Ein- und mehrfache Traumatisierung

Hier können Betroffene über ihre Erlebnisse diskutieren.
T...

Ein- und mehrfache Traumatisierung

Beitrag von T... » Di Dez 10, 2019 9:27 pm

Hallo,

ich wollte fragen, ob jemand etwas genaueres zu den unterschiedlichen Folgen von ein- und mehrfachem Trauma weiß.
Also ich weiß, dass man bei den Folgen zwischen "einfacher" und komplexer PTBS unterscheidet und diese Unterscheidung in engem Zusammenhang zu den verschiedenen Traumata steht.
Ich bin im Moment sehr verwirrt über die Folgen eines einmaligen Ereignisses. Seitdem habe ich Flashbacks, Albträume und Ängste bezüglich dessen, die mich ziemlich belasten. Das kenne ich in der Form nicht durch die gravierendere Gewalt in der Kindheit.
Wie kann es sein, dass sich die Folgen von ein- und mehrmaligen Erlebnissen so unterscheiden? Kann es sein, dass ein einmaliges Trauma einen mehr belastet als das aus der Kindheit?
Hoffentlich weiß jemand hier etwas fachliches dazu, weil das für mich wirklich unverständlich ist, mit dem was ich über Trauma weiß. Denn ich kenne nur diese Informationen, dass ein Trauma schwerwiegender ist, wenn es lange dauert und die Täter Bindungspersonen sind. Aber das passt überhaupt nicht zu meinem aktuellen Erleben. Was stimmt nur nicht mit mir?

Gast

Re: Ein- und mehrfache Traumatisierung

Beitrag von Gast » Di Dez 10, 2019 10:21 pm

hallo t.,

ich glaube dass die infos die du hast stimmen... allein bindungstheoretisch aber auch entwickungspsychologisch wäre alles andere komisch...

sehe 2 optionen
1. die dinge aus deiner kindheit sind sowet bearbeitet dass nun das aktuelle ereignis mehr platz bekommen kann
oder was vermutlich eher der fall ist
2. da das im ereignis im erwachsenenalter weniger schlimm ist zeigen sich da die symptome nun stark. wenn das gut bearbeitet ist hat deine seele blöd gesagt vielleicht schon ein wenig "Übung" und das was jetzt vielleicht noch abgespalten ist dh wo du nwenig zu fühlst rückt dann näher...
gastacht
ps glaub bei den mehrfachtraumata selbst ist es ja ähnlich.erst erinnert man weniger schlimme dinge und dann eben mit der zeit immer schlimmeres..

~SteinHart~
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Re: Ein- und mehrfache Traumatisierung

Beitrag von ~SteinHart~ » Di Dez 10, 2019 10:23 pm

Wenn ich dich richtig verstanden habe hast du vin der Kindheit Gewalt erfahren und im erwachsenen Alter ein einmaliges traumatisches Ereignis gehabt(?)

Kinder die Gewalt erfahren haben sind vorbelastet, da trifft ein einmaliges gewaltsames Ereignis sozusagen auf fruchtbaren Boden :(

Altes kam aktiviert werden, sich wieder aufdrängen usw.

Bei rinem Monotrauma, also einem einmalige Ereignis ist die Prognose bei zügigem Zugang zu Therapie deutlich besser als bei einem chronischen Trauma.

Zeit braucht es dennoch und die Symptome können sehr stark sein.

SH
Die Zeit bewegt sich in eine Richtung, die Erinnerung in eine andere.
(William Gibson)

SophiawirdErwachsen
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Re: Ein- und mehrfache Traumatisierung

Beitrag von SophiawirdErwachsen » Di Dez 10, 2019 11:38 pm

Hallo T,

ich denke das Wording ist vielleicht das Problem dabei. Komplex bedeutet nicht belastender und einfach bedeutet nicht weniger belastend.
Ein einfaches Trauma kann dich arbeitsunfähig machen, genauso wie ein komplexes dir Bauchschmerzen machen kann. Es geht eher um die Komplexität der Behandlung und die Verstrickung sozusagen, die dahinter liegt (das ist jetzt keine Fachsprache aber vl ist es so verständlicher). Es kommt auch daraufan inwieweit es bearbeitet wurde, in welchen Lebensumständen du gerade steckst und so weiter.
Wenn du schon stark traumatisiert bist ist deine Vulnerabilität erhöht, das heißt eventuell treffen dich danach erlebte traumatische Erlebnisse stärker als Menschen die kein Trauma haben. Das heißt aber noch nicht mal, dass du das auch so empfindest. Der "Sinn" vom Trauma ist ja auch Dinge abzuspalten. Also kann es leicht sein, dass dich jetzt ein einmaliges Erlebnis massiv belastet, einfach weil es mehr im Bewusstsein ist als ein anderes Trauma, das du vielleicht kognitiv schon lange erfasst hast, aber es noch nie so stark im Bewusstsein war.

