Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Hier können Betroffene über ihre Erlebnisse diskutieren.
Sayeda
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Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von Sayeda » So Nov 17, 2019 4:30 pm

Hallo,

ich mag mal ein paar Gedanken hier lassen. Mal schauen, wie es sich weiter entwickelt.

Aus welchen Gründen auch immer habe ich eine Serien gestreamt, bei der es um einen Massenvergewaltiger ging. U.a. um eine junge Frau, der aufgrund ihrer Biografie und der Tatsache, dass sie sich in den Erinnerungen in Widersprüche verstrickte, nicht geglaubt wurde.

Es sind Sätze, an denen ich hängen geblieben sind.

Eine ältere Frau erzählt in der Gerichtsverhandlung, wie sich aufgrund der Tat sich ihr Leben verändert hat. Sie täglich bei den kleinsten Verrichtungen Angst hat. sie sich nicht mehr traut den Rasen zu sprengen oder am Fenster zu lesen. Wie sehr dieser Tag ihre Lebenswelt verkleinert hat. Sie jeden Tag daran denken muss und jeden Tag aufgrund dieser einen Nacht Angst hat.

Eine andere Frau erzählte ähnliches. U.a. auch, dass sie nicht mehr dazu fähig ist, sich auf Beziehungen einzulassen. Nie länger in einem Job bleibt.

Wiederum eine andere erzählt, dass sie sich nach dieser Nacht vn ihrem Freund getrennt habe, sich auf One-night-stands eingelassen habe, obwohl das vor ihrer Tat nicht ihre Art gewesen sei, sie sich dafür schämt und es kristallisierte sich heraus, dass sie dadurch versuchte wieder Kontrolle über ihr Leben zu bekommen.

Ach. Es sind so viele Dinge beschrieben worden, die auch ich kenne ud vermutlich ihr alle auch.

Und ich dachte so bei mir: Diese eine Nacht hat bei diesen Frauen so viel ausgelöst, ihr Leben zerstört, ihrem Leben den Stempel aufgedrückt, dem man nie weider entfernen kann und mit dem man leben muss. Und ich, bei mir fing es schon sehr früh an, ging lange, es waren mehrere Täter*innen, es war physisch, psychische und sexuelle Gewalt. Habe ich nicht auch das Recht Angst zu haben, in Alltagssituationen komisch zu reagieren, das Leben manchmal nicht auf die Reihe zu bekommen etc.? Sollte ich mir das nicht einfach mal eingestehen, dass es schlimm war. Richtig schlimm. Und etwas, was gestandene Frauen aufgrund einer einmaligen Vergewaltigung aus dem Leben haut, darf es mich nicht auch immer wieer aus dem Leben hauen?

Und es verbindet sich noch etwas in mir. Mein Antrag beim Fond gig es unterem anderem darum, wann der sexuelle Missbrauch angefangen hat. Ich sagte, dass ich aufgrund von Erinnerungen davon ausgehe, dass es mindestens im 5. Lebensjahr angefangen hat. Die Beraterin meinte, dass es dann in der Regel schon früher begonnen haben könnte. Und ich nehme an, dass zumindest die körperlichen Misshandlungen bereits mit zwei Jahren anfingen. Wenn ich daran denke, wie früh das war. Dass es eben nicht "nur" eine Vergewaltigung im Erwachsenenalter war (was schon viel zu schlimm ist). Habe ich dann nicht das Recht dazu, immer wieder zusammen zu brechen? Nichts auf die Reihe zu bekommen. Und auch mal sichtbar zu machen, wie schwer verletzt, vernarbt, verkrüppelt ich bin?

Doch traue ich mich nicht. Habe Angst.
Ich traue mich weder bei Freundinnen, noch bei der Arbeit mich in meinem Ganzen zu zeigen. Ich traue mich nicht, meinen Kolleginnen zu sagen, dass meine zukünftige Hündin eine PTBS-Assistenzündin ist und ich überlege hin und her, wie ich das argumentieren kann. Ich traue mich nicht bei der Arbeit zu sagen, dass ich die 3,5 Wochen nicht wegen eines grippalen Infektes, sondern aufgrund meiner Vergangenheit arbeitsunfähig war. Weil ich inzwischen die Erfahrung machen musste, dass sie mit solchen Erkrankungen bei Kolleginnen nicht umgehen können.

