Meine Mutter wurde missbraucht - was kann/sollte ich tun?

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Lexa

Meine Mutter wurde missbraucht - was kann/sollte ich tun?

Beitrag von Lexa » Sa Sep 29, 2018 4:12 am

Hallo,

ich weiß nicht genau, wo ich anfangen soll. Aber das geht wahrscheinlich vielen hier so. Ich bin quasi nur indirekt betroffen. Einige Situationen legen nahe, dass meine Mutter (grad geht sie auf die 60 Jahre zu) im frühen Teenager-Alter von ihrem Onkel sexuell missbraucht wurde. Ich weiß, dass sie eine Zeit lang bei ihm und ihrer Tante im Haus gewohnt hat und dass das aber abrupt aufgehört hat, als sie eben das besagte Alter erreicht hatte. Das hat mich stutzig gemacht, meine Mutter wollte in dem Gespräch selbst aber nicht auf die genaueren Umstände eingehen. Ich habe dann eine Zeit später meinen Vater unter vier Augen danach gefragt. Er hat mir bestätigt, dass es da sexuelle Übergriffe gab, dass meine Mutter aber selbst ihm nicht erzählt hätte, was genau passiert sei. Im Endeffekt konnte sie sich wohl irgendwann einem anderen Onkel- und Tantenpaar anvertrauen und die beiden haben dann veranlasst, dass sie woanders unterkommt. Merkwürdigerweise haben wir den Onkel, der dafür verantwortlich ist, und seine Frau, als ich noch klein war, wie ganz normale Familienmitglieder besucht, wenn wir in der Nähe waren. Ich hätte nie erwartet, dass es da irgendwelche Zerwürfnisse gegeben hätte.
Mich hat das sehr wütend gemacht und die Vorstellung in welcher Situation sich meine Mutter befunden haben muss und was sie durchlitten haben muss ist nur ganz schwierig zu ertragen. Im Endeffekt war der Onkel bestimmt schon 10 Jahre tot, als ich es erfahren habe und das Verhalten meiner Mutter hat mir irgendwie suggeriert, dass sie darüber nicht sprechen möchte, gerade, wenn sie nicht einmal meinem Vater genauer davon erzählt hat. Also habe ich die Sache ruhen lassen. Zum einen weil ich dachte, dass es für sie sicher krass wäre und ich sie nicht aus dem Gleichgewicht bringen oder ihr weh tun wollte, in dem ich diesen Missbrauch, der mittlerweile an die 45 Jahre zurückliegen muss, erneut auf den Tisch bringe. Auf der anderen Seite wäre es auch für mich unangenehm gewesen darüber zu sprechen und ich hatte (und habe auch heute noch) Angst vor den schrecklichen Dingen, die da wahrscheinlich ans Tageslicht kommen würden. Ich weiß auch, dass das sehr feige ist.
Das Thema kommt natürlich manchmal hoch, aber ich hatte eigentlich aus den eben benannten Gründen beschlossen, es, soweit es geht, ruhen zu lassen. Nun habe ich aber durch Zufall eine Dokumentation über die Übertragung von Traumaerfahrungen von einer Generation auf die nächste gesehen und mich irgendwie ein bisschen darin wieder gefunden. Das heißt, mir geht es eigentlich soweit recht gut, aber ich bin insgesamt ein Mensch, der sich viele Sorgen macht und auch gerne mal Worst-Case-Szenarien von Dingen im eigenen Kopf durchspielt und dabei eben auch etwas emotional ist.
Dazu kommt noch, dass die Beziehung zu meiner Mutter nie ganz einfach war und ich immer mal wieder vor Konfliktsituationen mit meinen Eltern stehe, die mich etwas überfordern. Nachdem ich die besagte Doku gesehen habe, habe ich jetzt auch etwas rumgelesen und einige Verhaltensmuster, die wohl nach sexuellem Missbrauch in der Kindheit auftreten können, wie z. B. ein mangelndes Selbstwertgefühl, anhaltende Selbstzweifel und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bei meiner Mutter wieder entdeckt und frage mich nun natürlich, ob es da noch mehr Verhaltensweisen gibt, die auf den Missbrauch zurück zu führen sind und ob das nicht auch einige Konfliktsituationen entschärfen könnte, wenn ich wüsste, warum sie in manchen Situationen so reagiert und handelt, wie sie es tut. Und ich frage mich natürlich, ob es mir nicht auch als einzelne Person helfen würde, mich selbst besser zu verstehen. Meine Fragen dazu wären:

1.) Gibt es hier jemanden, der ähnliche Erfahrungen hat?
2.) Habe ich Eurer Meinung nach überhaupt ein „Recht“ dazu, meine Mutter darauf anzusprechen, wenn ich schon das Gefühl habe, dass sie nicht darüber sprechen will? Schade ich ihr möglicherweise damit? Könnte Ihr eine Therapie nach so langer Zeit noch helfen?
3.) Und wie wäre das Vorgehen? Gibt es Beratungsstellen für Kinder von Opfern sexuellen Missbrauchs oder soll ich mich an einen Therapeuten wenden?

Vielen Dank an diejenigen, die solange durchgehalten und bis zum Schluss gelesen haben. Ich hoffe ich trete mit meinen Schilderungen oder meiner Wortwahl niemandem zu nahe. Das ist alles Neuland für mich.

