Frage der Therapeutin

Hier können Betroffene über ihre Erlebnisse diskutieren.
Gast789

Frage der Therapeutin

Beitrag von Gast789 » Mo Aug 17, 2020 5:26 pm

Hallo.

Meine Therapeutin hat mich heute während des Gesprächs über eine Erinnerung unterbrochen und fragte, ob ich den MB durch meinen Vater angenehm fand.
Ob der MB das Schlimme war oder die Wertung dessen von Außen.

Ich wusste gar nicht wie ich reagieren soll.
Sind solche Fragen in der Therapie normal?

Gast_Wolke

Re: Frage der Therapeutin

Beitrag von Gast_Wolke » Mo Aug 17, 2020 7:32 pm

Was stört dich? Finde sie erstmal nicht schlimm.

gast wolke

wind
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Re: Frage der Therapeutin

Beitrag von wind » Mo Aug 17, 2020 8:11 pm

Hallo Gast 789

Ich weis nicht ob es normale Fragen sind ,aber ich glaube mich hätten sie aus den "Socken "gehauen.
Bist du denn am Anfang der Therapie und kennst du sie länger.
Vielleicht wenn geht beim nächsten Termin nachfragen ,warum sie so gefragt hat und ob irgendein "Plan " dahinter steckt

liebe grüsse in den abend
wind

Laura
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Re: Frage der Therapeutin

Beitrag von Laura » Mo Aug 17, 2020 8:22 pm

Liebe Gast 789,

Ich kann mir gut vorstellen, dass so etwas durchaus schockierend wirkt. Mit der Provokation könnte sie dich aber auch auf einen sehr wichtigen Punkt stoßen wollen. Viele MB Überlebende empfinden so etwas wie "Erregung", wenn ihnen das angetan wird. In meinen Erinnerungen ist das auch vorhanden. Es wirkt der Situation vollkommen nicht angebracht und man kommt sich umso schmutziger vor...
Wenn die Wertung von aussen so eine grosse Rolle zu spielen scheint, so ist der Gegenspieler deine "innere Wertung", die es einerseits vermutlich abgrundtief abscheulich und empfunden hatte und gleichzeitig eine konträre Körperempfindung zu Tage gebracht haben könnte.

Alles Gute

Gast61

Re: Frage der Therapeutin

Beitrag von Gast61 » Mo Aug 17, 2020 11:43 pm

Eine in diesem Zusammenhang völlig normale und angemessene Frage, die nichts unterstellt. Dysfunktionale Familiensysteme können durchaus auch Aspekte beinhalten, die als angenehm empfunden werden. Es gibt keine Vorschrift, wie Betroffene zu empfinden haben und wie nicht.

Laura hat den Zusammenhang geschildert, in dem diese Frage steht. Auch hier im Forum gibt es zahlreiche ähnlich gelagerte Einträge.

Deine Therapeutin war einfach an deinen Schilderungen interessiert und hat nachgehakt. Mehr nicht. Wie soll sie sonst herausfinden, was dein individuelles Problem ist? Es war keine Provokation, aber wie Laura schreibt, der Vorstoß zu einem wichtigen Punkt.

Mißbrauch und Lust schließen einander nicht aus. Diese Ambivalenz ist eines der Probleme, die es so komplex macht. Jedes Mädchen reagiert anders. Und in ihrer Rolle als Gesprächspartnerin kann sie nur fragen, um dich zu verstehen.

An der Lust ist nichts falsch, wohl aber möglicherweise an den Rahmenbedingungen. Möglicherweise deshalb, weil mir der Hintergrund deiner Erfahrungen nicht bekannt ist.

Konntest du ihr antworten und war deine Antwort auch das, was du damals gefühlt hast? Oder hat einfach nur deine Empörung im Versuch Oberhand gewonnen, gefallen zu wollen und sich nicht angreifbar zu machen? Also ein präsentables Bild zu bieten, das nicht in Dissonanz steht zu einer von dir vermuteten Erwartungshaltung deiner Therapeutin oder Umwelt?

Du schreibst, dass du nicht wusstest, wie du reagieren solltest. Genau deshalb wird sie durchaus empathisch gefragt haben. Weil leicht fällt diese Antwort in vielen Fällen wegen der damit verbundenen Ambivalenz nicht.

Das Thema wird bleiben und du kannst dich ihm in deinem Tempo nähern.

Gast789

Re: Frage der Therapeutin

Beitrag von Gast789 » Mi Aug 19, 2020 11:11 am

Danke für eure Antworten.

Ich denke, ich bin an der Frage nach der Wertung von Außen hängengeblieben. Sie ist so ein wenig alternativ angehaucht und ich habe überlegt ob sie liebevoll verpackten MB evtl. gar nicht als problematisch ansieht.
Sie kennt wenig von meiner Geschichte und weiß nicht, dass es mit viel Gewalt verbunden war, übel genommen habe ich ihr die Frage nicht.

