Therapeutische Beziehung - wie nah?

Hier können Betroffene über ihre Erlebnisse diskutieren.
gast2304

Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von gast2304 » Di Apr 23, 2019 11:26 am

Hallo zusammen
Ich möchte gern von euch wissen, wie eng - nach eurer Erfahrung - die Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn sein darf / sollte / muss.

Ich bin seit vielen Jahren in Therapie. Ich habe sehr schlechte Erfahrungen mit sehr engen "therapeutischen Beziehungen" gemacht. - Dabei haben sich - soweit ich es einschätzen kann - beide Seiten korrekt verhalten. Es kam einfach zu "Verstrickungen" und Abhängigkeit; was für mich sehr quälend war.

Bei meiner jetzigen Therapie war ich von Beginn an froh darüber, dass diese Verstrickungen nicht zustande kamen. Ich bekam das Gefühl, ich selber zu sein und ich selber zu bleiben. In Sicherheit eben.

Ich spüre jetzt, dass nun doch soetwas wie eine "Beziehung" zustande kommt; eine Art Verbundenheit. Das verunsichert mich. Ich weiss nämlich nicht:
MUSS vielleicht diese Verbundenheit in einer Therapie zustande kommen, damit Therapie bestmöglich wirkt? (Und ich habe mich bislang dagegen gewehrt; bzw. die Therapeutin hat bislang das Ganze so gestaltet, weil sie meine Ängste kennt?) Und ich sollte mich also trotz Angst darauf einlassen?

Oder: Muss ich aufpassen, dass die Beziehung so distanziert bleibt? (Einfach, weil ich mich dann besser und sicherer fühle?)

Versteht jemand dieses Problem?

Vielen Dank für eure Gedanken und Erfahrungen.

Gastacht

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von Gastacht » Di Apr 23, 2019 2:30 pm

Hi
Mmh ich glaube es muss gar nichts geben...
Und wenn du angst hat oder es sich schlecht anfühlt rede mit ihr.
Mir gehts wie dir. Hatte zwei lange therapien. Machten total abhängig. Leide gerade jeden tag von morgens bis abends unter der sch... abgängigkeit der letzten. Auch da formal alles korrekt.
Die neue thera ist anders. Distanz. Viel Distanz. Und trotzdem fühl ich mich wohl. Find das gerad viel besser.
Gastacht

Grenze

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von Grenze » Di Apr 23, 2019 2:54 pm

Eine Therapie ist eine Arbeitsbeziehung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das ist doch schon eine ganze Menge. Der/Die Therapeutin macht ihre Arbeit. Nach dem Arbeitstag, geht Der/die Therapeutin nach Hause zu Ihrer Familie. Abhängigkeit sollte in keiner Therapie zustande kommen. Es ist Aufgabe der Therapeutin darauf zu achten, dass dieses nicht passiert. Der Therapeut muss Grenzen setzen. Darf nicht zu viel erlauben, zwischen den Stunden, sonst läuft die Gefahr, dass der Klient nichts mehr selbst regelt, sondern sich aussschließlich auf die Therapeutin fixiert. Quasi, die wird es schon richtigen und ist immer für mich da. Es sollte von der ersten Stunde Abstand genug da sein und nichts verschwimmen lassen. Allerdings machen das nicht alle Therapeuten so und dann passiert es, dass der Klient abhängig wird und noch mehr leidet. Es ist nicht richtig, dass seitens der Therapeuten ausgenützt wird, die Hilflosigkeit des Patienten und dann wird man fallen gelassen, wie eine heiße Kartoffel.

Gastm

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von Gastm » Mi Apr 24, 2019 1:03 pm

Entsteht denn nicht immer eine Beziehung wenn wir in Kontakt mit Menschen treten? Automatisch, weil Beziehung kommt ja davon sich auf jemanden zu beziehen und das geht nur in Verbindung.

Meine Erfahrung ist, ich hatte bessere Heilungsresultate bei Personen die mir empathischer begegeneten, also Therapeutinnen die gefühlsbetont waren und Mitgefühl zeigen konnten, weil genau das fehlte ja im MB. Die Empathie... jemand der fähig ist zu fühlen. Das Mitgefühl meines Gegenübers zeigte mir dann was eine gesunde Reaktion in einer doch sehr gleichgültigen Welt wäre und das half mir auch weiter. Gleichzeitig machte aber genau das auch Angst. Weil ich verband ja unterbewusst auch Verbindlichkeit mit Manipulation. Das steckt sehr tief und davon trage ich tw. immer noch Wunden mit mir rum. Aber ein Riesenanteil durfte heil werden.