Waldkatze
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Registriert: Mi Sep 26, 2012 9:54 pm

Re: Meine Mutter wurde missbraucht - was kann/sollte ich tun?

Beitrag von Waldkatze » Sa Sep 29, 2018 8:36 am

1.) Gibt es hier jemanden, der ähnliche Erfahrungen hat?
Ja. Meine Mutter wurde jahrelang von ihrem Vater missbraucht, es gab weitere Opfer: Töchter, Enkelinnen, eine davon bin ich.
Auch die Beziehung zu meiner Mutter war immer schwierig, und ja, ich halte ihren in meiner Kindheit noch unaufgearbeiteten Missbrauch für die Hauptursache dafür. Inzwischen hat sie etwas aufgearbeitet, ich auch, die Beziehung ist besser, bleibt aber schwierig.
2.) Habe ich Eurer Meinung nach überhaupt ein „Recht“ dazu, meine Mutter darauf anzusprechen, wenn ich schon das Gefühl habe, dass sie nicht darüber sprechen will? Schade ich ihr möglicherweise damit? Könnte Ihr eine Therapie nach so langer Zeit noch helfen?
Du kannst versuchen, es vorsichtig anzusprechen. Grundsätzlich ist es nie zu spät für eine Therapie.
Wenn sie aber wirklich nicht darüber reden will, solltest du es meiner Meinung nach ruhen lassen. Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, wenn sie nicht will, oder schlicht nicht genügend Leidensdruck besteht, um sich damit zu befassen, und erst recht wird es dann eure Beziehung nicht verbessern. Es ist ihre Geschichte und ihre Sache, wenn sie es weggepackt hat und gut so leben kann, warum aufwühlen?
Und - was immer es auch bewirkt - es kann die Vergangenheit nicht ändern. Wenn dir als Kind etwas von ihr gefehlt hat oder du unter den Folgen gelitten hast, kann nichts und niemand das ungeschehen machen.
Was du aber tun kannst, ist dich selbst damit auseinander zu setzen. Damit hast du ja bereits begonnen. Ich würde den Fokus aber auf dich selbst richten, und was dir in der Beziehung zur Mutter gefehlt hat.
3.) Und wie wäre das Vorgehen? Gibt es Beratungsstellen für Kinder von Opfern sexuellen Missbrauchs oder soll ich mich an einen Therapeuten wenden?
Vielleicht fürs erste eine Beratungsstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs, sie können dir wahrscheinlich am Besten raten oder dir gegebenenfalls weitere/andere Anlaufstellen angeben.

Alles Gute dir!

Waldkatze
Ich bin, wer ich bin, und das alles bin ich. Punkt.

Lexa

Re: Meine Mutter wurde missbraucht - was kann/sollte ich tun?

Beitrag von Lexa » Sa Sep 29, 2018 6:22 pm

Ganz lieben Dank und Dir auch alles Gute!

Lexa

~SteinHart~
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Re: Meine Mutter wurde missbraucht - was kann/sollte ich tun?

Beitrag von ~SteinHart~ » Sa Sep 29, 2018 6:57 pm

Ich würde sie auch lassen... aber wenn es irgendwie ginge, ihr deutlich machen, dass du da bist, sollte sie reden wollen.... (also wenn das der Fall ist, meine ich)


Und den Rat dich mit dir und was das mit dir macht auseinander zu setzen unterschreibe ich auch.



SH
Die Zeit bewegt sich in eine Richtung, die Erinnerung in eine andere.
(William Gibson)

elefantenkind
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Re: Meine Mutter wurde missbraucht - was kann/sollte ich tun?

Beitrag von elefantenkind » Mo Okt 01, 2018 10:15 pm

Liebe Lexa,

Ich bin in der umgekehrten Situation, und habe meiner Tochter den sexueller Missbrauch in meiner Kindheit in wenigen kurzen Worten gegenüber erwähnt.
Ich möchte, dass sie weiß, dass sie mit mir sprechen kann, wenn sie sich Fragen stellt. Sie ist allerdings noch ein Teenager, ich kann mir vorstellen, dass es vielleicht später mal geschieht.

Für mich persönlich war es zu dem Zeitpunkt wichtig (und ist es heute noch), dass ich mit der Tradition des Schweigens breche und dies nicht an meine eigene Tochter weitergebe.

Ich finde, du hast als Tochter das Recht, deine Mutter darauf anzusprechen. Ich finde es sowieso immer besser MIT jemandem zu reden als ÜBER ihn. Du kannst das ja ein einer Form machen, die etwas vorsichtig ist und deiner Mutter Zeit lässt, zum Beispiel einen Brief schreiben mit deinen Gedanken wie oben, oder sie bei einem Spaziergang darauf ansprechen, wie es dir geht mit dem Wissen, das du hast und den Gedanken, die du dir dazu machst.
Du könntest auch eine Therapeutin oder eine Beratungsstelle einbeziehen.

Ich finde, du schreibst sehr liebevoll und rücksichtsvoll und wenn du das beibehältst, dann ist es auf keinen Fall verkehrt. Es schafft ja auch Nähe und Vertrauen zwischen euch, wenn ihr euch vorsichtig über solche privaten und persönlichen Themen austauschen könnt.

Ich würde mir das für mich und meine Tochter auf jeden Fall wünschen. Das ist allerdings die Perspektive einer Mutter, die schon lange versucht, ihre Erlebnisse aufzuarbeiten.

Liebe Grüße
Elefantenmädchen

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