Stationäre Einrichtung für Erwachsene mit DIS

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Silberfee
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Stationäre Einrichtung für Erwachsene mit DIS

Beitrag von Silberfee » So Nov 03, 2019 5:51 pm

Hallo an alle,
ich habe eine Frage an euch.
Gibt es hier jemanden, der/die Erfahrung mit stationären Einrichtungen für psychisch erkrankte Menschen, insbesondere DIS Patienten hat?
Ich meine keine Kliniken, sondern Wohngruppen oder ähnliches.
Mich würde interessieren, wie es dort ist, wie ihr die Hilfe dort empfindet und ob ihr es empfehlen oder eher davon abraten würdet.
Viele Grüße
Silberfee

Anonym

Re: Stationäre Einrichtung für Erwachsene mit DIS

Beitrag von Anonym » So Nov 03, 2019 7:30 pm

Hallo Silberfee,

Ich habe keine DIS, sondern eine Essstörung, PTBS und Borderline, falls dir das trotzdem weiterhilft?
Ich war über ein Jahr lang in einer therapeutischen Wohngruppe für Jugendliche mit einer seelischen Behinderung (das heißt wirklich so...). Ehrlich gesagt, ich fand es furchtbar. Es kann aber auch sein, dass ich einfach Pech mit der Wohngruppe hatte.

Die Betreuer waren kein bisschen einfühlsam, es gab wenig individuelle Behandlung. Es war auch kein Vertrauensverhältnis, sondern ich empfand es als Kontrolle und Druck. Außerdem gab es keine Absprachen mit meinem Therapeuten bzw. haben sich die Betreuer nicht daran gehalten, trotz mehrfacher gemeinsamer Gespräche mit meinem Therapeuten. Er ist nicht von der WG, sondern von der Klinik. Ich hatte zum Beispiel ständig Ausgangssperre, weil die Betreuer der Meinung waren, dass ich zu viel Sport mache wegen der Essstörung, obwohl mein Therapeut empfohlen hat, dass ich ruhig häufiger rausgehen sollte. Ich habe Bulimie, also ich bin jetzt nicht krankhaft untergewichtig, bin aber sehr unruhig wegen dem Borderline.
Ich wurde ständig in die Klinik eingewiesen, weil ich alle paar Wochen Anfälle hatte, aber das kann ich auch verstehen, weil sie überfordert mit mir waren. Es gab auch wirklich unsinnige Regeln. Zum Beispiel, dass wir uns nach 21:00 Uhr kein Toilettenpapier mehr holen durften, keine Ahnung warum. Ich durfte auch kein Geld haben, weil ich mir einmal davon Säure zum Verletzen gekauft habe. Ich kann diese Regelung verstehen, aber das hatte dann beispielsweise zur Folge, dass ich mir nicht einmal neue Schnürsenkel kaufen konnte oder dass ich drei Monate mit einer kaputten Brille herumlaufen musste, weil meine Bezugsbetreuerin keine Zeit hatte, mit mir eine neue zu besorgen.
Bei jedem noch so kleinem Kratzer musste ich zum Arzt gehen, aber über die Selbstverletzung gesprochen wurde nicht, weil die Betreuer meinten, dass ich das nur machen würde, weil ich Aufmerksamkeit will. Weil ich Verletzungen immer verheimlicht habe, musste ich jeden Morgen und jeden Abend Körperkontrolle machen, was bedeutet, dass ich mich nackt im Büro ausziehen musste und eine Betreuerin sich meinen ganzen Körper angeschaut hat, ob ich neue Verletzungen habe. Ich glaube, das war für mich das Schlimmste von allem. Es war extrem triggernd und retraumatisierend und jeden Tag gab es Streit deswegen, weil ich mich geweigert habe.
Mit der Essstörung wurde mir überhaupt nicht geholfen. Beim Borderline hieß es irgendwann nur noch, dass ich lüge, also braucht man mir ja eh nicht mehr zuzuhören. Es stimmt, dass ich lüge, aber es hätte mir mehr geholfen, wenn das mit den Betreuern aufgearbeitet worden wäre, anstatt mir ständig zu sagen, meine Wahrnehmung wäre falsch. Bei der PTBS wurde mir auch kein bisschen entgegengekommen, es gab keine Rücksichtnahme. Es war zwar eine WG für alle möglichen psychischen Krankheiten, aber ich bin dennoch sehr enttäuscht worden, weil die Betreuer schließlich von Anfang an wussten, was ich für Diagnosen habe.
So spontan fällt mir nicht einmal eine einzige gute Sache in dieser WG ein...

