Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

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Kiefer25

Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Kiefer25 » Di Aug 04, 2020 6:20 pm

Hallo,
ich bin neu hier und habe folgende Frage:
Mein Vater hat mich über lange Zeit hinweg missbraucht. Meine Eltern waren schon geschieden. Als meine Mutter definitiv davon erfuhr (durch mich) war ich 15 Jahre. Sie wusste, dass es dabei jedenfalls -auch- viel um nackt sein ging. Nackt mit meinem Vater unter der Dusche und M***urb*** und anderes
Trotzdem ist sie dann selbst immer noch oft nackt durch die Wohnung gelaufen, hat beim P*nkeln die Klotür nicht richtig zugemacht und mir einen Rodin-Bildband geschenkt mit lauter nackten Statuen.
Mich hat das letztlich auch bedrängt. Bin 44, weiblich und Frage mich nun erstmals, ob es da nicht auch eine quasi homosexuelle Grenzüberschreitung gab. In diese Richtung denkt man ja nicht als erstes...

Danke für Antworten

Gast61

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Gast61 » Mi Aug 05, 2020 4:42 pm

Rodins Skulpturen und übergriffig? Für einen neutralen Beobachter eher nicht.

Wenn du den Bildband als Präsent deiner Mutter vor dem Hintergrund deiner Geschichte als übergriffig und bedrängend empfunden hast, ist das eine ganz andere Geschichte und in diesem Zusammenhang verständlich.

Wenn ich richtig rechne, waren deine Eltern Kinder der sexuellen Revolution. Damals wurde das, was du mit deinem Vater erfahren hast, in anderem zeitlichen Kontext als avantgardistisch und aufgeklärt betrachtet.

Klar, juristisch ist die Sache zumindest heute ziemlich klar geregelt und war es damals sicher irgendwie auch.

Das erklärt aber nicht viel. Wenn du das gesellschaftliche Umfeld, den damaligen Mainstream zumindest unter als fortschrittlich geltenden linken Akademikern verstehen willst, solltest du dich mit den damaligen Verirrungen und Abwegen in der öffentlichen Sexualdebatte befassen. Ich nehme an, in diesem Kontext stand auch der Blick deiner Eltern auf das Thema.

Die Erwartung, dass Mütter entsprechendes Verhalten ihrer Männer gegenüber Töchtern verurteilen, ist verständlich, aber angesichts einer damals in bestimmten Kreisen völlig anderen Einstellung dazu nicht immer substanziell unterlegt. Ich habe nur zum Teil erfolgreich versucht, mit meiner Mutter darüber zu sprechen. Im Kern stieß ich dabei aber auch nur auf Teile des Kanons der damaligen Überzeugungen einer seinerzeit linken Studentengeneration. Sicher authentisch vor dem Hintergrund prägender Erlebnisse der Nachkriegsgeneration und zu Teilen durchaus sympathisch. Andere Teile haben sich mit unserem heutigen Blick darauf aber eben als unhaltbar und problematisch erwiesen.

Ob diese Einordnung weiterhilft? Wahrscheinlich geht es dir ja doch um die Bewältigung deines ganz individuellen Erlebens, das du heute im Kontext einer ganz anderen Debatte zu sexuellen Übergriffen betrachtest.

Ella

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Ella » Do Aug 06, 2020 12:32 pm

Hallo Kiefer25,

die Frage kannst in Wahrheit leider nur du selbst beantworten, weil wir deine Mutter nicht kennen.
Ist sie unsensibel und hat den Zusammenhang nicht verstanden, dann war es keine böse Absicht sondern einfach nur etwas dumm.
Ist sie bösartig, sadistisch, dann war es jedenfalls absichtlich und sie wollte dich daran erinnern.
Ist sie narzistisch, dann wollte sie dir vielleicht mitteilen, dass alles VOLLKOMMEN NATÜRLICH ist oder wie manche das so gerne ausdrücken und du dich nicht aufregen brauchst.
Bist du an Statuen interessiert, dann ist der Bildband nett und sie hat sich eventuell nichts dabei gedacht, weil sie offenbar nicht sehr empathisch ist.
Bist du nicht an Statuen interessiert, ist es krank jemandem mit Missbrauchserfahrung einen Bildband mit Nackten zu schenken.
Vielleicht ist sie auch vollkommen verdreht und eifersüchtig und wollte dir auch so "nah" sein wie dein Vater das war (sorry, aber ich kenne alles mögliche an Verrücktheit), dann war es wieder übergriffig und schädigend.

