Ein Hauch von Nichts und Nahtod * triggert*

Hier können Betroffene über ihre Erlebnisse diskutieren.
Aufatmende unlogged

Ein Hauch von Nichts und Nahtod * triggert*

Beitrag von Aufatmende unlogged » Do Jul 19, 2018 6:36 pm

Ich war früher regelmäßig hier. Jetzt geht es mir gut. Ich bin stabil, aber manchmal taucht ein neues inneres Kind auf, das NICHTS von meinem Leben weiß. Gerade habe ich niemandem, dem ich irgendwie davon berichten kann und dieses Kind braucht, dass es "in der Welt" ist. Wenn hier jemand schreiben würde "Hab's gelesen", bzw. überflogen, wäre das hilfreich für mich.

Nach zu viel Stehen auf einem Fleck beim Beeren Pflücken machte ich Feldenkrais, um Rücken und Beine wieder zu entspannen und wachte nachts mit dem Anblick einerZwölfjährigen auf Treppenstufen auf. Weinend. Damals vollkommen unmöglich, aber heute, wenn die Treppenstufen am sicheren inneren Ort sind. Selbst im Schlaf kann sie jetzt weinen. Als ich sie mittags fragte, was sie von mir braucht, spürte ich den Druck des Fußes meines Vaters auf den Rippen, eher sein gesamtes Körpergewicht, sein Fuß auf ihrer Kehle: „Ich mach dich platt.“ Ich kann dagegen an atmen, aber meine Rippen werden wie Beton. Sie sagt, ich habe keine Chance, das zu ändern, wenn ich sie nicht „richtig“ in Sicherheit bringe.

Am Sonntag beim Abendmahl ein intensives inneres Bild wie Jesus, mit dem Wundmal an seiner Seite, das Kind auf den Treppenstufen ebenda an den Rippen berührt, ein Gefühl von tiefer Geborgenheit und Verbundenheit mit diesem Gottessohn, der Mensch geworden ist und meine Schmerzen am eigenen Leibe kennt.
Heute morgen, nach fast komplett durchwachter Nacht kehrte ich also zu obiger Szene zurück und fragte die Zerquetschte - was für ein ätzender Name! - ob sie denn jetzt, nach diesem Trost und einer Ahnung von Frieden nicht nur auf die Treppenstufen, sondern in den sicheren inneren Ort hinein kommen wolle.
Kopfschütteln.
Einige Versuche, zu der Puppe den passenden Abstand herzustellen.
Viele Tränen über das, was sie erdulden musste. Verdammt nah an der Luftnot von damals. Mühsam wieder mit allen Sinnen verankert und dann plötzlich alles schwarz. Totale Dunkelheit.
Ich frage mich jetzt beim Schreiben, wie ich da wieder raus gekommen bin. Ich glaube, indem ich mit meinen Händen und Füßen Kontakt mit dem Untergrund aufgenommen habe und angefangen habe aufzuzählen, was ich draußen sehe und mit der Puppe geredet habe. Trotzdem ein absolut beschissenes Gefühl, wenn auch wohl nur ein paar Sekunden lang.
Ein weiterer Teil schwebend in einer nicht mit dem Leben zu vereinbarenden Position: liegend mit dem Rücken zur Erde, aber mit dem Kopf so weit überstreckt, dass sie alles unter sich sehen konnte: wie sie erst blau und dann weiß anlief und starb. Nicht Jesus, sondern ein Engel, der sie in seinen Armen weg trug, den Kopf wieder in eine angehobene Position brachte. Sie schwebte weit über ihr Zimmer hinweg, den Farben entgegen, schöner als das größte Blumenmeer, den Klängen entgegen, schöner als jeder Chor singen kann und kam dann doch zurück in diesen Körper voller Qual und Angst.
Der Engel tötet dieses Monster: er lädt einen Betonquader auf seinem Brustkorb ab. Das Geräusch von berstenden Rippen und dem letzten Atemzug, Steine auch auf Armen und Beinen, damit er sich nie wieder bewegen kann.