Zwei Erlebnisse in der Therapie die mich aber tief prägten, war zum einen: ich wollte die Therapie abbrechen, weil es mir "zu eng" wurde. Ich hatte davor schon andere Therapien abgebrochen. Und die Reaktion meiner Therapeutin veränderte und verblüffte mich total. Sie sagte: "natürlich können sie diese Therapie abbrechen, das ist ihre Freiheit. Aber kann es sein, dass sie sie abbrechen möchten weil es beginnt weh zu tun in ihrem Inneren? Weil es etwas in ihnen auslöst was unangenehm ist? Schmerzen? Ja, sie können gehen - aber vielleicht werden sie dann nie über diesen Punkt hinauswachsen, an dem sie es überwinden. Nie erfahren wie es ist zu bleiben? Vielleicht kann auch so etwas heilen? Ich bin geblieben. Und es ist wirklich so, das bleiben hat etwas geheilt in mir.

Das andere Erlebnis: meine Therapeutin kam eines Tages in die Therapie, beim zuhören viel mir auf, dass sie so unkonzentriert war. Dann sagte sie zu mir: es tut mir Leid, ich habe einen Verlust erlebt, jemand in gestorben. Das hat nichts mit ihnen zu tun, falls ich nicht so da sein kann wie ich das sollte.

Ohne zu merken hat das was mit mir gemacht. Meine "Übertherapeutin" wurde auf einmal Mensch. Sie war berührbar, sie war auf einmal auch ein Mensch mit ihrem Alltag und ihren eigenen Problemen. Und ja, sie half mir sehr. Aber genau dieser Vorfall half mir sie als mitfühlender Mensch wahrzunehmen mit einem eigenen Leben. Und das tat mir und der Beziehung zu ihr sehr gut.

Ich kann Dir nicht sagen, wie nah oder fern eine Beziehung sein soll. Ich glaube das entscheiden immer beide Menschen die darin involviert sind. Aber ich glaube MB zerstört ja auch ein Stück weit die fähigkeit beziehungsfähig zu sein und da kann eine funktionierende Beziehung zur Therapeutin helfen das zu verbessern, das glaube ich. Natürlich finde ich es auch wichtig missbräuchliche Bindungen zu unterlassen, weil das schadet mehr. Aber sofern die Therapeutin gut ist und einen guten Job macht, finde ich darf es auch mal menschlich werden. Das kann auch helfen zu zeigen wie gesunde Beziehungen sein sollten.

gastacht

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von gastacht » Mi Apr 24, 2019 1:24 pm

hallo grenze und ihr anderen,
ja es braucht aber auch berührt sein, emotionale nähe... empathie.. ohne das geht es nicht.
meine thera vermittelte nie, sie mache alles für mich, es gab auch nur sehr sehr selten kontakt zwischen sitzungen. ich musste immer alles selbst enscheiden, was ich auch gut fand. sie ließ mir alle freiheit.
sie fühlte "einfach" nur empathisch mit. fand warme worte. trost. alles verbal. das reichte für eine enorme abhängigkeit. und ja das ist schlimm aber andererseits denke ich auch dass es nötig ist. denn ja die neue ist anders, aber ich merke jetzt schon dass ich mich innerlich zurück zieh weil ich weiß dass sie wenn ich zb triggerndes erzähl sie das nicht empathisch auffängt im sinne von einen tröstenden satz dazu sagen. und das ist auch nicht der wahre jakob... leute die vertreten man müsse alles selbst tun, alles selbst lernen an beziehung, denen sage ich manchmal: ach und wie wenn man das nie vorgelebt bekommen hat. 1. braucht man ein role model und 2. ist der mensch peinlicherweise auf eine bindung angewiesen und es in 1000 studien nachgewiesen dass eine empathische beziehung zum thera am allerwichtigsten in einer thera ist und wenn bindung nicht möglich war weil zb auch freundschaften zu angstbesetzt sind dann ist es wichtig dsas vielleicht ein bisschen bei und mit einer tehra zu lernen... sonst wird es nämlich im normalen leben auch nie möglich. meine meinung.
ich glaub die grenze ist schmal.. und wo patient x total abhängig wird, wird es patient y eben gar nicht...
gastacht

Gast von eben

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von Gast von eben » Mi Apr 24, 2019 1:28 pm

Mitgefühl haben und Empathie zeigen innerhalb einer Therapie von Seiten der Therapeutin
ist durchaus i.O., jedoch sollte eine (gute) Thera schon merken, wenn die Klientin in eine (emotionale)
Abhängigkeit rutscht (ob die Thera nun "Schuld" hat bzw. das zu verantworten hat, oder nicht,
sei mal ganz dahingestellt).

