Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

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Cora
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Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

Beitrag von Cora » Sa Jun 25, 2022 2:20 pm

Liebe Forumsmitglieder und Gäste,

ich bin neu hier und habe mich nach stillem Mitlesen jetzt entscheiden auch etwas zu schreiben und zu fragen.
Kurz zu mir. Ich bin 46 J., seit 1,5 J. in Therapie, Diagnose kPTBS, Depression, dissoziative Amnesie. Nun möchte ich mich so gerne mitteilen. Aber jedes Mal, wenn ich etwas sagen möchte, stelle ich die Geschehnisse in Frage. Meine Freundin kennt die Überschrift und weiß, wer der Täter war. Sie möchte aber nichts dazu hören oder wissen. Ich will ihr auch keine Details erzählen, nur ab und zu wie es mir geht, dass ich mal wieder traurig bin oder wütend. Aber da ist kein Raum dafür. Mein Partner weiß grobe Eckdaten und bekommt mit, wenn es mir schlecht geht. Wenn es gar nicht anders geht, erzähle ich auch mal kurz, was los ist. Wir leben nicht zusammen. Ich versuche den Alltag mit Arbeit, Kindern, Haushalt hinzubekommen so gut es geht und dass ja niemand merkt, wie schlecht es mir eigentlich geht. Und wieviel ich nicht schaffe oder wieviel Zeit ich zum Regulieren brauche. Ich schäme mich nicht mehr ganz so viel. Habe endlich verstanden, dass nicht ich falsch bin, sondern der Täter Böses getan hat. Doch dass das alles in meiner Kindheit tatsächlich so was, erscheint mir in der Gegenwart so unwirklich. Ich habe einen Bruder, dem ich mich gerne mitteilen würde. Doch auch da traue ich mich nicht. Es hätte Konsequenzen für die Familie und wahrscheinlich würde er mir nicht glauben und sofort kommen die Zweifel. Aber wenn ich meine Beschwerden sehe, besteht an dem kindlichen sex. Missbrauch kein Zweifel. Die Zweifel und auch meine Einsamkeit mit diesem Thema belasten mich, rauben mir Energie. Ich habe schnell wieder das Gefühl, nicht gesehen, nicht gehört zu werden und dann rutsche ich schnell mal eben ab. Das möchte ich nicht mehr.
Nun schreibe ich hier, weil hier nur Menschen lesen, die lesen wollen und das Thema MB kennen und würde mich über Antworten und Austausch freuen.

Viele Grüße und alles Gute
Cora

Aufatmende
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Re: Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

Beitrag von Aufatmende » Sa Jun 25, 2022 4:01 pm

Ich habe lange Jahre vieles in Frage gestellt, es eigentlich schon klar war znd tue es gerade wieder, weil es so furchtbar ist, dass ich mich frage, wie ich physisch undpsychisch überhaupt überlebt habe.
Mein Bruder, deutlich älter als ich, hat sich spät als Täter herausgestellt und auch mit meinen Schwestern kann ich bis heute so gut wie gar nicht darüber reden.
Hier im Forum findest du da eher Raum.
Rückfälle sind Vorfälle!

Aufatmende
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Re: Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

Beitrag von Aufatmende » Sa Jun 25, 2022 4:01 pm

Ach ja, herzlich Willkommen hier und einen guten Austausch.
Rückfälle sind Vorfälle!

Cora
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Re: Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

Beitrag von Cora » Sa Jun 25, 2022 4:35 pm

Vielen Dank liebe Aufatmende!
Das klingt schlimm, wenn du schreibst, dass du dich sogar fragst, wie du psychisch überlebt hast....
Das tut mir sehr leid.

Cora
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Re: Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

Beitrag von Cora » Sa Jun 25, 2022 4:36 pm

Ich meine physisch. Sorry.