Ich traue mich nicht, dann wenn es mir schlecht geht, das meinen Freundinnen zu sagen, wenn sie fragen wie es mir geht, weil ich ja nicht ständig jammern möchte und es doch endlich mal auf die Reihe bekommen möchte.

Immerhin traue ich mich gerade das zu schreiben und gestehe mir die Tränen, die gerade da sind, als das hinzunehemn was sie sind: Trauer, Wut, Verzweiflung, Schmerz und so vieles mehr.

Sayeda
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Stillalive
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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von Stillalive » So Nov 17, 2019 5:22 pm

Liebe Sayeda,
ich kenne all diese Gedanken und Gefühle nur zu gut! Ich bin nach außen auch immer die Starke, wenn es mir schlecht geht, nenne ich fast nie die wahren Gründe. Nur ganz wenige Menschen in meinem Leben wissen etwas mehr von mir, doch selbst bei denen tue ich mir schwer, um Hilfe zu bitten oder zuzugeben, dass es mir gerade nicht gut geht.
Ich finde es super, dass du dir eine PTBS Assistenzhündin nehmen wirst, würde ich auch sehr gerne, meine Therapeutin hat es mir schon oft empfohlen, leider geht es aus verschiedenen Gründen nicht.
Ich wünsche dir alles Gute!

SophiawirdErwachsen
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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von SophiawirdErwachsen » So Nov 17, 2019 6:29 pm

Hallo Sayeda,
ich versteh´deine Gedanken. Mich kotzt es auch immer wieder an "lügen" zu müssen während andere einfach sagen können, dass sie wegen einem Autounfall oder sonstigen Erlebnissen ein Monat in der Arbeit ausfallen ... während ich jeden Tag mit "mir selbst" klarkommen muss und alles nur anstrengend ist.
Ich finde dass wir alle das Recht hätten uns immer zu zeigen wie wir sind, das Problem ist nur, dass es einfach nicht klug ist in der Gesellschaft, in der wir leben. Du hast es schon geschrieben. Es können eben echt nicht viele damit umgehen, geschweige denn sich abartige Dinge vorstellen. Hätte neulich am Vormittag Therapie gehabt weil meine Therapeutin jetzt längere Zeit nicht da ist und sonst kein Termin mehr frei war. Hab im ersten Moment bei der Terminvereinbarung gezögert aber dann gedacht, dass das ja kein Problem wäre. Viele meiner KollegInnen sind während der Arbeitszeit mal beim Arzt oder haben sonstige Termine... also wieso nicht auch ich. Und eine Bestätigung einer Psychotherapeutin ist vollkommen in Ordnung. Offiziell. Dann haben meine Zweifel begonnen, ich hab mit einer KollegInnen, der ich vertraue, gesprochen und danach war mir klar, dass ich das so nicht angeben sollte, wenn ich meine Position behalten möchte. Realistisch könnten sich tatsächlich erhebliche Probleme im Job ergeben, blödes Gerede und Unterstellungen wären mir sowieso gewiss. Es hat sich dann zum Glück ein anderer Termin ergeben, aber es ärgert mich, dass so eine Kleinigkeit so mühsam sein kann. Und das war nur ein lächerlicher Psychotherapietermin und keine Offenbarung von Dingen, die sich andere nicht vorstellen können.

Sich eingestehen, dass es schlimm war ist eine Sache. Loyal zu sich selbst zu sein kann sicher nicht falsch sein. Dass du dir Hilfe suchst ist super und dass du trotz allem noch so viel Kraft hast überhaupt toll.
Aber sich anderen zu offenbaren hat nicht immer unbedingt etwas mit "sich trauen" zu tun. Es gehört schon einiges an Mut dazu, das seh ich auch so, aber man muss halt dann auch mit den Konsequenzen leben wollen und das möchte ich beispielsweise nicht. Ich denke, es kommt einfach auf dein Umfeld an, je nachdem wie emphatisch das ist, kann es gut sein oder schlecht die Wahrheit zu sagen. Ich möchte keinen zum Lügen animieren, aber vielleicht wäre in deinem Fall eine "Halbwahrheit" möglich. Ich persönlich finde die Diagnose PTBS nicht so schlimm (andere auch nicht, aber meiner Erfahrung nach ist die Diagnose auch noch sozial relativ verträglich). Du könntest eventuell, falls du überhaupt einen Grund angeben musst sagen du hast eine PTBS Assistenzhündin (was ja stimmt),damit deine Arbeitsleistung auch weiterhin nicht beeinträchtigt sondern sichergestellt ist (was nicht so wahr ist aber kompetent klingt) aufgrund einer Traumafolgestörung (was ja auch stimmt)
Eigentlich geht der Grund keinen was an... aber falls du jemals einen nennen müsstest würd ich einfach "Unfall" sagen (das können sich die meisten Menschen vorstellen und es ist ebenfalls sozial verträglich). SM würde ich generell nicht erwähnen, das überfordert die meisten Menschen.