Keine Idee, was die Zerquetschte nun braucht. Die Arbeit ging mir heute dennoch gut von der Hand.
Das Gegenteil von Enge und Luftnot, auf der Brücke einer Talsperre stehen, an Blumen riechen, das kann die Zerquetschte noch nicht gebrauchen.
Die Aufatmende will sie auch nicht heißen. Die kennt sie nicht einmal. Verinselt. Vereinzelt. Verlassen.
Aber ich nicht. Ich bin vernetzt und befreundet und werde geliebt. Heute ist es anders, auch wenn die Vergangenheit immer noch ihre Schatten wirft. Nicht mehr als Schatten. Keine Dunkelheit, die bleibt. Sie zieht vorbei.
Ich glaube, ich habe noch nicht einmal zu ihr transportiert, dass wir überlebt haben. Zu schwer war es, von dem Sog der Dunkelheit weg zu kommen.

Mit Fleecejacke bei 22°C sitze ich im Wohnzimmer. Wenigstens äußerlich warm, wenn es schon innerlich kalt wird. Meine ehemalige Therapeutin war in meinen Gedanken da und hat mich daran erinnert, zu atmen, den Boden zu spüren; zu fühlen, wie ich sitze und die Augen offen zu lassen.
Ich habe mich so nah an den schwebenden Teil heran gewagt, wie es allein möglich war. Dabei habe ich auch gemerkt, wie ich es fertiggebracht habe, an exakt den Stellen hinderliche Muskelschmerzen zu bekommen, an denen ich die Tritte meines Vaters spürte: ich habe nicht wirklich angelehnt gesessen, sondern mit einer Dauerspannung in Rücken- und Bauchmuskulatur. Wie war das noch? Erst kommt die Wahrnehmung, dann die Veränderung.
Ich habe die beiden Teile betrauert, so gut es ging. Betrauert, dass der schwebende Teil nicht in den Himmel durfte. Diese Schwebende ist dabei, dem Körper, der Zerquetschten zu vergeben, dass sie sie zurück geholt hat. Als ob man eine Wahl hätte, zu leben oder zu sterben. Als ob es etwas zu vergeben gäbe. Sie fühlt sich verstanden, dass ich ihr Gefühl ernst nehme.
Es war ein Hin und Her mit dem Abstand zur Puppe, ein Raus und Rein, weil mir immer kälter wurde. Ich war gefühlt 80% von etwas 35 Minuten, die Uhrzeit zwischendurch vor mich hinsagend, damit beschäftigt, in der Gegenwart zu bleiben.
Ich habe dem schwebenden Teil zum wievielten Mal? meine Lebensgeschichte erzählt; erzählt, was schön war, wie ich meinen Körper allmählich gefunden habe, wie ich Liebe und Vertrauen gefunden habe. Sie ist dabei immer weiter „abgesunken“. Der Engel hat meinen Monstervater mitsamt der Steine ins Meer geworfen. Dort wird er von Haifischen und Würmern gefressen.
Die beiden Teile sind bis zum Garten vom sicheren inneren Ort vorgedrungen. Dort liegt die Zerquetschte auf dem Rasen und die Schwebende schaut sie an, mit dem Bauch inzwischen nach unten und ohne, dass sie vom Engel getragen wird. Da steht eine Affenschaukel, darin wären die beiden gerne als Eine, aber vorerst brauchen sie nach und nach Boden unter den Füßen.
Es ist nach wie vor nicht möglich, eine von beiden zu berühren. Immerhin hat die Schwebende durch das Fenster gesehen, dass da noch andere Innenpersonen sind, die teilweise noch näher und noch länger an der Todesschwelle standen. An der emotionalen allemal, ich vermute aber, auch an der körperlichen. Ich vermute, es gab Entwicklungsschritte von mir, wo ich mich aus dem Einflussbereich meines Vaters entfernt habe. Offenbar hat mein Schwein von Vater an allen diesen Schwellen maximale Angst erzeugt, um zu verhindern, dass ich jemandem etwas erzähle. Hat funktioniert.
MEIN VATER WAR EIN SEELENMÖRDER! ER IST GESTORBEN! ER HAT KEINE MACHT MEHR ÜBER MICH! ER WIRD SICH AUCH DIESES, WAS ES MICH KOSTET, MIT MIR IN KONTAKT ZU GEHEN UND HIER ZU SCHREIBEN, IN SEINER GERICHTSVERHANDLUNG ANSEHEN MÜSSEN!
Du bleibst da. Und hältst meine Angst aus. Und meine Verzweiflung. Und meine Luftnot. Und meine Sehnsucht nach dem Himmel. Da wo es friedlich ist und hell und warm. Und weinst um mich. Und tröstest mich. Und fasst mich nicht an.
Es fühlt sich an, als ob du um jedes Wort ringst. Und als ob ihr jetzt zusammen redet. Ich bin erstaunt, dass du jetzt redest. Du hast die ganze Zeit nur genickt oder mit dem Kopf geschüttelt.

