Innerer druck

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NichtSagen

Re: Innerer druck

Beitrag von NichtSagen » Fr Mär 27, 2020 2:41 pm

Hallo,

Verstehe ich das richtig dass du Täter an deiner Schwester warst, sie aber älter als du ist? Dass du das hier so sagst finde ich mutig. Also ich rede es nicht schön und du weißt ja zum Glück selber dass es falsch war und bereust es. Ich glaube Sowas wünscht sich jedes Opfer, dass Einsicht da ist. Da bist du nicht alleine mit dem Wunsch an deinem Grossvater. Kannst du mir sagen, wie deine Schwester dir verziehen hat? Also bei mir ist auch was passiert. Da war ich 14 und mein Bruder 11 oder 12 nur er ist noch geistig behindert und ich habe mit ihm an so anhand von Puppen sowas nachgespielt und er hat dann später auch so gespielt. Ich hatte später damals war es mir noch nicht bewusst, dass er echt zum Täter werden könnte, weil er ja geistig behindert ist und sowas vllt mit anderen einfach macht also nachspielt, aber nein.

SophiawirdErwachsen
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Re: Innerer druck

Beitrag von SophiawirdErwachsen » Fr Mär 27, 2020 6:48 pm

Hallo Ibaf,

ich bewundere deinen Mut!
Echt bemerkenswert, dass du an dir so gearbeitet hast und dich so klar ausdrücken kannst. Das machen wohl wenige Täter!

Ich würde dir nur den Tipp geben beim nächsten Mal, bevor du klare Erinnerungen schreibst eine Triggerwarnung zu setzen. Es hat mich etwas erschreckt *:).
Dein Großvater ist ein Arschloch, tut mir echt leid für dich!
Deine Großmutter ist aber auch nicht viel besser...

Liebe Grüße
Sophia

aoi
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Re: Innerer druck

Beitrag von aoi » So Apr 05, 2020 10:19 pm

Hallo ibaf,

ich war lange nicht hier, daher kommt erst jetzt meine Antwort.

Schön, dass du es hier her gefunden hast und du das Gefühl hast, dass du dich austauschen kannst.

Ich finde es gut, wenn du überlegst, warum deine Mutter so reagieren könnte. Ich denke, dass es dir hilft ihre Verhaltensweisen besser einordnen zu können. Ich hoffe dennoch, dass du nicht vergisst, welches Ziel du vor Augen hast und hinterfragst, ob dies überhaupt machbar ist.


„Ich komme mir echt vor wie der böse in der ganzen Geschichte nur weil ich meinen Mund aufgemacht habe.“

Beim Lesen kam es für mich so rüber als gäbe es mehrere Ziele, dem zu Grunde liegt glaube ich immer, eine Veränderung der Familiendynamik. Das Problem dabei ist, dass dir das nur gelingen kann, wenn eben genau diese Veränderung von den anderen gewollt ist. Möchten oder schaffen sie es nicht, ist es leider ein gängiger Mechanismus die Person, die die Dynamik aufbricht, zu verstoßen, damit man sich selbst nicht mit seinen eigenen Problemen auseinander setzen muss. Hieltest du dann an deinen Wunsch fest, befürchte ich, dass es dir auf Dauer mehr schadet als es dir hilft und muss Sophia zustimmen, dass ein Kontaktabbruch wahrscheinlich die für dich gesündere Variante (auf Dauer!) darstellt. Dass dies nicht einfach gelingt, weiß ich leider persönlich. Ebenso bin ich mir bewusst, dass dies durchaus extreme Schwankungen und weitere Schuldzuweisungen mit sich ziehen kann, in denen ich zumindest therapeutische Hilfe und ein funktionierendes soziales System benötige, damit ich nicht rückfällig werde und meinen Grenzen treu bleiben kann.

Leider weißt du es sicher selbst, aber du wirst auch nicht deiner Mutter dabei helfen können, wenn sie sich nicht mit dem Thema auseinander setzen möchte. Es ist in Ordnung, wenn du ihr nicht böse sein kannst (vlt kommt das noch mit der Zeit), aber du hast das absolute Recht verletzt zu sein. Denn – auch wenn sie ihre eigene Geschichte gehabt hat – hat sie in meinen Augen die Pflicht ihrer Kinder zu schützen. Ich bin darüber hinaus auch davon überzeugt, dass sie dich durch eine unterstützende Haltung nicht nur von dem MB, sondern auch von deinen täter-bezogenen Aktionen geschützt hätte und damit auch deine Schwester. Lass dich bitte nicht als Therapeutenersatz von ihr ausnutzen. Das ist keine Rolle, die du übernehmen musst und auch NICHT erfüllen kannst. Du bist noch immer ihr Sohn.