Sie hat aufgrund ihres Berufsethos einen ganz klar definierten Heilauftrag, und der beinhaltet
nicht, Jemanden in emotionale Abhängigkeit zu stürzen. Das zeugt von eigenen, nicht aufge-
arbeiteten blinden Flecken.

Klar wird innerhalb der Therapie u.a. auch mit/an der Bindung bzw. Bindungsfähigkeit gearbeitet
(ist ja grade auch oftmals großes Thema, die aufgrund des -frühkindlichen- MBs entstandene
Bindungsunfähigkeit/-schwierigkeit), aber eine gute Thera sollte sich da wirklich im Griff haben.

Und wenn sie merkt, es gibt da Probleme, das verstärkt in der Supervision thematisieren,
um Lösungsmöglichkeiten zu finden.

Ist sie dazu nicht in der Lage, ist sie (so leid mir das tut, das sagen zu müssen)
beruflich eine absolute Fehlbesetzung.

Gastacht

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von Gastacht » Mi Apr 24, 2019 4:10 pm

Mmh ja hast recht..ich würde es aber so nennen: sie war für den Patienten x dann nicht gut. Aber es gibt keine thera die für alle gut ist.
Glaub dann gäb es keine thera mehr wenn solche und andere fehler nicht bei einem Patienten passieren dürften.
Bin sicher sie tat das nicht bewusst. Sie wusste dass ich schnell abhängig werde und sagte sie passe darauf auf...weil sie das eben nicht wollte.
Zu einer Abhängigkeit gehört auch jemand der sich abhängig machen lässt.
Aber theras machen fehler. Sind Menschen. Genau wie ärzte oder du und ich im job fehler machen...
Gastacht

Gast von eben

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von Gast von eben » Mi Apr 24, 2019 4:49 pm

Ja, Menschen machen Fehler und Therapeuten auch. Aber solche Fehler DÜRFEN einfach nicht passieren,
wie leicht werden Menschen unter solchem Umständen suizidal und/oder nehmen sich das Leben.

Sowas ist kein Beruf sondern eine Berufung, und wenn ich den Eindruck als Thera gewinne, mir
entgleitet da was, dann habe ich die heilige Pflicht das aufzuarbeiten (mit Hilfe von Supervision)
um dem Klin<enten eine angemessene Therapie gewährleisten zu können,

oder (wenn das nicht möglich ist, aus welchen Gründen auch immer), den Klienten an eine
andere Thera zu verweisen, die zu einem besseren und angemessenerem Arbeitsverhältnis
in der Lage ist.

Hier geht es schließlich nicht um sowas Lapidares wie die Auswahl des morgendlichen Müslis,
sondern um Klientenleben.

Nicht angemeldet
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Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von Nicht angemeldet » Mi Apr 24, 2019 7:34 pm

Ich finde das Thema interessant. Bin zur Zeit auch in Therapie und fühle mich bei meiner Thera ganz gut aufgehoben.

Das Vertrauen zu ihr geht soweit, dass ich mit ihr über Sachen rede, über die ich bisher noch nicht gesprochen habe.

Ich habe bei ihr das Gefühl, dass sie mir Mitgefühl und Empathie entgegenbringt. Die Gespräche mit ihr sind offen und fühlen sich meist freundschaftlich an. Also nicht einfach klare Frage, klare Antwort sondern irgendwie locker. Es kommt einem nicht wie eine reine Besprechung oder so vor.

Auch wenn ich in einer depressiven schlechten Stimmung bin, "freue" ich mich irgendwie auf das Gespräch mit ihr und es geht mir meistens auch besser nach Stunde.

Ich denke, wenn das rein ohne Gefühle bei mir ablaufen würde, käme ich nicht so gut damit klar.

Ich weiß natürlich nicht, wie sie darüber denkt oder empfindet. Vielleicht findet sie mich ja auch nervig, anstrengend und blöd, aber wenn das so ist, strahlt sie das nicht aus. Und das finde ich gut. Sie gibt MIR halt ein gutes Gefühl, auch wenn das für sie selber nur Ihre Arbeit ist und klare Grenzen festgelegt sein müssen.

Gastacht

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von Gastacht » Mi Apr 24, 2019 8:01 pm

Ja hast recht gast.
Das sch... ergebnis bin gerad ich.
Ich denke sie wird es nun aufarbeiten. Nur für mich leider zu spät...
Gastacht

Gast von eben

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von Gast von eben » Mi Apr 24, 2019 8:05 pm

Das hört sich doch alles gut an. Wichtig ist doch nur, dass sie Dich da abholt, wo Du gerade stehst, Du gut
mit ihr an Deinen Problemen arbeiten kannst - und ganz wichtig, sie Dich nicht (denn sie hat ganz
klar die Verantwortung - und nicht Du als Klientin) in eine (emotionale) Abhängigkeit
stürzt.

