Genau jetzt

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Silberfee
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Re: Genau jetzt

Beitrag von Silberfee » Mi Jan 22, 2020 9:43 am

Hallo SH,
also ersteinmal: ich mag dich.
Ich finde, du schreibst immer sehr hilfreiche und durchdachte Gedanken.
Gut, manchmal schießt du etwas über das Ziel hinaus, aber das machen andere hier auch.

Ich hoffe, du konntest dich inzwischen etwas ausruhen. Das wäre ja schon wichtig, gerade bei Fieber.
Dass es deinen Großeltern so schlecht geht, ist schlimm. Es tut weh, wenn man Menschen, die man mag, immer mehr "verschwinden" sieht. Und man kann nichts dagegen tun. Allerdings bist nicht nur du für die beiden verantwortlich und ich werde echt sauer, wenn ich höre, wie sich deine Familie vor der Verantwortung drückt!
Es ist eine schwierige Situation für alle und dich da so vorzuschieben ist überhaupt nicht okay.
Die sind alle erwachsen und können sich kümmern.

Ich habe auch deine Gedanken zum F Thema gelesen.
Irgendwie bleibt diese Ohnmacht schon, finde ich. Wir waren ja auch "ohnmächtig", hätten nichts dagegen tun können, oder? Aber für mich macht es ein Unterschied, ob ich es erzähle oder nicht. Ja, es ist ganz furchtbar schwer, darüber zu reden und ich brauch auch lange, weil plötzlich Worte fehlen oder nicht raus kommen. Aber es ist meistens besser hinterher, weil ich nicht mehr damit alleine sein muss.

Soweit erstmal
Gute Besserung und Herzliche Grüße
Silberfee

~SteinHart~
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Re: Genau jetzt

Beitrag von ~SteinHart~ » Mi Jan 22, 2020 1:48 pm

Hallo Silberfee, danke :)
Ich polarisiere, im besten Fall. Aber das war tatsächlich mehr als übers Ziel hinausschießen. Es war frech.

Hatte mir gestern ja Ruhe gegönnt. Heute früh kein Fieber mehr und mir ging es bis auf Triefnase und bissi Gliederschmerzen gut.
Also zu Thera...

Sie "schimpfte" als sie merkte dass ich krank bin und hörte dass ich Fieber hatte. Gefährlich, mein Herz... sollte im Bett liegen und in so einer Situation anrufen und einen neuen Termin ausmachen.

Nun, so mancher Gedanke wurde laut, sie schicke mich weg, oder so etwas... wieder einen Fehler gemacht.... aber nur sehr leise.
Bissi eingeschüchtert habe ich wohl aber gewirkt. Auf jeden Fall fragte sie ob ich es nicht gewohnt sei dass sich jemand sorgt und kümmert. Nunja… nee... nicht so richtig....


Sie knüpfte an das Familienthema und die Großeltern an. Hatte ihr ja aufs Band und auch kurz am Tele gesagt was los gewesen ist. Vielleicht hat sie angeknüpft, weil ich bisher kaum an etwas altes anknüpfen konnte. Immer wenn sie nach der vergangen Stunde gefragt hatte, war da erst mal nichts... nun also sie machte den start und so steckten wir dann im Familienthema.

Ich bin in ihren Augen die Königin in unserer Bienen-Familie. Ich regiere, trage Verantwortung, delegiere, verwalte... Ähm...
Meine Mama ist nur eine "Summ-Summ-Biene"
und auch Worte wie sie ist das verwöhnte Kind...

Nun, das klingt neativ und ich wehrte auch manches erst mal ab.... aber irgendwie ist es ja doch so... die Abläufe in meiner Familie, wie wir ticken und reagieren...

Ein Satz traf tief. Das was mir früher in schlimmster Weise widerfahren ist, wiederholt sich, im kleinen immer und immer wieder in meiner Familie. Auf das alte gingen wir nicht ein. Es ging einfach darum, dass es immer wieder darum geht Bedürfnisse durchzuboxen. Entweder man macht mit, oder ist raus. Es geht nie darum wie sich die einzelnen dabei fühlen...


Wortreicher... aber das muss hier nicht alles stehen ;)


Irgendwann sagte ich dass ich mal wieder eigentlich was ganz andere hätte ansprechen wollen, als dann Thema war... Sie fragte nach, gab die Möglichkeit. ich versankt in Stille (habs aber gemerkt) sie fragte ob es zu tief geht, für den Schluss, ich nickte. Und so blieb es erst mal. Das war gut so, denke. Wir haben ja weiterhin Termine.

Ganz kurz vor Schluss nochmal das Thema Klinik. ich sprach es an, denn ich habe Sorge dass es eben doch nicht so schnell geht wie sie sagt... und ich habe ja "geplant"
Nun, sie meinte, sie sieht mich gerade nicht in der Klinik. Ich sei anders, als damals als wir angefangen haben (da hätte sie mich am liebsten direkt hingefahren) wir seien im Prozess und es geht vorwärts. Sie würde gern weiter machen. Ich könne ja aber den Personen in der Klinik die mir wichtig sind schreiben (ähm mal nachdenken ob ich das will)

Interesssanter Weise war ich ganz ruhig und spürte weder Abwehr, noch kam da irgendein "Aber"

Sie hat Recht, mir geht es besser und ja, es passiert eine Menge gerade in der Therapie.

Ich knüpfte kurz an, dass mir aufgefallen ist, dass das Konzept, ihr Konzept zerstückelt wurde und ohne Verfasser, in seiner zerstückelheit nun auf der Homepage zu finden ist.
ich bilde mir das nicht ein, denn das Original ist noch in der Schriftenreihe zu finden.

Nun, sie sei ja nicht mehr da, man habe wohl das herausgestrichen was man so nicht mehr leisten kann, oder will. Das bestätigte meine Befürchtung und Sorge.

