Zusammenwachsen

Hier können Betroffene über ihre Erlebnisse diskutieren.
elefantenkind
Beiträge: 481
Registriert: So Feb 19, 2012 9:26 pm

Zusammenwachsen

Beitrag von elefantenkind » So Sep 24, 2017 11:29 am

Zusammen wachsen... Zusammenwachsen... Wie auch immer.
Ich glaube, ich brauche und wünsche mir einen eigenen faden, ein eigenes Thema.

Da ich auch hier Schwierigkeiten habe, mich zu öffnen, schnell in das Gefühl komme, zu viel gesagt zu haben, zu viel gezeigt zu haben, kann es sein, dass ich immer nur kurz schreibe.
Für manches reichen auch meine Worte nicht.

Ich hatte am Freitag ein Erlebnis, das ich gerne schildern möchte, bevor ich es wieder ganz vergesse. Ich war verreist, beruflich, das hat großen stress bei mir ausgelöst.
Ich habe versucht, gut für mich zu sorgen, dabei kam ich zu der Beobachtung, dass ich vielleicht deswegen so oft nicht weiß, was ich spüre, brauche, mir wünsche, weil ich keine echten Gefühle habe...

(Bemerkung an mich selbst: dieses Thema später noch vertiefen.)

Darauf versuchte ich, meinen Gefühlen und Bedürfnissen auf die Spur zu kommen. Ich meinte eigentlich so was wie: wann bin ich müde, wann habe ich Hunger, wann möchte ich in meiner kollegengruppe sein, wann möchte ich mich zurückziehen...

Was kam: Kontakt zu meinen beiden inneren Kindern/ Anteilen und dass ich vor mir mein leben und meine Geschichte sehen und spüren konnte. Es war so ein krasses Erlebnis.
Puh.
Und ich hatte einen Eindruck, wie es wäre, auf gute Art nicht abgespalten zu sein. Ich möchte so gerne mit meinen inneren Anteilen zusammen wachsen. Gemeinsam wachsen. In Kontakt kommen. Verbunden mit mir sein.

Es hat aber auch ausgelöst, dass mir die Tränen kamen und ich weinend durch eine fremde Stadt gelaufen bin. Ich, das einsame Kind. Hört sich jetzt komisch an, aber ich habe eben zu 99% meiner Zeit keinen Zugang dazu. Sondern nur eine Art Erinnerung/ halbwissen, das komplett emotional gesäubert ist. Wissen, Bilder, kein Gefühl.

Es war gut, dass es anders sein konnte.
Da will ich hin. Das ist mein Ziel.
Jetzt ist es schon wieder weg. Nur ein Film, den ich irgendwo mal gesehen habe.

Benutzeravatar
A.Rhiannon
Beiträge: 1015
Registriert: Sa Nov 12, 2016 10:53 am

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von A.Rhiannon » So Sep 24, 2017 12:32 pm

Liebe Elefantenkind,

Ich kenne das, was du beschreibst von mir noch vor einiger Zeit. Da hatte ich auch noch keinen Zugang zu meinen inneren Kindern und konnte mein Verhalten und meine Gefühle nicht einordnen.

Inzwischen ist das schon viel besser geworden. Und dennoch habe ich nicht immer Zugang zu meinen Gefühlen.

Ich denke, dass eine Mischung gut ist. Einen Zugang zu haben und gleichzeitig in der Gegenwart verankert zu sein. Ich denke, so ist ein gutes Trösten der inneren Kinder möglich, ohne von den Gefühlen komplett selbst überschwemmt zu werden.

Ich denke auf jeden Fall, dass du auf einem guten Weg bist. :)

Ich wünsche dir alles Gute,
A.Rhiannon
"Wenn man ins Universum starrt, ist sein Mittelpunkt nur Kälte. Und Leere. Letztendlich sind wir dem Universum egal. Dem Universum und der Zeit. Deswegen dürfen wir einander nicht egal sein."

aus: Letztendlich sind wir dem Universum egal

Picasso
Beiträge: 195
Registriert: Do Apr 06, 2017 6:22 pm

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von Picasso » So Sep 24, 2017 2:24 pm

Liebes Elefantenkind

In deinen Sätzen habe ich mich gerade wieder gefunden. Seit ca sechs Jahren nun bin ich in Therapie und nehme - so kommt es mir vor - sehr wenig Rücksicht auf meine Bedürfnisse und Gefühle. Aber auch ich hatte zweimal so ein Erlebnis und ich wusste, dass es genau das war; die inneneren Anteile, die gehört werden wollten.

