Realität emotional anerkennen / Mir glauben

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aoi
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Realität emotional anerkennen / Mir glauben

Beitrag von aoi » Sa Dez 07, 2019 12:07 pm

Hallo ihr Lieben,

als ich mit der Therapie angefangen hatte, hatte ich von manchen Flashbacks nur ganz wenige Bruchstücke. Klar, das ist normal. Jedoch war ich zu der Zeit bei einem Therapeuten, der meinte, dies müsste dann nicht so gewesen sein wie ich es sehe, weil sich Erinnerungen nicht immer richtig abspeichern lassen und sie sich auch verändern können. Ja, das ist logisch und mir auch bewusst.

Mittlerweile habe ich zu einigen der Flashbacks ein genaueres Bild und weiß, dass sie stimmen (auf der rationalen Ebene). Die Aussagen des Therapeuten haben nun aber bewirkt, dass ich auch obwohl ich nun mehr sehe, es emotional nicht immer zulassen kann (mir glauben kann) und wünschte mir Beweise, die auch vor Gericht bestand hätten, um mir zu glauben (bei manchen Aspekten).

Kennt ihr das? Wie geht ihr damit um?
GLG Aoi

PS: Ich bin mittlerweile bei einer anderen Therapeutin, da es mit dem alten nicht gepasst hatte. Meine Zweifel sind dennoch da.

lindsey
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Re: Realität emotional anerkennen / Mir glauben

Beitrag von lindsey » Sa Dez 07, 2019 12:25 pm

Hallo Aoi,

mir geht es ähnlich wie dir. Manchmal zweifle ich sehr stark an meinen Erinnerungen. Es gibt der facto keine Beweise, dass sie stimmen. Und es ist so seltsam wenn man 26 Jahren keine Erinnerung hatte, plötzlich aber alles zurück ist.
In meinem Fall ist der Täter verurteilter Sexualstraftäter... das erhöht natürlich die Wahrscheinlichkeit. Es kann aber ja auch einfach nur ein "streich" des Unterbewusstseins sein.

Mein Therapeut hat die Erinnerungen zum Glück nicht angezweifelt. Sind aber auch in der Sitzung bei ihm wieder gekommen und hatten ihn in der Intensität selbst überrascht. Nur ich zweifle manchmal weil es sich so unwirklich anfühlt und einfach nicht sein darf ....

Was mir hilft, ist es in mich hineinzuspüren. Das ist nicht einfach, weil ich mich ja so lange selbst gar nicht wahrgenommen habe. Es kommen dann aber die Emotionen wieder. Und die sind auch im Körper Gedächtnis gespeichert. Kommen bei Körperarbeit immer wieder hoch. Die Emotionen können nicht lügen. So etwas kann man nicht fühlen, wenn man nicht wirklich etwas unglaublich schlimmes erlebt hat. Und auch solche Erinnerung können nicht einfach so aus dem Nichts auftauchen. Ich versuche es Schritt für Schritt zuzulassen. Vielleicht löst sich dadurch ja die "Erstarrung" eines Tages auf...

Alles gute wünsche ich dir!!!!

aoi
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Re: Realität emotional anerkennen / Mir glauben

Beitrag von aoi » Mo Dez 09, 2019 5:31 pm

Hallo lindsey,

vielen lieben Dank für deine Antwort. Es tat auch gut zu hören, dass du diese Gefühle und Zweifel kennst. Ja, es ist schon manchmal seltsam zu wissen, wie lange man welche Infos unterdrücken konnte.

Ich schreibe übrigens erst jetzt, weil ich die letzten Tage stark in ner disso drin hing und mir gar nichts mehr geglaubt hatte. Auch nicht, das, was ich anderen Freunden bereits als Kind erzählt hatte und Dinge, die sie mir auch gestern am Telefon bestätigt hatten. Genau, es wirkte alles so total unwirklich.

Lieberweise habe ich noch einen Link von jemand aus dem Forum erhalten. Als ich den Text las, hatte ich direkt einen neuen Flashback und seitdem geht es wieder etwas „besser“, zumindest bin ich teilweise wieder hier. Vielleicht war das ein gezwungenes Hineinspüren, denn wenn ich mich bemüht hatte, hinein zu spüren, hatte ich entweder nichts gespürt oder meinen Symptomen nicht geglaubt.

Interessant, dass dein Therapeut von den Auswirkungen überrascht war. Wie hat er das denn gezeigt bzw. was meinte er dazu? Und wie ging es dir damit?

lindsey hat geschrieben:
Sa Dez 07, 2019 12:25 pm
Das ist nicht einfach, weil ich mich ja so lange selbst gar nicht wahrgenommen habe. Es kommen dann aber die Emotionen wieder. Und die sind auch im Körper Gedächtnis gespeichert. Kommen bei Körperarbeit immer wieder hoch. Die Emotionen können nicht lügen. So etwas kann man nicht fühlen, wenn man nicht wirklich etwas unglaublich schlimmes erlebt hat.
Das stimmt wohl leider. Das ist alles andere als leicht und manchmal denke ich mir, es kann doch gar nicht sein, dass ich sooo lange so wenig von meinem Körper gespürt hatte und es sich trotzdem "normal" angefühlt hat.