Ich denke, dass dir dein Gefühl sagen wird, was richtig ist. Ich denke mir immer, dass es meistens einen Grund hat, wenn man ein komisches Gefühl hat.

Rücksichtsvoll war es jedenfalls nicht, das ist sicher.
Ob es bösartig war, weiß ich nicht.

Liebe Grüße Ella

Kiefer25

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Kiefer25 » Do Aug 06, 2020 7:13 pm

Danke erstmal Euch für die Einschätzungen.

Was meinen Vater betrifft, so stammt er aus einem sehr katholischen Elternhaus. Sicher gab es -auch- diesen Aspekt: man braucht sich nicht schämen. Aber es gab eben auch Vorfälle, die weit darüber hinaus gingen...so dass es eine schwache Selbstrechtfertigung ist..

Meine Mutter: früher habe ich mir gedacht, sie wolle mich quasi wieder "abhärten" also unempfindlich gegenüber Nackt sein und so machen. Inzwischen glaube ich eher, das das doch eine eigenständige Sache war, angestoßen vielleicht durch die deutliche Kontaktreduzierung zu meinem Vater.
Für Statuen habe ich mich übrigens nicht interessiert...
Und einmal hat sie zu mir gesagt, sie sei irgendwie VERLIEBT in mich.
Das konnte ich dann gar nicht einordnen.

Gast61

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Gast61 » Do Aug 06, 2020 10:43 pm

Klingt so, als wäre sowohl das Rollenverständnis deines Vaters als auch das deiner Mutter zu dir als damaliges Kind oder Jugendliche in der Familie gestört.

Thema: dysfunktionale Familie.

Deine Grenzen wurden überschritten und nicht respektiert. Du musstest deine Grenzen überschreiten, um ihn zufrieden zu stellen. Ebenso wurde deine Grenze der Privatsphäre bezüglich "Nacktheit" von beiden attackiert.

Ein typisches Merkmal dysfunktionaler Familien ist die Rollenumkehr. Die Eltern sind nicht dazu da, um die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen. Vielmehr ist das Kind dazu da, um die Bedürfnisse der Eltern zu erfüllen. Welche Bedürfnisse beide hatten, haben sie dir deutlich gemacht.

Kiefer25

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Kiefer25 » Fr Aug 07, 2020 7:19 am

Ja, das trifft es ganz gut.
Beide kommen aus autoritären Elternhäusern, waren sehr sebstunsicher, etc. und dann kommt ein Kind auf die Weltzu ihrer "Rettung".
Bei meiner Mutter ist das ganz deutlich: das ging von deutlicher Überlastung im Haushalt (fast jeden Tag kochen, Wochenendeinkauf erledigen, "Verwöhndienste" wie nach dem "harten Tag meiner Mutter" Tee kochen, Wärmflasche machen, emotionale Unterstützung in Konflikten erwarten, usw.)
Mit 19 bin ich ausgezogen 😊. Meine Mutter musste sich erstmal umschauen, aber innerlich ist es auch heute noch so, das der Kontakt mit ihr mir viel Energie "raussaugt"..
Auch ihre 3 Enkel kann meine Mutter letztlich nicht zuverlässig betreuen. Stichwort: meine Mutter ist oft wie das vierte Kind.

Bei meinem Vater muss man sagen- bei ihm ging es tatsächlich ganz massiv um seine se*uellen "Bedürfnisse, die er in der für ihn quasi "geschützten" Vater-Kind-Beziehung ausgelebt hat.

Aber auch von dem se*uellen Missbrauch "abgesehen", kann ich mich kaum an einen Vater im Normalzustand erinnern... immer gleich auf 180, Gebrüll, Wutausbrüche oder Schweigen. oder möglichst schnell auf der Autobahn unterwegs.
Keine körperliche Gewalt, aber Sprüche wie
"Kinder sollten 3 mal täglich eine Tracht Prügel erhalten* aber auch:
Liebst du mich? Wehe dir du liebst mich nicht. Sag dass du mich liebst... Oder
Ich bin doch ein guter Vater. Sag dass du einen guten Vater hast...
Das war so der Kontext und in diesem Kontext war meine Mutter eben auch nicht erreichbar für Hinweise, dass es schief läuft, zwischen meinen Vater und mir.

