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Re: Ein Hauch von Nichts

Verfasst: Do Nov 08, 2018 11:01 pm
von Maya
Hey!

Ich hab das gelesen. Ehrlich gesagt hat mich das ziemlich überrumpelt, damit hatte ich nicht gerechnet. Und es hat getriggert und mir sind die Tränen in die Augen geschossen. Trotzdem hab ich weiter gelesen. Und bin auch irgendwie froh drüber. Weil du so liebevoll zur kleinen bist. Und ich danke dir fürs teilen. Und ich finde das sehr mutig von dir.
Mir geht’s gerade sehr gut. Also mich haut das jetzt sicher nicht um. Und eigentlich denke ich immer triggerwarnungen sind nicht so wichtig, hier triggert alles, aber ich glaube es könnte manchen helfen, wenn du noch eine ergänzt.
Ging es dir nach dem Schreiben besser? Das würde mich interessieren. Was das mit dir gemacht hat. Vielleicht ja auch für dich interessant Dir darüber klar zu werden.
Liebe Grüße und danke!

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: Fr Nov 09, 2018 7:04 am
von Aufatmende
Ja. Es ging mir besser. Ich weiß jetzt auch, warum mein Husten nach 4 Wochen immer noch nicht weg ist. Ich habe das gestern unmittelbar abgeschickt und die Triggerwarnung schlicht vergessen. Sorry!

Die Kleine vereinigt sich mit der Wolke, aber für mich in die falsche Richtung. Sie möchte lieber in den Himmel. Da wo Oma schon ist. Dann wäre sie schon 6 gewesen. Aber das passt nicht zum Spielzeug und zu dem, wie ich mit ihr rede.
Das ist nicht wichtig! Ich nehme dich so, wie du dich anfühlst. Du darfst dich auch in den Himmel wünschen. Weg von der Hölle, in der du aufwachsen musstest.
Vielleicht ist dir nur kalt und du brauchst endlich etwas zum Anziehen. Zum Einkuscheln. Vielleicht magst du dich umsehen? Was da noch alles ist am sicheren inneren Ort. Es macht mich sehr traurig, dich so zu sehen. Das ist in Ordnung. Das ist nicht deine Schuld, sondern Papas. Ich kann dich jetzt nicht auf den Schoß nehmen. Ich muss gleich arbeiten. Aber ich verspreche dir, mich heute Nachmittag um dich zu kümmern!

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: Fr Nov 09, 2018 7:46 am
von gastacht
danke fuers teilen.
Beruehrt mich auch sehr und hilft mir zugang zu mir zu finden.
Und es ist wunderbar wie du dich kuemmerst und graesslich was du ueberleben musstest.
Gastacht

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: Fr Nov 09, 2018 5:30 pm
von Aufatmende
Ihr seid so hilfreich! Es ist gerade niemand verfügbar, dem ich erzählen kann. Die Kleine fühlt sich gesehen und es gibt ein wenig Sinn in diese zeitaufwändigen und kräftezehrenden Gespräche, wenn wenigstens noch jemand anders davon profitiert.

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: Fr Nov 09, 2018 6:29 pm
von Aufatmende
Die Kleine zieht ein Kuschelschuppenkleid und eine Kuschelschuppenstrumpfhose an. Weich wie der Stoffdrache, aber jederzeit verwandelbar in feste Schuppen wie bei einem Krokodil. Jetzt wird ihr warm. Es durchrieselt mich. Verbunden, was getrennt war. Sie hat Flügelchen an dem Kleid. Die Wolke umhüllt sie und sinkt in sie ein, aber sie könnte jederzeit fliegen, in den Himmel, da wo Oma noch nicht ist, aber der Kleinen erzählt wird, dass Oma da hinkommen wird, weil sie nur noch im Bett liegt und vor Schmerzen schreit. Im Himmel muss es besser sein.
Sie braucht keinen Helfer zum Trösten, nur mich. So nehme ich denn zum unendlichen Mal die Puppe auf den Schoß und wiege sie und mich und weine und erzähle ihr, dass sie etwas ganz Furchtbares über sich ergehen lassen musste und dass vielleicht das Furchtbarste daran war, nicht zu schreien, nicht zu würgen, nicht zu husten, sondern alles zu schlucken.
Aber dass Sexualität, die gegenseitige Berührung heute etwas Schönes ist und mein Mann meine Grenzen achtet, die sehr, sehr unterschiedlich sein können. Heute ist unmöglich, was gestern schön war.
Ich würde so gerne aufhören, heute etwas zu essen, etwas Süßes, wenn ich etwas nicht aushalte, Situationen oder Gefühle oder einfach zu viel Arbeit. Ich kann so gut verstehen, weshalb du es damals gelernt hast. Ich danke dir, dass es so perfekt funktioniert hat, dass du dich vergessen hast und ich dich vergessen habe. Aber heute bin ich achtsam und mutig genug, um dich wiederzufinden und zu trösten! Was es auch kostet!
Die Kleine hört mir gar nicht mehr zu. Die rollt sich auf meinem Schoß ein und schläft. Ich kann sie vorsichtig in einer Ecke des Piratenschiffes ablegen und der Drache rollt sich um sie herum.
Frieden und Schutz. Kaum zu glauben.