Wildi
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Registriert: Fr Feb 09, 2018 4:32 pm

Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von Wildi » Do Jul 19, 2018 6:46 pm

Ich habe dich gelesen. Alles, was da ist, ist wichtig.

Vielleicht ist die große Freiheit erstmal zu viel. Vielleicht möchte sie noch nicht so viel atmen und riechen. Vielleicht möchte sie einen Schutz für ihren Brustkorb, so wie eine Art Ritterrüstung.

Alles Liebe.
Wildi

Aufatmende unlogged

Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von Aufatmende unlogged » Do Jul 19, 2018 6:49 pm

Die möchte ich ja gerade ausziehen, die Ritterrüstung. Deshalb ist sie ja ursprünglich aufgetaucht, weil ich zu viel Bewegung in meine Rippen gebracht habe. Es dauert nur alles so ewig lange, auch wenn ich immer wieder höre, ich sei sehr weit. :roll:
Danke für's Lesen! :)

D. unlog

Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von D. unlog » Do Jul 19, 2018 6:53 pm

Ich habs gelesen.

Ich weiss jetzt gar nicht wie ich dir helfen kann, aber ich möchte dir sagen, das was ich gelesen habe, hat mich echt berührt. Gerade das Bild was du im Abendmahl hattest und auch das andere was du darüber geschrieben hast, von wegen das mit den Engeln und das monster zu besiegen und so.
Es liest sich auch gut, wie du mit dir und dem mädchen umgehst.

Danke fürs teilen.

Liebe grüsse

Aufatmende unlogged

Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von Aufatmende unlogged » Do Jul 19, 2018 7:00 pm

Du hast mir schon geholfen, indem du es gelesen hast.
Ich habe mit meiner Therapeutin über viele Jahre mit Imaginationen, ganz vielen Verankerungen.....gearbeitet und habe inzwischen einen großen "Werkzeugschrank". Hart erarbeitet.

D. unlog

Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von D. unlog » Do Jul 19, 2018 7:17 pm

Ja das war beim lesen spürbar. Du hast gutes Werkzeug.
Aufatmende unlogged hat geschrieben:
Do Jul 19, 2018 6:49 pm
Die möchte ich ja gerade ausziehen, die Ritterrüstung. Deshalb ist sie ja ursprünglich aufgetaucht, weil ich zu viel Bewegung in meine Rippen gebracht habe. Es dauert nur alles so ewig lange, auch wenn ich immer wieder höre, ich sei sehr weit. :roll:
Danke für's Lesen! :)
Dazu wollte ich noch paar Gedanken äussern. Erstmal letzter Satz. Da steckt bisl ungeduld hinter, aber kenn ich von mir. Und dein augenroll deute ich so das es nicht das ist was du hören willst, das du auch schon weit bist, weil da ist ja noch was. Ich krieg auch immer zuhören, ich bin schon weit gekommen bei 3 jahre Traumakonfrontation. Was ja auch stimmt, ich sehs ja, aber die tun dann immer so, als würde man da alles können.