Triggerwarnung::::

Ich meine damit beispielsweise, dass du vielleicht den mb aus deiner Kindheit schon ewig weißt und auch darüber geredet hast und so weiter, aber es eben noch nie so "wiedererlebt" hast, es nicht so "real" ist , wie dieses Trauma, das jetzt gerade so präsent ist.
Bei "mir" war es so, dass "ich" als Teenager einmal von einem Fremden vg wurde und als die Erinnerung hochkam war das so schrecklich für "mich", dass "ich" einfach nur sterben wollte. Es war furchtbar, "ich" konnte nicht mehr arbeiten, "ich" konnte nicht mehr essen "ich" konnte gar nichts mehr. Der mb aus meiner Kindheit, der ja damit gar nicht vergleichbar ist, kommt mir jetzt noch manchmal surreal vor, obwohl ich weiß dass es so war und ich auch sehr oft darüber gesprochen habe und viel Therapie hatte und ich auch dazwischen gelitten habe und immer wieder sehr schlechte Phasen habe und so weiter. Also subjektiv betrachtet empfand "ich" die Erinnerung an das "einfache" Trauma wesentlich heftiger als das "komplexe" Trauma.
Wenn ich aber dann weiterdenke, dass "ich" das "einfache Trauma" nach ca. zwei Jahren bearbeitet hatte und "ich" es dann für mich zum Glück zufriedenstellend (es belastet mich nicht mehr) abschließen konnte, während mich das andere immer noch massiv in meinem Leben beeinträchtigt, dann sieht die Sache schon anders aus. Und wenn man dann noch weiter geht und analysiert, dass ich "mich" zwar nicht mehr töten wollte, aber eigentlich wahrscheinlich nur deshalb weil wir mehrere sind und sich die Depressive von uns schon seit einiger Zeit ausgeklinkt hat und gar nichts mehr macht während wir versuchen ihre Arbeit zu erledigen ... dann wird klar dass das mit der Komplexität und dem Empfinden so eine Sache ist ... und wenn man dann noch die Ursache ansieht, wieso eine dis entsteht... dann wird es überhaupt kompliziert

*:) Also wie du vielleicht bemerkst, denke ich, dass man diese Wörter nicht allzu "ernst" nehmen darf, wie Diagnosen übrigens auch nicht. Sie bezeichnen einfach bestimmte Vorgänge oder Zustände aber sagen nichts über die Empfindungen eines einzelnen Menschen aus. Die können subjektiv einfach sehr unterschiedlich sein.

Liebe Grüße
Sophia

T...