Das ist jetzt meine ganz persönliche Meinung (ich bin nicht Sophia, haben die die uns kennen wahrscheinlich auch schon bemerkt), wenn andere das anders sehen ist das auch gut.
Grüße S

Windspiel
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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von Windspiel » So Nov 17, 2019 9:46 pm

Hallo sayeda,
Genau da stehe ich auch Grade und viel davon sind auch meine Überlegungen.
Ich hab zumindest teilweise den Schritt gewagt. Ich bin zur Zeit wegen dem ganzen traumakram krank geschrieben und Grade auch nciht ganz absehbar wie lange. Meinem Chef hab ich gesagt es ist was psychisches. Er hat noch nachgefragt aber mehr wollte ich nicht sagen. Aber fand es fair es zu erwähnen, auch dass ich evtl länger ausfalle. Hab ihm Anfang des Jahres gesagt, ich möchte Grade nicht noch mehr Verantwortung im Job übernehmen, weil ich privat psychisch kämpfe. Hat er irgendwie aktzeptiert aber wohl nicht so Recht geglaubt. Naja jetzt wohl schon. Nachdem eine indirekte Kollegin gehört hat ich falle länger aus hat sie auch nachgefragt. Da wir nicht direkt zusammenarbeiten hab ich ihr gesagt dass eben blöde Kindheit und auch von meiner (zukünftigen) Assistenzhündin erzählt. Bei meinen direkten Kollegen möchte ich aber nicht, das jemand das weiß. Auch weil ich weiß dass von dort kein Verständnis kommen wird.

Und ich hadere auch viel damit, ob ich zeigen darf, was es mit mir macht, die Folgen sichtbar machen. Oder ob ich, wie bisher einfach mein Umfeld anlüge.
Grade- vielleicht weil ich es nicht mehr verbergen kann, gehe ich den offensiveren Weg. Vielleicht werde ich es bereuen, wenn (oder falls) ich aus diesem Tal wieder herauskomme. Grade ist da viel "alles egal" Haltung. Weil ich es einfach nicht mehr tragen kann. Ich kann nicht funktionieren und so tun als wäre alles normal. Als wäre ich normal. Als wäre meine Vergangenheit normal. Oder meine Gegenwart.

Viele Grüße
Wenn du schreist, weil du weißt was es heißt, wenn die Hoffnung nicht mehr als ein leeres Wort ist,
Wenn du gehst und du flehst, dass dich jemand erreicht, weil du immer noch ganz allein bist,

*ASP- Schwarzer Schmetterling*

EineVonUns50
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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von EineVonUns50 » So Nov 17, 2019 10:59 pm

Hallo Sayeda,
danke für deine Post. der hat mich sehr berührt. Ja! es war schlimm und ich finde auch, dass wir uns das selbst viel zu wenig eingestehen und vor allem zugestehen auch, dass es das Leben beeinflußt hat und immer noch macht und daraus eben ein Leben "neben der Spur" entstanden ist.

Ich lese bei dem Post - neben der Frage was man nach Aussen zeigt - auch noch anderes raus:

Dieser Blick , den wir von Aussen fürchten und ja auch oft erleben mit Schuldzuweisungen, Vorhaltungen, Vorwürfen, warum man sich nicht gewehrt hat oder warum man nicht endlich vergessen kann und immer noch damit kämpft, warum man nicht endlich "normal" leben kann - was auch immer das bedeuten mag - dieser Blick ist viel zu sehr auch verinnerlicht worden und vermutlich viele Überlebende gucken oft mit harten, teils vorwurfsvollen, hadernden Augen auf sich selbst und manchmal auch auf andere Betroffene.

Vielleicht wird es auch leichter, im entsprechend richtigen Rahmen auch mehr nach Aussen zeigen zu können, nicht nur das Starke, sondern auch das Verletzliche und Verletzte, wenn wir das bei uns selbst besser annehmen und anerkennen können und das nicht mehr als Versagen oder gar unsere Schuld ansehen und einen Umgang mit der Scham finden können.

