"Private?" Themen in der Therapie

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Unsicher

"Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von Unsicher » Do Okt 15, 2020 6:52 pm

Schweift ihr oder eure Therapeuten in der Therapie auch mal in nicht unbedingt therapeutische Gespräche ab?

Zuletzt ging es um meine Frisur. Ob ich schon immer kurze Haare hatte und seit wann ich die so kurz hätte usw. Dann die Aussage, das man jetzt aber abgeschweift wäre... Ausserdem schon mal öfters Komplimente.

Nicht unbedingt zum Einstieg ins Gespräch, sondern mittendrin. Und halt von Thera-Seite.

Oder passiert das einfach, wenn man sich mit dem Gegenüber wohl fühlt?

Wie ist das bei Euch?

Silberfee
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Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von Silberfee » Do Okt 15, 2020 8:30 pm

Ja, das passiert schon mal.
Welche Bücher wir beide gelesen haben, wie wir sie fanden. Oder wohin sie in Urlaub gefahren ist und was sie dort Spannendes gesehen hat...sowas halt.
Ich finde es auch normal, es ist ja nicht so, dass sie damit irgendwelche total privaten Dinge von sich preisgibt.

~SteinHart~
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Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von ~SteinHart~ » Do Okt 15, 2020 9:13 pm

Nee, gar nicht.
Die Thera lässt null Ablenkung von mir zu.

Privates von ihr kommt gar nicht.

SH
Die Zeit bewegt sich in eine Richtung, die Erinnerung in eine andere.
(William Gibson)

Gast_Wolke

Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von Gast_Wolke » Do Okt 15, 2020 10:20 pm

bei mir auch nicht.
super selten mal.

1 oder 2 Sätze sind okay aber bei mehr würde ich das nervig finden.
die Kasse zahlt für thera nicht für Kaffee Klatsch.
und Zeit ist geld :mrgreen: nee im ernst das sind 50min und da ist jede Minute wertvoll.

und wenn das von mir ausgeht ok. dann Brauch ich ne Pause. aber von ihr aus finde ich das komisch. würd gleich denken sie weicht mir bzw dem schwierigen aus.

wolke

Kiefer25

Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von Kiefer25 » Do Okt 15, 2020 10:51 pm

Bei mir (männlicher Therapeut) gab es bislang nie Komplimente oder Bemerkungen zu meinem äußeren Erscheinungsbild. Wollte das aber glaube ich auch nicht von einer Frau hören.
Persönliche Mitteilungen sind auch sehr selten, und wenn dann quasi auch gekennzeichnet, also mit Erklärung, warum jetzt was persönliches erzählt wird.

Aber nicht einfach so. Und nicht einfach Mal so Smalltalk.
Und der Gesprächsbeginn liegt immer bei mir, ausser ich brauche echt Hilfe, was selten vorkommt.

Und ich steige meist relativ direkt ein.

Viele Grüße

MinusL
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Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von MinusL » Fr Okt 16, 2020 12:20 am

Nachdem ich einen sexuellen Missbrauch in der Therapie erlebt und knapp überlebt habe, gehen bei solchen Dingen bei mir schnell die Alarmglocken an.

Komplimente können nett und stimmungsauflockernd sein, aber wenn der Therapeut professionelle Grenzen nach und nach überschreitet, wird es schwierig, da als Patient eine Grenze zu setzen. Eine Bekannte von mir ist an einen Psychotherapeuten geraten, bei dem es mit Komplimenten anfing und dann über persönliche Geschichten von ihm und Schildern seiner eigenen Probleme weiter ging. Sie fühlte sich von ihm aufgewertet und besondert, entwickelte heftige Übertragungsgefühle für ihn (obwohl er nicht ihr Typ war) und es ging immer weiter, auch mit privaten Nachrichten. Er hatte total die Rollen vertauscht und ließ sich von ihr aufwerten. Es blieb bei emotionalem Missbrauch (Obwohl sie irgendwann alles für ihn getan hätte), aber eine PTBS hat sie davongetragen. Leider eine häufige Folge von Missbrauch in der Therapie. Der Typ behandelt übrigens noch und hat dieses Verhalten vermutlich nicht abgelegt. Die Psychotherapeutenkammer ermittelt.

Komplimente können also harmlos sein, aber auch Türöffner für seltsame Entwicklungen. Es ist gut, wenn man frühzeitig nachfragt, was das Kompliment bezweckt und sich auf klare Grenzen einigt.
Wenn Dein Bauchgefühl komisch ist, hör darauf, egal, was der Therapeut sagt.

*link editiert*

Alles Gute und passt auf Euch auf.

Laura
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Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von Laura » Fr Okt 16, 2020 7:03 am

Bei mir gibt es immer Mal wieder private Themen in der Therapie, indem der Thera einen Einblick in seine persönlichen Erfahrungen gibt. Er stand vor 15 Jahren eben auch an dem Punkt, dass er seinen Job gekündigt hatte und sein Leben neu ausgerichtet hatte. Und auch Dinge, die unsere Eltern in der Kindheit "verkackt" haben und halt heute noch Auswirkungen haben, hatte er für sich selbst aufgearbeitet. Mir hilft es schon, wenn ich von persönlichen Erfahrungen profitieren kann.
Ich hätte auch Probleme damit, wenn der Thera gar nicht menschlich und authentisch wäre. Also ein wenig der Person muss schon einfließen.