Und zum anderen mit der Ritterrüstung (ich bin bei einer therapeutischen Beratung über Seelsorge).
Wozu brauchst du die Rüstung? Das ist dir aber ja schon bewusst.
Und dann käme der Satz "wenn du sie nicht brauchst, leg sie ab (wir bringen sie zb dann zu Jesus) und gucke wie du es anders schützen kannst oder guck was du brauchst statt dessen.

D. unlog

Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von D. unlog » Do Jul 19, 2018 7:21 pm

Also nicht die seelsorge sagt zu mir das ich ja alles kann, sondern andere Fachkräfte, andere Hilfen oder die die keine ahnung haben, wie so ne Therapie abgeht.
Nicht das jetzt zu Missverständnissen kommt ;)

lara64unl.

Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von lara64unl. » Do Jul 19, 2018 10:10 pm

hallo aufatmende,

sooo lange nichts mehr von dir gelesen - schön dich wieder einmal zu lesen, auch wenn der Anlass für dich eher schwierig ist.
Es hat uns sehr sehr berührt und viele innere eigene Erfahrungen wachgerufen - so bekanntes Erlebnis.

Da du einen sehr spirituellen Zugang hast, meine Idee (verwirf wenn es unpassend ist..) könnte Jesus nicht einen goldenen Schutzmantel, ganz durchsichtig und von ihm gewirkt um beide legen, so dass sie geborgen sind, und doch noch so viel Abstand für beide sein kann, wie die beiden brauchen,bevor sie in der Affenschaukel eins werden..
auch so als Möglichkeit dann mit Hilfe des Schutzmantels und Jesus zutun an den sicheren Ort zu gelangen..

Shalom dir - lara64

Aufarmemde unlogged

Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von Aufarmemde unlogged » Do Jul 19, 2018 10:42 pm

Ich als Erwachsene habe einen Zugang zu Spiritualität. Aber für den schwebenden Anteil ist es eher so, dass der Engel sie nicht in den Himmel gelassen hat. Die hört eure Vorschläge als blanken Hohn :cry: Das macht es ja so schwierig. Es fühlt sich noch absolut wie Nicht Ich. Nicht zu meiner Persönlichkeit gehörig an. Und traurig. @lara64 Ich habe ein wenig in deinem Thread gelesen. Hätte nicht gedacht, dass du noch da bist.

D. unlog

Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von D. unlog » Fr Jul 20, 2018 9:20 am

Hallo

Ich kann das irgendwie verstehen, sie wollte wohl nicht mehr, aber ihr Wunsch wurde nicht erfüllt. Wahrscheinlich ihr einzigster und sehnlichster Wunsch? Da würde ich auch erstmal denken, die wollen mich auch nicht haben und auch wieder jemand der über mich bestimmen will und so einem darf man nicht vertrauen. Das ist in der Tat sehr schwierig. Ich glaub die schwebende braucht erstmal vertrauen. Ich denke sie muss erst verstehen, das es gut ist, das die Engel sie nicht rein liessen. Aber das erfordert wirklich geduld.

Einen schönen Tag dir und der schwebenden.

Aufatmende
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Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von Aufatmende » Fr Jul 20, 2018 7:35 pm