Ich würde dir also sehr davon abraten, in eine Wohngruppe zu ziehen. Ich habe es als den Betreuern Ausgeliefertsein erlebt und mir fällt nicht eine gute Sache ein, die ich dort gelernt hätte. Außer vielleicht, alles stillschweigend über mich ergehen zu lassen, weil das am wenigsten Ärger gibt.

Ich wohne jetzt seit über einem Jahr in einer eigenen Wohnung. Ich werde immer noch betreut von meinem Therapeuten und einem Betreuer und damit geht es mir unendlich viel besser.

Liebe Grüße und viel Glück wünsche ich dir:)

Silberfee
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Re: Stationäre Einrichtung für Erwachsene mit DIS

Beitrag von Silberfee » So Nov 03, 2019 9:05 pm

Vielen Dank für deine Antwort.
Das ist wirklich schlimm, was du dort erleben musstest und das es dir mehr geschadet als geholfen hat.
Vor allem das mit der Körperkontrolle finde ich extrem übergriffig.
Ich habe auch schon fast die Befürchtung, dass es nicht viel gute Einrichtungen in diesem Bereich gibt - wenn es sogar mit schon Kliniken so schwierig ist.
Alles Gute für dich!

Sayeda
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Re: Stationäre Einrichtung für Erwachsene mit DIS

Beitrag von Sayeda » So Nov 03, 2019 9:08 pm

Hallo Silberfee,

das was du schreibst ist gruselig und teilweise menschenverachtend (nackt ausziehen wegen Selbstverletzungskontrolle).

Ich habe selbst mal ein Jahr lang in einer Wohngruppe für Jugendliche mit physischer und psychischer Beeinträchtigung gearbeitet und das alles hat es bei uns nicht mal im Ansatz gegeben.

Auch kenne ich Jugendliche, die in solchen Wohngruppen leben und in der Summe positive Erfahrungen machen/ gemacht haben. Klar gab es mal Reibungspunkte und anderes mehr, jedoch nicht mit diesen von dir beschriebenen völlig unpassenden "Strafen" und solch einem menschenverachtenden Umgang. Und natürlih gibt es auch schlechte Einrichtungen. Aber das was du beschreibst ... das geht gar gar gar nicht!

Die waren offenbar völlig überfordert und ich bezweifle, dass die Betreuungskräfte eine entsprechende Aus- bzw. Fortbildung hatten. Es wäre schön, wenn du das an entsprechender Stelle meldest bzw. gemeldet hast.

LG, sayeda
Wenn eine Frau ihre eigene Größe entdeckt hat, kann kein Lob sie größer, keine Kritik sie kleiner machen.
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Verlassen musst du ihn selbst

Luisa Francia

SophiawirdErwachsen
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Re: Stationäre Einrichtung für Erwachsene mit DIS

Beitrag von SophiawirdErwachsen » So Nov 03, 2019 11:28 pm

Hallo Silberfee, ich denke es steht und fällt, wie so oft, mit den Betreuungspersonen. Ich weiß nicht genau, wie es bei dir in der Nähe mit Fachpersonal aussieht, aber in meiner Wohnumgebung mangelt es an allen Ecken und Enden an Sozialpädagogen, weshalb vor allem sehr junge, unerfahrene Betreuer Positionen besetzen, für die ihre Kompetenz eigentlich nicht ausreicht. Natürlich gibt es sicher auch Junge (oder Alte *:) ), die (gleich von Beginn an) ihre Aufgabe toll machen. Aber ich hab auch einige "Fachleute" gesehen, die mich schockiert haben (war tageweise in mehreren WG´s). Sie waren oft lieb, aber einfach nicht traumaspezifisch ausgebildet oder hatten keine Ahnung von mb, schon gar nicht von psychischen Erkrankungen.

