Erinnerungen kennen oder nicht?

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keinName

Erinnerungen kennen oder nicht?

Beitrag von keinName » Fr Jul 23, 2021 2:19 pm

Hallo an alle,
ich habe eine komplette Amnesie, was die traumatischen Erlbenisse in meiner Kindheit betrifft, also keine konkreten Erinnerungen. Aber es ist nicht mehr zu leugnen, dass da sehr viel passiert sein muss, so wie es mir geht und was ich so langsam von Innen mitbekomme.
Ich habe aber eine Frage dazu an euch. Ist es besser die Erinnerungen hochzuholen oder sie dort zu lassen, wo sie sind?
Ich leide, so wie es jetzt ist, sehr. Mit dieser Unwissenheit was die eigene Geschichte, aber auch das Innenleben betrifft. Und ich bin immer den Weg gefahren, an das Vergessene ranzukommen, um es bearbeiten zu können. Aber wenn diese Büchse in mir aufgeht, dann wird ja erstmal überhaupt nichts besser. Dann fängt die Arbeit ja erst richtig an. Wird es dann nicht nur noch unerträglicher, wenn man sehen und hören und fühlen kann, was passiert ist? Wenn man das ganze Ausmaß begreift? Wird man dann nicht von diesen Bildern ständig heimgesucht? Es hat doch einen sehr guten Grund, dass ich nicht weiß, was passiert ist... Ich habe Angst, dass ich das Leben, das ich jetzt führe, komplett verlieren werde. Dass ich überhaupt nicht mehr imstande bin zu leben. Das klappt aktuell phasenweise noch ganz gut.

Ich bin ziemlich ziellos im Moment...vielleicht hat ja jemand einen Gedanken dazu.

Laura
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Re: Erinnerungen kennen oder nicht?

Beitrag von Laura » Fr Jul 23, 2021 10:48 pm

Hallo keinname,

Erstmal willkommen hier!

Ich hatte 26 Jahre null Erinnerungen an den MB und sie kamen in der Therapie eines Tages schlagartig zurück.

Zunächst Mal ist es unwahrscheinlich, dass du Erinnerungen bekommst, die du noch nicht bereit bist auszuhalten. Da schützt einen das Unterbewusstsein schon davor.

Und trotzdem ist es kein Zuckerschlecken, wenn die Erinnerungen dann plötzlich da sind. Du beschreibst es ganz genau richtig: dann geht die Arbeit erst los! Ich habe die Büchse der Pandora geöffnet und zeitweise habe ich sehr daran gezweifelt, dass das wirklich eine gute Entscheidung gewesen ist. Es gab Phasen mit Flashbacks und Suizidgedanken. Hätte ich nicht sowieso meinen Job gekündigt, um mir eine Auszeit zu nehmen, so hätte mich das in einen Abgrund gestürzt. Ich war definitiv nicht mehr arbeitsfähig - musste es aber auch nicht sein.

Ich habe in den letzten 1.5 Jahren, seit die Erinnerung zurück ist, Schmerzen durchlebt, die hier viele kennen. Aber sonst die allerwenigsten sich vorstellen könnten. Hätte ich gewusst, wie schlimm es wirklich wird und wie sehr ich leiden werde, so wäre ich den Weg vielleicht niemals gegangen.

Ich lebe heute mehr, als ich das zuvor jemals getan habe. Ich bin ein neuer Mensch mit viel mehr Selbstliebe und ich verstehe wer ich bin und wieso. Ich habe sehr sehr hart an mir selbst gearbeitet.

Lange Rede kurzer Sinn - es ist ein Weg, den du einschlagen kannst, aber nicht musst. Das Leben, das man sich danach aufbauen kann, ist wirklich wertvoll. Es wird härter, als alles was du dir vorstellen kannst, aber es kann sich lohnen. Es dauert lange und geht nicht von heute auf morgen. Und zentral wichtig: du brauchst Unterstützung an deiner Seite!!!! Ohne meinen Therapeuten und meine beste Freundin hätte ich das nicht überstanden.

Vielleicht hilft dir das weiter!

Alles Liebe
Laura

keinName

Re: Erinnerungen kennen oder nicht?

Beitrag von keinName » Fr Jul 23, 2021 11:28 pm

Danke Laura, für deine ehrliche Antwort. Ich bin gerade so weit unten, dass es gerade erstmal nur schön ist, dass jemand schreibt, der versteht. Danke!

keinName

Re: Erinnerungen kennen oder nicht?

Beitrag von keinName » Fr Jul 23, 2021 11:36 pm

Mir geht es phasenweise so gut und ich fühle mich wie ein fast gesunder Mensch. Selbstliebe und Liebe für das Leben in großen Mengen vorhanden. Aber ich merke, dass ich nicht komplett im Leben ankommen kann, ich finde meinen Platz nicht. Und ich denke, das ist, weil mein Innerstes keinen Platz finden kann. Und es zermürbt. Und natürlich geht es mir ohasenweise auch wahnisnnig schlecht. Ich habe Angst mein Leben, dass sehr oft schön und lebenswert ist, aufs Spiel zu setzen und nur noch im Trauma zu versinken. Kann ich wirklich so viel mehr gewinnen, wenn ich die Büchse öffne? Oder sollte ich versuchen zufrieden zu sein wie es ist?
Das sind mehr rhetorische Fragen, die soll und kann mir keiner beantworten.