Cora
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Re: Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

Beitrag von Cora » Sa Jul 02, 2022 8:52 am

Hallo,
ich brauche ein Ventil. Und denke, hier liest das vielleicht jemand und kennt das, antwortet.
Ich bin so voller Wut. Ich habe das Gefühl, jeder will nur die schönen Seiten an mir sehen. Mein Mitgefühl, meine Lebendigkeit, mein Verstehen, meine Fröhlichkeit. Das lebe ich ja auch reichlich in meinem Alltag. Also fröhlich und lebendig geht gerade schlechter. Aber Mitgefühl, Verstehen, helfen ist schon berufstechnisch und als Mutter großer Teil meines Alltags. Doch wenn ich zeige wie verletzlich und unsicher im privaten Kontakt oft bin, nervt das die anderen. Ich habe das Gefühl, so nicht sein zu können. Ich will ja auch gar nicht so sein. Meine kindlichen Anteile müssen einfach immer wieder prüfen und nachfragen. Und gerade ist so viel zu tun. Wenn ich mich viel um mich und die Anteile kümmere, bin ich weniger bedürftig. Doch mein Therapeut gibt mir immer wieder zu verstehen, dass mein Bedürfnis nach Annahme und Zuwendung normal ist. Und gerade habe ich die Nase voll, mich immer selbst kümmern zu müssen. Ich schreibe hier, weil wir morgen in den Urlaub fahren. Ich habe Angst, ich streite, bin ungerecht meinem Partner gegenüber. Der ist der einzige, der wirklich für mich da ist. Und ist er es dann doch mal nicht, was ja auch normal ist, bin ich gerade so empfindlich. Das war schon mal besser. Ich habe das Gefühl, dass die Entbehrungen meines Lebens, dieses nicht positiv gespiegelt worden sein von meinen Eltern gerade so bewusst werden, der Schmerz darüber, nicht gesehen, nicht beschützt und geachtet worden zu sein. So jetzt ist der Schmerz da. Jetzt geht es besser. Ich möchte meinem Partner nicht Wut überhelfen, die nicht zu ihm gehört.
Sonst hätte ich das in mein Tagebuch geschrieben, hätte mich auch beruhigt. Aber dann wieder alles nur für mich. Ich möchte nicht mehr so allein sein.
Ich würde mich echt freuen, wenn das jemand liest und eine kurze Antwort gibt.
Danke dafür.

Aufatmende
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Re: Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

Beitrag von Aufatmende » Sa Jul 02, 2022 10:44 am

Die Frage ist, was dein Partner weiß?
Meiner extrem wenig, weil er sich schützt.
Aber ich kann ihm sagen, dass ich gerade "neben mir stehe " und das nichts mit ihm zu tun hat.

Welche Möglichkeiten hast du denn, deine Wut auszudrücken? Sport im Urlaub? Steine im Wald schmeißen.....?

Vielleicht ist der Urlaub auch eine Gelegenheit zu prüfen, was du immer lieb brav helfend gemacht hast und gar nicht willst. Oder vielleicht doch willst? Aber mit einer anderen Motivation.

Urlaub kann auch eine Gelegenheit sein zu lernen, Wünsche zu äußern. Dafür habe ich Jahre gebraucht.
Mein Mann hat mich hundertfach gefragt: "Was willst DU denn?", weil ich es nicht gelernt hatte, meine Wünsche auch nur zu wissen, geschweige denn mitzuteilen und zu erwarten, dass sie meist erfüllt werden.
Rückfälle sind Vorfälle!

Cora
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Re: Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

Beitrag von Cora » Sa Jul 02, 2022 11:09 am

Liebe Aufatmende,
habe vielen Dank für deine auch so rasche Antwort. Ich denke darüber nach...
Wut rauslassen fällt mir schwer. Am besten geht es beim Spazieren. Und das obwohl ich Jahre lang Kampfkunst gemacht habe. Wahrscheinlich ist Steine schmeißen einfacher als gegen den Sandsack hauen. Ich werde es ausprobieren.
Wünsche äußern geht schon besser als früher. Am schwersten ist es, wenn es um Annahme meiner Gefühle geht. Um Verständnis für mich. Das ist echt schwer. Da fang ich dann gleich an zu heulen, wenn ich mich das mal traue.
Mein Partner kennt das Thema, den Täter, manchmal erzähle ich ihm von meinen Gedanken. Wenn ich Abstand habe und nicht mehr so emotional bin. Mit kindlichen Anteilen kann er nichts anfangen. Ich glaube, da schützt er sich.

Geht es dir besser? Kannst du für dich sorgen?
Liebe Grüße zu dir.

