Systemsprenger

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~SteinHart~
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Re: Systemsprenger

Beitrag von ~SteinHart~ » Mo Mär 30, 2020 8:40 pm

Oh das sehe ich aber anders. Also dass das Kind nicht in Gefahr gewesen sei.
Es hätte durchaus ein Gewaltausbruch kommen können, als er ihr Gesicht berührt hat. :(

Man kann es ja auch so sehen, dass die Mutter intuitiv die Gefahr spürte die in der Luft lag (?)
Es ist eben eine Sache einem Kind Unterschlupf zu gewähren. Eine andere ist es diesem sein Kind anzuvertrauen.
Im Film weiß sie natürlich nichts von den Gewaltausbrüchen Bennis. Insofern es da Datenschutz und Schweigepflicht gibt, wie im echten Leben ;)

Ich gestehe dem Schulbegleiter tatsächlich zu dass er sich gegen benni entscheiden darf. Er muss sie nicht retten. Er wollte nur Schulbegeliter sein, sie nicht als Teil der Familie haben. So traurig das auch ist.


Bei dem Übergang von - Mutter lehnt sie ab, zu - alte Pflegemutter - sehe ich mehr Film, also eben dass da Szenen aneinander gereiht werden. Wer weiß was da in der Zwischenzeit passiert wäre, oder nicht...
Wie gesagt wird ja auch nicht gezeigt dass der Schulbegleiter sich tatsächlich zurück zieht.


Sie (länger) in der Psychiatrie zu lassen wäre tatsächlich eine Möglichkeit gewesen... solange da die Kostenübernahme geklärt ist :roll:

Ich hätte sie dennoch nie in die Verantwortung der Mutter übergeben. Der Zug war abgefahren, für mich.

SH
Die Zeit bewegt sich in eine Richtung, die Erinnerung in eine andere.
(William Gibson)

Laraaa
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Re: Systemsprenger

Beitrag von Laraaa » Di Mär 31, 2020 1:49 pm

Habe den Film auch gesehen und mich hat er sehr getroffen und berührt. Allerdings weniger von den Aspekten wie (schlecht) das System mit solchen Kindern umgehen kann. Ich habe weder eigene noch berufliche Erfahrung mit Kindersozialhilfe, kann also nur erahnen wie schwierig es für alle Beteiligten ist, mit der Situation umzugehen. Und mag mir da kein Urteil erlauben, wer wie "gut" gehandelt hat oder mehr hätte tun können/müssen. Ich denke wenn Kinder ein Einzelfall wären, würde es anders laufen. Aber wenn man so ein Kind jedes Jahr im Beruf sieht? Dann wird einem wahrscheinlich klar, dass man nicht alle retten kann? Keine Ahnung.. Im Ergebnis ist es trotzdem schlimm und Benni bräuchte wohl wirklich eine feste 1:1 Betreuung.

Mich hat aber vor allem dieses bindungsgestörte Verhalten "beeindruckt" und mich auch sehr an mich selbst früher erinnert. Die Ausraster, das "geliebt werden wollen", gleichzeitig die Freude und der Stolz bei Bennis Geburtstagsfeier. Dieses Hin-und Hergerissene zwischen Ausrasten und lieb sein.. sich anpassen wollen, es aber nicht können, weil nie gelernt. Wie die rasende Wut in eine resignierende Stille übergeht. Langsam das Bewusstsein einsetzt, dass die Agressionen alles schlimmer machen, aber die völlig fehlende Fähigkeit, es das nächste mal anders zu machen. Weil eben nie einen gesunden Umgang gelernt.

Auch die Situation mit dem Schrank und dem Freund der Mutter fand ich heftig, habe beinahe identische Szenen mit meinen Geschiwstern erlebt.

Kann die Gefühle/Reaktionen von Benni so gut nachfühlen.. Habe den Film mit meinem Mann gesehen. Er sagte immer wieder sowas wie "warum macht sie das bloß?". Ich habe die Antwort irgendwie so stark gespürt "weil sie nicht anders kann".

Mich hat es sehr nachdenklich gemacht, mich nochmal reflektieren lassen, dass mich mein eigenes Bindungstrauma immer noch so beherrscht und ich aber auf dem Weg bin, es bei meiner Thera als stabiler Bezugsperson zu lösen. Dass ich 10x Stunden absagen darf, weil ich plötzlich Panik bekomme. Und sie trotzdem fragt wie es mir geht und ob ich kommen möchte.

Bin nun etwas abgeschweift. Finde auf jeden Fall auch die Kameraführung (das ständige Weglaufen von Benni mit den verwackelungen, das kenne ich so gut..) und natürlich die Hauptdarstellerin ganz toll. Aber auch die Frau vom Jugendamt (??), die sie immer zu den verschiedenen Stationen bringt, sehr beeindruckend.

Laraaa

wayward affinity
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Re: Systemsprenger

Beitrag von wayward affinity » Do Apr 23, 2020 6:43 pm

Geb mal meine Meinung ab, ohne vorher alles hier gelesen zu haben.

