Nicht mehr sein wollen

Hier können Betroffene über ihre Erlebnisse diskutieren.
Berta
Beiträge: 26
Registriert: Mo Mai 22, 2017 1:04 pm

Nicht mehr sein wollen

Beitrag von Berta » Do Apr 22, 2021 11:12 pm

Seit vielen Jahren bin ich in Therapie. Hat auch in vielerlei Hinsicht geholfen. Habe einiges geschafft.

Seit mehreren Jahren bläue ich mir tagtäglich ein: Mein Leben ist normal. Mein Leben funktioniert.

Und nun? Hat man mir eine Diagnose "vor den Latz geknallt": Borderline.

Genaugenommen wusste ich das eh schon. Hab mich immer bei den Borderlinern wiedergefunden; bei allem was ich gelesen habe.

Aber es ist irgendwie noch ein Unterschied. Ob man es "nur" selber so einschätzt, oder ob es jemand aussenstehender diagnostiziert. (Wenn man es jetzt noch einfach so erkennt, hat offenbar alles nix geholfen.)

Das schlimmste: Ich finde mich genau den den verhassten Verhaltensweisen wieder: Will die Therapie schmeissen; bin stinksauer auf die Thera. - Aber mach ich damit nicht WIEDER immer mehr kaputt; verbaue mir selber eine Chance?

Ich stelle mir oft einen Kippschalter vor. Auf der einen Seite: Leben. Auf der anderen Seite: Nicht leben.
Ich würde einfach immer, und heute umso mehr, die "nicht-leben"-Seite wählen.
(Dabei soll das keine Selbstmord-Drohung sein; dazu würde mir immer Mut und Energie fehlen.)

Danke fürs lesen.

Gast_Wolke

Re: Nicht mehr sein wollen

Beitrag von Gast_Wolke » Fr Apr 23, 2021 7:48 am

hallo Berta

ein paar Infos die dir evtl. helfen.
borderline ist sher ähnlich zu komplexer ptbs
manche Forscher sagen das sei dasselbe weil nicht zu unterscheiden. letztlich sind das alles auch recht willkürliche Kategorien. ob nun vordelrine oder komplexe ptbs... wer weiss das schon. klar gibt es zwei drei Unterschiede die man heute sagen kann. aber ist es deshalb echt ne andere Störung? vielleicht hilft es da nochmal zu sehen dass vieles eben vom Trauma kommt und ja borderline hat ein mieses Image. aber deshalb bist du ja nicht so! DEN borderliner gibt es nicht. und du hast das. nicht du bist das. könnte schreien wenn Menschen sagen der borderliner...verstehst di was ich meine?

wie oft wollte ich schon die frühere thera schmeissen. heute denke ich das wäre gesund und richtig gewesen.nicht alles was nach borderline klingt ist borderline 8)

zweitens ist eine Persönlichkeitsstörung nix stabiles. in 5 Jahren haben das viele Menschen nicht mehr die es heute haben.
die erfüllen nicht mehr genug Kriterien. auch ohne thera. mag zwar kein thera hören ist aber so. auch Leben kann Therapie sein.

deshalb versuch dich nicht zu sehr damit zu identifizieren. du bist du. liebenswert. und wenn das Kind nun einen Namen hat kannst du auch spezifische thera bekommen die vielleicht nochmal anders ist. hast du schonmal dbt gemacht? ist ja der Klassiker. vielleicht hilft dir das für den "Anfang"
und wenn Regulation deiner gefühle besser ist dh dich nicht mehr so quält dann kann es ja auch traumamethoden geben die nochmal auf tieferer Weise was lösen. also wenn du das willst.

und wie gesagt identifiziere dich da nicht so mit. das ist vermutlich nix für immer. bei vielen wachsen sich bestimmte Symptome auch aus... deine Probleme kommen einfach von sehr schlimmen Erfahrungen. wenn einer humpelt wegen eines Unfalls wird er ja auch getröstet und niemand sagt puuh du bist nervig.

