Vanishing Act

Hier können Betroffene über ihre Erlebnisse diskutieren.
B.A.O.

Vanishing Act

Beitrag von B.A.O. » Di Mai 01, 2018 2:06 pm

Manchmal ist alles im Chaos. Dann ist das, als fegt ein Tsunami durch mein Inneres und reißt alles mit sich. Das fühlt sich vernichtend an. Ich weiß dann gar nicht so genau, in welche Ecke von mir ich mich verkriechen soll. Alles fühlt sich bedrohlich und unsicher an. Das Gefühl sitzt in meiner Brust und in meinem Bauch und ist viel zu groß für den Rest von mir. Nach Außen werde ich dann stumm. Ich hab solche Angst, ich könne sonst so sein, wie die Mama. Ich will nicht so sein, wie die Mama. Und gleichzeitig sehne ich mich genau nach ihr. Und dafür hasse ich mich dann. Und für den Selbsthass möchte ich mich in den Arm nehmen und trösten. Aber aus einer anderen Ecke kommt dann der Gedanke, ich ließe mich hängen und verfalle in eine Opferhaltung. Und dann ruft es nach Disziplin. Und innerhalb von Sekunden diskutiert und streitet es in mir. Und es ist nicht mehr sortierbar. Es ist nicht mehr zu handeln für mich. Stumm. Und wenn du mich fragst, wie es mir geht oder was ich denke, dann ist alles wahr und alles gelogen. Jede mögliche Antwort, die ich dir geben könnte ist wahr und ist es doch nicht. Und ich bin dann winzig klein. Ein Kind, verlassen in mir selbst. Und dann frage ich mich, ob ich da jemals drüber weg komme? Kann man da jemals drüber wegkommen? Na klar, ich lerne damit zu leben und das ist ja um Welten besser geworden als es damals war. Aber fertig werde ich damit nicht.

Ich hab sie gesehen. Ich war so sicher. Im Hafen. Auf diesem Boot. Ich hab mein Rad fallen lassen. Und war nur noch ein winziges kleines Staubkorn. Sie war es. Sie war es. Sie war es nicht? Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Und eigentlich ist es egal, ob sie es gewesen ist oder nicht. Ich habe mich plötzlich da sitzen gefühlt. Und in mir waren Bilder aus der nahen Zukunft. Ich spreche sie an und sie freut sich und ich freu mich und sie hat jetzt dieses Boot. Sie hat alles verkauft und zurückgelassen und sich selbst neu erfunden. Und liebt mich. Endlich. Und ist Mama. Endlich. Und ich darf klein sein. Einmal klein sein. Immer wieder klein sein. Und dazwischen auch ganz groß. Aber manchmal auch ganz winzig klein. Und das ist erlaubt und gar nicht bedrohlich und mir kann gar nichts passieren.

Und dann, die Realität? Eine Realität. Ich rufe ihren Namen, rüber zum Boot. Und sie schaut mir in die Augen, sekundenlang. Wir schauen uns einfach an und dieser Film in mir, von Zukunft und geliebt sein erfüllt alles in mir, sprengt mich, wühlt mich auf, lässt Hoffnung so groß werden. So warm. Und dann schüttelt sie den Kopf. Nur eine Geste. Sie sei nicht die, für die ich sie halte. Und ich lächle und lache. Über mich selbst. Über meine Naivität. Über meine Sehnsucht. Über mein Kleinsein. Und ich lache mich aus. Undich steige auf mein Rad und fahre ein paar Meter. Nur so weit, dass sie mich nicht mehr sieht. Und dann kann ich nur noch heulen.

Und so habe ich nun einen Ort. Für den Traum von ihr und von mir. Und niemand kann mir dorthin folgen. Du kannst dort sein mit mir. Aber du kannst ihn nicht erreichen. Er ist einsam. In mir. Tief. Und es macht mir Angst. Manchmal habe ich Angst, dass es niemals aufhört mich so zu beherrschen. Und manchmal habe ich Angst, ich könnte es vergessen und damit einen Teil von mir selbst verlieren. Und so pendle ich hin und her. Und dazwischen? Dazwischen bin ich doch schon groß. Und nicht alles klappt. Aber doch irgendwie das Meiste. Und so enttarnt es die naive Hoffnung, es würde Innen ruhig, wenn Außen mal alles klappt.

Und der Boykott? Ja, das war wohl tatsächlich so. Als ich mich noch boykottiert hatte, da war die Hoffnung da, es würde besser, wenn es nur endlich liefe im Außen. Und deshalb durfte es nicht laufen im Außen. Denn nun, da es das tut, bleibt der Schmerz. Offen. Ungeschützt. Nicht verdeckt. Schutzlos bin ich mir ausgeliefert. Und die Hoffnung? Sie sitzt auf diesem kleinen Boot. Und fährt allein den Kanal hinunter. Nimmst du mich mit Hoffnung? Nur noch einmal ein kleines Stück? Erfülle mich. Mach mich lächerlich. Lass mich naiv sein. Nur noch einmal. Und dann immer wieder.

Es wird nicht gut.
Vieles ist gut.
Manches niemals.