Hab mir den Film angeschaut. Klasse und einfühlsam gespielt von der Benni Darstellerin.

Das soll jetzt aber keine Filmbewertung werden. Ich komm direkt zur Systemkritik;

Bereits in der ersten Szene liegt sie mit Elektroden versehen auf dem Behandlungstisch und wird gefragt ob sie auch ihre Medikamente nimmt, wenn sie wütend wird. Da hab ich mir schon gedacht, wie sich die Handlung Seitens des zu sprengenden ''Systems'' entwickelt.

Ein System, das auch von Kindern eine professionelle Distanz erwartet, wo es doch die erwachsenen Helfer selbst nicht schaffen Abstand zu halten und Benni immer zu falsche Hoffnung machen. Was ist der Sinn der drei Wochen im Wald mit Micha, dem Schulbegleiter, was hätte dabei anderes rauskommen können, außer einer weiteren Enttäuschung für Benni, von der wiederum erneut professionelle Distanz gefordert wird?

Ein System der falschen Hoffnungen, das von einem traumatisierten Kind mechanisches Funktionieren und Fühlen im Sinne eben dieses Systems verlangt und es bei Nichteinhaltung mit Medikamenten ''korrigiert'' und gemeinschaftlich pathologisiert.

_________________________


Das Verhalten von Kindern medikamentös unter Kontrolle zu bringen stört die Entwicklung des Kindes und des Systems, das folglich verlernt, die richtigen Schlüsse aus dem Verhalten des Kindes zu ziehen. In dem Film wird die Behandlung mit Medikamenten aber mit der selben Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, wie eine professionell eingehaltene emotionale Distanz seitens Benni.

''Das Kind funktioniert nicht richtig'' ist viel einfacher zu sagen als ''wir, das System handeln systematisch falsch''. Also wird das Kind geopfert.

Und ich frage mich ernsthaft, wie viele das sehen, wenn sie so einen Film schauen. Allgemein werden Kinder zu häufig ''wie Kinder'' behandelt, nicht ernst genommen, verniedlicht, ihre Persönlichkeitsrechte nicht im gleichen Maß geschützt wie die Erwachsener. Der Film zeigt das sehr gut, aber ich frage mich ob das Absicht ist?

wayward affinity
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Re: Systemsprenger

Beitrag von wayward affinity » Do Apr 23, 2020 7:36 pm

EineVonUns50 hat geschrieben:
Mo Mär 30, 2020 8:15 pm

wir haben schon einige Male gehört / gelesen / gesehen von Kindern, die aus der Familie genommen wurden und die, auch wenn es nur wenige monate oder ein kurzer Zeitabschnitt war, in der sie in einer Atmosphäre gelebt haben, in der sie sich binden konnten an Betreuer o.ä. im Nachhinein für sich als "rettend" bezeichnet haben. Es ist nicht so, dass jede loslösung immer die gleiche oder noch schlimmere Not auslöst, so nach dem motto: irgendwann tuts dann noch schlimmer weh. das glaube ich nicht und das erleben wir auch nicht so. Natürlich schmerzen Trennungen, aber wenn es vorher eine gute und stabilisierende Bindung gab und die trennung nicht gewaltsam von der Bindungsperson aus geht (was dann retraumatisierend wäre), kann eine Trennung dann eben auch besser verkraftet werden, weil die Persönlichkeit gereift ist.
Das finde ich interessant, eine Art temporäre Bindung. Nur so lange bis sich die bindungssuchende Person stabilisiert, und eine einvernehmliche Distanzierung stattfinden kann. Anstatt gleich alle Hilfegesuche abzulehnen. Kann gut sein, dass das funktioniert. Wäre jedenfalls humaner als das völlig entmenschlichte ''professionelle'' Vorgehen.

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Re: Systemsprenger

Beitrag von Die.Wolfsfrauen. » So Apr 26, 2020 2:02 pm

Wenn die Kraft mal wieder reichen würde.... :roll: dann würden wir so gerne noch viel mehr schreiben....

Aber uns viel eben ganz spontan ein Zitat dazu ein und wenigstens das wollen wir kurz hier lassen:
"In die Psychiatrie kommen diejenigen, die schreien, nicht die, die sie zum schreien gebracht haben." (Adriana Stern)

Benni als Symptomträgerin.... ihrer Familie aber eben auch des Hilfesystems....
"Rumgedoktort" wird doch so oft an denen, die Probleme sichtbar werden lassen durch ihre "nicht konformen" Verhaltensausbrüche und nicht an denen, die auch ursächlich daran mitbeteiligt sind oder waren. Vor allem sie, die Symptomträger, sollen sich verändern, nicht die beteiligten Systeme. Ist natürlich auch "bequem"... (und "billiger")….

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Re: Systemsprenger

Beitrag von Die.Wolfsfrauen. » Di Apr 28, 2020 4:26 pm

Passt nicht ganz.. aber irgendwie halt doch....
"Vor den eigenen Eltern gerettet- Wenn Pflegekinder erwachsen werden"... WDR- Doku auf YouTube...

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