Komplimente gibt es manchmal - aber nicht so oft. Nach ner längeren Pause habe ich aber das Feedback bekommen, dass ich viel ausgeglichener wirke und vor allem auch meine Augen wacher wirken. Das habe ich auch von anderen Seiten als Feedback bekommen!

Gast200

Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von Gast200 » Fr Okt 16, 2020 8:50 am

[*]Meine Theras haben niemsls etwas privates von sich erzählt und das finde ich auch gut. Eine Thera wurde schwanger, was man natürlich auch an ihrem Bauch gesehen hat, eine andere Thera hatte einen Hund, den ich natürlich auch immer mal sah. Aber private Detaiils habe ich nie erfahren und ich persönlich fand und finde das sehr gut. Ich spürte aber bei allen immer Empathie, was mir auch gut getan hat. Empathie für den Patienten knn man aber auch aufbringen, wenn man als Thera nicht privat wird.

Marie26
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Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von Marie26 » Fr Okt 16, 2020 10:46 am

Also ich kenn das aus den meisten Therapien, wenn man ein bisschen länger zusammenarbeitet und sich eben auch näher kommt.
Da wird’s dann schon auch lockerer, privater und man spricht auch mal über nicht therapierelevante Themen.

Jetzt die letzten Stunden bei der Thera haben wir gar nichts therapeutisch mehr gemacht, sondern saßen nur zusammen und haben auch echt viel über sie, die neue Stelle, usw. gesprochen.
Ging aber ja auch um nichts mehr..

Aber auch sonst brauche ich das..
Komme schwer ins Reden und mit so Belanglosigkeiten komme ich besser rein.
Hab auch oft einen Hund mit und oft hat sie mich über den und über den sprechen überhaupt ins Sprechen bekommen.
Mir hilft das ungemein.

MinusL
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Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von MinusL » Fr Okt 16, 2020 11:56 am

Entschuldigung, ich hatte hier einen Link reingesetzt zur Berufsordnung für Psychotherapeuten und hatte vergessen, dass ich das nicht darf. „Steinhart“ hat mich darauf aufmerksam gemacht, aber netterweise hatte bereits ein aufmerksamer Moderator den Link editiert. Entschuldigung nochmal. Bei Interesse an der Berufsordnung bitte googeln.

Cady
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Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von Cady » Fr Okt 16, 2020 2:55 pm

Das professionelle Setting wurde eigentlich immer eingehalten.

Einmal in einer Reha etwas grenzwertig für meinen Geschmack.
Da war vielleicht ein Stück Privat-Sympathie / Interesse.
Einerseits hat es mir geschmeichelt - und es ging auch nicht weit - da war schon noch Grenze - aber rückblickend fand ich im Vergleich besser, wenn Therapeuten noch abgegrenzter als sie waren.

Ich wusste über den langjährigen Therapeuten zwar über die Jahre dann doch auch Privates - er war da unkompliziert im Umgang mit - aber es war klar kein "Privataustausch".
Einmal bin ich da mit halb hohen Stöckelschuhen aufgekreuzt - ich wollte das mal ausprobieren - und das hat er kommentiert - er war direkt überrascht, dass ich größer war als er :oops: und das war aber auch klar therapeutisch - sonst hätte ich das auch nie gewagt -
ich bin mit den Schuhen aus therapeutischen Gründen quasi hin (um die Erfahrung zu machen, dass das okay ist, dass dann kein Übergriff kommt) und er hat therapeutisch drauf reagiert - und mein Vertrauen an dem Punkt in ihn und den Therapieprozess bestärkt.

Unsicher

Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von Unsicher » Sa Okt 17, 2020 6:21 pm

Also wenn es ein männlicher Therapeut wäre, hätte ich eher Schwierigkeiten, wenn es ins private gehen würde.

Aber so finde ich es eigentlich ganz okay. So habe ich nämlich das Gefühl, dass sie die Dinge ernst meint, die sie sagt. Und das nicht nur macht, weil es aus therapeutischer Sicht, gerade richtig ist.

Also zb mir sagt, dass ich etwas gut mache. Wenn ich das Gefühl habe, dass es ehrlich gemeint ist, kann ich das besser annehmen.

Ich fühle mich auch einfach wohl in ihrer Gegenwart und wenn da so gar nichts ausser der Reihe gesprochen würde, wäre das schon merkwürdig.