Dann sehr schöne Sätze. Traumaarbeit, Traumatherapie, gute Traumatherapie anzubieten sei eine Herzenssache, das muss man von ganzem Herzen wollen.
Sie habe epliziet Traumathoden einggeführt und damit gearbeitet...


Ich kenne ja den neuen leitenden Oberarzt... bläääääähhhh ;) die Oberärztin selbst war ja klasse, aber ER ? bläääääähhhh….. (MEINE! Worte, nicht ihre!!!!!!)

Die Ausrichtung der Klinik sei ja eigentlich eben TP und analytisch. Das würde man jetzt wohl wieder mehr machen. Vermutung... Sie ist ja nun hier, nicht mehr da.


Soweit so gut. Sie fragte ob ich Angst habe dass die Klinik nun für mich weg sei. Ja ein wenig, irgendwie...


Also erst mal gehe ich wohl nicht hin und das ist ok. Es läuft nämlich wirklich gut mit der Thera gerade (nur öfter fände ich besser)
Bedauerlich aber, dass die Thera in der Klinik wohl nur noch dieses Jahr da ist. Und ein wenig die Angst dass es nicht mehr so gut ist. Denn "hochfrequentes Einzelsetting" steht nicht mehr da und auch der Zeitrahmen und wie eben Konfrontation gemacht wird steht da auch nicht mehr. Es ist nur noch so ein Wischiwaschi, drumherum Geschreibsel wie in anderen Kliniken... wie in der Hohe Mark, die ja auch TP ausgerichtet ist... und es war scheiße. Ich denke zwar nicht dass TP Kliniken grundsätzlich Mist sind..... aber ich denke eben dass Traumapatienten fordern und schnell überfordern und Ressourcen fressen... :(

Hin möchte ich aber dennoch wieder, denn, so vil schlechter kann es ja nicht plötzlich sein. Das Personal ist ja noch das selbe. Ich mag halt wirklich gern mal genauer schauen was mit mir ist, wenn ich mich nicht erinnern kann.

UND ich weiß ja nun was zu tun ist, sollte es schlecht laufen. GEHEN! Wenn etwas schlecht ist, nicht gut tut, also grundsätzlich. Koffer packen und GEHEN! Ich muss da nicht bleiben. Ich habe die Thera hier und für den Notfall wohl auch die Beraterin (will da mal wieder anrufen, haben uns schon ewiglich nicht mehr gesehen)




Ach ja, noch zu meiner Familie. Ich habe ja Klartext gesprochen mit meiner Mutter und auch Oma.... Meine Mutter ist jetzt richtig drin. Ist jeden Tag den ganzen Tag da. Währenddessen bin ich wieder ziemlich raus, arbeite ja bis auf heute die ganze Zeit... mache eigentlich nix mehr (beschämend)
Ich habe Sorge dass das zu viel ist. Sagte das auch zur Thera. Sie meinte, das verwöhnte Kind, sei eine erwachsene Frau und ich die Bienenkönigin könnte ihr ja mal einen Platz frei machen, einen neuen Thron errichten, sozusagen. Das sei bei Kindern wichtig, nur so können sie wachsen - indem man ihnen immer wieder etwas zutraut.

Meine Mutter könnte mal mit in die Therapie. Schon seit meiner Entlassung aus der Klinik hat die Thera das immer wieder mal angeregt.... ich bin da sehr zurück haltend, ängstlich vielleicht auch(?)

Eine gute Stunde finde ich. Aufschlussreich irgendwie.


Das F Thema, wird Thema werden. Ich will das ansprechen. ich glaube auch dass das geht, nur schwer ist es wohl(?)
Werde ihr wohl schreiben erst mal. Mag sie nicht so, bzw. meinte ich solle, wenn dann das geschriebene nicht schicken, sondern mitbringen in die Stunde. Ich Sturkopf schicke aber lieber ;)

So ein wenig an das Thema rantasten, so dass sie schon ein bissi was weiß und mir vielleicht helfen kann es zu sagen, oder sowas in der Art.


SH
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~SteinHart~
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Re: Genau jetzt

Beitrag von ~SteinHart~ » Mi Jan 22, 2020 7:59 pm

Guten Tag Frau Dr. R,
wobei "sehr geehrte, liebe" es wohl auch treffen würde. Das ist ein sehr eleganter Ausdruck für gesund distanzierte Zuneigung, oder wie man das nennen mag.

Die Stunde heute fand ich gut und aufschlussreich. Mir ist vieles, was und wie es in meiner Familie läuft, bewusster geworden. Außerdem merke ich deutlich dass ich meine Mutter, nach wie vor, versuche zu schützen.
Sie war ja in BN und bei der Nachbesprechung meinte Dr.S dass ich sie sehr beschützt hätte. Nun habe ich zwar keine Sorge, dass Sie sie aggressiv angehen würden, dennoch fällt es mir schwer mir vorzustellen sie Ihnen auszuliefern. Interessantes Wort in dem Zusammenhang. Vielleicht habe ich doch Angst.

Wenn es, hoffentlich, wieder etwas ruhiger geworden ist hier daheim, wir einen Pflegedienst haben der etwas abnimmt... Nun, vielleicht frage ich sie doch mal ob sie mit kommen würde.


Eigentlich hatte ich mir für heute etwas anderes vorgenommen. Wobei die aktuellen Ereignissen aber eben tatsächlich so nah sind und das eigentliche Thema sehr schwer ist, war es heute wohl doch besser beim aktuellen zu bleiben.