Und wenn sich sich manches aber nicht zeigen will, ist es doch auch okay. Wenn jemand so massiv verletzt wurde, hat sie/er alles Recht der Welt selbst zu entscheiden, ob und wie sehr er / sie sich zeigen will oder ob die Sicherheit, die im Verborgenen gesehen wird, nicht existentiell wichtiger ist. Es werden sowieso doch immer nur Fragmente sichtbar in einzelnen Augenblicken und da kann man jederzeit neu gucken, was möglich ist und passt und was nicht. Ich glaub manchmal, es ist viel wichtiger, wie man mit sich selbst darin umgeht und was man da zulassen kann. Um deine Beschreibung zu verwenden: Inwieweit man sich selbst "im Ganzen" erfassen und erleben kann.

lara64
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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von lara64 » Mo Nov 18, 2019 1:29 pm

Hallo sayeda,

manche deiner Gedanken, Empfindungen zu der Serie kenne ich ganz gut. Ich war neulich in einem Film (Systemsprenger..) mit einer Freundin, und hatte dann tagelang danach ähnlich Gedanken wie du, gingen eher dann schon auch biographisch nach dem Motto, war ich damals nicht auch gelegentlich ein Systemsprenger anders wie in dem Film dargestellt, aber eben auch so in etwa..

und dann tagelang gedacht, die Kinder gibt es heute und es gibt immer noch keine angemessenen Hilfeangebote..

Und dann gegenüber KollegInnen zu sagen, ich kenne von mir Gedanken und Gefühle wie Benni, oder ähnliches. Sich eingestehen, heute geht auf Grund der Narben und Verletzungen vieles nicht so, wie bei Menschen, die nicht traumatisiert bzw. nicht komplextraumatisiert sind.

Ich kann inzwischen in einem gewissen Rahmen und Kontext dazu stehen, dass wir sind wie wir sind.
Und meine eigene Erfahrung in den vergangenen gut 12 Monaten, seit dem wir nach Ersatz für die tolle Thera geschaut haben, dass wir Zwischenlösungen gefunden haben und es dort erst einmal nochmals und bewusst darum ging:

Uns zu würdigen, zu würdigen wie wir geworden sind, dass wir es überlebt haben, zu würdigen wie wir heute sind, heute leben.
Würde und Würdigen hat für uns eine tiefere und andere Dimension wie annehmen dass es so war, den Worten der Thera vertrauen, dem Erleben vertrauen, dass sich aus den Erinnerungen zusammenpuzzelte,
auch diesen Körper würdigen, mit all seinen Narben, mit all der Zerbrechlickeit die inzwischen da ist..

https://www.youtube.com/watch?v=COic_LWUzMM

seit wir uns intensiver damit beschäftigen, fällt es uns leichter auch im Außen dazu zu stehen.
Die eine oder andere Kollegin weiß es. Die engen Freundinnen ohnehin und auch manche darüber hinaus inzwischen.
Auch das Yoda ein PTBS Hund ist..

Shalom - lara64

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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von EineVonUns50 » Mo Nov 18, 2019 5:07 pm

danke für den Link, Lara64
sehr schönes Video für uns - das meinten wir auch mit dem "annehmen und anerkennen" - nur das "würdigen" wirklich noch treffender und auch weitgehender ist. Sich selbst würdigen - andere würdigen - Würde als Prozess in der Bindung oder auch als Instanz - sofern sie schon spürbar ist.

Sayeda
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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von Sayeda » Mo Nov 18, 2019 6:41 pm

Hallo,
habt alle ganz herzlichen Dank für eure Antworten!

@lara64: Du bringst es auf den Punkt. Danke für den Link! Das Thema Würde berührt ganz tief in mir was. So in der Art, eine Schlange zu sein, bei der es Zeit wird sich zu häuten.

LG, sayeda
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lara64
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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von lara64 » Di Nov 19, 2019 9:20 am

Hallo EVU50 und sayeda,

ja der Ansatz in der Therapie ist klasse.
Gibt von den beiden einiges an Büchern unter anderem auch zum Thema Trauma

"Aufrichten in Würde"
"Würdigen - was ist"

ich habe dort meine FoBi gemacht, also in deren Institut, und musste dann ja "Therapie als Selbsterfahrung" auch bei einer entsprechenden Thera machen. Ein Teil wurde über die Traumathera mit Nijenhuis Konzept anerkannt, aber klar war, ich muss auch dort Selbsterfahrung machen. Und die Thera hat mir das letzte Jahr ganz gut gerettet.
Klar sie arbeitet nicht so mit den Anteilen wie die andere, dafür waren jetzt nochmals andere Themen im Vordergrund, und da hatte sie schon im Blick, mich/uns darin zu bestärken, die einzelnen Schritte immer im Innen mitzuklären..so Ende von OT.