Gast_Wolke

Re: Frage der Therapeutin

Beitrag von Gast_Wolke » Mi Aug 19, 2020 11:57 am

ich weiß was du meinst... aber würde trotzdem nicht liebevoll verpackt nennen.
manche nennen es auch sanften MB oder so.

ich würde sagen man MB unter dem Deckmantel von pseudo!- Zärtlichkeiten. oder so ähnlich.
gast wolke

Gast61

Re: Frage der Therapeutin

Beitrag von Gast61 » Mi Aug 19, 2020 2:21 pm

Ich weiss nicht, ob das den Kern trifft. Soweit ich die von Gast789 geschilderte Frage der Therapeutin verstanden habe, zielte die ja nicht auf die äußere Garnierung durch den Täter, sondern auf die persönliche Wahrnemung des Übergriffs durch die Betroffene. Also ob sie seinerzeit selbst ein Verhältnis dazu entwickelt hat - etwa durch Grenzziehung und Distanzierung. Oder aber ob etwas ähnliches erst dadurch ausgelöst wurde, indem eine Reflexion der Außenwirkung stattfand. Also ob erst eine Wertung von außen zur Belastung und Distanzierung führte, oder aber durch einen Prozess aus der Betroffenen selbst heraus.

Es gibt bei Betroffenen in einigen Fällen so etwas wie Täterloyalität, Täteridentifikation. Das kann ein Überlebensmechanismus sein. Darauf dürfte sie gezielt haben.

Ich denke, mit einer vermuteten weitgehenden Akzeptanz eines wie auch immer verpackten sanften Mißbrauchs hat ihre Frage nichts zu tun. Ich glaube schon, dass es eine solche Akzeptanz teilweise tatsächlich gibt, aber wohl nur selten unter unabhängigen professionellen Helfern.

EineVonUns50
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Re: Frage der Therapeutin

Beitrag von EineVonUns50 » Mi Aug 19, 2020 2:32 pm

Ich finde, dass hier zwei Dinge abgefragt wurden von der thera.. das eine, ob es als angenehm empfunden wurde: wenn sich das tatsächlich auf körperliche oder emotionale Reaktionen bezieht auf den MB, also dass das in irgendeiner Weise eben als angenehm angefühlt hat, ist an der Frage zwar grundsätzlich nichts auszusetzen, aber je nach Klientin kann das schon als grenzüberschreitend erlebt werden. Also wir würden nicht unterbrochen werden wollen in einer Erzählung und das gefragt werden. Das thema ist so heikel.. Da würden wir uns wünschen, dass sie sich das zu Ende anhört und dann vorsichtig nachfragt: "Ich habe den Eindruck, es gab da widersprüchliche Gefühle, gab es auch angenehme Empfindungen?" oder sowas in der Art... Aber da tickt sich jede_r anders..

und die zweite Frage ist: "Ist der Mißbrauch das Schlimme oder die Aussenwertung"? Diese Frage finden wir unangebracht. MB ist schlimm, egal, welche Empfindungen damit verknüpft sind und MB ist nicht "nur" schlimm, weil andere das so bewerten. Da würden wir nochmal nachhaken, wie sie das gemeint hat, das klingt für uns nach Bagatellisierung.
Wir hatten die erste Frage mit dem "angenehm empfinden" im Zusammenhang mit der zweiten Frage verstanden und wenn die beiden Fragen zusammen gehören, würde das den Eindruck der Bagatellisierung noch verstärken.

Kiefer25

Re: Frage der Therapeutin

Beitrag von Kiefer25 » Do Aug 20, 2020 12:46 pm

Hallo Gast789,

ich denke, dass es bei einer solchen Fragestellung seitens der Therapeutin wichtig wäre, klarzustellen, dass SMB auch dann vorliegt, wenn es zugleich evt. auch "angenehme" Gefühle gab und dass das ein Kind sehr verwirren kann.
Die Frage ist auch, ob es wirklich gut war, dich beim Erzählen zu unterbrechen. Ich fände es jedenfalls besser, es grundsätzlich dem Patienten zu überlassen, ob er/sie das angedeutete Thema gleichzeitig mit der Schilderung der äußeren Situation ansprechen möchte. Etwas anderes wäre es vielleicht, wenn die Th. den Eindruck hatte, man benötige Hilfe beim Ansprechen des Themas.
Grundsätzlich sollte es ja Aufgabe des Therapeuten sein, die Orientierung zu geben, die ja beim SMB gerade in der Familie fehlt.
Also dass es immer sehr gravierend ist, egal ob mit oder ohne zusätzlicher körperlicher Gewalt und mit welchen eigenen Gefühlen. Und es sollte auch erkennbar sein, dass der Therapeutin klar ist, dass die Kombination SMB und angenehme Gefühle ein hohes Stress- und Triggerpotenzial haben kann.

Aber vielleicht lässt sich ja die Sache in der nächsten Stunde ansprechen...und es ergibt sich ein deutlicheres Bild.

Alles Gute

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