Re: Nahtod *triggert*

Verfasst: Fr Nov 09, 2018 6:47 pm
von Aufatmende
Und schon wieder der nächste Scheiß. Brauchte einfach einen neuen Thread.

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: Fr Nov 09, 2018 11:08 pm
von Imagica
Hallo Aufatmende,

find ich faszinierend, wie Du das immer machst! Und das Du auch einen Drachen hast, finden meine Kleinen natürlich noch viel toller!

Ich hoffe, sie schläft und erholt sich gut, mit schönen Träumen, denn die hat sie sich wirklich mehr als verdient. Und Du natürlich auch!

Liebe Grüße,
Imagica

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: Sa Nov 10, 2018 10:10 am
von Wildi
Das Schuppenkleid und die Kuschelschuppenstrumpfhose sind wunderbar. Ich werde sie meiner Kleinen bei Gelegenheit auch anbieten.

Ich bin auch gerade an einem Punkt dran, wo nichts gesagt, nicht geweint werden durfte. Da war ich noch ganz klein, ein Baby. Und doch weiß es ein Teil von mir noch und kann sich erinnern – zumindest der Körper.

Danke, dass du uns hier teilhaben lässt – am Schrecklichen und am Heilsamen. Ich wünsche dir ganz viel Gutes.

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: Sa Nov 10, 2018 2:49 pm
von lara64unl
Hallo Aufatmende,
Ich lese dich und bin bei dir... mehr ist gerade nicht möglich...

Shalom-lara64

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: Sa Nov 10, 2018 5:40 pm
von Aufatmende
Danke Imagica. Danke Wildi.

Ich habe schon wieder den nächsten Infekt und huste vor mich hin. Kein Wunder.

Die Kleine sitzt mit dem Kakaokind und der Wütenden auf dem Sofa und die Wütende liest ihnen ein Bilderbuch vor. "Ulus wunderbare Reise." Das habe ich bei jedem Umzug mitgeschleppt. Auch wenn es ganz zerlesen ist . Es fühlt sich extrem verbunden an. Zusammengehörig untereinander und mit mir.
Der Drache, gerade furchterregend groß, schnarcht leise wie ein Bettvorleger zu ihren Füßen liegend.

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: So Nov 11, 2018 12:00 pm
von Sayeda
Hallo Aufatmende,

wie gut ich das alles nachvollziehen kann.

Ich habe eine Fünfjährige mit ähnlichen Symptomen.
Als Kind hatte ich immer wieder einen starken Husten und auch ein ganz merkwürdiges Asthma. Mal war es da. Mal nicht. Ich habe keine Ahnung, ob und wann es weg war, da ich noch immer große Erinnerungslücken habe.

Als mir dann irgendwann meine Biografie um die Ohren flog, kamen auch wieder dieser Husten und auch das Asthma sehr ausgeprägt. Der Ursprung ist derselbe wie bei dir ... allerdings ging der Täter in dem Alter bereits weiter ... .
Diese Körpererinnerungen und die Psychosomatik sind einfach nur ätzend ... und gleichzeitig zwingen sie uns, uns mit den entsprechenden Anteilen liebevoll auseinander zu setzen. So wie du es machst. Auch diesmal wird es dazu führen, dass sich Knoten lösen und ein Stück heilen wird.

Ach ja, auch wir haben einen Drachen. Oder vielmehr: Die fünfjährige Lea hat einen. Das darf ich deiner Kleinen verraten ;-). Und dieser ist auch für eine Zweijährige bei mir sehr hilfreich.