Gleiches gilt im Übrigen für deinen Großvater.

Du schreibst: „Ja ich wünsche mir das schon irgendwie, dass er es zugibt. Das ist ein ganz tiefes inneres Bedürfnis und jetzt wo du es sagst klingt es logisch mich damit abzufinden, obwohl das nicht so einfach ist. Ich versuche dran zu arbeiten.“

Warum möchtest du es denn:
- weil es für dich und deinen Heilungsprozess behilflich sein würde? Falls ja, was erhoffst du dir davon? In welchem Punkt hätte dies tatsächliche Auswirkungen auf deine jetzigen Verhaltensweisen und Gefühle?
- du möchtest ihm helfen? Das ist ein völlig nachvollziehbarer Gedanke für mich. Hier stellt sich für mich allerdings auch die Frage, was dahinter steckt.

Möchtest du ihm aufgrund deiner eigenen Erfahrung weiterhelfen? Oder, weil du noch in einem Abhängigkeitsverhältnis steckst? Eventuell möchtest du auch durch kognitive Überlegenheit heute die Macht zurückgewinnen?

Musst du alles nicht beantworten und sicherlich gibt es noch mehrere Gründe. Vlt hilft es einfach beim reflektieren, warum dir es wichtig ist. Und falls es dann so nicht eintreten kann, was der darunter liegende Grund ist und wie du ihn anders erfüllen kannst.


"Was mich eigentlich auch zu einem anderen Punkt, lustiger Zufall, dass das gerade angesprochen worden ist. Ich habe mich selbst schon in einer täterrolle befunden. Ich war zu dem Zeitpunkt 12-13 und wusste selbst nicht was mich lenkt. Ich hab mich selbst lange dafür fertig gemacht und es nie verstanden. Dann bin ich halt in den Knast mit 15 und hatte lange genug Zeit mich damit auseinander zu setzen."

Ich finde es super, wie du dich mit deinem damaligen Täterverhalten im Knast auseinander gesetzt hast. Ebenso, dass du es offen kommuniziert hast. Ob ich an der Stelle deiner Schwester dies könnte, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Welche Rollenstereotypen konntest du für dich denn daraus ziehen? Spielt für dich der Gedanke der Pädophilie noch eine Rolle (weil du es hier angeführt hast)? Das hast du sicherlich bereits in der Therapie besprochen. Ich denke auch, dass diese Personen mehr Ahnung davon haben als ich. Dennoch fiel mir beim Lesen Manches auf, was ich einfach mal niederschreiben wollte. Wenn es für dich nicht passt, fühl dich bitte nicht verletzt.

Habe ich es richtig gelesen, dass du 12-13 warst und deine Schwester älter? Soweit ich weiß, fokussieren sich Pädophile besonders bei Mädchen auf die Altersgruppe zwischen Toddler bis maximal 11. Bei Jungen könnte es etwas später beginnen. Aber du weißt ja leider aus eigener Erfahrung, dass dies auch früher beginnen kann. Natürlich gibt es auch fließende Übergänge bei denen MB mit älteren möglich ist oder Pädophile auch parallel Ehen führen. Das wissen wir alle. Aber der „eigentliche“ Pädo ist ja schon irgendwie danach definiert. Daher ist mein persönlicher und sehr subjektiver erste Gedanke, nachdem, was ich über dich gelesen habe, dass dein Verhalten traumabedingt ist und vlt gar nichts mit dem eigentlichen „Dir“ zu tun hat. Das hast du aber sicherlich in der Therapie bereits besprochen??? Ich möchte damit die Dinge keineswegs runterspielen. Das ist einfach schlimm gewesen. Du hast daran gearbeitet und kannst offen damit umgehen und das ist total viel wert!


„Deswegen glaube ich tief innendrin zu wissen was mein Großvater fühlt und hoffe vielleicht deswegen, dass er irgendwann von alleine auf mich zu kommt und diese Abhängigkeit auflöst, aber das wird er wahrscheinlich nie tun.“


Ich denke nicht, dass er von sich aus auf dich zukommt. Tut mir leid, wenn es hart klingt; ist nur so mein Gefühl. Warum sollte er das jetzt tun, wenn er es bisher nicht getan hat? Ich denke, das ist dein Bedürfnis und nicht seins.

Es tut mir leid, was dir passiert ist und auch wie deine Familie, z.B. auch Großmutter reagiert hat. Dies zeigt ja ganz deutlich, dass ein eingefahrenes Muster besteht. Ich finde es gut, dass du dich versuchst davon zu lösen.