Wieder zum "Serienthema" zurück. Sorry Sayeda.

Shalom - lara64

~SteinHart~
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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von ~SteinHart~ » Di Nov 19, 2019 12:42 pm

Ich finde die Verbindung "mir geht es schlecht" (schlechter, am schlechtesten) mit "es war (wirklich)schlimm" ungünstig.

Es kann und darf einem gut gehen, auch wenn das was einem passiert ist schrecklichst lange und früh und grausam war. Ebenso kann und darf es einem sehr schlecht gehen nach einem einmaligen, flüchtigen und kaum gewaltsamen Ereignis. Umgekehrt natürlich auch.

Zum einen kommt es jeweils auch auf einen selbst an. Was bringt man selbst bereits mit um mit so etwas umzugehen, auf welche Vorerfahrungen stößt das Ereignis usw. Zum anderen eben auch auf den Kontext.
Schrecklichstes kann von Anfang an "normal" (im Sinne von gewohnt) sein, während ein womöglich vereitelter (also nicht stattgefundener) VG-Versuch kann eine bisher heile Welt und gefühlte Sicherheit zerstören.

SH
Die Zeit bewegt sich in eine Richtung, die Erinnerung in eine andere.
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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von Sayeda » Di Nov 19, 2019 1:11 pm

~SteinHart~ hat geschrieben:
Di Nov 19, 2019 12:42 pm
Ich finde die Verbindung "mir geht es schlecht" (schlechter, am schlechtesten) mit "es war (wirklich)schlimm" ungünstig.

Es kann und darf einem gut gehen, auch wenn das was einem passiert ist schrecklichst lange und früh und grausam war. Ebenso kann und darf es einem sehr schlecht gehen nach einem einmaligen, flüchtigen und kaum gewaltsamen Ereignis. Umgekehrt natürlich auch.

Zum einen kommt es jeweils auch auf einen selbst an. Was bringt man selbst bereits mit um mit so etwas umzugehen, auf welche Vorerfahrungen stößt das Ereignis usw. Zum anderen eben auch auf den Kontext.
Schrecklichstes kann von Anfang an "normal" (im Sinne von gewohnt) sein, während ein womöglich vereitelter (also nicht stattgefundener) VG-Versuch kann eine bisher heile Welt und gefühlte Sicherheit zerstören.

SH
Von dieser Be- und Berurteilung ist die Intension meines Threads weit entfernt bis gar nicht vorhanden. Es geht für mich um etwas anderes. Darum, dass auch ich schwach, verletzt etc. sein und das auch zeigen darf. Es geht um einen persönlichen Umgang mit der eigenen Geschichte.

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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von ~SteinHart~ » Di Nov 19, 2019 1:33 pm

Ja, das habe ich gelesen und auch berücksichtigt. Zugegebener Maßen etwas knapp: "umgekehrt natürlich auch"

Wolltest du Verurteilung schreiben?
Verurteilen wollte ich nämlich NICHT.

SH
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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von Sayeda » Di Nov 19, 2019 1:45 pm

Ja. Ich wolle Verurteilung schreiben.
Und ich mag diesen Aspekt des "was war schlimmer" etc. nicht in diesem Thread "bearbeitet" haben. Darum geht es mir nicht und ich hoffe, du kannst das nachvollziehen und darauf achten. Es würden den Thread in eine Richtung bringen, die hier für mich nicht passt.
LG, sayeda
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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von Silberfee » Do Nov 21, 2019 8:05 pm