Was diese Erkenntnisse nützen?
Für mich ist es so, dass ich nie alles verdrängt hatte, aber Teile schon, worst case Teile eben, und das alles lange weggeschoben habe. Als auch weggedrängte Teile hoch kamen, erschien mir alles erstmal "unglaublich" und wie aus heiterem Himmel passiert.
Inzwischen aber habe ich das Gefühl, der s. M. fügt sich ein in meine Gesamtkindheitsgeschichte.. und ich fühle mich selbst nicht mehr so zersplittert sondern mehr wieder wie EINE Person..

Gast61

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Gast61 » Fr Aug 07, 2020 11:11 pm

Ja klar, der SMB ist „nur“ _eine_ Episode, eingebettet in eine insgesamt falsche Familiensituation, in der manches auf dem Kopf stand und Grenzverletzungen an der Tagesordnung waren. Das alles gehört zusammen und ergibt nur gemeinsam ein Bild.
Die Rollenumkehr ist ja ziemlich greifbar: du wurdest für deinen Vater zur Frau und deine Mutter machte die regressive Rolle rückwärts zum Kind, das bemuttert werden wollte.
Dass Väter in einer solch dysfunktionalen Familie, in der die Mutter ihre Rolle nicht annehmen mag, ihre s. Bedürfnisse mit der Tochter leben, ist keine Ausnahme.
„und in diesem Kontext war meine Mutter eben auch nicht erreichbar für Hinweise, dass es schief läuft, zwischen meinen Vater und mir.“
Nein, wegen der Rollenumkehr natürlich nicht.
Die Annahme, dass Mütter das überhaupt als falsch wahrnehmen und auf der Seite ihrer Tochter stehen, trifft oft nicht zu.

*möglicherweise Trigger*

Meine Mutter wurde in entsprechendem Alter zur Frau ihres Vaters, nachdem dessen Frau und meine Oma nach der Geburt keinen S*x mehr mit ihm haben wollte und möglicherweise auch konnte. Sie war musste nach einer schwierigen Geburt genäht werden und das geschah offenbar so eng, dass sie ihn nicht mehr schmerzfrei aufnehmen konnte. Also machte meine Mutter früh Erfahrungen mit ihm. Er selbst stammte aus einer Familie, in der nach dem Kindbett-Tod seiner Mutter eine Stiefmutter als neue Frau seines Vaters einzog. Die ging mit ihm und seinen Brüdern ins Bett. Natürlich machte er es dann mit seiner Tochter, also meiner Mutter genauso.
Ich habe mit meiner Mutter kurz vor ihrem Tod über die Situation in unserer Familie gesprochen. Sie erzählte, dass sie ihren Mann, also unseren Vater mit meiner Schwester mehrfach unbemerkt überrascht hatte, als sie es machten. Meine Schwester war damals noch ziemlich jung und ihr Kommentar zu der Situation war mit verklärtem Gesicht „Das war so süß“.

*Trigger Ende*

Es gibt Momente, da ist man dann wirklich nur noch sprachlos. All das gehört zur Kindheitsgeschichte – zumindest in solchen Familien.

Nichts davon ist „unglaublich“, nichts davon passiert aus heiterem Himmel.

Das alles zusammen fließt in die Kindheitserfahrung und Erfahrungsmuster eines Menschen.

Kiefer25

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Kiefer25 » Sa Aug 08, 2020 5:51 pm

Auch eine krasse Geschichte...

Das Element mit, Eltern haben keinen S*x mehr, kommt mir auch bekannt vor. Ist ja eigentlich Privatsache, aber doch Ausdruck einer Beziehungsstörung wenn es nicht im Einklang steht

Was nun tun wenn man aus hochpathologischen Familiensystem stammt.
Begreifen was passiert ist, anerkennen das das schwerwiegende Straftaten sind und in keiner Weise normal,, den Familienkontakt massiv einschränken...

Viele Grüße

Gast61

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Gast61 » Sa Aug 08, 2020 11:12 pm

Wichtig ist, erstmal zu kapieren, was da läuft. Dass das eine schräge Wagenburg-Familie war, in die ich hineingeboren wurde, war mir schon recht früh klar. Aber die Fähigkeit, Muster und Strukturen hinter den doch meist sehr gegenwärtigen und realen Ausformungen zu erkennen, während ich selbst davon primär und sekundär betroffen war, das hat mich ehrlich gesagt Jahrzehnte gekostet.

