Ein Hauch von Nichts und Nahtod * triggert*

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lara64
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Re: Ein Hauch von Nichts und Nahtod * triggert*

Beitrag von lara64 » Sa Feb 09, 2019 9:53 pm

hallo Aufatmende,

ich habe alle beiden Texte gelesen und mir stehen gerade die Tränen in den Augen.
Es liest sich schmerzlich schöne, schwer und leicht und so vieles zugleich an Emotionen.

Ich wünsche dir für die Kinder, vor allem für das Drachenkind, dass ihr beiden euch so annähern könnt, dass es in der Nähe-Distanz möglich bleibt im Kontakt zu bleiben, auch wenn es schwer zu sein scheint, für beide Seiten.
Dir ganz viel Mut und Kraft für die Arbeit mit dem Drachenkinde.

Shalom - lara64

Aufatmende
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Re: Ein Hauch von Nichts und Nahtod * triggert*

Beitrag von Aufatmende » Di Feb 12, 2019 3:47 pm

Es hat einige Fehlversuche gekostet, bis es mir gelungen ist, das Drachenkind an den sicheren inneren Ort zu bekommen. Ich habe gefragt, was es denn gerne tun möchte und dabei festgestellt, dass es durchaus dabei war, wenn ich im weitesten Sinne gespielt habe. Aber das Tun ist gar nicht der Punkt, auch nicht etwas spezifisch für eine Vierjährige zu tun, sondern etwas exklusiv mit meiner Mutter zu tun.
Ich kann das so gut verstehen, wie sehr du dir das wünscht. Dir wünscht, dass Mama etwas Schönes mit dir tut, etwas, das keinen Zweck hat und wo du nicht so nebenher läufst. Etwas, wo deine Schwester nicht dabei ist und wo du nichts leisten musst. Dass sie dir ihre Liebe zeigt und nicht nur sagt und dich dabei fest umklammert. Aber selbst wenn ich mir etwas für dich nur in meinem Kopf vorstelle, kann ich aus einer bösen Mama keine liebe Mama machen.
Ich kann dir nur zeigen, dass ich heute einen lieben Ehemann habe und dass heute meine Freundinnen da sind, die mich anrufen oder whatsappen und fragen, wie es mir geht und ob sie etwas einkaufen sollen und mir ein Brot vom Markt und einen Blumenstrauß mitbringen.
Was war, ist nicht wieder gut zu machen.
Ich freue mich, dass du das Kuschelschuppenkleid wieder angezogen hast. Auch wenn es gerade ein Anzug mit Kapuze ist, wo nur ein winziges Stückchen Gesicht heraus guckt. Und Drachenpantoffeln, sogar mit Krallen. Und ein Drachenschwanz. Der nur lästig ist. Mit dem du dich nicht einmal vernünftig hinsetzen kannst.
Ich verstehe, du brauchst ganz viel Schutz und der Drachenschwanz gibt dir Stärke. Aber ein Mann oder ein Junge kannst du damit auch nicht werden. Das funktioniert genauso wenig.
Du siehst so extrem traurig aus und es ist so schwer, mit dir zu reden, wenn du keine Antwort gibst.

Sie sieht mich an mit verschleiertem Blick. Dann legt sie sich auf das Gras am sicheren inneren Ort, so, wie ich gestern lag, als ich vorsichtig meine Dehnübungen gemacht habe. Diejenigen, die ich frustriert immer wieder aufgegeben habe, weil sie so unendlich viel Energie kosten, laut meiner Physiotherapeutin aber alternativlos sind: breitbeinig auf dem Rücken liegen, vorsichtig die maximale Spreizung finden, einen Fuß aufstellen und das andere Bein abspreizen und zur Mitte zurück führen. Die Ferse dabei über den Boden schleifen, damit die Bewegung aus der Hüfte und nicht aus der Rumpfmuskulatur kommt. Je langsamer, je mehr ich dabei mein Becken fokussiere, desto schwieriger. Als ob ich nicht bei Feldenkrais und bei Pilates schon übe und übe und übe und auch langsame, sanfte, schonende Entspannung finde.
Jetzt steht sie gekrümmt auf, fasst sich zwischen die Beine und weint.

Die dritte Pause, seit ich angefangen habe zu schreiben.

Sie ist weggegangen. Bestenfalls hat sie im Garten geschaukelt. Schlimmstenfalls hat sie auf dem Boden gesessen und sich hin und her gewiegt. Sie hat gefühlt stundenlang die einzelnen Blätter aus Gänseblümchen gezupft.
Es kostet Kraft, die Schaukel wieder aus dem elterlichen Garten an den sicheren inneren Ort zu verfrachten.
Es tut so weh, dich so zu sehen. Viel mehr als mein Hals schmerzte. Es ist so schwer, nicht auf dem Sofa zu versacken und mich nur noch zu wiegen. Es ist so zermürbend, dass du es immer im Kreis darstellst. Wieder und wieder und wieder. Schon, als du so klein warst. Und immer ist da der stumme, tränenlose Schrei nach Mama. Sie hat nicht geholfen. Das kann ich nicht ändern.
Da ist viel mehr Schmerz als Wut. Da braucht es wohl diese wahrhaft klösterlichen Tage im Bett und auf dem Sofa, an denen die Nase und die Ohren so dicht sind, dass der Fernseher nur dröhnt und aus bleibt.
Du warst ein tapferes kleines Mädchen. Ich danke dir, dass du alles vergessen hast. Ich danke dir, dass du damals deine Gefühle und Tränen vergraben hast. Wie schön, dass du jetzt weinst. Weil Tränen etwas auflösen und weg spülen.