Das Thema im Hintergrund wäre ein anknüpfen an die vorletzte Stunde gewesen. Die Notfallstunde.
Damals hatte ich, kurz vor Schluss gesagt was so lange nicht ging. Dass der Man bei der Anhörung, es Folter genannt hatte, was ich erzählte. Seit dem konnte ich es nicht mehr sagen.
Aber das Wort und was es bedeutet, knüpft stark an das Thema an, das mich in 2017 so durcheinander gewürfelt hat und in den EMDR Sitzungen in der Hohe Mark eher schlimmer als besser wurde. Das worüber ich dort nie die Möglichkeit hatte zu reden und mich bei Dr. K nicht getraut hatte, weil da ja die Wegstrecke immer so lang war und ich große Angst hatte dass mich das überfordert und ich dann durchgeknallt in irgendeiner Psychiatrie in Frankfurt aufwache.

Seit längerem versuche ich das Thema anzubringen, nehme aber jede Ablenkung gerne an. Ich würde wahrscheinlich deutlich lieber über jedwedes unangenehme Thema mit Ihnen reden, nur um nicht spüren zu müssen was da so schnell mit hochkommt.

Langfristig bringt mich das nun aber auch nicht weiter.


Ich würde es gern endlich mal sagen dürfen. Seit der Hohe Mark hat sich irgendwie fest gesetzt, dass ich es nicht darf. Denn da hatte ich zum Schluss sehr gebettelt es sagen zu dürfen. Aber die Bezugsschwester sagte das sei Sache für Dr. dM und die sagte dann beim wöchentlichen Termin, dass wenn ich es hätte ansprechen wollen, es bereits getan hätte. Dabei war sie die Woche davor gar nicht da gewesen und die vorangegangene Woche hatten wir die EMDR wo das alles erst hoch kam. Tja und dann war ich entlassen.
Es war dort nicht wie in BN, dass man einen Termin bekam, wenn es einem schlecht ging. Also ich weiß wirklich nicht, wie und wann ich denn, bei den Bedingungen vor Ort, es hätte thematisieren können.
Naja, egal, seit dem steckt es fest und ich auch.

In BN wollte ich mir dieses Jahr gern anschauen, was so passiert und vor allem wann und warum, wenn ich etwas hinterher nicht erinnere. Vielleicht wird das mit dem- ALLES IMMER - erinnern ja aber auch wieder gut, wenn ich diesen Knoten endlich löse.
Irgendwas hat sich in der vorletzten Stunde nämlich gelöst. Das Beinwackeln hat glaube ich, auch wenn ich mir dabei dämlich vorkam, irgendwas gelöst. Ich schlafe seit dem besser.


Lange Rede, kurzer Sinn, Sie haben Recht. Es läuft gut gerade und ich würde gern sagen, wovon ich glaube dass es mir das Reden so schwer macht.
Denn auch wenn es deutlich schlimmeres gibt und ich Folter eher mit Guantanamo in Verbindung bringe, als mit meiner Geschichte, nun, normal war es aber eben doch nicht.

Jetzt weiß ich ja schon mal, dass ich das Wort sagen kann, ohne dass die Welt stehen bleibt, ich, oder sonst jemand stirbt, oder sonst etwas passiert. Sie haben es gehört und die Reaktion war sanft, aber nicht schlimm und ich konnte atmen und dann gehen und schlafen und wieder kommen.

Ich könnte Ihnen schreiben was war, habe es längst geschrieben. Der Frau von der Anhörung damals und es auch online gesetzt und auch Dr. S und Frau K bekamen es. Durchs schreiben ist es aber nicht besser geworden. Ich kann es auch eher nicht lesen. Habe es nur einmal gelesen. Ich verstehe warum man es Folter nennt, gleichzeitig wehrt sich alles mögliche in mir gegen das Wort. Vor allem aber eben auch gegen das Reden. Rein kognitiv verstehe ich meine Angst, weiß wo sie herkommt. Aber wie beruhige ich das?
Es wird nichts schlimmes mehr passieren, weder mir noch jemand anderem. Dennoch versagt mir die Stimme und ich breche weg, sobald ich nur daran denke es zu sagen.

Würden Sie mir dabei helfen? Beim reden helfen, meine ich.

(lieben) Gruß,
SH


Ganz kurze, direkte Antwort am Telefon. Ja, natürlich hilft sie mir.

Ich kann noch normale Texte schreiben :) und sie hilft mir. Ich möchte wirklich gern weiter kommen.

SH
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Imagica
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Re: Genau jetzt

Beitrag von Imagica » Mi Jan 22, 2020 8:54 pm

Hi SH,

oh, das find ich gut mit der Mail und auch daß sie direkt angerufen und Dir Hilfe zugesagt hat!

Was mich dann zum nächsten Thema bringt. Irgendwo schreibst Du, daß Du glaubst keine Fortschritte gemacht zu haben oder nichts erreicht zu haben. Das sehe ich ganz anders. Diese Mail da zeigt doch schon einen riesengroßen Fortschritt! Und dann ist da noch die Tatsache, daß Du aufgrund der miesen Klinikerfahrung ganz viel Angst vor einer Klinik hattest und nun warst Du in einer und möchtest sogar gerne irgendwann nochmal hin! Und dann noch, daß Dr. R gesagt hat, sie sieht das als jetzt nicht so dran mit der Klinik. Sie hat Dir im Prinzip eine Abfuhr erteilt, aber Du hast Dich nicht aufgeregt, sondern konntest ihre Gründe verstehen und nachvollziehen. Ich meine mich zu erinnern, daß Du vorher wenn Du Dir was in den Kopf gesetzt hattest und es lief dann nicht so wie Du es geplant hast, Du dann jeweils sehr getriggert warst und erstmal dagegen gegangen bist (was ich gut verstehen kann, ich habe da auch immernoch Probleme mit, aber es wird besser).
Und noch ein weiterer Fortschritt: Du kannst Dich schneller beruhigen wenn hier irgendwas los ist und auch selber Fehler eingestehen. Das hat vorher auch länger gedauert.
Was jetzt hier los war, weiß ich nicht, weil ich diesmal echt garnix mitgekriegt habe, insofern kann ich da überhaupt nichts konkretes zu sagen. Aber was mir da so eingefallen ist, weil Du doch recht zerknirscht gewirkt hast und ich finde, auch so wirkst als würdest Du ein bißchen übertreiben mit dem Dir selbst die Schuld geben: Denkst Du an den Vertrag, den ich Dir geschickt habe? Wenn Du Dich an den hälst, dann verzeihst Du Dir nämlich auch Fehler und machst Dich dafür nicht selber fertig ;-) Ich versuche das zur Zeit und kriege es immer öfter hin. Und wenn nicht, dann beschimpfe ich mich auch fürs selber fertig machen nicht mehr, weil damit breche ich den Vertrag ja dann auch wieder weil ich mich schon wieder selbst fertig mache.