Ich bin sofort nach dem Abi 600 Kilometer weit weg in meine Unistadt gezogen. Meine Eltern haben sich getrennt. Familientreffen gab es nie. Der Kontakt war dadurch ohnehin reduziert. Andere Probleme etwa des Studiums, Berufseintritts und der ganz normalen Etablierung traten zunächst in den Vordergrund. Als der größte Druck mit über 40 erstmal vorbei war, begannen Episoden der Rückerinnerung an lange verdrängte Geschichten.
Ich bin eher skeptisch, ob diese Strukturen mit den Mitteln des Strafrechts zu fassen sind, wenn man eine grundlegende Änderung zum Maßstab nimmt. In meiner Familie konnte ich die Geschichte von den letzten Jahren des Kaiserreichs vor dem 1. Weltkrieg über die Weimarer Republik, das NS-Regime, die Diktatur des Proletariats der DDR bis in das wiedervereinte Deutschland verfolgen.

Das Rad dysfunktionaler Familienstrukturen rollt generationenübergreifend über alle ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Brüche von hundert Jahren mit einer erstaunlichen Resilienz hinweg und bildet so schon für sich einen stabilisierenden Faktor in Zeiten der Unsicherheit. Dazu kommt, dass diejenigen, die zur Anpassungsleistung bereit sind, in diesem Familiensystem mit Privilegien belohnt werden. Insofern ist es ein weitgehend sich selbst stabilisierendes System.

Was du tun kannst, ist dich damit auseinanderzusetzen, klare Grenzen zu ziehen und Änderungen für dich selbst herbeizuführen. Deinen Wertekanon zu hinterfragen und abzuschichten bietet durchaus befreiende Elemente.

Der entscheidende Drehpunkt ist aber aus meiner Sicht, Verantwortung für sich selbst, sein Leben und seine Träume zu übernehmen. Ein Element dysfunktionaler Familiensysteme ist ja gerade, dass die Verantwortung umnebelt und die Akzeptanz dessen mit Versorgung und Privilegien belohnt wird.

In den Erzählungen meiner Mutter hieß es nie, der und der hat das gemacht und das war die Folge. Stattdessen sprach sie davon, „das ist dann so gekommen“. Niemand war verantwortlich - vor allem nicht sie selbst. Natürlich kommt nichts einfach so, sondern nur, weil bestimmte Menschen etwas bestimmtes tun oder nicht tun. Was sie tun können und was nicht, hängt freilich maßgeblich auch von den Familienstrukturen ab, in denen sie aufwachsen.

Insofern ein ziemlich dickes Brett.

Kiefer25

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Kiefer25 » So Aug 09, 2020 11:22 am

So weit zurück habe ich meine Familiengeschichte nicht im Blick. Andeutungen gibt es aber schon.
Auf der anderen Seite von Privilegien stehen wohl Strafen. Deutlich gespürt habe ich die, als ich meinen Vater nicht zu meiner Firmung eingeladen habe."Dein Daddy wird traurig sein."
Bei uns gibt es leider viele Familienfeste, die Familie lebt irgendwo von Fest zu Fest. Zum nächsten Fest plane ich jedoch nicht zu kommen.
Schwieriges Thema denn die Hauptsanktion heißt eben Ausstossung aus dem System.
Mir fällt allerhochstens mein jüngerer Halbbruder ein, der zumindest auch deutliche Fluchtendenzen zeigt.
Meine Stiefmutter war sicher mindestens genauso übergriffig und teilweise bei Grenzverletzungen meines Vaters.anwesend ohne einzugreifen!
Da das ganze Thema etwas "top much" ist für einen allein, habe ich mir ther. Hilfe gesucht, und. arbeite nun, nach Erlangung der finanziellen und räumlichen Selbständig keit, die schon lange bestehen, an der emotionalen Aufklärung, Entwirrung und Abgrenzung.
Mit allem Schmerz, den das mit sich bringt..

Beste Grüße

Gast61

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Gast61 » So Aug 09, 2020 12:21 pm

Diese "Sanktionen" sind systemimmanent, wenn man die Anpassungsleistung verweigert. Mein Vater und meine Schwester hatten immer ihre "Heimlichkeiten", der Rest der Familie wurde ausgegrenzt. Sie hatte den alleinigen Zugang zu ihm. Brauchte meine Mutter Haushaltsgeld oder hatte sonst eine Bitte, richtete sie diese an meine Schwester, die sie dann an die "höhere Autorität" weiter trug. Sie ging damit sehr machtbewußt und nach Belieben um.

Meine Schwester empfing Privilegien, besonders gern mochte sie Geld und wenn sie Dinge erlaubt bekam, die mir verweigert wurden. Er hat sie dem Vernehmen nach später als Gesellschafterin an einer seiner Firmen beteiligt, was ihr wohl regelmäßig Ausschüttungen sicherte.