Die Schwäche und Hilfslosigkeit, die du in deinen Erfahrungen schilderst, kennen sicher sehr viele – wenn nicht alle hier. Du bist also nicht alleine. Ja, es ist ein ekliges Gefühl den Atem zu hören oder für mich auch den Geruch zu riechen. Gewalt ist für mich persönlich deutlicher eingrenzbar und verstehbarer, dass da was nicht stimmt. Das finde in Situationen, in denen keine für Kinder greifbare physische Gewalt passiert ist, sehr viel schwieriger.

Ich finde die Uhr könnte für dich ein gutes Signal sein, dass dein Körper dir sagt „hey, ich bin auch noch da. Beschäftige dich mal mit deinen Erinnerungen, sonst schwappt es über“. Daher finde ich es logisch, dass die Uhr immer lauter tickt. Meiner Erfahrung nach hilft dann Verdrängen nichts mehr, sondern die Auseinandersetzung mit dem, was hochkommt. Und ich kann mich darauf verlassen, dass ich dies in dem Moment – so schlimm es auch sein mag – in der Lage bin, es zu verkraften.

Der Körper ist ja immer so ein Thema bei MB. Dein Körper kann nichts für den MB. Es wäre sicherlich egal gewesen wie du ausgesehen hättest oder welches Geschlecht du bist. Der MB wäre wahrscheinlich so oder so passiert. Ich persönlich wurde von meinem Stiefvater vg und bin weiblich. Daher kann ich die Gedanken wahrscheinlich nicht oder nur teilweise nachvollziehen. Aber wie es hier auch schon geschrieben wurde, die DNA verändert sich. Allerdings hatte ich – besonders zu meiner Jugendzeit dieselben Gedanken bzgl. meiner Mutter. Daher kenne ich sie. Aber auch die DNA ist nur bedingt weiter gegeben und selbst der weitergegebene Teil ist durch die Verarbeitung von Traumata veränderbar. Dies ist mittlerweile nachweisbar; im umgekehrten Fall natürlich auch. Das bedeutet aber auch, dass du dich durch deine Arbeit mit dir sogar genetisch – auch wenn es kleine Stückchen sind – immer weiter von den familiären Strängen löst!

Du darfst auch trotz MB deinen Körper lieben. Ich weiß, ist verdammt schwer. Dissoziierst du in solchen Momenten, in denen deine Gedanken sich um deinen Körper oder dein Geschlecht kreisen?


Du bist dran. Es geht vorwärts!
LG Aoi

SophiawirdErwachsen
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Re: Innerer druck

Beitrag von SophiawirdErwachsen » So Apr 05, 2020 11:38 pm

Daher ist mein persönlicher und sehr subjektiver erste Gedanke, nachdem, was ich über dich gelesen habe, dass dein Verhalten traumabedingt ist und vlt gar nichts mit dem eigentlichen „Dir“ zu tun hat. Das hast du aber sicherlich in der Therapie bereits besprochen??? Ich möchte damit die Dinge keineswegs runterspielen. Das ist einfach schlimm gewesen. Du hast daran gearbeitet und kannst offen damit umgehen und das ist total viel wert!
Das ist mir jetzt ins Auge gesprungen. Sehe ich auch so.

Ibaf
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Re: Innerer druck

Beitrag von Ibaf » Mo Mai 18, 2020 1:48 am

Nach langer Zeit mal wieder Hallo.

Ich habe versucht einiges von dem Umzusetzen was Ihr alle geschrieben habt und mich auch mit einigen Fragen auseinandergesetzt, die Ihr gestellt habt, auch wenn manche Sachen für mich mit ganz viel Scham und Angst besetzt sind.

Als erstes Möchte ich auf die Täterrolle eingehen, weil ich das Gefühl habe, das erst ablegen zu müssen bevor ich auf meinen eigenen MB eingehen kann.

Auch wenn ich mittlerweile weiß, dass ich versucht habe mich mitzuteilen, fühlt sich das trotzdem nicht gut an, was ich getan habe und auch wenn ich weiß, dass es oft so kommt, dass man vom Opfer selbst zum Täter wird ist das keine Entschuldigung, gerade dann sollte man es besser wissen.

Nein meine Schwester war/ist jünger als ich. Die Frage woran ich merke, dass sie mir verziehen hat, hat mir lange zu denken gegeben.

Ich bin der Meinung das daran zu merken, dass sich unser Verhältnis Stück für Stück bessert und es langsam anfängt so anzufühlen, wie zu der Zeit, bevor das alles passiert ist.

Allerdings muss ich dazu sagen, dass es auch Hilfe von außerhalb gab und viele Konfrontationen, die ich einfach so hinnehmen musste.

Ob Sie es jemals komplett vergessen wird ist eine andere Sache. Ich hoffe irgendwann spielt es keine Rolle mehr.