Zum Adventskalender finde ich aber nach wie vor daß Du Recht hast. Ich war auch ziemlich sauer und frustriert, daß ich nie eine Antwort bekommen habe. Und das wird wohl auch so lange so bleiben, bis mal eine Antwort kommt. Und auch dann werde ich kaum noch so richtig zufrieden sein können, denn jetzt dauerts ja noch fast ein Jahr, bis ich das Wissen dann anwenden könnte.

Ach und nochwas, das hätte ich jetzt fast vergessen: Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß es Dich unglaublich triggert, wenn Du das Gefühl hast, andere werden Dir (hier) vorgezogen. Schließlich ist das doch genau das, was Dir in Deiner Kindheit passiert ist! Dein Bruder hat immer das bessere bekommen, das war deutlich in dem langen Text den Du an die Komission geschickt hattest, zu erkennen. Das ist also ein ganz altes Gefühl und ich finde es absolut verständlich, daß Dich dann eine ähnliche Situation förmlich anspringt. Aber ich finde auch, daß es gut ist, daß Du dann versuchst etwas dagegen zu unternehmen. Denn das bedeutet, Du verharrst nicht komplett im Alten, sondern wehrst Dich. Ja, manchmal schießt Du dabei übers Ziel hinaus, aber ich finde, das ist trotzdem ein guter Schritt in die richtige Richtung!

Liebe Grüße (und gute Besserung),
Imagica

Käferchen
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Re: Genau jetzt

Beitrag von Käferchen » Mi Jan 22, 2020 9:05 pm

Liebe SH,

ich wollte dir nur meine Anerkennung hier lassen. Anerkennung deiner Fortschritte und meine Bewunderung, dass du dieses Thema angehst. Du hast das mit der Mail echt großartig gemacht. Und die direkte Antwort darauf gibt dir hoffentlich die Sicherheit, die du brauchst, wenn du reden wirst. Ich weiß auch nicht, aber ich habe die feste Überzeugung, dass du irgendwann darüber sprechen wirst. Wahnsinn, wie du das machst!

Sanna
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Re: Genau jetzt

Beitrag von Sanna » Do Jan 23, 2020 4:46 pm

Liebe SH,
Ich bin noch nicht lange hier und ich glaube wir haben noch nicht miteinander geschrieben, aber ich hab schon einiges von dir gelesen.
und ich möchte dir sagen, dass ich dich hier mag😊 und deine Beiträge schätze. Du bist in deiner Art zu schreiben für mich sehr authentisch und wahrhaftig ...Und direkt. Und das mag ich ...Und manchmal wünsche ich mir,dass ich mich das auch so traue.
Es freut mich, dass du so eine gute und scheinbar sehr warmherzige und menschliche Therapeutin an deiner Seite hast, die dich auf deinem Weg begleitet. Und auch ich finde,dass du gerade wirklich große Schritte gehst !!
LG Sanna

Laraaa

Re: Genau jetzt

Beitrag von Laraaa » Fr Jan 24, 2020 12:43 pm

Hallo SH,

auch von mir ein großes Kompliment an deine Entwicklung in der Thera, finde das klingt gut!