Ich wusste jahrelang nicht einmal, wo mein Vater wohnte und was er machte. Ich war raus aus dem System und im Rückblick war das das eigentliche Privileg, weil es mich zu Selbständigkeit und Verantwortungsübernahme zwang.

Als meine Schwester heiratete, erfuhr ich das Monate später von meiner Mutter. Eine Einladung gabs für mich nicht. Sie war die Prinzessin in unserem und im ähnlich strukturierten neuen Familiensystem ihres Mannes. Ich war draußen.

Als mein Vater dann neue Lebengefährtinnen hatte, stattete meine Schwester jeweils Besuche bei ihm ab, um der neuen Frau zu zeigen, wer die eigentliche Frau im Hause ist. Nicht um seine neue Frau hatte sich mein Vater zu kümmern, sondern sich seiner Tochter zuzuwenden. Also auch da ein sehr machtbewußtes Auftreten. Sie hatte diese Struktur offenbar bruchlos adaptiert, weil sie ihr Macht und Versorgung sicherten.

Ich nehme an, meine Mutter wusste auch ziemlich detailliert Bescheid. Die Rollenumkehr brachte sie aber in eine Lage, in der sie Zuwendung einforderte, sich in mysteriöse Krankheitsbilder flüchtete, dissoziierte und für Verantwortung nicht erreichbar war. Es gab auch Phasen, in denen sich Mutter und Tochter wegen ihm nur anzickten. Mutters Vorwurf lauthals durchs Treppenhaus: du hast mir den Mann weggenommen. Was aus ihrer dysfunktional geprägten Sicht sogar irgendwie stimmte und mit ihrer eigenen Lebenserfahrung als Tochter ihres Vaters korrelierte.

Deshalb: raus aus diesen Strukturen. Ich habe mich sehr klar abgegrenzt und die damit verbundene Folgen sind der Preis der Freiheit.

Kiefer25

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Kiefer25 » So Aug 09, 2020 3:58 pm

Ein sehr interessanter Erfahrungsaustausch...

Manche Episoden kommen mir wirklich erschreckend vertraut vor.
Ich habe noch eine kleine Halbschwester (also nun auch schon Ü 30), bei der es vermutlich auch zu SMB kam
Sie und meine Stiefmutter haben sich, seit sie 10 war, extrem angefeindet. Dafür Koalition Vater-Halbschwester. Vor 2 Jahren ist meine Stiefmutter gestorben. Meine Halbschwester hängt immer noch viel zu Hause rum, schmiegt sich an meinem Vater wie ein kleines Mädchen, und- das wundert jetzt keinen- geniesst auch gerne seine finanzielle Unterstützung (Auto-Neuwagen und Partnerkreditkarte)

Mein Vater wiederum begreift sich grundsätzlich als Opfer: seiner Mutter (in dieser Beziehung war es es wohl tatsächlich, ob "nur" emotional und durch körperliche Gewalt oder darüber hinaus), seiner beiden Ehefrauen, von mir (habe ihm in der Pubertät vorgeworfen, mich missbraucht zu haben, mein Gross Vater wurde informiert, es gab eine kleine Entschuldigung meines Vaters, aber keine wirkliche Aufklärung):

Achtung. ****Trigger. Anfang



Real war er wahrscheinlich noch Opfer seiner Tante, die jedenfalls bei seinem jüngeren Bruder a*al Einläufe mit Se*Fe vornahm gegen Verstopfung...aber tatsächlich ohne echten Grund

und von Diakonissen in einem Kinderkurheim, die 6 Wochen lang allen Kindern morgens rektal Fieber gemessen haben, da war er 7, natürlich auch ohne das jemand Fieber hatte

*****Trigger Ende ****

Aber solange man sich nicht eingestehen kann, wann und wo man tatsächlich Opfer und ausgeliefert war, kann man wohl auch nicht verantwortungsbewusst erwachsen werden. Und Bier trinken ist auch soo viel einfacher als nachdenken...

Ja, es bleibt wohl nur: raus aus dem System.

Gast61

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Gast61 » So Aug 09, 2020 10:58 pm

Auch da ähneln sich die Strukturen.
Mein Großvater väterlicherseits war autoritär und wirtschaftlich erfolgreich. Seine Frau, also die Mutter meines Vaters kalt, hart, unempathisch. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er in den Kriegsjahren. Das war garantiert nicht lustig und keine gute Voraussetzung für eine störungsfreie Entwicklung. Sonst weiß ich recht wenig über ihn.