klar machst du dann was kaputt wenn du die thera abbricht. aber das machst du ja nicht aus spass. oder reflektiert.
da gibt es Seiten die extreme Angst vor Beziehung und Bindung haben. oder? die wollen die thera halt nicht. weil Bindung bedeutet verletzt zu werden. deshalb ist die Angst verständlich und man muss vorsichtig schauen wie es auch für diese Anteile in dir gehen kann dass die thera nicht zu bedrohlich wird

evtl trigger

und chronische Suizidgedanken sind finde ich eher nicht borderline typisch sondern Trauma typisch. das kennen ja sehr viele hier unabhängige von der Diagnose. ohne das jetzt deshalb kleinreden zu wollen. aber verständlich oder. wenn man so oft in Todesangst war und damit konfrontiert ist der Tod was sehr vertrautes. und es ist eben der letzte vermeintliche Ausweg aus dem Leid aber gut dass es nicht geht. weil ja... ob es dann besser ist weiss niemand. also meine Meinung.

alles gute dir
wolke

Sailormoon90.unlog

Re: Nicht mehr sein wollen

Beitrag von Sailormoon90.unlog » Fr Apr 23, 2021 1:03 pm

Na danke was soll ich denn jetzt als Borderlinerin dazu sagen? Sollte ich mir überlegen ob man mit Borderline eher leben oder sterben sollte? :? Nein, also was ich damit sagen will... egal ob du nun die Diagnose hast, das was für jetzt gutes passieren kann: Eine Therapie die für Borderline ist.

Berta
Beiträge: 26
Registriert: Mo Mai 22, 2017 1:04 pm

Re: Nicht mehr sein wollen

Beitrag von Berta » So Mai 09, 2021 9:55 am

Hallo zusammen

Danke für die Antworten.

In der letzten Therapiestunde hat sie mir dann eröffnet, dass es nie weggehen wird. Dass Borderline nicht "heilbar" ist. Dass man also nur üben kann, mit der Störung umzugehen. Sich mit der Störung arrangieren; schliesslich MIT der Störung ein erträgliches oder sogar irgendwie "gutes" Leben haben kann.- Seht ihr das auch so? Man hat keine Aussicht auf Heilung; sondern nur auf eine "damit-umgehen-lernen"?
Ich frage mich, ob ich einfach zu alt bin. - Kann man für eine borderline-Therapie zu alt sein?

Weitere Frage: Mir kommt oft der Gedanke, es wäre gut für mich, mit jemandem darüber zu reden. Ausserhalb der Therapie meine ich. Ich frage mich, wie es auf Aussenstehende wirkt, wenn ich mich mit Borderline "oute"? Sind andere damit überfordert, haben womöglich Angst vor mir oder erklären mich für verrückt? Oder verstehen sie mich besser und wären vielleicht eine Unterstützung für mich? (Sicher kann man das nicht pauschal sagen. Mich interessieren trotzdem eure Erfahrungen.)

Mein Leben ist wie ein Doppelleben. Auf der einen Seite "normales Leben" (wie es mir möglich ist; mit Arbeit und Kindern) und auf der andere Seite Therapie. Und was in der Therapie besprochen wird, hat im alltäglichen Leben keinen Platz. Niemand weiss das. (Ausser ihr hier im Forum). Ich denke manchmal, es wäre gut, die Probleme auch nach aussen zu zeigen. Fürchte gleichzeitig, einen schweren Fehler zu machen.

Danke fürs Lesen und für eure Antworten.

Ein gastchen

Re: Nicht mehr sein wollen

Beitrag von Ein gastchen » So Mai 09, 2021 12:07 pm

Hallo Berta

Ja da hat sie leider recht. Ja damit kann man ein anständiges leben führen. Man bekommt in der Therapie ja eigentlich Werkzeuge dafür um es zu können. Ich hatte mal einen Freund der hatte auch die Diagnose. In unserer Beziehung ging es nur bergab. Aber das lag daran, dass er sich auf dieser Diagnose ausruhte und das eher als Ausrede benutzte um sein Verhalten zu erklären, aber wollte nichts ändern. Er verstand gar nicht was Borderline heißt. Er hat viel auch manipuliert. Ich traf ihn 5 Jahre nach unserem aus wieder und er war wie ausgewechselt. Er hatte eine super Therapie gehabt. 20 Jahre hatte keine Therapie was gebracht. Aber diese eine Therapie hat gut an seinem Verhalten gearbeitet. Mit Aufklärung und mit viel Werkzeug. Auch das er erkennen konnte, dass er mit der Diagnose leben muß und kein anderer. Heute ist er verheiratet und führt ein viel besseres Leben.

