gast71019 » Mo Okt 07, 2019 8:23 pm

Danke für eure Antworten.

@Gast3030 Danke, ja, werde wohl um einen Aufhebungsvertrag bitten bzw. direkt kündigen. Und du hast Recht, ich denke auch, dass es kindliche Anteile sind, die da so rebellieren.


@Bugs Danke auch dir für deine Rückmeldung. Wenn ich ablehne, passiert ja erstmal nichts außer das der Chef bestimmt nicht begeistert sein wird, dass ich so kurzfristig absage. Aber MIR passiert eigentlich nichts. Das sind eher difuse, unrealistische Ängst, die da mitspielen... Große Angst nein zu sagen und so. Und natürlich auch, dass mein Umfeld schwer enttäuscht sein wird. Ich Erwartungen nicht erfüllen werde. Ich zugesagt habe und dann auch da durch muss etc. pp.


@Luz Ja, natürlich haben auch Täter ein Recht auf Vertretung und das mag auch gut so sein. Es geht mir da auch weniger um meine moralischen Bedenken, ich habe einfach Angst auf Täter zu treffen.
Wenn ich diese Stelle nicht antrete, werde ich mich auch nicht mehr in diesem Bereich bewerben. Es war vielleicht auch naiv von mir, da nicht vorher drüber nachzudenken, aber es vertritt ja auch nicht jede Kanzlei Täter die mit Ki*po* zu tun haben.... Ich war mir dessen vorher einfach nicht klar.

SophiawirdErwachsen
Beiträge: 414
Registriert: Mo Jul 17, 2017 12:05 am

Re: Ausbildung

Beitrag von SophiawirdErwachsen » Mo Okt 07, 2019 10:49 pm

auch ein Täter hat das Recht auf eine Verteidigung, das sollte allen auch hier klar sein, das ist ein
gutes und wichtiges Prinzip unsere Rechtsstaates. Ja, es schmerzt, wenn manche Anwälte
so geschickt sind und einen Freispruch oder eine geringe Strafe für ihre Mandanten herausholen.

Wer sich in so einem Beruf bewirbt, dem sollte das auch schon vorher klar sein. Wo willst Du/Ihr
eine Grenze ziehen? Kleine Ladendiebe sind ok, aber mehrfacher Stehlereien nicht.

Jemand der bei rot über eine Ampel fährt hat eine Verteidigung verdient, aber der etwas Alkohol
getrunken hat nicht?

Es ist wichtig, das Jusitia blind ist und es sollte allen klar sein, dass Recht haben und Recht bekommen
zwei Dinge sind, auch wenn es sehr schmerzhaft sein kann. Was stört dich daran, daß Dein Chef Täter verteidigt? Du hast
ja in deinem Tätigkeitsbereich nur wenig Kontakt mit den Mandanten.

Klar, kannst du jetzt noch die Stelle absagen, aber dann solltest Du überlegen, ob generell der Beruf vielleicht
nicht das Richtige für Dich ist, denn Du wirst immer in diesem Feld auf irgendwelche Täter stoßen.

Luz
Dazu hab ich eine sehr "unrechtsstaatliche" Meinung. Die Theorie dahinter versteh ich, aber die Umsetzung finde ich inaktzeptabel. Ein Täter der absolut klar, nachweislich Täter ist (durch Ki*po* beweisbar) hat meinem persönlichen Gefühl nach jegliche Rechte verwirkt. Ich muss ihn nicht hassen, ihn zu vertreten beziehungsweise alles noch so zu verdrehen, sodass er womöglich einen Freispruch erhält empfinde ich als total unmoralisch. Ich verstehe, dass Gast71019 das nicht kann und will.
Klar, kannst du jetzt noch die Stelle absagen, aber dann solltest Du überlegen, ob generell der Beruf vielleicht
nicht das Richtige für Dich ist, denn Du wirst immer in diesem Feld auf irgendwelche Täter stoßen.
Diese Frage würde ich mir auch an deiner Stelle stellen, das Problem ist, dass du immer in der Position sein wirst eventuelle Täter zu "verteidigen". Wenn dir das in anderen Bereichen nichts ausmacht (Scheidung, Körperdelikte etc.), dann könntest du dir vielleicht einfach eine andere Arbeitsstelle in dem Bereich suchen. Wenn du aber generell damit ein Problem hast, dann würde ich dir vom Job generell abraten bzw. in eine vollkommen andere Sparte wechseln (Unternehmensrecht etc.).

Jedenfalls musst du die Stelle nicht antreten. Du hast in jedem Job eine Probezeit (meistens ein Monat) in der beide Seiten den Vertrag auflösen können. Am besten ist, du machst es gleich und trittst die Stelle gar nicht erst an. Es ist auch für die Menschen dort besser, es möglichst frühzeitig zu erfahren. Du hast einfach darüber noch intensiver nachgedacht und bist zu dem Schluss gekommen, dass es auf längere Sicht für dich nicht möglich ist, in diesem Bereich zu arbeiten (oder so ähnlich halt- eventuell musst du gar keine Gründe angeben)

Lass dich nicht irritieren, falls sie sauer sind (falls du da sensibel bist)... das ist halt mal so, wenn Menschen enttäuscht oder unangenehm überrascht sind. Sie werden wen neuen suchen müssen und sich wieder beruhigen. Und sie werden auch froh sein, dass du es gleich gesagt hast. Also keine Sorge.
(Außerdem aus logischer Sicht hätten sie ja auch gar nichts davon, wenn du dort anfangen würdest, (was du nicht musst) und dann wärst du im Krankenstand :roll: ...)