Du bist sicher auf einem sehr guten Weg. Und wahrscheinlich braucht es noch viel Zeit, aber es wird sicher immer öfters kommen und du wirst lernen, damit umzugehen.

Und hier im Forum gibt es ein paar ganz gute Personen, die dazu viel wissen...Für mich ist leider auch alles noch so etwas schwammig mit diesen inneren Anteilen und Kontakten.

Ich wünsche dir, dass es so weiter geht. Ganz liebe Grüsse
Picasso

elefantenkind
Beiträge: 481
Registriert: So Feb 19, 2012 9:26 pm

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von elefantenkind » So Sep 24, 2017 3:01 pm

Liebe A.Rhiannon und liebe Picasso,
danke für eure Antworten.
Es ist für mich wirklich eine sehr langsame Entwicklung und ein langer Weg. Das tempo ist echt schneckengleich. Könnte mich auch in Schneckenkind umbenennen ;)

Das Gute ist, dass ich im Alltag sehr stabil bin. Ich möchte das auch auf keinen Fall verlieren: Partnerschaft, Arbeit, ich habe sogar Hobbys.
Aber dieser normale Alltag ist doch sehr abgeschnitten. Jetzt scheine ich endlich an dem Punkt zu sein, Verbindungen herstellen zu können.

Eben hatten wir hier Streit, das war ein schlimmer trigger für mich. Ich habe mich so hilflos und schuldig gefühlt (die verborgene kleine) und wollte alles recht machen.
Der andere Impuls kam aber auch: auf keinen Fall werde ich hier nachgeben und meine eigen Interessen hintenan stellen.

Ich merkte, dass beide Impulse nicht zu hier und heute gehören und konnte mich zurückziehen und habe der kleinen gesagt, dass es in Ordnung ist, wenn erwachsene sich streiten. Dass es auch in Ordnung ist, wenn der Partner mal sauer ist. Das gehört dazu, das können wir verstehen, aber dennoch bei unserer Meinung bleiben.
Dass 2017 ist und ich schon viele Jahre alt bin.
Das hat tatsächlich funktioniert.
Für mich ist das eine tolle Erfahrung.

Ich möchte dazu sagen, dass ich keine DIS habe, aber diese inneren Anteile und die Arbeit damit für mich gut funktionieren. Manchmal ist es für mich aber dennoch stimmig, dass es ein inneres wir gibt. Auch wenn ich Angst habe, dass dann der Vorwurf kommt, ich würde mir was einbilden oder so. Ich bin damit noch sehr unsicher. :shock:

Ich habe fünf Jahre Traumatherapie gemacht, die aber nun zu Ende ist. Nun versuche ich mit meinen Mitteln alleine weiter zukommen, denn der innere Prozess ist noch lange nicht fertig.

Großes anderes Thema ist ja auch noch die Frage, wie gestalte ich den Kontakt zu meiner Familie. Ursprungsfamilie.

Benutzeravatar
A.Rhiannon
Beiträge: 1015
Registriert: Sa Nov 12, 2016 10:53 am

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von A.Rhiannon » So Sep 24, 2017 3:59 pm

Liebe Elefantenkind,

das, was du beschreibst, klingt richtig gut. :) Du hast die Gefühle der inneren Kinder gut wahrgenommenen und hast dich als Erwachsene gut um sie kümmern können. Du konntest gut trösten, erklären und vermitteln und so Sicherheit geben. Das ist genau die Balance, die ich meinte. :) Ich freue mich für dich.

Das mit der Ursprungsfamilie ist ein schwieriges Thema. Ich bin mir aber sicher, dass du auch hier einen für dich passenden Umgang/ Abstand finden wirst. Die Erwachsene mit den Kleinen zusammen.