Da du erwachsen bist, hast du ja Glück und könntest dir vl vorher ansehen, wo du gerne hinmöchtest, bzw eventuell "Probewohnen?". Da du das freiwillig machst, nehme ich an, kann dich ja auch keiner dazu nötigen dort zu bleiben, falls es dir doch nicht zusagt.
Es gibt sicher Einrichtungen, die wirklich hilfreich sind, aber eben auch andere.

@Anonym... das mit dem Schneiden und "Aufmerksamkeit haben wollen" wurde mir auch schon gesagt, weshalb ich sehr geschockt war. Ich dachte, dass diese Person ein ungebildeter Einzelfall gewesen wäre, aber offenbar nicht. Tut mir sehr leid, dass du dir das Anhören musstest. Auch diese Körperkontrollen sind echt unfassbar übergriffig.

Sorry, dass ich dir kein positiveres Feedback geben konnte,
viel Glück,
Sophia

Silberfee
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Re: Stationäre Einrichtung für Erwachsene mit DIS

Beitrag von Silberfee » Mo Nov 04, 2019 6:10 pm

Danke für eure Rückmeldungen.
Vermutlich ist es hier auch schwierig mit dem Fachpersonal, wie an vielen Stellen.
Wahrscheinlich müsste ich es einfach machen und das Risiko eingehen, dass es eben auch schiefgehen kann. Da hängt aber eben soviel dran und ich habe Angst, dass es hinterher dann alles schlimmer ist als jetzt.
Vielleicht gibt es ja noch die ein oder andere, die dazu noch etwas schreiben kann :)

Anonymer Bewohner

Re: Stationäre Einrichtung für Erwachsene mit DIS

Beitrag von Anonymer Bewohner » Mo Nov 04, 2019 6:41 pm

Hi Silberfee,
hab eine DIS und habe in einer Einrichtung gelebt, die sich auf Traumafolgestörungen spezialisiert hat. Die kennen sich auch mit DIS aus, auch mit org. und rit. Hintergrund. Am Anfang wars ein einziger Alptraum dort, weil die Leitung vollmundige Versprechungen machte und nichts davon hielt. Außerdem waren die Mitarbeiter echt überfordert. Es hat mich erstmal tiefer in die Scheiße geritten. Dann gabs aber einen Wechsel bei der Leitung. Also die alte Leitung hat aufgehört und es kam jemand neues. Und dann gabs da viele Umstrukturierungen und das Personal wurde geschult und ich bekam die Unterstützung, die ich brauchte. Hab dann mit deren Unterstützung den äußeren Ausstieg geschafft und es hat mich insgesamt sehr weiter gebracht. Klar ist es auch da echt unterschiedlich mit wem man spricht. Also manche kennen sich gut aus, andere eher nicht so. Aber ein Grundverständnis haben sie eigentlich alle. Perfekt ist es nicht und es ist auch nicht unbedingt einfach mit vielen weiteren traumatisierten Menschen zusammenzuleben. Für mich hatte es sich dennoch gelohnt und ich würde mich wieder dafür entscheiden, trotz der beschissenen Erfahrungen am Anfang.
Ich glaub es hängt halt auch sehr davon ab, wobei du Unterstützung brauchst, welche Erwartungen du hast etc. , ob du von sowas profitieren kannst oder es eher eine zusätzliche Belastung bzw. einfach nicht hilfreich ist.

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