Cora
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Re: Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

Beitrag von Cora » Sa Jul 02, 2022 1:42 pm

Mir geht es wieder besser. Ich habe mich um mich gekümmert. Ohne das geht es nicht.

elefantenkind
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Re: Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

Beitrag von elefantenkind » Fr Jul 22, 2022 11:38 pm

Liebe Cora, ich kenne diese Zweifel auch. Aber irgendwann in dem Prozess konnte ich in mir entscheiden, dass ich den mb nie wieder in Frage stelle. Das hat mir sehr geholfen. Ich habe mich entschieden, mir selbst zu glauben.

Je näher die anderen Menschen (Geschwister zum Beispiel) an der Ursprungsgeschichte und Ursprungsfamilie dran sind, desto stärker wird bei mir auch immer das Gefühl der Zweifel. Weil die Menschen für die „andere“ Realität stehen, in der der missbrauch geheim gehalten wurde und es auch nur noch Teile von mir wussten.

Mir hilft deswegen Abstand.
Alles Liebe, Elefantenkind

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A.Rhiannon
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Re: Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

Beitrag von A.Rhiannon » Sa Jul 23, 2022 9:40 am

Hallo Cora,

willkommen hier im Forum.

Auch ich möchte dir da lassen, dass ich die Zweifel sehr gut kenne. Ich habe es so ähnlich wie Elefantenkind versucht, erstmal alles, was an Erinnerungen kommt, anzunehmen ohne zu werten.

Ansonsten kenne ich das auch, sich immer um sich selbst zu kümmern. Es ist so schwer und traurig, weil man als Kind früher ja auch schon immer allein mit dem ganzen Schmerz war. Gleichzeitig habe ich jetzt als Erwachsene die Erfahrung gemacht, dass es mir hilft regelmäßig Zeit zu nehmen, um nach Innen zu fühlen und zu hören, was gerade da ist und gesehen, gefühlt oder gehört werden möchte. Oder um einfach das Gefühl zu geben da zu sein. Es reichen meist täglich 10 Minuten, manchmal braucht es aber auch mehr. Nur sind 10 Minuten oft gut schaffbar und schrecken nicht vorher schon ab. Mir fällt es auf, wenn ich mir die Zeit mal ein paar Tage nicht nehmen sollte. Dann kommen alle Gefühle unkontrolliert an die Oberfläche und nach Außen.

Alles Liebe,
A.Rhiannon
"Wenn man ins Universum starrt, ist sein Mittelpunkt nur Kälte. Und Leere. Letztendlich sind wir dem Universum egal. Dem Universum und der Zeit. Deswegen dürfen wir einander nicht egal sein."

aus: Letztendlich sind wir dem Universum egal

Cora
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Re: Dissoziative Amnese, Zweifel am MB

Beitrag von Cora » So Jul 24, 2022 8:46 am

Liebes Elefantenkind, liebe A.Rhiannon,

vielen Dank für euer Verstehen und eure hilfreichen Antworten!

Ja, das ist eine gute Erklärung, warum die Zweifel gerade im Kontakt mit Familienmitgliedern so stark werden. Ich habe den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen, was mir sehr gut tut.
Wenn ich am MB zweifle, wird der Schmerz nur lauter, geht es mir schlechter, als müsse mir mein Inneres beweisen, dass es so war. Meine Zweifel sind viel seltener geworden. Auch weil ich besser verstehe, dass ich ohne MB bestimmte Gedanken und Gefühle gar nicht hätte.

Mich überfallen v.a. Gefühle und Gedanken jeden Tag. Meistens zu bestimmten Zeiten oder einfach nach der Arbeit. Dann kümmere ich mich auch. Und es geht besser, wenn ich nichts Weghaben will.
Es ist eine gute Idee, von mir aus nach Innen zu gucken, was da so ist. Mache ich auch schon. Aber es wäre bestimmt hilfreich, das fest in den Tagesablauf einzuplanen. Auf jeden Fall morgens und abends. Ich sage ja auch meinen "echten" Kindern guten Morgen und gute Nacht. Vielleicht platzt es dann nicht immer so einfach rein. Und ich kann besser schaffen, was ich schaffen möchte oder sie so innerlich dabei haben. Beim putzen ging das letztens gut, das dabei haben.

Es bin noch oft traurig, dass ich vieles nicht so hinbekomme, wie ich es möchte. Weil einfach Zeit und Kraft dafür fehlen. Zum Glück bin ich nicht mehr so wütend auf mich, denn es ist nicht meine Schuld! Er hat es verursacht!! Dieses A....

Alles Gute für euch. Einen schönen Sonntag uns.
Cora

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