Auf die Triggerwarnung werde ich in Zukunft achten

Aoi, den Gedanken hatte ich auch schon, dass es oft so ist, dass derjenige, der die Misstände aufzeigt auch dafür verantwortlich gemacht wird.
Ja der Kontaktabbruch ist leider eine sehr harte Grenze, aber ich merke, dass wenn ich mich von meiner Familie distanziere, es mir deutlich besser geht und mit wachsendem Abstand zumindest eine gewisse Stabilität einsetzt und ich auch das Gefühl habe, dass meine Energie mehr bei mir selbst liegt als im dauernden Kampf gegen diese Erdrückende Last von Problemen, die sich da aufgestaut haben.

Ich wünsche mir, dass mein Großvater das zugibt, damit diese Emotionale Abhängigkeit geht und das Gefühl, dass er mich damit von meiner Familie isoliert hat. Das Gefühl der Isolation kommt von mir selbst, dadurch dass ich nicht geredet habe, aber die Abhängigkeit kann ich leider nicht richtig lösen.

Nein du hast recht, helfen will ich ihm nicht wirklich. Da geht es wohl eher um die Machtverhältnisse und die Gewissheit ihm überlegen zu sein, ihn zu durchschauen und ihm das Gefühl zu überlassen was er mir damals vermitteln wollte, denn das kam schließlich von ihm und ist seit dem nie wieder gegangen.

Außerdem würde mich brennend interessieren ob er selbst als Kind sowas erlebt hat, aber ehrlich gesagt auch nur um ihm dann sagen zu können, dass er doch eigentlich wissen müsse wie scheiße das ist.

Aber im Nachhinein ist es wahrscheinlich besser ihm nie wieder über den weg zu laufen. Allein der Gedanke mich mit ihm an einen Tisch zu setzen löst in mir genau das Gefühl aus, was mich bis jetzt in meinem Leben dazu gebracht hat so viel scheiße zu bauen. So ein Sirren auf den Ohren, gewaltiger innerer Druck und überall kleine graue Punkte die mehr werden bis ich nichts mehr sehe. Nur dieses mal würde sich das alles auf ihn beziehen, da ich das mittlerweile zuordnen und ich würde komplett die Kontrolle verlieren.
Ich glaube es war wichtig über dieses Gefühl, Ohnmacht trifft das glaube ich ganz gut, zu beschreiben weil es jetzt nicht mehr irgendwo in meinem Kopf Rum geistert.

Ibaf
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Re: Innerer druck

Beitrag von Ibaf » Mo Mai 18, 2020 2:41 am

/Teil 2, habe ausversehen abgeschickt/

Nein, dass er das jemals zugeben wird bezweifle ich mittlerweile auch und es wird mir aber auch zunehmend egaler. Solange ich ihm das nachtrage, trage ich die Last, er muss damit leben was er getan hat.

Deine Perspektive auf die Uhr gefällt mir, ich werde versuchen das so zu sehen, für mich war sie bis jetzt immer nur ein Störfaktor.

Und ob jetzt an der Uhr gesehen (bzw der Notwendigkeit der Aufarbeitung) oder Generell an meinem Körper, ich weiß selbst, dass ich mir selbst mehr liebe zukommen lassen muss/sollte, denn auch eine regelmäßige Aufarbeitung macht man ja um sich selbst etwas gutes zu tun und daran hapert es bei mir generell gerne mal.

Man lernt so einen bestimmten Wert für sich selbst und der wird einem in den Kopf vergewaltigt und dann lebt man damit. Mir selbst mal das zu geben was ich wirklich brauche und was ich wirklich will, nehme ich mir zwar oft vor bin aber meilenweit davon entfernt.

Deswegen bin ich euch auch sehr dankbar, für die Aufmerksamkeit und Energie, die Ihr in eure Beiträge steckt und mit der Ihr lest was ich schreibe. Das sind gute Beiträge die mir weiterhelfen. Ich bin froh dieses Forum entdeckt zu haben. Hier habe ich das Gefühl wirklich wahr genommen zu werden.


Es geht, wenn ich an meinen Körper denke sehe ich zuerst mal den Kampfsportler und das gibt mir auch Kraft. Alles was darüber hinaus geht ist schwierig.

Manchmal ist in den Spiegel schauen schon schwierig, meistens geht das mit einem Kompletten Realitätsverlust einher, mich zu sehen, weil mir dann bewusst wird, wer ich bin und was ich erlebt hab und dann kickt es mich auch schon wieder in meine Gedankenwelt.

Ist mir zwar noch nie so wirklich bewusst gewesen, aber jetzt wo du fragst ergibt es Sinn.

Danke dass ihr da seid.

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