Wegen dem Forum: Ich lese dich total gerne - eigentlich schon seit Jahren, weil ich mich in deinen Texten sehr wiederfinde (wenn gleich die Hintergründe sehr verschieden sind, wir gehen irgendwie ähnlich damit um glaube ich - oder können an manchen Stellen ähnlich wenig mit etwas umgehen :) ). Und du schreibt eben so authentisch und bist ja auch immer engagiert und bringst wertvolle und hilfreiche Impulse bei anderen. Wenn ich das nun so sagen darf - ich möchte dich damit aber nicht angreifen, nur meine Wahrnehmung teilen: Ja, ich finde schon, dass du bei diesem ganzen "Regeln"-Thema übers Ziel hinausschießt. Mir ist klar, dass das bei dir persönlich eben aufgrund der Vergangenheit ein ganz heikler Punkt ist. Aber du bist doch klug genug, um zu merken dass du die Foren-welt hier nicht alleine ändern kannst? Ich finde die Regeln teils auch unklar oder unfair oder sie werden unterschiedlich ausgelegt etc.. aber was solls? Warum Energie verschwenden, sich darüber aufregen und zugleich auch immer wieder Unmut stiften? Es gibt so viele Dinge, über die man sich auf der Welt ärgern kann, aber oft bringt einen das halt nicht weiter, sondern annehmen wäre evtl der einfachere Weg? Ich würde sogar so weit gehen, das an deiner Stelle bei Gelegenheit in der Therapie zu thematisieren. Anzusehen, welcher Anteil sich da eigentlich sooo aufregen (und austeilen) muss und ob man ihn vielleicht anders trösten kann, als hier gegen User und Mods zu schießen.. finde nämlich es wirkt auch sehr kindisch und trotzig (= Kindanteil) und dahinter steckt wohl eine Not, die man mal ansehen könnte.. hoffe es ist ok das zu schreiben, ich möchte nicht übergriffig sein oder so, Wenn's zu viel ist tut es mir leid.
Nun, so mancher Gedanke wurde laut, sie schicke mich weg, oder so etwas... wieder einen Fehler gemacht.... aber nur sehr leise.
Bissi eingeschüchtert habe ich wohl aber gewirkt. Auf jeden Fall fragte sie ob ich es nicht gewohnt sei dass sich jemand sorgt und kümmert. Nunja… nee... nicht so richtig....
Hey, was für ein Fortschritt! Ich glaube vor kurzem hätte dich sowas noch extrem verunsichert und evtl verschlossen, finde so etwas war immer wieder rauszulesen. Toll, dass du dich so auf sie einlassen kannst und die Thera offenbar auch feinfühlig genug ist, das zu spüren.
Ein Satz traf tief. Das was mir früher in schlimmster Weise widerfahren ist, wiederholt sich, im kleinen immer und immer wieder in meiner Familie. Auf das alte gingen wir nicht ein. Es ging einfach darum, dass es immer wieder darum geht Bedürfnisse durchzuboxen. Entweder man macht mit, oder ist raus. Es geht nie darum wie sich die einzelnen dabei fühlen...
Ja das hört sich logisch an, auch das mit der "Königin". Die Frage ist, wie kannst du damit umgehen? Also selbst wenn du es "akzeptierst", dass die ganze Familie da noch in alten Mustern steckt, ist es glaube ich ganz hart das zu ändern. Muss man vielleicht ausprobieren, in wie weit sich deine Familie anpasst, wenn du dein eigenes Verhalten änderst? Und dich selbst eben nicht mehr immer zurücknimmst.. das kann nämlich auch zu Anlehnung/Enttäuschung/Rückzug bei deiner Familie führen? Ich wünsche dir, dass da ein Prozess in Gang kommen kann und sich im größeren Rahmen etwas verändern kann.
Meine Mutter könnte mal mit in die Therapie. Schon seit meiner Entlassung aus der Klinik hat die Thera das immer wieder mal angeregt.... ich bin da sehr zurück haltend, ängstlich vielleicht auch(?)
Dazu will ich nur sagen, dass ich die Thematik kenne und selbst große Angst davor habe, bei mir würde es um meinen Bruder gehen, der mit könnte.. ich habe es bisher nicht gemacht, weil ich die verrückte Vorstellung habe, dass meine Thera danach nur noch meinen Bruder mag und ihn viel besser findet als mich. Und sie dann auf "seiner Seite" ist und mich abschießt. Das ist in der Realität totaler Quatsch, aber ich nehme Rücksicht auf diese Angst, weil ich glaube dahinter steckt ein ganz "wertlos fühlender" Anteil, der eben noch Schutz braucht.. mein Mann hingegen durfte nach 1 Jahr zu einigen Terminen mit, auch da war anfangs große Angst. In die gegenteilige Richtung, dass die Thera ihn total blöd finden würde und mich dann deshalb nicht mehr mag, weil ich so einen idiotischen Mann habe (entspricht auch nicht der Realität....). Also was ich sagen möchte: Pass da bitte gut auf dich auf und nimm die Ängste ernst, das Vertrauen zu deiner thera ist gerade mit das wichtigste Gut für dich und daher lass es langsam angehen und lass es erst wachsen und stabil genug für "Dritte" werden.

Noch eins zu einem älteren Post wollte ich sagen:
Trotzdem ist da der Wnsch es zu thematisieren. Also "richtig" darüber zu reden. Wobei ich mich frage, was "richtig" bedeutet?
Bei der alten Thera, Dr. K tat es gut, wenn ich etwas belastendes gesagt hatte. Aber das war so unglaublich schwer und auch zeitaufwendig. Weiß aber auch nicht wie es anders gehen kann? Vielleicht die Körperübungssachen von Dr.R? Das half tatsächlich (auch wenn ich mir dabei blöd vorgekommen bin, erst mal)
Ja, was bedeutet "richtig"? Manchmal frage ich es mich selbst, weil ich bei manchen Themen auch das Gefühl habe, irgendwie muss das noch raus, aber wie...? Aber ich glaube, du wirst es spüren, wenn es soweit ist. Und ich denke, du bist gerade auf dem besten Weg dorthin. Deine Email ist doch schon ein riesen Schritt, du thematisierst es und vor allem die Schwierigkeit dabei. Denn das "Redeverbot" ist sicher genau so wichtig, wie das Thema selbst! Denn da sind viele der Gefühle versteckt und festgesteckt. Wenn es das nicht gäbe, wäre es ja viel leichter, also muss man den Grund dafür ansehen.. Scham, Selbsthass, Angst vor Strafe, Schmerz, was auch immer.. und so wie du sagst: du hast das Wort nun einmal ausgesprochen und es ist "nichts" passiert. Du lebst noch, du atmest noch! Eine ganz wichtige Erfahrung finde ich!!

Konkreter kann ich tatsächlich auch gar nicht beschreiben, "wie" sich da was löst. Denke mal, es ist der Zugang zu ganz tief verschütteten Emotionen. Die Erlaubnis, sich selbst und die eigenen Erlebnisse anders zu betrachten als bisher. Mit Mitgefühl, anstatt mit Schuldzuweisung.. Es anzunehmen.. Da sein zu dürfen. Trotz der "ekelhaften" oder "beschmutzenden" Vergangenheit. Dass meine Thera mich trotz allem nicht hasst, sondern mich wertschätzt und da bleibt..

