Nur kurz - Nachwirkungen, Langzeitfolgen - ewig "Opfer" ???

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~SteinHart~
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Nur kurz - Nachwirkungen, Langzeitfolgen - ewig "Opfer" ???

Beitrag von ~SteinHart~ » Mo Jan 10, 2022 1:19 pm

Nur kurz und an alle die mich kennen vorweg die Bitte um Entschuldigung. Habe hier nicht mehr gelesen, weil es mehr schadete zum Schluss. Habe euch aber nicht vergessen und es ist nichts persönliches.

Außerdem hat das folgende nur bedingt mit MB zu tun, ich hoffe das ist in Ordnung. Wenn nicht, bitte nicht wortlos löschen, kurz Bescheid geben. OK?


Zum gerade aktuellen Thema

Gestern wurde ich an der Arbeit "geschlagen" das Wort zu benutzen fällt mir noch immer schwer. Mein Vater hat ja auch "geschlagen" vielleicht deshalb(?)

Es war nicht so schlimm, kein blauer Fleck (wobei ich dazu ohnehin nur bei kleinen, sehr harten Gegenständen neige)
Mit der Faust und mehrmals und die drohende Faust vor meinem Gesicht, mit Drohung mir ins Gesicht zu schlagen.
Dazu wirklich üble Beleidigungen (Fotze, Drecksau, Hure, Arschloch, die Fette)

Es war ein Bewohner und zum Glück waren wir zu dritt im Zimmer.

Gewalt gegen Pflegekräfte ist generell nicht selten und bei uns kommt das öfter vor. Die Bewohner haben fast alle eine psychiatrische Grunderkrankung.

Ich schweife ab.... (Wie in der Therapie, immer... Jedes mal ....)


Nun... Ich funktionierte in dem Moment, das muss und soll auch so sein, an der Arbeit.

Aber sitzen lassen habe ich es nicht auf mir. Der Bewohner kann mMn durchaus einschätzen dass das falsch war und er kann sich auch durchaus zusammenreißen... Nicht jedes Verhalten ist durch eine psychische Erkrankung entschuldigt, oder sonst was(!)

Ich schweife ab....


Nun denn... Ich habe mehr Pause damit verbracht den Vorfall in Pflegebericht zu vermerken und habe eine Mail an den Chef geschrieben, mit Verweis auf den Bericht und dem Satz, dass ich mir vorbehalte den HB anzuzeigen.
Die "Verletzung" (und auch die der Kollegin, sie ist ausgewichen und dadurch statt geschlagen nur gekratzt worden) stehen im Verbandsbuch.


Heute wollte ich, nach schlafloser Nacht, beim Chef anrufen und sagen dass ich den HB "natürlich" nicht anzeigen werde.


Chef rastet gerne mal aus, auch ungerechtfertigt... Ich hatte Angst dass er sauer auf mich ist, wenn ich anzeige UND hauptsächlich (das hatte mir den Schlaf geraubt) habe ich Angst vor der Polizei, vor einer Retraumatisierung, oder sonst was.

Ja, ich habe Zeugen... Aber....

Die werden mir nicht glauben, ich bin selber schuld, das steht mir nicht zu, einer Irren glaubt man nicht....

Habe mich so sehr an früher erinnert, die Aussage bei der Kripo, das Gutachten...


Tja Personalnotstand und dadurch Betten abbauen müssen haben wohl dazu geführt dass Chef mich nicht angebrüllt hat, was das denn so.... Sondern statt dessen, soll ich zeitnah anzeigen...

Die letzte Kollegin die geschlagen wurde bekam Vorwürfe gemacht.... Ich soll jetzt anzeigen....


Seit dem bin ich noch nervöser und ängstlicher und habe gar keine Ruhe innerlich....


Anruf bei Thera... AB... Rückruf.

Ich kann am Donnerstag kommen. Sie unterstützt mich. Sagt ich schaffe das. Eine neue Aufgabe, etwas das ich schaffe... Das mich weiterbringt....


Ich will das dann mal so glauben.


Trotzdem Angst. So viel Angst.


Habe gegoogelt wo ich überhaupt Anzeige erstatten kann. Aber schon wenn ich daran denke kommen Tränen und Schmerzen....


So weit erst mal


SH
Die Zeit bewegt sich in eine Richtung, die Erinnerung in eine andere.
(William Gibson)

~SteinHart~
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Re: Nur kurz - Nachwirkungen, Langzeitfolgen - ewig "Opfer" ???

Beitrag von ~SteinHart~ » Mo Jan 10, 2022 1:25 pm

Bin nicht mal ausgewichen... Deshalb das "ewig Opfer" im Titel.

Als wäre es normal... Oder weil ich gelernt habe still zu halten (?)


Meine Gedanken fahren sowas von Karussell....