Für eine Therapie ist man glaub ich nie zu alt.

Ich habe keine eigene Erfahrung mich damit zu outen. Mir hat eine Therapeutin innerhalb von 20 Minuten diese Diagnose gegeben und deshalb habe ich sie für mich nicht angenommen und meine jetzige sagte auch, dass ich es nicht habe. Mein Kind hat es auch erst bekommen und jetzt ist da ein Psychiater der meint, nur weil es da ein Symptom gibt, macht es nicht gleich eine ganze Diagnose.

Ich habe Leute kennengelernt die sich geoutet haben und verschiedene Erfahrungen gesammelt haben. Die haben genau das erfahren, was du schreibst. Sie waren überfordert, hatten auch Angst, weil man halt nichts gutes davon gehört hat. Verrückt hatte ich nicht gehört, aber halt ein anderes blödes Wort. Aber das sind Menschen die keine Ahnung haben und sich nicht informieren über die Diagnose.

Aber es wurde auch die andere Erfahrung gemacht. Menschen die sehr unterstützend sind und auch geholfen haben, weil sie wussten, das man nicht erst "heute" die Diagnose bekommen hat und hatten dann einordnen können, warum jemand so ist, weil sie sich selbst auch informiert hatten oder selbst jemanden in der Familie haben und damit gut umgehen können.

Ich habe mich damals mit meinem MB bei Freunden geoutet, aber ich hab früher immer erst mal abgecheckt, wie sie über das Thema denken. Ich hatte zb mal einen super tollen Kumpel mit dem ich eigentlich über alles reden konnte, bis auf mein MB. Aber ich bekam mit, wie er sich mit anderen Kollegen darüber richtig wütend unterhalten hatte, was die von kind*rsch*nd*r und ver*ewa*tiger hält und was die mit denen gerne machen würden. Als ich mit meinem Kumpel dann alleine war, hatte ich ihm das erzählt. Seitdem passte er auf Arbeit auf mich auf.

Im Prinzip kann wirklich jede Reaktion kommen, aber ICH würde erstmal wirklich gucken, was denken deine Leute darüber. Ich meine wenn sie negativ darauf reagieren, dann sind es eh keine guten Freunde.

EineVonUns50
Beiträge: 1092
Registriert: Di Nov 22, 2016 8:00 pm

Re: Nicht mehr sein wollen

Beitrag von EineVonUns50 » So Mai 09, 2021 12:47 pm

Hallo,
also ich hab das Bedürfnis, das bissl zu relativieren. Deine thera kann nicht wissen, was bei dir ist und sein wird. ich finde solche Sätze mit "nie" oder "immer" ziemlich daneben, was soll das? Man kann vielleicht sagen, statistisch kann diese Störung bei den meisten nicht geheilt werden, aber wie das bei dir ist, kann einfach niemand wissen.
aber selbst wenn: Die große Frage ist doch: Wie gut kannst du damit leben? Wenn du für dich einen guten Weg findest, dann "stört" da auch nix mehr oder kaum mehr oder es ist dann einfach okay wie es ist.
Ich muss grad an Alkholiker*innen denken: wenn sie ihr Sucht überwunden haben und ohne Alkohol gut leben können, sind sie ja trotzdem noch Alkoholiker*innen, aber eben trocken. D.h. sie müssen in dieser Hinsicht eben schon achtsam mit sich sein, aber können ja damit trotzdem ein gutes Leben leben.

Die andere Frage ist: Wie die Aussenwelt mit dieser Diagnose umgeht und das liegt ja jetzt nun gar nicht an dir, sondern da sind auch ganz viele Vorurteile und vermutlich halt auch schlechte Erfahrungen mit einzelnen Leuten dahinter. Aber ich find schon auch, dass leute mit dieser diagnose deshalb - vor allem im sozialen und Helferkontext - schnell diskriminiert und vorverurteilt werden und man gar nicht mehr genau hinguckt, sondern ganz schnell so einen Stempel weg hat. Deshalb wär das schon gut zu überlegen, ob du dich dem aussetzen willst - vor allem wenn du selbst so damit haderst. Vielleicht kommt ja eine Zeit, wo du dich outen willst, weil du mit den Vorurteilen entgegen treten willst, aber so hört sich das im Moment nicht an, da würde ich dem Selbstschutz Vorrang geben, sofern du die Möglichkeit dazu hast.