Cady
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Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von Cady » So Okt 18, 2020 4:12 pm

Unsicher hat geschrieben:So habe ich nämlich das Gefühl, dass sie die Dinge ernst meint, die sie sagt. Und das nicht nur macht, weil es aus therapeutischer Sicht, gerade richtig is
Ich hatte nie das Gefühl, dass mein Therapeut etwas nicht ernst meint / präsent ist - sehe da gar keinen Widerspruch -
für mich war Therapie ein Prozess, auf dem ich begleitet wurde - und das Setting war klar: Therapeut - Klientin.
Als Mensch habe ich ihn in seiner Tätigkeit authentisch wahrgenommen.
Dazu hat ab und an gehört, dass er aus seinem Privatleben etwas einfließen lassen hat -
und es gab Zeiten, mit sehr intensiven Stunden und auch in Verarbeitungsphasen mal etwas lockerer - keine neuen Themen anreißend, usw.

Die Therapeutin, wo ich es unangenehm rückblickend fand - das war für mich was anderes - im Prinzip weiß ich nicht mehr Privates über sie als über ihn - aber es privater-privat. Da war für mich eine Grenze überschritten.

Finde grad aber auch schwer klar zu kriegen, wo die Grenze für mich war -
war mir halt unangenehm - aber gegen therapeutische Regeln hat sie auch nicht verstoßen.

Neben dem: "das geht gar nicht nach therapeutischen Richtlinien", ist ethisch nicht richtig und recht großer Distanziertheit - gibt es vermutlich einige Zwischenstufen und es ist unterschiedlich, was man braucht oder bevorzugt.

lara64
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Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von lara64 » Mo Okt 19, 2020 10:55 am

hallo unsicher,

wie caddy schon so richtig formulierte, zwischen den Richtlinien der Berufsordnung für Psychotheraoeuten und den damit gesetzen Grenzen innerhalb der Therapie und dem Bereich einmal etwas persönliches/privates in die Therapie einfließen zu lassen gibt es einen Übergangsbereich den sicherlich beide Seiten (Klientin und Thera) einvernehmlich gut klären sollten.

Bei meiner ersten ambulanten Thera (kein Trauma) wusste ich recht rasch, dass es Familie inklusive Kleinkind gibt. Einfach weil sie innerhalb des Wohnhauses ihre Praxis hatte. Da sie zu der Zeit für manche KlientInnen auch besondere Termine angeboten hat - Termin von 20:00 - 21:00 Uhr hatte sie dann gelegentlich das Babyphone mit im Raum. Das hatte sie offen kommuniziert als sie mir den Termin um die Uhrzeit angeboten hat. Ob ich das heute nochmals wollte, weiß ich nicht genau. Damals vor 26 Jahren als Alleinerziehende Mutter von drei Kinder und Teilzeitbeschäftigt war ich über die Terminvergabe sehr froh!!
Sie hat dann damals als es um Kindererziehung usw. ging auch mal einen Satz aus dem Kontext als Thera-Mutter gesagt. Aber im Bezug auf das was ich thematisiert hatte, und dann war es auch gut.

Bei der letzten Traumathera gab es klare Grenzen, und zugleich auch persönlich-private Statements. Da hatte sie für sich ein gutes Timing gefunden, dass auch wir/ich nie als grenzüberschreitend erlebt haben.
Das was privat-persönlich geäußert wurde hatte immer etwas mit dem zu tun, worum es für mich/uns gerade innerhalb des Therapiesettings ging. Also immer Kontext- und Situationsbezogen.
Anmerkungen zu meinem Äußeren, oder sonstigen ohne Bezug auf das Thema oder die Situation weshalb ich an dem Tag bei ihr war, gab es nie.
Hin und wieder eher zum Ende der Sitzung (wir hatten ja auch 90 Minuten und selbstzahler) haben wir über Themen wie Kinderbücher gesprochen, eher ein Randthema und dann doch auch wieder nicht..oder über die Hunde..aber sonst ist das was ich privat erfahren habe, aus dem therapeutischen Setting heraus gekommen.

Umgekehrt halte ich das heute in der Beratung und Suchttherapeutischen Begleitung ähnlich. Wenn es einen Bezug gibt, und das Vertrauensverhältnis stabil ist, es einen guten Boden des Zusammenarbeits gibt, dann lass ich auch einmal eigene Erfahrungen einfließen.

Shalom - lara64

Sayeda
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Re: "Private?" Themen in der Therapie

Beitrag von Sayeda » Mo Okt 19, 2020 11:47 am

Hallo unsicher,

ich mag mich dem von Lara64 geschriebenen anschließen.

Meine Erfahrungen sind ähnlich. Ich habe derzeit zwei Theras und beide lassen in passenden Momenten privates einfließen. Das hat sich aufgrund der langen Zusammenarbeit so entwickelt. Bei beiden bin ich inzwischen 15 Jahre (mit Unterbrechungen).

Zu Anfang wäre mir das sicher zu viel gewesen. Es war fast immer stimmig und wenn es das mal nicht war, habe ich das angesprochen und wir konnten es klären (was für ich Schwerstarbeit war und große Überwindung kostete).

Zu meinem Äußeren haben beide, nach meiner Erinnerung, noch nie etwas gesagt. Außer, ich habe das Thema selbst angesprochen.

VG, sayeda
Wenn eine Frau ihre eigene Größe entdeckt hat, kann kein Lob sie größer, keine Kritik sie kleiner machen.
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Verlassen musst du ihn selbst

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