Aus meiner Erfahrung: Bei "dem" schlimmsten Thema habe ich damals eine WhatsApp von meiner Thera bekommen. Wo drin steht, das alles ok ist und sie gerne mit mir arbeitet und so ein verhalten (das von früher) nicht ungewöhnlich für die Situation ist sondern eben nur so "krank" wie das ganze Umfeld.. darüber bin ich sehr froh, denn ich lese das tatsächlich heute noch immer wieder durch. Ist ca 2 jahre her, aber für mich ist diese Nachricht eine ganz große Ressource. Eine Art realitätscheck, immer verfügbar. Evtl könnte dir deine Thera - wenn nötig und passend - auch sowas schriftlich geben? oder evtl sogar eine Sprachnachricht? Wäre nur eine Idee..

Lieben Gruß
Laraaa

~SteinHart~
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Re: Genau jetzt

Beitrag von ~SteinHart~ » Fr Jan 24, 2020 9:08 pm

Fishing for compliments sollte das eigentlich nicht sein :oops:


Ich kann gerade leider wohl auf gar nichts wirklich eingehen, konnte auch nur überfliegen. Mir fehlt die Konzentration....

Arbeitssituation ist am Limit. Stationsleitung kurz vorm heulen, oder kündigen.... nun und ich halte mich an dem Gedanken fest, dass ich irgendwann ein neues Auto brauche und jetzt endlich weiß wie ich mir die Mehrarbeitsstundenzuschläge holen kann (nachdem ich die bisher dem Haus geschenkt hatte) Ach ja, meine Bewertungen für dieses Jahr habe ich fast alle hinter mir. Ich bin gut... und bei den konkreten Dingen sogar sehr gut, Volle Punktzahl bei ALLEN Punkte hatte ich noch nie....

Aber ich packe das nicht mehr lange... diesen Monat habe ich trotz einer Woche Urlaub massiv überstunden gemacht... mehr als Vollzeit und ich merke sehr deutlich dass ich nicht mehr kann...

Dazu dann heute mit Opa zu Oma... eine Hiobsbotschaft nach der anderen... Verlegung... ich befürchte krebs... aber noch nicht sicher, wird erst im anderen KH differenziert untersucht... dazu das Herz und verschleppte Brüche und irgendwo verliert ihr Körper Blut...
Und Opa versteht davon gar nichts...


Habe die gnaze Zeit das Lied von Reinhard Mey im Kopf. Seelig sind die verrückten... ich bin nicht verrückt genug... da ist kein seeliges, nicht verstehen und lächeln...

Meine Oma und ich und auch meine Mutter... sind uns der ganzen Lage bewusst... mein Opa schebt in seeliger Unwissenheit...


Meine Mutter jammert... und ehrlich gesagt hat sie recht damit. Auch sie KANN NICHT. Das weiß ich sehr wohl.... aber durch die Vorgeschichte, die hier zu weit führen würde... nun und eben weil ich auch nicht kann (aber sehr wohl weiß dass ich mich abgrenzen MUSSS) nun ich werde mich abgrenzen... ich muss da hart bleiben... ich kann HELFEN, aber begrenzt... und sie wird, langfristig, defintitv daran arbeiten müssen sich auch abzugrenzen gegenüber ihren Eltern... denn ja, auch sie KANN NICHT.

Scheiß Situation und ich muss da gerade echt im Funktionsmodus bleiben.
Ich liebe meine Großeltern. Ohne sie gäbe es wohl kaum etwas positivs an dass ich mich erinnern kann. Jede Ferien war ich da... hatte meine Ruhe, wurde verwöhnt und nichts passierte... nicht mal wenn meine Eltern dabei waren... es war nicht perfekt, aber nah dran. Es war schön und sie sind einfach ganz, ganz tolle Menschen. Haben sehr wenig, geben ALLES davon.

Tendenziell würde ich gern alles geben, alles was ich habe und kann. Es fühlt sich nicht richtig an, sich abzugrenzen.... zugleich weiß ich aber dass es richtig ist... kompliziert...

Ich will sie nicht verlieren... will die heile Welt für immer behalten... nicht nur in Erinnerung... ich will hinfahren und Enkel sein und sie sollen sein wie sie immer waren...

Es tut weh und macht Angst...


Aber es ist wie es ist...



Vernünftig schreiben geht auch nicht... ich wusele mit dem Tablett/Laptop Hybrid durch die Wohnung (die im Chaos versinkt) und würde am libsten alls hinschmeißen... wortwörtlich...


SH
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Bambus 1
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Re: Genau jetzt

Beitrag von Bambus 1 » Fr Jan 24, 2020 9:21 pm

Hallo SH,

das hört sich schlimm an mit deiner Oma... auch wenn es sehr traurig ist, aber ich finde es gut, dass du dich abgrenzt. Da sein und helfen ja, aber nicht dich selbst zu vergessen. Du hast ja eh schon schwere Zeiten, das jetzt noch zusätzlich macht es ja irgendwie noch komplizierter.

Pass gut auf dich auf und schau, dass du trotz allem gute Pausen für dich hast!

Viele Grüße
Bambus

Laraaa

Re: Genau jetzt

Beitrag von Laraaa » Fr Jan 24, 2020 9:40 pm

Hi SH,

Oh weh, das klingt echt bescheiden.. wünsche dir viel Kraft und dass du dich im notwendigen Maße abgrenzen kannst, ohne deshalb den positiven Kontakt zu den beiden zu verlieren.