Lange habe ich mit meiner Freundin telefoniert, gesagt, wie es mir geht und wie müde die kurzen Nächte und die Verbindung zu der Zerquetschten machen.
Ich konnte vorsichtig, mit wenigen Bewegungen, so tun als ob ich die Puppe mit Voltaren einreibe. Wellen von Schmerz und Angst und Luftnot und Traurigkeit.
Die Puppe stand danach auf meinem Schoß und ich konnte langsam meine Hand sinken lassen und sitzen, ohne zu sehr angespannt zu sein. Die Schwebende ist gelandet und umarmt die Zerquetschte und augenblicklich stellt sich ein Name ein: „Die Standhafte“.„Mit den beiden“ habe ich in meine Rippen geatmet, wie auch schon die meiste Zeit in den letzten Tagen beim Fahrrad Fahren. Als ob ich gegen den Widerstand eines Therabandes atmen muss. Und kalte Luft einatme. Das wird noch dauern, bis ich dabei nicht mehr Gefahr laufe, zu dissoziieren. :?
„Sie“ gehen in den sicheren inneren Ort, berühren die andern Innenpersonen sanft an den Händen und finden dort keinen angemessenen Platz. Also doch wieder nach draußen, auf den Rasen, erdverbunden. Zurück ins Liegen, aber jetzt miteinander verbunden, in Gesellschaft der andern Innenpersonen. Es stellt sich nichts drumherum ein und es ist immens wichtig, sowohl am sicheren inneren Ort als auch in der Realität Boden unter den Füßen in Socken oder nackten Füßen zu haben.
Ich vergebe dir Zerquetschten, dass du mich nicht in den Himmel gelassen hast. Ich habe mitbekommen, dass dein Leben, erwachsene Aufatmende, schön ist, dass du gerne lebst und viele Dinge genießen kannst. Aber die Sehnsucht bleibt.
Ich weiß. Nach Frieden mit meinem Körper. Einfach nur bewegen, ohne aufzupassen. Nicht mehr ins Schlingern beim Essen zu kommen, wenn ihr meinen Alltag in Besitz nehmt und ich allmählich meine Wahrnehmung runterfahre. Ruhig schlafen und nicht beim Geräusch der Wasssertropfen, die von den Blättern fallen, aufwachen.
Da ist noch mehr, oder? Das ist nicht zufällig um den Todestag (5.7.) und Geburtstag (17.7.) von Mama aufgetaucht.

Kopfnicken. Das wäre ja nicht das erste Mal, dass ich meine Mutter in einer Erinnerung vollständig ausgeblendet habe. Ich habe den festen Vorsatz, mich dem Tempo meines Unterbewussten zu überlassen. Nichts zu suchen. Das zu nehmen, was da ist. So wie es ist. So wie ich bin. Heute.
Rückfälle sind Vorfälle!

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Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von Aufatmende » Sa Jul 21, 2018 12:10 pm

Nur die Stimme ihrer Mutter: „H., komm ins Bett!“ Durch das Treppenhaus gerufen, spät abends. „Nimm mich statt ihr“, implizierte das wohl.
Was wäre, wenn du zurück gerufen hättest: „Mama, hilf mir?“ Das hat den gefühlten Realitätsgehalt von: eine afrikanische Rakete landet auf dem Mars. Ich kann das nachträglich anders denken. Aber es ist leichter, einen Drachen, einen Hund, einen Polizisten, Arnold Schwarzenegger, eine Lehrerin in dieses Zimmer zu schicken als unsere Mutter. Jenseits jeder Vorstellungskraft. Sie hat niemals geholfen. Anscheinend musst du, jetzt wieder einzeln Schwebende, das auch nochmal hören: von Mama war niemals Hilfe zu erwarten, eher das Gegenteil. Sie hat dich auch zum Schweigen gebracht handgreiflich und verbal.
Ich habe eine Ahnung, warum das jetzt hoch kam. Auf Station eine Ehefrau, die das Sterben ihres Mannes nicht aushält, die die Pflege und die Ärzte verantwortlich macht, die nicht ertragen kann, dass er schreit, obwohl er schon so viele Fentanyl-Pflaster hat, dass sein Kreislauf schon kurz vor dem Versagen war, dass er schreit aus Verzweiflung und weil sie ihn festhält. Da ich nichts für ihren Mann tun konnte, hatte ich Zeit, mit ihr zu sitzen und zu hören, ihre Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Verlassenheit, Wut zu benennen. Ich habe gemerkt, dass alle anderen sie nicht aushalten. Ich schon. Weil ich meine eigenen Gefühle schon kenne. Aber nicht alle Innenkinder.
Habe ich euch, Zerquetschte und Schwebende, dich, Standhafte, schon freundlich angenommen? Euch gesagt, dass ihr da sein dürft, dass ihr zu mir gehört, dass ich euch aushalte?
Nein, hast du nicht. Ich dachte, wir fallen dir nur zur Last und machen dich traurig.
Ja, ihr habt viel Zeit eingenommen und ich habe viel geweint. Aber ihr macht mich auch lebendig. Und ihr zeigt mir, dass ich dort sein kann, wo wenige ausharren können, weil ich meiner Angst ins Auge blicken und darauf warten kann, dass sie kleiner wird.
Deswegen heiße ich „die Standhafte“. Ich habe standhaft dem Tod ins Auge geblickt und die andern Innies auch. Ich bin keine Last für dich, sondern du brauchst mich.
Doch, du bist auch eine Last für mich. Aber ich glaube, ich kann mich jetzt wieder auf die Gymnastikmatte legen und gut genug auf mich aufpassen.
Auf uns aufpassen. Danke, dass du dich um uns kümmerst. Danke, dass du nicht alles sofort heil machen willst. Vorerst kann ich nur weiter auf dem Rücken liegen und mich ausruhen. Das solltest du auch tun, dich ausruhen!
Rückfälle sind Vorfälle!