Früher und heute ist Durcheinander.... Ich und "meine inneren Dämonen" (der Ausdruck passt gerade ganz gut) auch.
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(William Gibson)

Windspiel
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Re: Nur kurz - Nachwirkungen, Langzeitfolgen - ewig "Opfer" ???

Beitrag von Windspiel » Mo Jan 10, 2022 6:13 pm

Hey sh,
Schön von dir zu lesen.
Ich weiß leider nicht viel dazu sagen, bin mir auch nicht sicher was du hören magst. Aber ich kann das sehr mitfühlen, auch die Angst die du jetzt hast und was das alles bei dir hochholt.

Ich finde auch, du solltest anzeigen, soweit du die Kraft dazu hast. Zumindest sollte der Bewohner Konsequenzen tragen in welcher Art auch immer das möglich ist.
Ich kann auch die ganzen Gedankenkarusselle in deinem Kopf verstehen. Ich denke, da hilft wahrscheinlich nur verorten. Heute ist 2022, es ist anders, du bist stärker, du hast zeugen, du hast ein Hilfsnetz. .

Ich weiß nicht ob man "ewig Opfer" bleibt aber naja die alten Dinge springen leider immer wieder an. Und ich kenn bisher auch Ehrlich gesagt niemanden bei dem das nicht so ist. Aber, wenn man "fällt" in so alte Dinge, fällt man irgendwann nicht mehr so tief, und kommt da schneller wieder raus. Das ist zumindest meine Hoffnung.

Ich ziehe meinen Hut vor dir. Das ist vollkommen ernst gemeint.

Liebe Grüße
Wenn du schreist, weil du weißt was es heißt, wenn die Hoffnung nicht mehr als ein leeres Wort ist,
Wenn du gehst und du flehst, dass dich jemand erreicht, weil du immer noch ganz allein bist,

*ASP- Schwarzer Schmetterling*

Schneeweißchen

Re: Nur kurz - Nachwirkungen, Langzeitfolgen - ewig "Opfer" ???

Beitrag von Schneeweißchen » Mo Jan 10, 2022 7:12 pm

Hallo SH,
schön von Dir zu lesen. Also ich finde, Du solltest Dich zu nichts drängen lassen;
ob Du anzeigst oder nicht, ist ganz allein (und zwar wirklich allein!) Deine Entscheidung.
Überlege gut - und lass Dich zu nichts drängen.

Ich persönlich finde ja, Dein Arbeitgeber instrumentalisiert Dich; wenn ER seiner Fürsorgepflicht
nachgekommen wäre, und sowas schon früher geahndet/unterbunden hätte, wäre
es wahrscheinlich nicht zu wiederholten Gewaltattacken gekommen.

Sache des Heimleiters: entweder ruhig stellen mit entsprechenden Medikamenten,
oder bei wiederholten Übergriffen, denn nicht alles kann man mit Alzheimer-Demenz,
Kriegstraumatas o.ä- entschuldigen ... oder die Angehörigen bitten bzw. die
Forderung stellen, einen anderen Platz zu suchen.

Also überlege in Ruhe und entscheide weise - Du hast nachher alles "an der Backe".
Und nein, nicht ewiges Opfer, wenn Du*s nicht anzeigts, aber manchmal
ist es doch für einen persönlich besser, es nicht zu tun.

Allein DEINE Entscheidung ...

LG
Schneeweißchen

Aufatmende
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Re: Nur kurz - Nachwirkungen, Langzeitfolgen - ewig "Opfer" ???

Beitrag von Aufatmende » Mo Jan 10, 2022 7:13 pm

Hallo SH,
schön, von dir zu lesen.

Ich finde, du schießt über das Ziel hinaus. Ich fände es viel sinnvoller, mit dem Bewohner, deiner Kollegin, deinem Chef und einem Psychologen/ Gerontopsychologen/ Seelsorger ein Gespräch zu führen. Zu erklären, was das mit euch macht und zu Fragen, was von eurem Verhalten dazu geführt hat und was beide Seiten anders machen könnten: seltener/ später waschen oder was auch immer.

Dass eine Grenzverletzung immer triggert und viel Arbeit Macht, auch im Innen, so ist es eben. Aber es ist auch eine Chance zu erkennen, dass wir z s heute wehren können und mehrere Handlungsmöglichkeiten haben.
Rückfälle sind Vorfälle!

Sayeda
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Re: Nur kurz - Nachwirkungen, Langzeitfolgen - ewig "Opfer" ???

Beitrag von Sayeda » Mo Jan 10, 2022 9:19 pm

Hallo SH,

einerseits schön, dich wieder zu lesen. Andererseits tut mir der Anlass leid.