Lieben Gruß
Laraaa

Imagica
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Re: Genau jetzt

Beitrag von Imagica » Sa Jan 25, 2020 10:21 am

Liebe SH,

oh, das tut mir sehr Leid mit Deinen Großeltern. Wenn man sooo lange verheiratet ist, dann ist man offensichtlich nur noch ein halber Mensch, wenn dem Partner irgendwas passiert oder er krank ist. War bei meinen Großeltern genauso. Und auch bei mir waren die Großeltern, oder in meinem Fall vor allem mein Opa derjenige, der wohl meine größte Kraftquelle und Ressource war. Ich glaube, ohne ihn und ohne die Normalität und Sicherheit die ich bei ihnen immer hatte, hätte ich das alles nicht überlebt.
Ich kann also wirklich sehr gut nachvollziehen, wie es Dir geht! Aber es hilft in der Tat nichts, wenn Du immer weiter über Deine Grenzen gehst und selbst dabei zusammenbrichst. Das wird auch Deinen Großeltern kaum eine Hilfe sein. Also versuch weiterhin auf Deine Grenzen zu achten, auch wenns echt schwer ist.

Ich wünsch Dir viel Kraft!
Liebe Grüße,
Imagica

P.S.: Das war für mich auch kein fishing for compliments, ich fands nur einfach mal - nachdem ich lange nichts geschrieben habe - wichtig, mal wieder zu erwähnen, daß Du aber eben doch schon eine wirklich große Menge Fortschritte gemacht hast. Mir passiert das selber nämlich immer wieder, daß ich meine Fortschritte garnicht wahrnehme und immer wieder denke, daß ich ja doch noch absolut garnix auf die Reihe gekriegt habe. Dafür brauchts meist andere die mich dadrauf hinweisen.

~SteinHart~
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Re: Genau jetzt

Beitrag von ~SteinHart~ » Do Jan 30, 2020 10:44 am

Ich mag das alles nicht. Auch wenn ich es gut gemacht habe, wie die Thera sagt. Also gestern gut gemacht hätte.

Heute ist es wieder scheiße und das so plötzlich. Ich musste/ durfte/sollte die schlechte Nachricht überbringen.

Ihre Reaktion, weinen, Trauer, Tränen, Flucht...
jetzt sitze ich hier bei Opa. Die ust weg, muss mal raus.

Verstehe ich... Hätte sie nur vielleicht gern getröstet, oder geredet, oder so etwas....

irgendwas...

Sie ist weg, ich bin allein mit Opa, der nichts wissen soll...
fahre nachher zu Oma, die noch viel mehr allein ist. Aber bei "normalen" Menschen, die einfach nur Angst haben erwartet man dass sie allein bleiben.
Begleiten und da bleiben darf man nur für durchgeknallte, nicht händelbare...

Gestern war gut sagte die Thera vorhin am Telefon. Dass ich bei Oma war und hinterher schwimmen gegangen bin. Trauer so dran. Es täte ihr leid, sehr leid. Aber meine Oma würde mir nun zur Trauer hin helfen. Zum weinen... das wäre doch unglaublich was Menschen so für einen tun.

Danach rief ich bei Mama an, die zur Zeit bei Opa ist.

Wir laufen voreinander davon. So fühlt/denkt es sich. Ihre Reaktion am Telefon (ich hatte ja gehofft sie weiß es bereits von Oma) war weinen... direkt... und ein -nicht formuliertes- "hilf mir, komm" defacto fragte sie was ich gerade mache und dann Stille bei ihr und mir...

Fragte ob ich kommen soll. Ja, sie muss raus und weg. Nur kurz.

Jetzt sitze ich hier. Es gab nichts zwischen ihr und mir. Keine Berührung, kein Gespräch. Nur organisatorisches.
Bin ihr hinterher gelaufen... Hätte gern... was?


Nun sie ist gerade Tochter.

Aber was bin ich?


SH
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Re: Genau jetzt

Beitrag von Imagica » Do Jan 30, 2020 8:39 pm

Liebe SH,

hmm.. ich bin jetzt nicht sicher ob ich das nun richtig deute, daß Deine Oma nun also nicht mehr lange leben wird? Das tut mir auf jeden Fall sehr Leid.
Vor allem auch für Dich, weil Du nun wieder in eine Rolle schlüpfst, die nicht Deine ist. Irgendwie bist Du jetzt wohl die Mutter geworden. Das sollte so nicht sein. Klar, sie als Tochter ihrer Mutter um die es ja geht, ist natürlich jetzt eben auch Tochter. Trotzdem bist Du wiederum ihre Tochter und solltest nicht ihre Rolle übernehmen müssen. Die Idealvorstellung wäre wohl, Ihr tröstet und unterstützt Euch gegenseitig, aber so viel heile Welt gibts wohl eher selten..auch bei "ganz normalen" Familien ist das glaube ich leider selten geworden.

Viel hilfreiches weiß ich leider auch gerade nicht zu sagen, aber wenigstens viel Kraft wünschen möchte ich Dir!

Liebe Grüße,
Imagica

~SteinHart~
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Re: Genau jetzt

Beitrag von ~SteinHart~ » Do Jan 30, 2020 9:51 pm

Danke für die Antwort Imagica, wirklich und echt.
Es beschämt ehrlich gesagt, denn jeder hier, aber du eben auch hat ja nun wirklich selbst genug Baustellen. Außerdem hat das ja (mal wieder) nicht so wirklich was mit MB zu tun: Nur das normale Leben.

Das normale Leben steht einer Verarbeitung irgendwie regelmäßig im Weg, finde ich gerade. Da tut Klinik nun wirklich gut. WEG, weg von allem und jedem. Nun, ist jetzt nicht und will ich auch gerade nicht und überhaupt. Leben eben.


Nun, noch wissen wir kaum etwas genaues. Habe aber den Bericht aus der vorhergehenden Klinik gelesen und der liest sich scheiße. Nicht nur der Knoten in der Brust, sondern eben Metastasen in beiden Lungenflügeln und in den Knochen. WENN ich das richtig verstanden habe.