LG, sayeda

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: So Nov 11, 2018 5:11 pm
von Dorie unlog
Aufatmende hat geschrieben:
Sa Nov 10, 2018 5:40 pm
Ich habe schon wieder den nächsten Infekt und huste vor mich hin. Kein Wunder.
Dir und der kleinen gute Besserung und viel Kraft für den Infekt.
Aufatmende hat geschrieben:
Fr Nov 09, 2018 5:30 pm
Die Kleine fühlt sich gesehen und es gibt ein wenig Sinn in diese zeitaufwändigen und kräftezehrenden Gespräche, wenn wenigstens noch jemand anders davon profitiert.
Ich glaub ich kanns grad nicht gut in Worte fassen, aber ich gebe mir mühe. Ich lese deins immer, aber manchmal fehlen diese Worte. Wenn du hier so schreibst, wie und was du schreibst, macht mut. Ich kann ja nur meine Sicht erzählen. Aber du machst mut, den Weg der Konfrontation und des reflektierens immer weiter zu gehen. Danke dafür.

Ich hab mich damals auf den Weg der Konfrontation gemacht, nachdem ich jemanden kennen lernte, der sehr sehr weit in der Aufarbeitung war. Durch ihre Geschichte des Weges gab sie mir Hoffnung und Mut das man irgendwann leben kann. Das es besser werden kann.

Ich hab nie wirklich begriffen, wenn es hiess. Danke das du deine Geschichte teilst, danke für das Vertrauen. Ich hörte es immer von Menschen, denen es nicht passiert ist. Darum dachte ich immer es liegt nur am Vertrauen.

Aber wenn es gleichgesinnten passierte und sie teilten, oder zu mir sagten, da war etwas, was ich nicht beschreiben könnte. Aber es macht Mut und auch Hoffnung.

Ich war am Freitag Abend bei einer Veranstaltung und dort war ein Ehepaar und ein einzelner Mann, die den Holocaust überlebt haben. Die fahren quer durch Deutschland und erzählen ihre Geschichte. Unbeschreiblich. Dieses teilen der Geschichte hilft vielen Menschen, gerade denen die Leid kennen. Menschen die Hoffnung brauchen oder Mut. Die drei die erzählten, haben trotzdem ihr Lachen nie verloren. Sind nicht verbittert, sondern freuen sich über jedes lächeln.

Ich habe viele Bücher von Holocaust überlebende gelesen. Eins von den vielen hat mir am meisten geholfen, mehr als jedes Fachbuch. Und sein Leitspruch hängt bei mir zu Hause.
"Solange ich atme, hoffe ich"

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: So Nov 11, 2018 5:13 pm
von Aufatmende
Mit 5?? Mehr?? :(
Ich habe eine Erinnerung, wo ich meine Schwester nur höre, weil sie von meinem Erzeuger verdeckt wird, wo sie als Baby schreit wie ein sterbendes Kaninchen. Ich hatte immer Zweifel, ob ich wirklich meine Schwester sehe, weil dies mit extrem viel Scham verbunden war. Ob es nicht doch ein sehr weit entfernter eigener Anteil ist.
Wie gut, dass man manches nicht mehr verifizieren kann... :|

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: So Nov 11, 2018 5:21 pm
von Aufatmende
@Dorie: ich glaube, ich weiß, was du meinst. Ich habe auch Freundinnen, die keine massive Traumatisierung erlebt haben, aber mit traumatisierten Menschen arbeiten. Die sagen, sie können sich durch mein Erzählen hinein versetzen und wissen auch, was sie tun können bzw. lassen sollten.
Holocaust und andere Grausamkeiten meide ich sehr konsequent. Das destabilisiert mich nachhaltig und unkontrollierbar.

Re: Ein Hauch von Nichts triggert

Verfasst: So Nov 11, 2018 5:38 pm
von Dorie unlog
Aufatmende hat geschrieben:
So Nov 11, 2018 5:21 pm
Die sagen, sie können sich durch mein Erzählen hinein versetzen und wissen auch, was sie tun können bzw. lassen sollten.
Ja ich glaub so meinte ich das. Man kann nachvollziehen, warum was so ist. Entweder man sieht dann eigene "Narben" oder man sieht sie bei anderen.


Ok, kann ich verstehen. Hab ich bei vielen auch. Mir gehts auch nicht um die genauen Grausamkeiten, weil die würden mich wahrscheinlich auch umhauen, sondern eher, wie damit umgegangen wurde. Was denen Hoffnung gab usw.
Dadurch hab ich zb meine damalige Essstörung herraus gefunden