Wenn Klienten ohne die Thera handlungsunfähig werden, und/oder in die Kindrolle zurückfallen, wie hier
in eigenen Postings ganz klar durchlang, dann ist man definitiv auf dem falschen Weg.

Gute Therapie zeihnet sich dadurch aus, das die Thera die Klientin "nachreifen" lässt, um dann irgendwann
(sicherlich auch manchmal nach einer gewissen, übergangsweisen Phase der emotionalen Bindung innerhalb der Therapie - denn
nur so kann Therapie überhaupt funktioneieren) immer weiter in die Selbständigkeit zu entlassen,

damit sie eben in der Lage sind, ihr Leben künftig selbständig und ohne die Therapeutin zu meistern.

Führt der Weg in die andere Richtung (sprich dauerhafte -emotionale- Abhängigkeit) ist der Therapieauftrag
ganz klar verfehlt. Damit "erzieht" man unfähig "Kinder", die große Probleme haben, sich ihrer Verantwortung
im Leben und dem Leben selbst mit all seinen Problemen zu stellen.

Und das kanns ja echt nicht sein ... so eine "Verschlimmbesserung" braucht doch kein Mensch.

LG

gast2304

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von gast2304 » Mi Apr 24, 2019 8:51 pm

Hallo

Das mit der Abhängigkeit habe ich eben auch als wirklich fürchterlich erlebt. Und auch irgendwie triggernd: Man ist so abhängig und lebensunfähig (weiss also, dass es nicht gut läuft) und gleichzeitig wie gelähmt und unfähig sich daraus zu lösen... Ausserdem: Da Thera ja formal alles korrekt gemacht hat, "darf" man sich nicht mal beklagen, wenn man dann wie eine heisse kartoffel fallengelassen wurde. (- Im Gegenteil: Man muss sich noch dafür rechtfertigen, DASS man fallengelassen wurde; als hätte man selber sich nicht an Therapie-Regeln gehalten...)

Eben deshalb will ich auf gar keinen Fall nochmal in diesen Zustand abrutschen und frage mich immer noch, wieviel "Nähe" / Emotionalität ich in dieser Therapie aushalten will / kann / soll....
Naheliegend ist, mit der Thera über die Angst zu reden (wie du, gastacht, ja auch meintest.) Das Problem: Grade solche Gespräche, die quasi die Therapie (die "therapeutische Beziehung") reflektieren, führen doch erst recht und von Vornherein zu mehr Vertrautheit. Oder? Mir kommt es so vor. Und wenn ich so ein Gespräch anfange, dann hab ich damit schon entschieden, dass es mehr Nähe werden soll. - Irgendwie beisst sich sozusagen die Schlange in den Schwanz. Und ich hätte dann gar keine Wahl mehr.
Versteht ihr, wie ich das meine?

Nicht mama sein

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von Nicht mama sein » Mi Apr 24, 2019 8:52 pm

Es gehören immer 2 Menschen dazu. Die eine Seite, die jemanden in die Abhängigkeit bringt. Die absolut inkompetent Therapeutin. Und die andere Seite, die sich der Abhängigkeit hingibt. Ein Therapeut ist quasi mein Arzt, auf dem Weg meiner Heilung. Wenn ich mein Arzt als meine Mama ansehe und mit ihr kuscheln will, läuft was gewaltig falsch. Wenn der Therapeut merkt, dass das gegenüber abhängig ist, nicht weiß, wie sie meinen Urlaub überlebt, dann ist es besser an einen anderen Kollegen zu verweisen. Und man selber sollte sich auch nicht der Abghängigkeit hingeben. Der Therapeut hat ein eigenes Leben, eine eigene Familie. Und kann nicht die Klienten adoptieren, emotional. Gut finde ich, wenn das zu Beginn gleich geklärt wird. Aufmerksamkeit und einfühlungsvermögen soll trotzfem stattfinden, das gehört dazu. Und nach der knappen Stunde, ist es vorbei, dann geht jeder seine eigenen Wege. Ich glaube nicht, wenn die Therapeutin nach Hause geht zu ihren Kindern, dass sie dann noch an ihre Patienten denkt. Nur leider denken Patienten öfters mal, man wäre ihr ein und alles.

evu50unl

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von evu50unl » Mi Apr 24, 2019 9:22 pm

naja, so ganz klar und einfach ist das eben in der Regel nicht zu trennen. Emotionale Bindung - Emotionale Abhängigkeit - da führt das eine schnell zum anderen bzw. ist die Frage ob für manche frühtraumatisierte Menschen, die noch nie eine positive emotionale Bindung aufbauen konnten, das nicht automatisch dazu führt, dass auch eine Abhängigkeit entsteht - u.E. ist das nicht so grundsätzlich verwerflich, sondern kann einfach auch eine wichtige Phase im therapeutischen Prozess sein, weil sich genau in dieser Abhängigkeit dann auch die tiefsitzenden Probleme zeigen.