Liebe Sayeda,
mich hat es auch sehr berührt, was du geschrieben hast.
Und ich habe auch schon oft überlegt, warum wir einfach immer weiterfunktionieren und nicht "einfach mal" zusammenbrechen können.
Es läuft nicht mehr so gut wie früher, aber wir sind immer noch sehr kontrolliert und lassen niemanden wirklich sehen, wie es ist ( außer ganz manchmal unsere Therapeutin). Wir sind eben auch schon immer so, seit unserer Kindheit. Da gabs kein rumbocken, rumheulen oder schreien - alles war kontrolliert. Und man durfte anderen gegenüber nie die Wahrheit sagen.
Ich glaube, dass macht es uns jetzt so schwer. Wie soll man plötzlich mit etwas aufhören, was einen das ganze Leben lang beschützt hat ?
Uns fällt es deshalb auch sehr schwer, Freundschaften aufzubauen. Wir kommen immer bis an eine bestimmte Grenze und dann ist Ende. Entweder dümpelt die Freundschaft dann eher so als Bekanntschaft vor sich hin oder der Kontakt geht verloren.
Soweit erstmal dazu, ist irgendwie ein schwieriges Thema.

aoi
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Re: Von einer Serie ausgelöste Gedanken *trigger*

Beitrag von aoi » Sa Nov 23, 2019 5:00 pm

Hallo Sayeda,

ich kenne diese Gedanken. Auch ich kann mir nicht eingestehen, dass es schlimm war.
Aber erstmal: Die Serie klingt interessant. Welche war es denn? Die sollte ich mir auch mal anschauen :)

Du hast das Recht Angst zu haben, dich komisch zu verhalten oder einfach neben dir zu stehen (wie jeder von uns). Und ja, es war auch bei dir richtig schlimm und es darf dich aus dem Leben hauen, nichts auf die Reihe zu bekommen und immer wieder neu aufzustehen. Du hast auch das Recht darauf, deine Narben öffentlich zu zeigen und den Schmerz anderen teilhaben zu lassen, wenn du das möchtest. Zu allem hast du das Recht!

Ich verstehe, dass du Angst hast, dies bei Freunden und auf der Arbeit zu zeigen. Auf der Arbeit kann es durchaus sinnvoll sein, um in keine Schublade gesteckt zu werden. Bei Freunden hast du ebenfalls das Recht. Was hindert dich dran? Welche Gedanken und Gefühle kommen auf? Erlebst du diese heute oder sind die von früher getriggert?

Bei mir ist es so, dass ich es auf der Arbeit auch nicht zeigen kann und das finde ich sehr schwierig. Ich habe es dennoch den Arbeitskollegen erzählt, denen ich vertraue, auch wenn die mögliche Gefahr besteht, dass sie es weit erzählen könnten. Ihnen vertraue ich und dabei versuche ich mir zu vertrauen ;) Nicht immer leicht.

Bei Freunden ging es mir zu Beginn auch so. Mittlerweile sehe ich das komplett anders und handele die meiste Zeit danach. Ich habe nichts falsch gemacht, mich trägt keine Schuld und auch keine Scham (auch wenn ich das emotional nicht immer so empfinde). Dennoch lasse ich es nicht zu, diese Gefühle dadurch zu verstärken, in dem ich es nicht gegenüber meinen Freunden erwähne. Ich habe nicht viele Freunde, weil ich auch einige „aussortiert“ habe. Und zwar genau nach den von dir beschriebenen Punkten.

Meine Freunde wissen nicht nur, was vorgefallen ist, sondern ich erzähle auch Details. Eine Freundin von mir liest auch meine Flashbacks in der Ich-Form, um mich noch auf fehlende Gefühle oder Sinneseindrücke aufmerksam zu machen. Und dann gehe ich nochmal in die Situation und ergänze sie, insofern präsent. Wenn meine Freunde damit nicht klar kommen und ich immer überlegen müsste, wem ich was erzähle und meine Erlebnisse und warum ich heute so bin nicht erklären darf, wenn ich das möchte, ist das für mich retraumatisierend. Daher beende ich strickt diese Freundschaften oder gebe den Personen Zeit und versuche es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal. Das heißt nun nicht, dass ich immer! Mit Ihnen über die Geschehnisse rede, aber ich verstecke es auch nicht, wenn es mir nicht gut geht. Ich formuliere ihnen gegenüber auch, wenn ich in einem Flashback war, daher nichts auf die Reihe bekomme oder nicht ausgehen möchte. Am Anfang wussten sie nicht, wie sie darauf reagieren sollten. Daher sagte ich ihnen, was sie NICHT sagen sollen und was sie sagen können, was mir hilft. Ich habe aber auch ganz klar gestellt, dass sie in KEINERLEI Verantwortung stehen und daran nichts ändern können. Dafür habe ich Therapie und keine Freundschaften. Ich habe sie gebeten, mir direkt mitzuteilen, wenn ihnen das Thema zu viel wird. Und nachdem das einmal der Fall war, schaffen sie es, auch ihre Bedürfnisse klar zu formulieren. Dies hat unsere Freundschaften gestärkt; Bekanntschaften und toxische Relationen beendet. Die Abbrüche habe ich zuerst bedauert. Mittlerweile empfinde ich es anders. Denn ich bin nicht für ihre Gefühle verantwortlich! Ich habe das Recht darüber zu sprechen, ich war nicht Schuld, sondern der Täter. Und ich lasse es nicht zu, diese kriminellen Energien weiter auf mich projezieren zu lassen. Die Schuld und die Scham gehört dem Täter und nicht mir!!! Letzeres emotional noch nicht integriert. Diese Gedanken kamen im Austausch immer mehr zum Vorschein. Denn es machte mich wütend, dass ich oftmals die Reaktion erhalten habe "Das ist aber mutig von dir, dass du das so offen sagst". Es machte mich deshalb wütend, weil es normal sein sollte, dass man das darf. Dann wäre Missbrauch nicht in diesem Maße möglich. Die Wut hat mich auf meinem Weg es zu sagen nur mehr und mehr bestärkt.