Aber die emotionalen und körperlichen Erinnerungen waren genau die Dinge, die ich mir nicht geglaubt hatte. Körpererinnerungen und Gefühle; denn dafür habe ich ja keine rationalen Beweise. Ich hatte einfach seit Tagen tierische Schmerzen, besonders im Gen***bereich! Im Nachhinein betrachtet, hat dies sehr wahrscheinlich die dissos ausgelöst. Und dann dachte ich, dass ich mir auch die Schmerzen einbilden würde. War also echt heftig.

Du hattest in dem anderen Thread geschrieben, dass die linke Seite mit der Weiblichkeit assoziiert wird? Hab ich das richtig verstanden. Wäre interessant hiervon mehr zu erfahren, denn ich leide immer darunter, dass meine linken Oberschenkelmuskel ziemlich angespannt sind, genauso wie Schmerzen in der HWS (besonders linksseitig), aber auch am Steißbein. Letzteres hat natürlich jetzt nichts mit Seiten zu tun.

Lg Aoi

Käferchen
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Re: Realität emotional anerkennen / Mir glauben

Beitrag von Käferchen » Mo Dez 09, 2019 10:10 pm

Liebe aoi,

auch ich kenne dies sehr gut. Die ewigen Selbstzweifel, ob die wenigen Erinnerungen die Wahrheit sagen und auch das Relativieren gehört mit dazu, finde ich.

Ich habe nur die Bestätigung meiner Schwester und eine Narbe. Sonst nichts. Irgendwie ist es auch sehr

Käferchen
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Re: Realität emotional anerkennen / Mir glauben

Beitrag von Käferchen » Mo Dez 09, 2019 10:14 pm

... plötzlich auf Absenden gekommen.

Es hat auch viel damit zu tun, dass ich das Ganze dann annehmen und in seinem ganzen Ausmaß fühlen müsste. Und dazu muss man bereit sein. Ich glaube, ich bin es noch nicht......

lindsey
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Re: Realität emotional anerkennen / Mir glauben

Beitrag von lindsey » Di Dez 10, 2019 1:56 pm

Hallo Liebe aoi,

Gut dass du wieder etwas mehr auf der Höhe bist! ;-)

Ich finde diese Achterbahnfahrt manchmal einfach ziemlich nervig... Aktuell geht es bei mir halbwegs. Bin auf der Zielgeraden in meinem Job und Grad nochmal in Singapur. Echt anstrengend, aber immerhin bin ich Grad Mal hoch funktional! Nur mit mega Jetlag.... Hoffe das fällt mir nächste Woche nicht auf die Füsse....

Google Mal linke und rechte Körperhälfte. Wirklich interessant! Links stecken jede Menge unverarbeitete Emotionen aus der Vergangenheit... Leider ist verlinken hier ja nicht möglich...

Hmmm zur Situation wo die Erinnerungen wieder kamen.... War in Hypnose und eigentlich ging es um die Frage warum ich so unendlich energielos bin. Zu dem Zeitpunkt ging es mir endlich stabil besser und ich hatte vor das als letzten Termin zu nehmen. Naja und plötzlich waren die Erinnerungen aus heiterem Himmel wieder da. Die Erinnerung an diesen Tag wirkt auch Grad ziemlich weit weg... Hat sich in einer kompletten Körperreaktion gezeigt. Ich hatte das Gefühl mein Onkel liegt auf mir drauf und hab die Hände Abwehrend vorm Körper gehabt. Mega Panik. Dabei zum ersten Mal in ner Sitzung geweint und "nein lass mich" gewimmert....
Mein thera ist sehr erfahren und ich war schon oft da. Er hat mich noch in Hypnose beruhigt. Ich hatte auch ein paar anstrengende abreaktionen mit zittern, nach Luft ringen etc....
Ich war seit 2 Jahren dort und mit so nem tief versteckten Trauma hat auch mein thera nicht mehr gerechnet. Er wollte eigentlich dass jetzt Mal langsam Schluss ist und ich mein Leben weiter lebe.... Aber er ist sehr besonnen und mitfühlend. Möchte aber auch jetzt dass ich nicht in Abhängigkeit und dauer Therapie lande, sondern gibt mehr Hilfe zur Selbsthilfe bspw. EFT. Mich selbst spüren lernen.... Genau meine Stärke.... 🙄
Nächste Woche hab ich den letzten Termin. Dann geht's alleine weiter...

