Klitzekleines Trauma-riesige Folgen

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Aufatmende
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Re: Klitzekleines Trauma-riesige Folgen

Beitrag von Aufatmende » Sa Mai 25, 2019 4:14 pm

Ich habe "Das verfolgte Selbst" gelesen (Näheres findest du im Forenteil Info unter Literatur und andere Medien) und auch das Arbeitsbuch dazu. Es hat mich immer wieder erschreckt, dass ich praktisch alles kannte, was dort stand. Nur, dass ich keine "Switche" habe und dank meiner Therapeutin (glaube ich jedenfalls) die "anderen in mir" als zu mir gehörig im Sinne von Persönlichkeitsanteilen und nicht eigenständigen Persönlichkeiten erlebe. Ich kann heute würdigen, wie ich überlebt habe und wie kreativ mein Geist mit reichlich Lebensgefahr und Todesdrohungen umgegangen ist.
Trau deinem Bauchgefühl! Ich habe danach vieles an mir verstanden, was mir vorher rätselhaft war und habe auch für manches Worte gefunden, was sich vorher nur "verrückt" angefühlt hat. Was ich in Worte fassen und fühlen konnte, hat sich auch verändert!
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Maya
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Re: Klitzekleines Trauma-riesige Folgen

Beitrag von Maya » Sa Mai 25, 2019 7:45 pm

Das finde ich echt sehr interessant, aufatmende! Danke fürs teilen deiner Erfahrung! Und ich würde dich dazu gerne ein paar Dinge fragen, wenn das ok ist?
Du sagst, du siehst andere Persönlichkeitsanteile, ja!? Aber erlebst sie als zu Dir gehörig. Kannst du das genauer erklären? Ich weiß das ist auch sehr intim. Und ich weiß nicht wieviel du bereit bist preis zu geben.
Wenn du keine Switches hast, wie, wann und wo wechselt das dann? Und gibt es Situationen wo du Dinge tust, die du nicht verstehst, oder nicht richtig mitbekommst oder wo du dich dann gar nicht mehr daran erinnerst?
Liebe Grüße!

Aufatmende
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Re: Klitzekleines Trauma-riesige Folgen

Beitrag von Aufatmende » Sa Mai 25, 2019 9:17 pm

Ich erlebe mich als ambivalent. Z.B. Kämpfe ich darum, abzunehmen und kann auch ansonsten diszipliniert leben, lege aber am seltsamen Stellen Schokoladenverstecke an und der Block, auf dem ich aufschreiben wollte, was ich esse, ist verschwunden . Ein zweiter ebenso.
In traumatischen Erinnerungen gibt es oft einen Teil, der schwebt, momentan einen, der keine Hände hat. Es gibt viele Dinge, die ich tue und nicht verstehe. Ich habe gelernt, sie erst einmal wahrzunehmen und anzunehmen als etwas, das zu meiner Person gehört. Dass ich "schräg" handele, weil dieses Verhalten einmal Sinn gemacht hat. Ich gehe dann eben nur zum Friseur, wenn ich gut drauf bin, akzeptiere, dass ich momentan sofort Panik kriege, wenn ich in einem dunklen Raum bin und meide, wenn möglich, Menschenmengen. Da ich jahrelange Übung habe, merke ich Atemnot, Schwindel, plötzliche Kälte schon im Ansatz und kann mich innerhalb von Sekundenbruchteilen an meinem sicheren inneren Ort in Sicherheit bringen und weiß i.d.R. auch, wer in mir sich fürchtet.

Das Wichtigste ist, dass du rausfindest, was dir hilft. Ich bin extrem vergesslich. Deswegen ist immer alles am gleichen Platz und bei der Arbeit habe ich Abhaklisten. Wenn ich freitags etwas nicht ordentlich dokumentiert habe, kann ich mich montags u.U. absolut nicht mehr erinnern. Da hilft nur Papier....
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Maya
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Re: Klitzekleines Trauma-riesige Folgen

Beitrag von Maya » Sa Mai 25, 2019 11:52 pm

Vielen Dank für diesen Einblick!
Das hört sich bei dir auch so an als sei es die meiste Zeit so, oder?! Das ist sicher sehr hart. Und du hast Erinnerung an früher?
Ich mache mir auch immer Listen für alles mögliche. Aber das ist wirklich besser geworden.
Bei mir ist alle Symptomatik von einem Moment auf den anderen wechselnd. Im einem Moment habe ich keine Perspektive und im nächsten weiß ich gar nicht mehr was noch vor paar Minuten hatte. Nur kann ich es nicht steuern. Und das wechselt nur in extremen Stresssituationen sehr schnell und oft. Mit wegsehen/ausblenden was davor war. Und früher oder eben bei sehr großem Stress mit völliger Amnesie.

Ich habe heute vier Stunden mit meinem Mann geredet. Ich dachte so offen war ich noch nie. Aber er sagt das meiste weiß er schon. Das tat aber auf jeden Fall sehr gut. Er kann das sehr gut von sich fern halten. Also es macht ihm nichts aus. Ich habe da schon wahnsinnig viel Glück so jemanden an meiner Seite zu haben.
Ich hatte echt Angst das er mich für verrückt hält. Tut er aber nicht und das glaube ich ihm auch.

Ich kann ja total normal leben. Und manchmal geht es gar nicht mehr. Und nicht mal telefonieren geht. Ich sehe das noch nicht immer so, das es auch manchmal anders ist. Aber ich sehe jetzt schon das alles irgendwie zu mir gehört. Das war früher nicht so. Und das hat viel Drama aus den einzelnen Situationen genommen.

Jetzt ist erstmal viel Druck weg. Danke für den Austausch!
Liebe Grüße!

Maya
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Re: Klitzekleines Trauma-riesige Folgen

Beitrag von Maya » So Mai 26, 2019 12:02 pm

Ein wirkliches auf und ab gerade. Aber ich denke es ist am Ende alles gut. Ich habe wieder etwas gelernt. Und bin wieder näher an meinen Mann heran gewachsen. Diese Beziehung ist wirklich das reine Glück. Es gab diese Situation gestern wo ich gemerkt habe ich bin kurz vorm austicken und muss gehen aber es ging nicht. Ich hab ihm das gesagt und er war hinterher sehr froh darüber. Weil ich ihn mit einbezogen habe und er sich dann nicht so hilflos gefühlt hat. Auch wenn er natürlich nichts tun kann.
Heute wird ein echt guter Tag!

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Re: Klitzekleines Trauma-riesige Folgen

Beitrag von Aufatmende » So Mai 26, 2019 2:21 pm

Doch er kann was tun. Langfristig kann er Lernen, was dich am besten in der Gegenwart hält und vermeiden, was dich triggert.
Ein Beispiel: ich kann auf einer Leiter stehen, gerate aber in Panik, wenn dann Durchzug ist. Mein Mann warnt mich also vor, so dass ich mich äußerlich oder innerlich in Sicherheit bringen kann.
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