Danke nochmal für deine Antwort, Laura. Ich freue mich sehr, dass du so gekämpft hast und es sich gelohnt hat!

gast3

Re: Erinnerungen kennen oder nicht?

Beitrag von gast3 » Sa Jul 24, 2021 7:25 am

Hallo,

Das klingt hart aber du kannst das eh nicht entscheiden. Es kommt eh, wenn du stabil genug bist. Die Vorstellung du könntest das rational steuern oder beeinflussen ist meiner Meinung nach falsch.
Meine Erfahrung, auch durch Bekannte ist, dass sich das Trauma immer einen Weg sucht. Egal ob man eine Amnesie hat oder nicht. Dann hast du eben chronische Schmerzen oder bist suizidal etc.
Wenn du eine komplette Amnesie deiner Kindheit hast, liegt da sicher sehr viel verborgen. Ich hoffe du hast eine gute Traumatherapeutin und andere Unterstützung. Ohne die geht es nicht. Aber dass du dich selbst liebst ist schon mal eine sehr gute Voraussetzung. Und ja es kann sein dass du erstmal wieder viel verlierst. Aber leider kannst du eh nicht steuern ob das passieren wird oder nicht. Wenn es raus will will es raus. Und das hat Gründe nämlich die das deine Psyche heilen will.
Und ja sicher wirst du Flashbacks haben etc aber 1. lernt man Methoden um damit umzugehen und 2. ist das eben der Weg um es zu bearbeiten so dass es dann endgültig weg ist.
Ich wünsche dir alles Gute.
Gast3

Laura
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Re: Erinnerungen kennen oder nicht?

Beitrag von Laura » Sa Jul 24, 2021 9:27 am

Hallo keinname,
Sehr gerne!
Ich muss Gast 3 wohl zustimmen. Es kommt, wenn du stabil genug bist. Und dann kommt es auch, wenn du das vielleicht gar nicht aktiv willst.

Sieh zu, dass du dir einen anständigen Therapeuten zulegst, der dich supported.
Bei mir sind die Erinnerungen tatsächlich auch erst gekommen, als ich soooo viele andere Themen abgearbeitet hatte und mir ein stabiles Hilfsnetzwerk aufgebaut hatte.

Es gibt leider kein Patentrezept. Jeder Mensch ist anders und auch die Geschichten sind unterschiedlich.

Für mich teilt sich das mittlerweile irgendwie in ein Leben vor und nach der Erinnerung ein. Und mittlerweile habe ich so viel Stabilität zurück erobert, dass das Leben erfüllter ist, weil ich mehr in meiner Mitte angekommen bin. Ein Tipp: Gelder aus dem Fond Sexueller Missbrauch. Ich zahle meinen Therapeuten privat. Dafür muss ich aber auch nicht 2 Jahre warten.

Alles gute
Laura

keinName

Re: Erinnerungen kennen oder nicht?

Beitrag von keinName » Sa Jul 24, 2021 10:45 am

Vielen Dank für eure Antworten und Tipps!
EIgentlich ist mir das auch irgendwie klar, dass man es eh nicht selbst steuern kann. Aber gerade ist es einfach wieder so festgefahren und zermürbend, dass ich die Hoffnung hatte, es gäbe auch einen anderen Weg...
Einen Traumatherapeuten habe ich seit 6 Jahren an meiner Seite und gute Freunde zum Glück auch.

Euch beiden auch alles Gute!

Frieda

Re: Erinnerungen kennen oder nicht?

Beitrag von Frieda » Sa Jul 24, 2021 12:44 pm

Hallo keinname,

meine Gedanken dazu sind ambivalent: Ich weiß alles ja unbewusst schon und es beeinflusste und beeinflusst mein eigenes Leben stark. Ich bin aktuell in einer sehr schwierigen Phase. Die Büchse ist offen durch die Traumaverarbeitung. Und es ist die Hölle. Wie Laura schon schrieb: Hätte ich gewusst (auch emotional, nicht nur rational) was da kommt, hätte ich es nicht gemacht. Ich habe sehr hart damit zu kämpfen und das auf so unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig. So vieles Belastendes. Gerade die letoten Wochen merke ich, wie massiv mein Leben von meiner schrecklichen Familie beeinflusst wurde... damit muss ich klar kommen, das zu FÜHLEN und zu akzeptieren. Diese extreme Traurigkeit über das was ich niemals hatte. Aber immerhin kann ich jetzt darüber trauern. Kann ein Fortschritt sein... auch wenn es wirklich bitter ist. Aber es ist ja schon passiert und vorbei. Daran kann ich nichts mehr ändern. Aber vielleicht irgendwann einebessere Zukunft für mich aufbauen. Wie auch immer das gehen soll mit der "Basis".

Eine gute, fähige Thera ist sehr wichtig; stabiles Umfeld auch...

Alles Gute, Frieda

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