Alles liebe und viel Kraft
Sophia

Gast71019

Re: Ausbildung

Beitrag von Gast71019 » Mi Okt 09, 2019 9:05 am

Danke Sophia für deine lieben Worte.

Leben?
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Re: Ausbildung

Beitrag von Leben? » Mi Okt 09, 2019 5:15 pm

Was brachte dich denn in diese Richtung? Welche Tätigkeiten möchtest du in Zukunft ausüben? Wo liegen deine Stärken? Deine Interessen?

Vielleicht wirst du dir etwas klarer darüber, wenn du dir diese Fragen stellst.

Und wie die anderen schon schrieben, du besitzt das Recht zu kündigen.

Bei mir sah der Weg auch schon vorprogrammiert aus Richtung Büro. Bis sich mir eine gute Chance bot und ich in einem völlig anderen Bereich ankam, in dem ich mich wohl fühlte.

Spür tief in dich hinein und schau mal was dir sonst noch so Spaß macht.

Leben?
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Registriert: Mi Okt 02, 2019 1:53 pm

Re: Ausbildung

Beitrag von Leben? » Mi Okt 09, 2019 5:21 pm

Wenn ich lese, dass du von deinem Mann schreibst, frage ich mich wie alt du bist. Ist das deine erste Ausbildung oder bist du Wiedereinsteigerin? Kannst du auf alte Erfahrungen zurück greifen?

Gast71019

Re: Ausbildung

Beitrag von Gast71019 » Mi Okt 09, 2019 6:23 pm

Es war mehr eine Kurzschlussentscheidung. Die Stelle bot sich an, Bürozeiten sind gut mit Familie vereinbar und ehrlich gesagt hat mein Mann das vorgeschlagen... Keine Ahnung, als ich mich beworben hab, hielt ich das für eine ganz gute Idee. Eigentlich war dieses Jahr auch keine Ausbildung mehr geplant.

Ich bin knapp vor der 30. Es wäre aber meine erste Ausbildung. Ich hab zuletzt Mathematik studiert, leider nur mit mäßigem Erfolg, sodass ich das Studium abgebrochen habe. Seitdem hab ich geputzt, aber das ist ja nichts für immer.

Leben?
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Re: Ausbildung

Beitrag von Leben? » Do Okt 10, 2019 1:48 am

Klingt nach einer intelligenten jungen Frau in den besten Jahren, so wie du dich beschreibst.

Nur leider mit den Problemen, welche ein Trauma so mit sich bringt, sonst wärst du nicht auf dieser Seite, vermute ich.

Die Frage ist doch, was du mit deinen Mathematik Kenntnissen anfangen kannst.

Liegt das abgebrochene Studium an deiner Lebensgeschichte, an deiner Entscheidung schon früh eine Familie zu gründen oder war es einfach nur die verkehrte Richtung im Studium?

Gibt ja in der Mathematik die unterschiedlichsten Richtungen. Spontan fällt mir ein: - kaufmännisch, - Informatik, - Maschinenbau, - Elektrotechnik, - Verwaltung, - Lehramt... Auch wir Frauen sind ja nicht nur auf kaufmännisch festgelegt.

Wozu riet dir denn dein Studienberater? Oder dein Berufsberater vom Arbeitsamt?

Gerade in Hinsicht darauf, dass du Familie hast, eigene Kinder(?) spüre ich ein ungutes Gefühl dabei, dir zu einer Ausbildung zu raten, mit der du dich unwohl fühlst. Die Themen von der Kanzlei nach Feierabend dort zu lassen, ist sicherlich nicht so einfach.

Mit einer Putzstelle bist du mit deinen Kenntnissen und deinem Intellekt auf Dauer unterfordert.

Horch mal in dich hinein, welche Fachrichtung wirklich deinen Interessen entspricht.

Bist du eine Frau, die in der Buchhaltung glücklich wird?

Oder gehörst du zu den Frauen, welche sich lieber mit Maschinenöl dreckig machen, statt mit Schminke? Dann bist du im Maschinenbau besser aufgehoben als im Büro.

Oder möchtest du im Verkauf tätig sein? Den Kontakt zu Kunden pflegen?

Dein Mann unterstützt dich bei einer Ausbildung. Das ist doch eine positive Grundlage, auf die du aufbauen kannst. Gerade weil man als Azubi nicht so viel Geld verdient.

Vielleicht gibt's doch noch eine Möglichkeit für dich eine duale Ausbildung zu machen? Arbeiten mit Geld verdienen und dennoch dich zeitgleich weiter qualifizieren?

Was ist für dich mit deiner Familie tragbar? Ohne deine Ehe zu gefährden?

Abendschule neben Berufstätigkeit ist da nicht die beste Lösung, nach meiner Erfahrung.

Denk mal drüber nach was deinen Interessen am nächsten kommt. Vielleicht siehst du ja noch eine andere Chance für dich, über die du bisher noch nicht nachgedacht hast.

Eventuell kannst du mit deinen bisherigen Studienkursen ja auch schon eine gute Anstellung finden?

Wünsche dir viel Glück und Erfolg bei deinem Weg. Achte gut auf dich.

Leben? Unl.

Re: Ausbildung

Beitrag von Leben? Unl. » Sa Okt 12, 2019 8:41 pm

Konntest du zu einer Entscheidung für dich kommen?

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