Liebe Grüße,
A.Rhiannon
"Wenn man ins Universum starrt, ist sein Mittelpunkt nur Kälte. Und Leere. Letztendlich sind wir dem Universum egal. Dem Universum und der Zeit. Deswegen dürfen wir einander nicht egal sein."

aus: Letztendlich sind wir dem Universum egal

~SteinHart~
Beiträge: 3651
Registriert: Di Mai 05, 2009 11:38 pm

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von ~SteinHart~ » So Sep 24, 2017 4:16 pm

Mag kurz schreiben, dass sich das schön liest. Also dieses langsame zusammenwachsen. Es ist zwar beängstigend weinend durch eine fremde Stadt zu laufen, ich stelle mir da aber gerade vor, wie du deinem früheren ICH die Hand reichst und ihr da gemeinsam durch geht :)

SH
Die Zeit bewegt sich in eine Richtung, die Erinnerung in eine andere.
(William Gibson)

nur ich

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von nur ich » So Sep 24, 2017 4:19 pm

bewundern deinen Mut.
alles gute für euch mit dem thread und so

lg

elefantenkind
Beiträge: 481
Registriert: So Feb 19, 2012 9:26 pm

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von elefantenkind » So Sep 24, 2017 4:27 pm

Danke, nur ich.
Ich finde mich ja oft so ängstlich...deswegen freue ich mich über deinen Beitrag...

Ja, steinhart, es war traurig, aber nicht richtig schlimm. Zum Glück. Es macht mich aber immer noch so...hm...fassungslos...wenn ich so einen Perspektivwechsel erlebe. Hin, weil es mich schockiert, was für eine Welt ich sehe, empfinde, zurück, weil es sich so anfühlt, als würde sich das wieder auflösen...

Izzy
Beiträge: 1300
Registriert: Di Jan 31, 2017 2:53 pm

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von Izzy » Di Sep 26, 2017 2:06 pm

Liebes Elefantenkind,

mich haben deine Zeilen sehr berührt und ich finde das Wort Zusammenwachen ein sehr schönes Wort in Bezug auf die inneren Kinder/Anteile.
Sehr einfühlsam und mit Perspektive ..eine Art Willkommen und Angebot.

Ich erlebe den Kontakt als großen Zugewinn und als mehr Lebensqualität. Und ich finde mich auch in dem Wunsch bwz. auch der Angst wieder, dass dies mit Instabilität einhergeht.
Daher passt vielleicht ein Schneckentempo ganz gut? Wobei Elefanten ja auch sehr gemächlich gehen können und in sich ruhen.
Ich bin immer noch sehr erstaunt, wieviel Alltagsfähigkeit immer noch da ist obwohl soviel Kontakt mittlerweile da ist. Und ich glaube das passt die Psyche gut auf ..lässt nur soviel zu, wie aushaltbar und bewältigbar ist. Zumindest bislang erlebe ich das so.

Das mit dem Streit kenn ich auch so gut..schön, dass du so gute Botschaften finden konntest.

Therapieende nach 5 Jahren stell ich mir heftig vor ...habt ihr die Stunden langsam ausgeschlichen? Ist gut für dich gesorgt. Wie gehts dir damit?

Willst du überhaupt Kontakt zur Familie haben?

Ganz liebe Grüße!
Isa

elefantenkind
Beiträge: 481
Registriert: So Feb 19, 2012 9:26 pm

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von elefantenkind » Di Sep 26, 2017 10:26 pm

Liebe Isa, danke für deine Nachricht. Ich kann leider gerade nicht darauf eingehen, hier fand gerade so eine Art Erdbeben statt.

Habe schon wieder den Impuls, nichts darüber zu schreiben ( zu kompliziert, zu emotional, zu anstrengend für mich, zu bescheuert für euch)...aber langsam begreife ich auch, dass das kein guter impuls ist. Schweigen. Ausblenden. Vergessen. Ungeschehen machen.

Mit Wucht. Mit enormer Wucht hat mich heute meine Schwester getroffen. Um es abzukürzen: sie lehnt mich ab. Sie liebt mich nicht. Sie erträgt mich nur. Der Familie zuliebe. Damit unsere Kinder sich mal sehen. Damit die oma das Enkelkind sehen kann. Da kann sie sich zurück nehmen, hintenanstellen, ihre Bedürfnisse (mich auszuladen).