Es führt auch zu vielem Positiven. Ich habe eine Freundin, die ist Lehrerin und sie musste das geliebte Thema „Sexualkundeunterricht“ den SchülerInnen näher bringen. Sie rief mich vor der Unterrichtseinheit an und sagte, dass sie die SchülerInnen auf SMB aufmerksam machen möchte und wie sie das gestalten könnte, damit es nicht zu ungenau, aber dennoch kindgerecht ist? Wir haben einen ganzen Tag überlegt und es kamen tolle Dinge am Ende heraus. Es kann also durchaus sehr positives bewirken, wenn wir unsere Erfahrungen teilen.

Ich kann es aber verstehen, wenn du sagst, du willst bei deinen Freunden nicht immer jammern. Das ist richtig und das könnte auch die Freundschaft zerstören. Aber auch hier darfst du das ruhig tun! Die Balance ist das entscheidende und wenn dir nach Ruhe ist und du nicht sagen willst, warum, musst du das auch nicht begründen. Das können sie auch ohne Begründung akzeptieren.

Falls es Angst vor Schuldzuweisungen sind? Ja, das ist echt triggernd und daher schwierig. Mein jetziger Ansatz ist es, solche Kommentare als Kriterium zu nehmen, um heraus zu finden, welche Personen ich wirklich nahe stehen möchte und welchen nicht. Warum sollte ich denn Personen erlauben mich schlecht zu behandeln? Und das tun sie, wenn sie mir Schuld zuweisen. Das sind toxische Beziehungen, die ich nicht mehr zulasse… Das hat aber lange gedauert und ist bei triggernden Situationen immer wieder neu ein Prozess, den ich mir bewusst machen muss. Sonst könnte es sein, dass ich einknicke.

Du schreibst, du weißt nicht, wie du den Hund erklären musst. Das musst du überhaupt nicht. Andere Menschen kommen gar nicht auf die Idee sich in solchen Situationen rechtfertigen zu müssen. Auch das wurde uns antrainiert. Das brauchst du nicht machen. Falls du gefragt wirst, warum du einen Hund hast, könnte die Antwort sein „weil ich Hunde mag“. Du könntest ihn aus organisatorischen Gründen mitbringen oder oder oder. Du brauchst dich nicht rechtfertigen. Meine Antwort wäre mittlerweile „weil ich als Kind SMB wurde und andere Gewalt erfahren habe und der Hund mir hilft in für mich bedrohlichen Situationen nicht zu dissoziieren“; zumindest bei den Kollegen, die es wissen. Bei den anderen würde ich die erste Variante nehmen.
Schön, dass du dich beim Fond beworben hast. Es kann natürlich gut sein, dass es früher angefangen hat, aber woher sollen wir das von vorne herein so genau wissen? Das ist einfach psychisch unmöglich, vielleicht kommt es mit der Zeit, vielleicht auch nicht.

Toll, dass du deine Gefühle hier aufschreiben kannst. Und auch die sind alle gerechtfertigt!

Weiß jetzt gar nicht, ob das was Sinnnvolles für dich ist, aber ich wollte es mal hierlassen.

GLG Aoí

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