Meine Suche nach den Mitteln gegen die schädlichen Auswirkungen von Täterintrojekten geht weiter. Hier ist ein Modell, das ich auch oft in meiner therapeutischen Erfahrung mit meiner früheren Therapeutin anwenden konnte. Vielen von euch wird das "innere Kind" etwas sagen, die Suche nach dem kindlichen Anteil in uns. Bei traumatisierten Menschen gibt es manchmal auch ein paar Anteile mehr. Ich stelle sie mir vor wie ein Puzzle, das nach einer überfordernden Erfahrung erstellt wird, und je nachdem, wie stark die Psyche des Menschen ist, und je nachdem, welcher Art die schweren Erfahrungen gewesen sind, driften sie mehr oder weniger im Raum auseinander. Trotzdem sind sie alle miteinander verbunden, gehören zu einem "System". Bei sehr starken Belastungen, so stelle ich mir vor, reißen dann auch diese Verbindungen. Ein Anteil weiß dann nicht mehr, was der andere getan hat, und man muss sehr suchen, bevor man beide in einen Dialog bekommt.
Ich hatte das Glück, keine negativen Anteile in mir zu haben. Meine Therapeutin bat mich, für jeden Anteil, der sich äußern wollte, einen Stuhl bereit zu stellen - zunächst nur einen, und auf einem anderen Stuhl saß dann ich, als erwachsene, vernünftige Frau. Es war manchmal nicht einfach, einen Dialog zu beginnen oder aufrecht zu erhalten. Aber ich bin Sängerin, und meine Bühnenerfahrung half mir bei der Schauspielerei, die doch so viel mit meinem Innenleben zu tun hatte. Wichtig war auf jeden Fall die Begleitung der Therapeutin, die in problematischen Momenten immer wieder Vorschläge machte, was zu verbessern ginge oder wie es weiter gehen könnte.
Für Täterintrojekte gilt in jedem Fall, dass man sie erst dann in die Gegenwart rufen darf, wenn bereits ein starker Anteil von einem selbst da ist, der auf Ressourcen zurückgreifen kann. Damit das alles in einem geschützten Rahmen geschieht, würde ich unbedingt empfehlen, das mit einem Therapeuten zu machen - nicht alleine und daheim. Wenn ihr bereits in Therapie seid, fragt, ob euer Therapeut etwas von dieser Arbeit weiß und ob er das mit euch machen könnte. Wenn ihr nicht in therapeutischer Behandlung seid, würde ich zuerst den stabilen Teil in euch stärken, und nebenbei auf die Suche nach einem Menschen gehen, der helfen kann.
Ego-State-Therapie nach Watkins - Traumatherapie - Täterintrojekt *pada*
Klaus-Jürgen Becker
Die Ego-State-Therapie (englisch: Ego State Therapy) ist eine psychotherapeutische
Methode aus der Trauma-Therapie. Sie wurde von John und Helen Watkins entwickelt.
Was Gewalterfahrungen in unserer Psyche bewirken
Menschen, die schwer verletzt wurden (Trauma), entwickeln zum Schutz ihrer Persönlichkeit
Abwehrmechanismen gegen die mit der Verletzung verbundenen Schmerz- und Angstgefühle.
Einige tun dies, indem sie ihre Persönlichkeit in verschiedene Ich-Anteile (englisch: Ego
States) „aufteilen“. Dies geschieht zunächst fast immer unbewusst. Diese Ich-Anteile können
wie „eigene Persönlichkeiten“ ein Eigenleben entfalten, mit „eigenem“ Willen, „eigenen“
Gedanken und Gefühlen. Die Ego-State-Therapie hilft den Betroffenen, diese Ich-Anteile
wieder besser in Richtung einer ganzheitlichen Persönlichkeit miteinander zu verbinden.
Täterintrojekte
Täterintrojekte entstehen dann, wenn wir aufgrund einer Misshandlung die Gefühle,
Gedanken und das Verhalten des Täters (des Objektes), ins Selbst (das Subjekt)
hineinnehmen. Das Opfer einer Misshandlung identifiziert sich mit dem Täter, da dieser als
„der Stärkere“ erscheint und bildet den Täter in der eigenen Psyche ab. Eine gewalttätige
Mutter, ein sexualisierte Gewalt anwendender Vater oder Bruder, ein sadistischer Lehrer, ein
grandios auftretender Besatzungssoldat, ein Folterer in einem Konzentrationslager können
Personen sein, mit denen die unbewusste Identifikation erfolgt. Wer für das Bewusstsein der
ärgste Feind ist, kann psychisch gerade der sein, mit dem eine Identifikation eintritt.
Der Fremde in uns
Arno Gruen hat in seinem hervorragenden Buch „der Fremde in uns“ (dtv 2002) und „der
Verrat am Selbst“ (dtv 1992) ausgiebig darüber berichtet, wie wir aufgrund kritischer
Situationen eigene Gefühle, Wahrnehmungen, Ausdrucksmöglichkeiten aus unserem
Bewußtsein verdrängen und statt dessen die Werte, Inhalte, Antriebe, Emotionen des Täters
bereitwillig in uns inkorporieren.
Da diese Vorgänge unbewusst erfolgen, im Falle von Traumata wir die Teile, die die
Erinnerung an das Trauma haben abspalten und aus dem Bewußtsein verbannen
(„verdrängen“), wir an Vorgänge vor dem 3./4. Lebensjahr in der Regel keine Erinnerung
mehr haben erleben wir oftmals nur an der eigenen Reaktion, daß da etwas gewesen sein
muss. Folgen:
- blockierte Sexualität
- Gewaltphantasien
- Selbstablehnung/Selbsthass
- Versageridentität
- Beziehungskonflikte
- Sadomasochismus (sexuell oder nicht sexuell)
Mobbing, das man selbst provoziert hat
…
Was in der schlimmen Situation damals die bestmögliche Möglichkeit war, erweist sich später
als blockierend.
Beispiel: Wenn der Vater sagt „wenn du nicht lieb bist, verdienst du Schläge“, dann installiert
man in sich eine Stimme, die zu einem selbst sagt „wenn du nicht lieb bist, verdienst du
Schläge“. Man übernimmt quasi die Stimme des Aggressors und verschluckt sie ohne sie zu
verdauen. Sie wirkt wie eine Kröte, die man lebendig verschluckt hat und die im Inneren
weiter quakt bzw. attackiert und beispielsweise zu selbstverletzenden Verhalten anleitet.
Das Unbewusste verfolgte durch die Introjektion ursprünglich eine positive Absicht: Durch
die bestrafende Stimme im Inneren ist das Kind geneigt, sich nicht aufsässig zu verhalten und
mit dem Täter zu kooperieren, es verhält sich beispielsweise dauernd artig, um Schlägen zu
entgehen.
Später bekommt man das Introjekt nicht mehr aus seinem System heraus. Es entstehen „innere
Personen“ (Ego-States), die behaupten, man selbst sei böse, müsse bestraft werden, habe
Erfolg nicht verdient u. a. m. Da es sich aber um eigene Energien handelt, die sich (Anm.
KJB „über die Spiegelneuronen“) in ein Introjekt verwandelt haben, kann man sie nicht so
einfach entfernen. Sie gehören zum eigenen System hinzu, so wie auch die Nase, die Ohren
oder die Augen.
[...]
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http://www.klausjuergenbecker.de/filead ... ojekte.pdf