Liebe Grüße
lindsey




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survivor unlogged

Re: Realität emotional anerkennen / Mir glauben

Beitrag von survivor unlogged » Di Dez 10, 2019 5:29 pm

Hi liebe aoi,

ja ich kenne das auch. Ich glaube dieses emotionale Annehmen ist ein Prozess. Das kann eine Zeit dauern. Das die Erinnerungen da nur stückhaft wiederkommen hab ich auch erlebt. Wie geh ich damit um? Ich hab versucht das ganze als Erfahrung zu integrieren und das irgendwie einzuordnen. Das ist schwer für mich zu erklären, wie ich das empfinde. Wichtig ist denke ich, nicht auf der einen Seiten in so einen Modus "Damit Abfinden" zu verfallen (oder sich das von irgendwelchen inkompetenten Zeitgenossen einreden zu lassen!), damit man sich nicht womöglich immer noch schlechter fühlt deswegen. Sich gegen die Erinnerungen absichtlich sträuben ist verständlich, bringt aber finde ich auch nicht viel. Das verursacht nur innere Anspannung und noch mehr seelische Schmerzen. Ich denke das ist ein "durchgehen und überwinden". Versteh mich bitte nicht falsch. Ich meine nicht den blöden Spruch von wegen "sie muß darüber wegkommen und das vergessen" oder sowas. Das geht nicht und man hat das Recht (und auch die Notwendigkeit!) das ganze zu VERARBEITEN und sich dafür die Zeit zu nehmen die man BRAUCHT. Klingt vllt. alles etwas holprig jetzt. Hoffe ich konnte etwas behilflich sein.

Liebe Grüße und viel Kraft,

survivor

SophiawirdErwachsen
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Re: Realität emotional anerkennen / Mir glauben

Beitrag von SophiawirdErwachsen » Mi Dez 11, 2019 1:19 am

Hallo aoi,

ich kenne das sehr gut und es quält mich immer wieder. Mir hilft es manchmal meine Zweifel sehr genau zu analysieren und mich zu fragen, ob denn ein Zweifel genau in diesem Punkt wirklich relevant ist....

Ich habe sehr viel über False-Memory und Dr. Julia Shaw (die ja auch mehr als kontraproduktiv an die Sache herangeht meiner Meinung nach) gelesen, davon gehört und mir auch Vorträge angesehen... es kommt immer auf das selbe Ergebnis. Menschen erinnern sich dann FALSCH, wenn ihnen falsche Infos SUGGERIERT werden. Das heißt, wenn du keine manipulative oder unachtsame Therapeutin hast kannst du das schon mal ausschließen. Die "normalen" Verfälschungen betreffen in diesen Studien immer Details, die Tatorte und Personenbeschreibungen in Ermittlungen betreffen.

Trigger.:::::

Da könntest du dir die Frage stellen (das hilft in meinem Fall zumindest meistens)... ist es denn wirklich relevant ob die Haarfarbe braun oder blond war? Ob es hell oder dunkel war? Ob es warm oder kalt war? Ob es Sommer oder Winter war? Ob das ein Wohnzimmer oder ein Keller war? Ob das fünfmal oder zehnmal war? Ob er/sie... das oder das so oder so formuliert hat? Ob du dich an Verletzungen erinnerst oder nicht? Ob du zu groß zu klein warst... und so weiter....
Es geht doch eher darum, dass die Tat war... und die bildest du dir nicht ein.

Triggerende:::

Wenn der Gedanke zu schwierig ist denk ich auch manchmal an banale Dinge wie einen Autounfall...und stell mir dann vor, wenn der Lenker eines Autos zu mir kommen würde, einfach nur um mir zu sagen, was passiert ist, würde ich ihm glauben oder nicht?... Wäre es wirklich wichtig zu wissen ob das ein LKW oder ein Kleintransporter, ein BMW oder ein Suzuki, ein junger oder alter Fahrer war? --> Nein, es gab einen Unfall und das Auto ist Schrott. Das seh ich, somit ist die Sache klar. Den Rest kann er mir zwar erzählen oder auch nicht, aber dass es ein Unfall war ist offensichtlich. Vielleicht hätte das keine Relevanz bei der Versicherung, aber ich bin nicht die Versicherung, sondern nur die Instanz die sagt, ob ein Unfall passiert ist oder eben nicht.

Und so ist es dann bei deinen Erinnerungen auch. Es geht ums Prinzip. Das Rundherum wird dann meistens unwichtiger...


Das mit der linken Seite finde ich auch spannend. Ich frag mich schon ewig wieso meine linkes Bein irgendwie nicht gut funktioniert, hab immer das Gefühl das ist steif und ich hinke irgendwie (also glaub ich nicht, dass es sichtbar ist, aber es fühlt sich so an, manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass es das Gewicht irgendwie nicht trägt), vl muss ich doch nicht zum Orthopäden *:)...


Alles Liebe
Sophia

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