Also mich packt bei solchen Erzählungen immer die Wut. Vor allem, wenn davon ausgegangen wird, dass in der Pflege arbeitende Menschen eben so etwas aushalten müssen. Ich habe aufgrund der Begleitung von Auszubildenden in diesem Bereich bereits vieles diesbezüglich erlebt und viel zu selten ging es um den Schutz der Pflegekräfte. Ganz oft habe ich dafür gekämpft, dass meine Azubis zukünftig geschützt wurden. Und bei den Azubis handelte sich nicht nur um traumatisierte, sondern auch um ganz "normale" Azubis. So ... das ist meins.

Aufatmende möchte ich widersprechen: Überzogen halte ich dein Verhalten nicht. Du schreibst ja, dass der Bewohner durchaus einschätzen kann, was okay ist und was nicht und deshalb sollte das Verhalten Konsequenzen haben. Manchmal braucht es einfach auch mal ein Signal nach außen. Auch für andere Bewohner*innen.

Gewalt in der Pflege, egal aus welcher Richtung (also von BW Richtung Pflegekraft oder anders herum) darf nicht ohne Folgen sein, wenn die Person weiß, was sie tut und das einordnen kann. Wo kämen wir denn hin, wenn das nicht so wäre!

Gleichzeitig halte ich es auch für wichtig, dass ihr die Situation im Team, so wie es Aufatmende beschreibt, nochmal gemeinsam besprecht und schaut, wie ihr zukünftig um solche Situationen bei diesem Bewohner herum kommt.

Besprich es ruhig erst mal mit deiner Thera. Du musst nicht jetzt sofort aktiv werden. Du hast Zeit. Entscheide in Ruhe, was für dich der beste Weg und das beste Verhalten ist und lass dich möglichst nicht unter zeitlichen Druck bringen.

Pass gut auf dich auf, SH.

Sayeda

P.S.: Dass du aus Schutz nicht mir schriebst, hatte ich vermutet und ich finde es gut, wenn du dann Abstand hältst.
Wenn eine Frau ihre eigene Größe entdeckt hat, kann kein Lob sie größer, keine Kritik sie kleiner machen.
Der Käfig ist offen.
Verlassen musst du ihn selbst

Luisa Francia

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Re: Nur kurz - Nachwirkungen, Langzeitfolgen - ewig "Opfer" ???

Beitrag von LunaSue » Mo Jan 10, 2022 9:34 pm

Hallo ~ Steinhart ~,

Ob der Bewohner in der Lage ist Verantwortung zu übernehmen kannst du beurteilen, dein Team, dein Chef, der behandelnde Arzt des Bewohners.
Worum geht es bei der Anzeige? Andere, angemessener Unterbringung des Bewohners?
Deutliches Zeichen, dass er damit so nicht durchkommt?
Ziele, die lohnenswert erscheinen.

Ich rate dir dazu das durch einen D-Arzt aufnehmen zu lassen. Auch ohne sichtbare, äußere Verletzung sehe ich das als richtig an. Zettel machen und mit der Thera besprechen. Ich halte es für sinnvoll.
Falls du dich fragst, was das soll erkläre ich es dir via PN.

Ewig Opfer? Nein, so denke ich nicht.
Ich kenne derlei Vorfälle zu Genüge.
Sicher ist es angebracht, dass der Arbeitgeber seiner Fürsorgepflicht nachkommt. Fragt sich, ob du das möchtest.
Oder ob du das lieber extern für dich angehst. Stichwort Vorgeschichte.
Dass man in einer solchen Situation funktioniert ist Berufsrisiko, sozusagen.
Als Reaktion habe ich schon alles mögliche erlebt und gesehen. Von Flucht, den Patienten zu Boden bringen, den Patienten vor Schaden bewahren und einstecken, was der austeilt...

Insofern ist es eher situationsbedingt, abhängig von der Tagesform...
Nix da, ewig Opfer.
Entsprechend der Situation eben.
Ich frage mich eher, warum du es bewertest.
Deine Reaktion war, wie sie war.
Kann ja auch ein Machtgefühl gewesen sein: ich halte dir Stand.
Schlussendlich völlig egal.
Die Situation hat dich schockiert. Also gehört das nicht ins Verbandsbuch, sondern zur Berufsgenossenschaft.
Das ist gerechtfertigt und der sachliche Ablauf.

Relativieren nicht anhand der Vorgeschichte.
Würde ich sagen...

Nachtrag: @Sayedas Beitrag: das sehe ich genauso.

Viele Grüße
Luna
Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt.
Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte,
der dem Leben zu antworten - das Leben zu ver-antworten hat.

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Re: Nur kurz - Nachwirkungen, Langzeitfolgen - ewig "Opfer" ???

Beitrag von Sayeda » Mo Jan 10, 2022 9:43 pm

@LunaSue: Danke, dass du das schriebst. Genau so finde ich es gut!
Wenn eine Frau ihre eigene Größe entdeckt hat, kann kein Lob sie größer, keine Kritik sie kleiner machen.
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Verlassen musst du ihn selbst

Luisa Francia

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