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Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von Waldkatze » Sa Jul 21, 2018 6:50 pm

Hallo Aufatmende, schön, dich zu lesen, auch wenn der Anlass schwierig ist. Auch ich habe dich gelesen und lasse dir etwas da, was mir Frieden schenkt - möge es auf dich und deine Innnenkinder eine ähnliche Wirkung haben.
Es ist das Irish Blessing von James Moore.

https://youtu.be/85tMt5KBeuc

Liebe Grüsse
Waldkatze
Ich bin, wer ich bin, und das alles bin ich. Punkt.

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Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von Aufatmende » Di Jul 24, 2018 2:52 pm

https://youtu.be/P8TyKNycHes Hab s mir angehört. Sehr schön. Das vorn ist mein Lieblingsstück. All bells in paradise von John Rutter
Rückfälle sind Vorfälle!

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Re: Nahtod *triggert*

Beitrag von Aufatmende » Mi Jul 25, 2018 5:14 pm

Ich habe mich ausgeruht, getrödelt, mich zum Spielen verabredet, bin, nachdem jetzt die extreme Kirschen- und Beerenschwemme im Garten wieder vorbei ist, wieder ins Fitnessstudio gegangen, „mit der Standhaften“. Es ging alles bis auf Training vor dem Spiegel mit einem Mann im Rücken.
Ich habe mal so eben 2 kg zugenommen. Zum Kotzen. Ging einfach nicht anders. Ich konnte auch zu der Standhaften transportieren, dass ich sie nicht dafür verantwortlich mache, sondern dass das eben jahrzehntelang verankerte Überlebensmechanismen sind, die ich nur langfristig und nur wellenförmig ändern kann.
Mein Körper kommt noch nicht hinterher. Ich hinke erbärmlich. Durchaus möglich, dass zu der Erinnerung noch mehr Gewalt gehört, die nur mein Körper zeigt, zu der aber kein Film da ist.
Aufsteigende Tränen und Kopfnicken der Zerquetschten. Es ist ein Eiertanz, in diesem fragilen Zustand Entspannungsübungen welcher Art auch immer zu machen. Lasse ich es bleiben, ziehen sich meine Muskeln immer mehr zusammen, schaffe ich es, ruhig und langsam „runterzufahren“, bin ich nur eine Messerspitze vom Dissoziieren entfernt.

Wie findet ihr heraus, was gerade Sinn macht und was nicht? Auf der einen Seite nicht in Lethargie zu versinken und auf der anderen Seite nicht zu viel zu machen?
Rückfälle sind Vorfälle!

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