Re: Ein- und mehrfache Traumatisierung

Beitrag von T... » Mi Dez 11, 2019 12:42 am

Danke für eure Gedanken dazu. Das beruhigt mich ein bisschen, dass es vielleicht doch eine logische Erklärung dafür gibt.
@Steinhart: Ja das hast du richtig verstanden.
Vielleicht sollte ich noch sagen, dass das einmalige Ereignis erst ein paar Monate her ist, es war auch nur "normale" Gewalt, nicht Mb.
Aber auch das hat dazu beigetragen, dass ich eben dachte, das müsste weniger belastend sein.
@gastacht: Ja die zweite Option ist vielleicht die Erklärung. Denn es ist schon tatsächlich so, dass ich zwar weiß und es mir auch logisch erscheint, dass jahrelange Gewalt und Mb durch wichtige Bezugspersonen tiefergehende Folgen anrichtet und einen deswegen auch mehr belastet. Aber ich kann das nicht fühlen und zu dem aktuellen Erlebnis fühle ich eben Angst und so schon.
Meine Überlegung war, eben weil ich so wenig Gefühle (und nur teilweise Erinnerungen) habe, eher ob das in der Kindheit vielleicht doch alles eher nicht so drama-/traumatisch war. Aber vor dem Hintergrund, dass etwas vergleichbar harmloses solche Symptome ausgelöst hat, ist das wohl keine schlüssige Erklärung.
Es ist aber auch keine gute Perspektive, wenn diese Symptome dazu im Moment nur nicht vorhanden sind, weil alles relativ gut verdrängt ist.
@Sophiawirderwachsen: Danke für deine ausführliche Antwort. Du hast das gut in Worte gefasst. Ja es wirkt immer wieder surreal, weil es dazu kaum Gefühle gibt und weil es gar nicht wirklich wahr sein kann, wenn doch in der Realität alle immer so tun/getan haben als wäre da gar nichts gewesen.
Im Gegensatz dazu war ich mit dem aktuellen Ereignis nicht allein und es wurde darüber gesprochen (weil es nicht so beschämend ist). Und obwohl das also alles eigentlich gute Voraussetzungen sind, sind diese Erinnerungen für mich schon belastend, auch weil sie oft getriggert werden. Es ist mir dann schon auch ein Rätsel, was da für Gefühle und Erinnerungen noch warten, die bisher zum Glück nur selten ungefragt kommen.

lindsey
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Re: Ein- und mehrfache Traumatisierung

Beitrag von lindsey » Do Dez 12, 2019 5:57 am

Bei mir war es so dass das MB Trauma der Kindheit komplett weg war. Aber heute verstehe ich dass es in harmlosen Situationen immer wieder getriggert worden ist. Einmal mit Todesangst bei ne Schneeballschlacht vor ein paar jahren. Nur weil man sich nicht erinnern kann heisst es nicht dass das Trauma weg ist.... Tatsächlich finde ich die Zeiten in meinen Leben die eine "Blackbox" sind echt gruselig... Was ist da noch?

Gast

Re: Ein- und mehrfache Traumatisierung

Beitrag von Gast » Do Dez 12, 2019 12:49 pm

Hallo,

ich mag noch akut versus chronisch ins Spiel bringen.
Eine akute Grippe kann einen im Moment deutlich mehr belasten als chronisches Asthma, obwohl ersteres als deutlich harmlosere Erkrankung gilt.
So mag es auch bei Traumata sein. Das chronifizierte ist man vielleicht gewohnt und hat im gewissen mass damit umgehen gelernt, während das akute halt "im Moment" heftiger sein kann.

Gruss Waldkatze

GastX

Re: Ein- und mehrfache Traumatisierung

Beitrag von GastX » Do Dez 12, 2019 2:35 pm

Der Fachbegriff dafür heißt Retraumatisierung.

Nicht ungewöhnlich, dass selbst Dinge, die vorher möglich waren, danach anfangs nicht mehr funktionieren. Wenn du die Möglichkeit hast, nutze die Chance mit einer Thera drüber zu reden was dich belastet.

Eine Wertung von Ereignissen ist immer schwierig. Bauen diese doch aufeinander auf.

Suche dir gute Hilfe und Unterstützung. Schau was du jetzt gutes für dich tun kannst. Grenze dich ab.

T...

Re: Ein- und mehrfache Traumatisierung

Beitrag von T... » Do Dez 12, 2019 10:32 pm

Danke für eure Antworten. Es tut echt gut, dass es scheinbar nicht völlig falsch ist wie ich mich fühle, obwohl mir das so verkehrt vorkam.
Das macht mir schon Mut mir nun Hilfe zu suchen und ich fühle mich schon bereit und auch motiviert, weil diese Ängste und dieses Minenfeld von Triggern mich belasten. Ein bisschen unsicher bin ich aber, weil ich schon Angst habe dadurch auch an dem chronischen/komplexeren Problem zu rütteln.
@Sophiawirderwachsen oder andere die ein einmaliges Trauma schon bearbeitet haben:
Passiert das dann relativ unabhängig von dem "Rest" oder ist es irgendwie Voraussetzung, dass man sich auch gleichzeitig damit auseinandersetzt? Das frage ich mich auch, weil ich weiß, dass der bestehende Täterkontakt ohne weitere Traumatisierung, aber mit ungesunden Beziehungsmustern und doofen Abhängigkeiten wahrscheinlich ein No-Go für Therapie ist.

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