Er war auch autoritär strukturiert, nicht empathisch, erfolgreich und wirtschaftlich unabhängig. Inzwischen ist er als Rentner in die politische Ecke gewandert, in der sich die sammeln, die sich irgendwie als Verlierer fühlen. Obgleich er intellektuell sehr wohl in der Lage ist, das zu durchschauen. Er hat durchaus Verantwortung übernommen, zunächst seine Familie und dann später nur noch sie versorgt. Aber er blieb eben Gefangener seiner Widersprüche.

*** Trigger Anfang ***

Bei meiner Schwester war es ebenfalls mit Zehn so offenkundig, dass selbst ich es mitbekommen habe. Er war damals Ende Dreißig, Anfang Vierzig und offenkundig in der Lage, sie mit seinen männlichen Fähigkeiten durchaus zu beeindrucken. Die beiden waren das erste Paar, das ich dabei hörte. Wenn er beispielsweise auf Dienstreise war und sie es einige Tage nicht bekam, wurde sie sehr schnell regelrecht krötig.

Das ist ein deutliches Beispiel, wie das Wissen darum selbst bei nur sekundär Betroffenen wortlos in die nächste Generation übertragen wird. Mit Zwölf wusste ich am lebendigen Beispiel, in welchem Alter bei Mädchen S*x mit Vätern geht.

***Trigger Ende ***

Durchwachsene Ambivalenz und Verstrickung, das hält diese Strukturen zusammen, in dem das Opfer von heute mitunter die/der Aktive von morgen wird. Für deine Halbschwester hat es gepasst, sich mutmaßlich gut angefühlt, es war bequem und es hat sich durch Versorgung ausgezahlt.

Ich habe großes Verständnis dafür, wenn du einen ganz anderen Weg gehst.

Kiefer25

Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Kiefer25 » Mo Aug 10, 2020 1:38 pm

Nun V**gew*ltigungen bleiben eindeutig in der Verantwortung desjenigen, der sie begeht und desjenigen, der erwachsen ist, davon Kenntnis hat und sie duldet, also der Eltern. Das minderjährige Kind kann gar nicht wirklich zustimmen....

Bei meiner Mutter gab es, als ich von meinem Vater kam und aus entsprechendem Grund ziemlich durch den Wind war, die Reaktion, dass sie mich angeschrien hat, ich solle doch zu meinem Vater gehen, sie halte mich nicht. Die angedrohte Verbannung durch die eigene Mutter war natürlich worst case. Danach habe ich 3 Tage fast nur geheult und hätte sie mich nur halbwegs ohne Zorn und offen gefragt, warum ich so verzweifelt bin, so hätte ich noch sagen können was passiert war, bevor ich es dann lange verdrängt habe.

Und so bedeutet SMB regelmäßig den Verlust beider Elternteile, jedenfalls im Sinne von auch nur irgendwie funktionierenden Elternteilen. Leider ist es auch so, dass der Beginn der Übergriffe wohl regelmäßig recht früh liegt, ich erinnere mich an Vorfälle, da war ich fünf.
Ein Vater, der zehn Jahre lang die Grenzen wahrt und respektiert und dann "plötzlich" übergriffig wird, dürfte eher selten sein.

Mein Mann stellt manchmal bzgl meiner Mutter fest:Du hast dich selbst grossgezogen.
Wahrscheinlich sollte ich da stolz drauf sein und froh, dass mich meine innere Navigation immer in die richtige Richtung geleitet hat...raus und weg

Peach
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Re: Mutter Tochter Grenzverletzung? Vielleicht Trigger

Beitrag von Peach » Mo Aug 10, 2020 10:25 pm

Gast61, ich empfinde deine Darstellung der Schwester und Vater als Paar als unangemessen. Danke dir, Kiefer25 für die klare Benennung. Die Schwester wurde vg.
Der Vater bleibt Täter, die Schwester Opfer. Ein Paar waren sie nicht. Und ich glaube auch nicht, dass deine Schwester es "bekommen wollte", egal mit welchen Überlebensmechanismen sie reagiert hat.

Kiefer25, es tut mir leid, dass deine Mutter nicht nachfragte und dass du keine Möglichkeit hattest dich zu öffnen. Deine Mutter scheint nur bei sich gewesen zu sein. "Verlust beider Eltern" hat mich sehr berührt - so wird es sein. Teilweise auch Verrat beider.

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