Meine Schwester ist meine große Schwester. als ich ein so vollständig verlorenes Kind war, da gab es sie. Ich habe all meine Sehnsüchte auf sie projiziert. Wär da doch nur ein, ein einziger Mensch, der mich sieht und mich lieb hat. ..

Den Zahn hat sie mir heute gezogen. Klar. Ich bin kein Kind mehr. Wir haben uns seit 9 Monaten nicht mehr gesehen. Einmal telefoniert.
Ich dachte, stelle ich mich mal der Angst (!!!) und rufe sie an. Schon in den letzten Tagen war mir klar geworden, dass sie ein enormer trigger für mich ist.

Das ist ja das schlimme. Ich falle in das bedürftige Kind hinein, sobald ich sie sehe. Das ungeliebte Kind. Das zurückgewiesene Kind.

Ich zeige ihr das nicht. Ich spreche nicht darüber. Ich benehme mich erwachsen.
Aber emotional bin ich extrem verletzlich.

Puh
Atmen. Weiter atmen. Du darfst auch weiterweinen. Du musst nicht aufhören zu weinen und zu atmen.

Naja, ich habe sie also angerufen, um dieses Jahr rechtzeitig über Weihnachten zu sprechen.
Ich kann jetzt gar nicht weiterschreiben.

elefantenkind
Beiträge: 481
Registriert: So Feb 19, 2012 9:26 pm

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von elefantenkind » Di Sep 26, 2017 10:31 pm

Wie kann ich für mich sorgen? Wie soll ich mir jemals das geben können, was dieses Kind braucht?????!!!!!

Wie kann so eine wunde heilen? Eigentlich wäre meine ganze Familie mich gerne losgeworden. Bis auf meine Mutter, die hat mich benutzt. Aber für meinen Vater war ich das falsche Kind. Keine Ahnung, warum ich das denke...

elefantenkind
Beiträge: 481
Registriert: So Feb 19, 2012 9:26 pm

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von elefantenkind » Di Sep 26, 2017 10:32 pm

Und ich, ich habe nichts besseres zu tun, als in meiner grenzenlosen Dummheit Liebe bei meinem Onkel zu suchen.

elefantenkind
Beiträge: 481
Registriert: So Feb 19, 2012 9:26 pm

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von elefantenkind » Di Sep 26, 2017 10:35 pm

Ich kann mich dafür nur hassen. Ich habe mich selbst in diese Situation gebracht. Weil ich am verhungern war. Er hatte mich lieb. Kotz.
Ich bin eigentlich auch so wütend.

Und was mich auch soooo sehr ankotzt, ist dass niemand in dieser Familie mich versucht zu verstehen. Und dass ich so bescheuert bin, mir Verständnis zu wünschen.

elefantenkind
Beiträge: 481
Registriert: So Feb 19, 2012 9:26 pm

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von elefantenkind » Di Sep 26, 2017 10:41 pm

Ich versuche meiner Schwester am Telefon zu erklären, warum es für mich so schwierig ist, mit meiner Mutter Zeit unter einem Dach zu verbringen. Sie sagt , sie kann das nicht verstehen. Ich sage, das ist eben bei einem trauma so. Das ist nicht logisch, das passiert mir einfach. Dass ich mich wie un Kind fühle, auch wenn ich es nicht bin. Dass ich das nicht steuern kann. Sie kann sich das nicht vorstellen. Sie kann das nicht nachvollziehen.
Über den MB wird kein einziges Wort gesprochen. Obwohl sie das aktuell auch weiß, wie sehr das gerade wieder Thema ist bei mir.

elefantenkind
Beiträge: 481
Registriert: So Feb 19, 2012 9:26 pm

Re: Zusammenwachsen

Beitrag von elefantenkind » Di Sep 26, 2017 10:43 pm

Und ich kann das auch nicht sagen: informier dich doch mal. Das liegt an dem Missbrauch. Und das, wie Mama zu mir war, das war emotionaler MB.

Antworten