Emotionale Bindung und mitweilen auch starke Abhängigkeit kann z.b. auch dafür sorgen, dass therapiefeindliche Introjekte die Thera nicht einfach abbrechen können bzw. das erschwert wird, weil andere Anteile bleiben wollen. Weglaufen wird verhindert. Bei uns war das jedenfalls so. Und mittlerweile hat sich die phasenweise sehr starke Abhängigkeit von manchen von uns auch weiter entwickelt und mehr Selbstständigkeit Platz gemacht. Die emotional abhängigen Teile wachsen da raus, entwickeln sich weiter in diesem Prozess. Das können wir jedenfalls bei uns beobachten.

Ehrlich gesagt find ich das auch ziemlich daneben hier alle Theras, die da womöglich anders damit umgehen und emotionale Abhängigkeit nicht perse verhindern, weil sie einen differenzierteren Umgang damit pflegen, gleich als unfähig hinzustellen.

Es gibt im übrigen sehr viele Arbeitsbeziehungen, die Nähe und Abhängigkeiten aufweisen. Ich würde mal spontan sagen, dass womöglich jede Beziehung, die von etwas Dauer ist und den Menschen im Ganzen fordert, immer auch Nähe und Abhängigkeiten mit sich bringen und die Aufgabe liegt eher darin, einen guten Umgang damit zu finden, der für alle Beteiligten passt. Der Mensch sucht perse etwas im anderen Menschen und in jeder Beziehung entsteht dadurch auch eine abhängigkeit, wenn er das findet. Niemand ist eine Insel.

Diese künstliche Distanziertheit in manchen Therapien, in dem da jemand sitzt, der jegliche emotionale Anbindung / Resonanz / Bindung verhindert und gleichzeitig diese Aufforderung im Raum steht, dass sich der andere Part seelisch "auszieht" und sich öffnen soll, ist eigentlich doch ziemlich schräg, find ich. Also für uns wär das gar nix.

So wie Gastacht auch schrieb: der Mensch möchte in Resonanz gehen und braucht Bindung. Und traumatisierte Menschen erst recht. Und natürlich können sie mit positiver Nähe erstmal überhaupt nicht umgehen und natürlich triggert das alte Bedürfnisse und Gefühle und Abhängigkeiten und den ganzen Mist von damals, das ist doch völlig verständlich und das ist doch auch die Chance, dass man dann heute das lernen kann, was damals nicht gelernt werden konnte. Dazu gehören später natürlich auch abnabelungsprozesse und auch die Auseinandersetzung damit, dass die Thera nicht die ersehnte Mutter sein kann. Das gehört dazu.

Und natürlich brauchts da gute Theras auf der anderen Seite, die i.d.R. wissen was sie tun und wo ihre Grenzen sind und Psychohygiene für sich selbst betreiben. damit sie da nirgends reinrutschen.
Und es braucht vermutlich auch auf der Patient*innen-seite ein gewisses Reflektionsvermögen immer mal wieder, um u.a. für sich selbst einschätzen zu können oder zu spüren, ob einem die thera gut tut oder nicht und im Idealfall auch zu spüren, was man brauchen würde, damit es einem gut tut.

evu50unl

Re: Therapeutische Beziehung - wie nah?

Beitrag von evu50unl » Mi Apr 24, 2019 9:26 pm

unser Posting gerade hat sich überschnitten mit den letzten zwei Beiträgen davor, die haben wir jetzt nicht berücksichtigt...

deshalb noch zu der einen Frage:

Offenheit und Ansprechen von den eigenen Empfindungen, Ängsten, bedürfnissen generell und gerade aber auch in Bezug auf die therap. Beziehung sind für uns essentiell wichtig und Voraussetzung überhaupt, um eine gute Therapie machen zu können.
Und nein, je nach Inhalt führt das nicht zwangläufig zu mehr Vertrautheit.
Und gerade dann, wenn du mit Abhängigkeit so schlechte ERfahrungen gemacht hast, ist es doch besonders wichtig, das zu thematisieren und da gemeinsam hinzuschauen und zu besprechen, was du brauchst, damit das nicht nochmal passiert.

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