Sie sitzt in der Hocke im Garten, unter der Magnolie in voller Blüte und gräbt. Sie dreht mir den Rücken zu. Offensichtlich ist sie beschäftigt und offensichtlich ist es nicht möglich, sie zu berühren und zu trösten.
Die anderen Innenkinder liegen um den frei stehenden Magnolienbaum auf dem Rücken im Gras, mit gespreizten Beinen. Sie zeigen, dass sie schon angekommen sind. Dass sie liegen können, wie sie wollen und mich an nichts mehr hindern. Die Sonne scheint. Vogelgezwitscher und Bienen in der Luft.
Ein Postkartenfoto. Fast. Kuschelschuppengrün ist die Hoffnung.
Rückfälle sind Vorfälle!

Imagica
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Re: Ein Hauch von Nichts und Nahtod * triggert*

Beitrag von Imagica » Di Feb 12, 2019 9:44 pm

Oh, die Wünsche nach echter Liebe ohne "Gegenleistung" kann ich sehr gut nachvollziehen.

Hmm, ich weiß nicht ob mir das nur so vorkommt, aber mir fällt irgendwie auf, daß Du ihr oft sagst was nicht geht, oder was auch nichts bringt. Oder daß der Drachenschwanz nur lästig ist und sie sich nichtmal vernünftig damit hinsetzen kann. Auf mich wirkt das ein bißchen abwertend. Mir ist klar, daß Du das sicher nicht so meinst! Mein Gedanke war halt nur, wenn das für mich so rüberkommt, kommt es bei ihr vielleicht auch so rüber?
Keine Ahnung ob Du damit jetzt was anfangen kannst, wenn nicht, ignorier es einfach ;-) Böse gemeint wars auf jeden Fall nicht!

Liebe Grüße,
Imagica

Aufatmende
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Re: Ein Hauch von Nichts und Nahtod * triggert*

Beitrag von Aufatmende » Mo Feb 18, 2019 12:14 pm

Du hast recht. Das kommt bei ihr so rüber.
Aber momentan kann ich es nicht ändern.
Da mischt sich Resignation, dass es kein Ende nimmt, mit fehlender Energie, mich zu bewegen, weil ich von Fieber und Antibiotika noch angeschlagen bin.
Jetzt habe ich körperlich notgedrungen Pause gemacht. Aber es fühlt sich innerlich nicht nach Pause an.
Sondern maximal nach Atem holen.
Heute gehe ich wieder arbeiten. Mal sehen, wie das klappt.
Rückfälle sind Vorfälle!

lara64unl

Re: Ein Hauch von Nichts und Nahtod * triggert*

Beitrag von lara64unl » Mo Feb 18, 2019 10:05 pm

Hallo Aufatmende,

mir ging es ein wenig wie Imagica.

Mir ging noch durch den Kopf, ob das Drachenkind einen imaginativen Schutzbegleiter braucht. Ein Tier, ein Fabelwesen, dass vielleicht auch zwischen euch moderieren könnte. Keine Ahnung wie das bei dir ist. Hier gibt es solche Möglichkeiten immer wieder, oder es gibt ohnehin so ein Innenanteil, der so etwas übernehmen kann. Ich weiß, bei dir gibt es keine Anteile wie hier, aber doch auch Innenkinder. Ist da vielleicht eines dabei, dass so eine Aufgabe übernehmen kann. Oder doch ein Tier imaginieren.
Es gibt doch einen imaginativen Hund, vielleicht braucht das Drachenkind was in die Richtung. So ein Gedanke. Wenn das Quatsch ist, oder nicht passt, verwirf es einfach.

Ansonsten wünsche ich dir gute Rekonvaleszenz nach der langen Erkrankungszeit. Hoffe, du kannst deinem Körper nach dem Antibiotika etwas gutes tun, damit er damit besser zu Recht kommt. Und nicht gleich ganz so dolle auf der Arbeit loslegen.

Shalom - lara64

Imagica
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Re: Ein Hauch von Nichts und Nahtod * triggert*

Beitrag von Imagica » Mo Feb 18, 2019 10:24 pm

Hallo Aufatmende,

Laras Idee finde ich super! Bei mir klappt das auch häufiger so, mit so einer Art "Vermittler", oder wenn ich einfach noch nicht genug hinsehen kann, weil ich es noch nicht aushalten kann, habe ich meine imaginierten Helfer oder echte Innenanteile, die sich dann erstmal kümmern können, so lange bis ich es selber auch richtig kann.

Ich hoffe, Du hast die Möglichkeit Dich bei der Arbeit noch ein wenig zurückzuhalten um überhaupt mal wieder richtig fit zu werden!

Liebe Grüße,
Imagica

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