Der Besuch heute war tief gehend und heiter auch. Spiele gespielt... aber eben auch geredet. Was wenn... Sie ist stark und klar, hat aber auch Angst und wehrt ab.
Nun der Arzt will am Montag gern mit Angehörigen sprechen. Zum Glück konnte ich unkompliziert Dienst tauschen (DANKE an meine Kollegin, will mir noch was überlegen, als DANKE)
Psychologin war wohl heute auch da, aber nur kurz, da Untersuchung kurz bevorstand. Muss gesagt haben, sie begleitet sie nun für die nächsten 3-4Monate (WAS SOLL DAS HEIßEN?????)
Der Pfleger (sehr netter Kerl) war verhalten still als ich fragte was das alles zu bedeuten hat. Montag Gespräch mit Arzt.


Mit meiner Mutter gab es dann tatsächlich Annäherung. Habe sie umarmt. War aber... mhm weiß nicht...sie hat nicht zurück umarmt. Geschockt denke ich, überfordert.... und eben unsere Schwierigkeiten miteinander und ohneeinander... was irgendwann vielleicht mal bei der Thera angesprochen werden kann. Oder auch nicht. Jetzt gibt's erst mal wichtigeres.

Ernste Worte, Zusammenhalten... Pläne... ich kann ja gut planen und delegieren und übernehmen...


Habe nun die Stofftaschentücher meiner Oma, wollte sie schon länger danach fragen. Will ja umstellen, bei manchen. Von Einweg, zu Mehrweg, sozusagen. Taschentücher. Kleine Schätze. Schätze, die schon immer schätze waren. Sie sind gebügelt, gestärkt sogar, feinsäuberlich zusammengefaltet.
Früher als Kind, in den Ferien, wenn ich in der Kirchenbank neben ihr saß und stillsitzen schwer war... bekam ich eins in die Hand. Bestaunen, befühlen, falten. Den Häkelrand erkunden und die Stickereien.

Jetzt habe ich diese Kostbarkeiten hier. Ob ich sie benutzen kann ist gerade sehr fraglich. Werde den Stapel mal durchgehen und weniger hübsche Exemplare suchen... aber als Mama vorhin zu einem mit aufgestickten Maiglöckchen sagte, damit hätte sie schon spielen dürfen... nun da kamen die ganzen schönen Oma Erinnerungen hoch...
Ohne die wäre meine Vergangenheit, meine Kindheit ziemlich dunkel.

Ich habe Angst, will das alles nicht. Wie Oma auch. Aber jetzt ist es so.

SH
Die Zeit bewegt sich in eine Richtung, die Erinnerung in eine andere.
(William Gibson)

Imagica
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Re: Genau jetzt

Beitrag von Imagica » Fr Jan 31, 2020 9:27 pm

Hi SH,

meine Thera sagte mal zu mir, daß es für einen Traumatisierten eigentlich garkein Leben ohne Trauma gibt. Vor allem nicht, wenn es um unverarbeitete komplexe Kindheitstraumen geht, weil die einfach alles beeinflussen. Ohne Trauma würd man anders denken, andere Entscheidungen treffen, anders handeln, sich anders bewegen, ein ganz anderes Selbstbewußtsein haben usw. Es gibt nichts was nicht davon beeinflußt wird. Also hat im Prinzip alles was wir erleben in irgendeiner Art und Weise was mit dem Trauma zu tun und gehört somit auch hierher. Ich schreib in meinem Thread ja auch gerade mehr über meinen Rücken und meine Ängste in Bezug auf die OP, als über mein Trauma. Trotzdem hat es was damit zu tun, denn ich hätte ganz andere Ängste vor der OP wenns das Trauma nicht gäbe.

Puh, das klingt aber echt nicht gut mit Deiner Oma und dieser Satz der Psychologin machts irgendwie noch klarer. Das erinnert mich gerade sehr an meine Schwiegermutter..deren Diagnose sah sehr ähnlich aus. Klingt für mich so als würde es demnächst eine Chemotherapie geben und die hat so viele fiese Nebenwirkungen, daß man da sicher sehr gut einen Psychologen gebrauchen kann, um allein schon mit den Nebenwirkungen klarzukommen. Wenn es soweit kommen sollte, sollte man sich das echt gut überlegen ob man so eine Therapie machen will. Ich persönlich würde es wohl eher nicht machen, nachdem ich sehr genau mitbekommen habe, wie das abgelaufen ist und was es überhaupt an Positivem gebracht hat. Das steht für mich persönlich in keinem sinnvollen Verhältnis.
Aber vielleicht ist es ja auch doch garnicht so schlimm, ich drücke auf jeden Fall die Daumen!

Ok, ich könnte mit solchen Stofftaschentüchern wirklich absolut nicht das geringste anfangen, aber man merkt ganz deutlich, wie wertvoll sie Dir sind. Finde ich also sehr schön daß Du sie bekommen hast!
Klar willst Du das alles nicht und Deine Oma ebenfalls nicht. Aber ich würde versuchen mich darauf zu konzentrieren, jetzt noch möglichst viele positive Erlebnisse miteinander zu teilen. Ihr hilft es nicht, wenn jetzt alle traurig sind, denn so hat sie garnix mehr schönes vom Leben und Du würdest mit lauter Trauer jetzt die Zeit die ihr habt, "vergeuden". Ich weiß, es ist ganz schwer jetzt nicht traurig zu sein und jetzt zu versuchen die schönen Momente zu genießen, aber ich glaube daß es das beste ist was Du tun kannst. Und wenn sie dann doch wieder gesund wird und noch ganz viele Jahre lebt, umso besser! Dann habt Ihr noch viel mehr schöne Erinnerungen gemeinsam.

Liebe Grüße und viel Kraft,
Imagica

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