Und das andere aber, inwieweit du Näheres zu dir auch in dein übriges Leben trägst - das kann sehr erleichtern sein, wenn du guckst, wem du da was erzählen willst und kannst. Du kannst da ja auch mal vorsichtig anklopfen und abchecken, wie das gegenüber auf solche Themen reagiert. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wenn man da ein bißchen was erzählt, andere plötzlich auch offener werden und man feststellt, so weit sind die Welten gar nicht voneinander weg. Aber das heißt jetzt nicht, dass wir gleich alles erzählen mit Trauma und Diagnosen usw, sondern halt so vorsichtig mal ein Bruchstückchen oder Andeutungen. Es kommt ja auch sehr darauf an, wie nah der Mensch ist und wieviel Vertrauen da ist. Ich würde vorschlagen: Mach es in so kleinen Schritten, dass du dich nicht auslieferst, sondern die Kontrolle behälst, also auch damit umgehen kannst, wenn das Gegenüber nicht wie erwartet reagiert. So dass es eben kein "schwerer" Fehler ist, wenn es bei einer Person nicht funktioniert, sondern du auch wieder zurück rudern kannst und es später (bei jemanden anderen) wieder versuchen kannst.

Und da kannst du ja auch vieles andere erzählen, da musst du nicht mit der Diagnose anfangen. da würde ja - sofern nötig - "Traumafolgestörung" vollkommen ausreichen und wenn jemand näheres wissen will, kannst du doch einfach erzählen, wie du dich erlebst. Wenn dir selbst die Diagnose so unangenehm ist, würde ich da zuerst nur mal versuchen mit der thera zu arbeiten und darüber zu sprechen, so dass ich das für mich besser akzeptieren kann und dann erst überlegen, ob ich damit nach aussen gehe.

gast wolke

Re: Nicht mehr sein wollen

Beitrag von gast wolke » So Mai 09, 2021 2:10 pm

hallo berta

mag mich evu mal anschließen. bei so was geht mir die hutschnur. das ist inkompetent und sch.. was die thera sagt. noch dazu demotivierend und frustrierend. das ist nicht diabetes. das ist nicht für immer.
wie ich dir oben schrieb gibt es studien die ganz klar sagen, dass man die kriterien für borderline nach 5 oder 10 jahren nicht mher erfült. auch ohne therapie. oder sehr viele patienten tun das nicht mehr. weil das leben einen ändert. weil es besser wird je älter man wird.
ich würde bei so einer thera nicht bleiben. sie kann ja nicht mit dir für veränderung kämpfen wenn sie selbst denkt das sei für immer.
bitte zieh dir das nicht an. das ist opfer mentalität. das gegenteil von: alles ist für alle möglich ist auch falsch. aber ein: das ist für immer genauso.
vielen hilft dbt sehr gut. und wie gesagt wird es oft einfach besser wenn man älter wird. persönlichkeitsstörungen betreffen die psychischen strukturen des menschen. ja das ist tiefgehend. aber auch die sind veränderbar bis ins hohe alter. ist heute echt nachgewiesen. das zeigt für mich auch dass sie keine ahnung hat von moderner psychotherapieforschung.

ich finde du kannst auch anderen davone rzählen. vielleicht nicht das wort borderline sagen. das hilft ja oft nicht weiter. würd echt nicht zu viel auf die diagnose geben. das ist letztlich alles willkürlich und von menschen ausgedacht. das ist nicht gott gegeben und kein naturgesetz. ob das nun bordelrine oder komplexe ptbs ist darüber streiten selbst fachleute.
erzähl einfach was du fühlst, was dich traurig macht oder auch fröhlich. bei menschen denen du vertraust und wo du denkst die geben dir trost und interessieren sich für dich und dein leben. nicht jeder muss es wissen. aber wenn es einzelne wissen, kann dir das vielleicht helfen und halt geben.

alles gute
wolke

Antworten