Systemsprenger

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EineVonUns50
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Systemsprenger

Beitrag von EineVonUns50 » So Mär 29, 2020 5:50 pm

wir haben uns den Film jetzt angeguckt und denken nur: was für ein wichtiger Film! und wie gut er offenbart, warum das System scheitert. Wie zynisch auch der Titel bzw. der Umstand, dass die Kinder so genannt werden vom "System". Nicht das Kind sprengt das System, sondern das System und die (u.a. bindungsunfähigen und -unwilligen) Erwachsenen sprengen das Kind, lassen es allein und zerstören jeden Selbstheilungsversuch.

~SteinHart~
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Re: Systemsprenger

Beitrag von ~SteinHart~ » So Mär 29, 2020 5:55 pm

Ich finde die einzig unfähige war die Mutter
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Enzo
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Re: Systemsprenger

Beitrag von Enzo » Mo Mär 30, 2020 12:37 am

~SteinHart~ hat geschrieben:
So Mär 29, 2020 5:55 pm
Ich finde die einzig unfähige war die Mutter
Ich weiß nicht, ob man das so schnell sind darf mit den Beurteilungen wer fähig ist und wer nicht fähig ist. Wer Schuld hat und wer nicht Schuld hat. Ich habe mir diesen Film zweimal angeschaut, zuerst.im Kino, nun auf Netflix.

Es ist richtig, benni schreit förmlich nach Bindung und nach Zuverlässigkeit und einem starken, bindungs willigen gegenüber. Ihre Mutter kann es nicht sein. Die hintergrundgeschichte der Mutter wird nicht beleuchtet. man weiß also nicht, warum sie versagt. Dass sie für Benni versagt ist offensichtlich. Für Benni versagt aber auch das System der jugendhilfe insgesamt Sie fliegt hier raus, sie fliegt da raus und ist sie anderswo angekommen, fliegt sie dort wieder raus. Ist sie in einem Übergangs Wohnheim zu lange, fliegt sie aus dem Grund schon raus, weil das übergangswohnheim nicht dazu gedacht ist, Bindung anzubieten. Das ganze System also ist für Benny unpassend. Und es ist richtig, das nicht Benni das system springt sondern dass das system nicht für Benni passt.

Klarheit, Grenzen, Bindung, Orientierung. Das sollte Familie oder ersatzfamilie für ein Kind bieten. Und genau die Bindung ist das Problem. Denn die bedeutet persönliche verantwortungsübernahme. Und wer dafür bezahlt wird, von 8 Uhr bis 16 Uhr mit einem kind oder Jugendlichen zu arbeiten. Der hat ab 4:05 Uhr am Nachmittag frei. Doch eine Bindung würde das verhindern. Man ist dann, wie der schulbegleiter, zu nah dran. Es gibt keinen Anstand mehr, keine Trennung von privatleben und Beruf.

In unserem System, wo Beruf und Privat so sehr getrennt sind, ist das nicht vorgesehen.
Und hier schließt sich der Kreis bzw erklärt sich der Titel des Films. Dieses System wird durch Menschen wie Benny ausgehebelt und gesprengt. genau diese kleinen Menschen zeigen dem System, dass es so nicht funktionieren kann.



Steinart, wenn du denkst, dass alle anderen auch so der Mutter von Benny in diesem Film kompetent sind, warum konnte die Geschichte dann so schief gehen? Was denkst du?
Und wie sehe ich hältst du denn den Partner der Mutter, der Benni in den Schrank gesperrt hat?
Nur mal so als Beispiel.
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Die.Wolfsfrauen.
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Re: Systemsprenger

Beitrag von Die.Wolfsfrauen. » Mo Mär 30, 2020 12:38 am

Liebe EvU… danke für diesen Beitrag.... :)
Wir hätten sooooviel dazu zu sagen....
Wir sind nur .. so müde... so kaputt-erschöpft... :oops: :oops: :oops: :roll: :|

Einer der sehr guten Beiträge wie wir finden... ist u.a.... ein Spiegel-Artikel:
"Systemsprenger kommt ins Kino: Was an der Geschichte wahr ist"
(Wenn aus Kindern Systemsprenger werden)

Zitate die uns sehr berührt haben...(weil wir uns wiederfinden)… wenn wir die Kraft haben...werden wir welche hier zitieren... denn es wäre für uns glauben schön.. einen Austauschort hier zu haben...
Allerdings auch "nur"... unter gewissen "Voraussetzungen" der Kommunikation miteinander... an der wir Zweifel ham… hier in diesem Forum inzwischen leider.... :roll: :roll: :roll: :| :roll:

~SteinHart~
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Re: Systemsprenger

Beitrag von ~SteinHart~ » Mo Mär 30, 2020 8:43 am

Hallo Enzo,

ich sehe das zu wohl 99% Prozent wie du ;)

Nun, meiner Meinung nach haben alle im Film "richtig" gehandelt, außer eben die unfähige Mutter.

Warum sie so ist, ob sie irgendwelche Hilfen hat wird nicht gezeigt. Stimmt. Nur, versagt sie eben immer wieder. Nicht mal aufgeben kann sie Benni. Sie kann nichts.


Zwar rebelliere ich auch immer mal gegen Systeme ;) aber funktioniere in denen oft auch sehr gut und es gibt viel Akzeptanz (zumindest kognitiv)

Leider habe ich sehr viele unqualifizierte Kommentare gelesen, schon im Vorfeld, als nur die Werbung für den Film lief.
Konnte ihn auch erst auf Netflix sehen und hatte sehr gehofft dass er eben NICHT so einfach gestrickt ist, dass man dieses Kind doch nur lieben müsste...
Nach dem anschauen des Films will ich die Übermuttis mal sehen, ob sie Benni aufnehmen würden und vor allem behalten würden, wenn sie die eigenen Kinder verletzt hat... Es ist nicht so einfach...

Der Schulbegleiter ist genial, aber er ist eben Schulbegleiter. Als er merkt dass er Rettungsfantasien entwickelt und über Grenzen geht und darauf den einzig richtigen (?) Schluss zieht sich (zu passender Zeit) raus zu ziehen.... Ja, da stehen einem die verzweifelten Wut und Ohnmachtstränen in den Augen. Wie bei so vielen Szenen im Film.

Auch die Pflegemutter, die Benni wieder aufnehmen will, mit ganzem Herzen annehmen will. Einzig, die Rahmenumstände sind nun anders. Tja und wer könnte ihr einen Vorwurf machen, sie nicht mehr zu nehmen?


Was mir an Systemsprenger gefällt ist dass es ein verstörend realistischer und "echter" Film ist. Es gibt keine die Probleme auflösende Erklärung und Erkenntnis, es gibt kein Patentrezept, kein "man muss nur ausreichend lieben" - es gibt kein Happy End.

Mal ganz unabhängig vom Inhalt: WOW!!!! Was für eine grandiose schauspielerische Leistung, von allen, aber allen voran Helena Zengel :)


Benni ist ein verstörend liebenswert kaputtes Kind. Ich verstehe jeden im Film der sie retten will, verstehe jeden der sich abwendet.

Zu Ende des Films dachte ich kurz. Na hoffentlich ist sie vom Dach gesprungen und Tod. Ein Ende mit Schrecken, aber ein Ende. Tröstlich war der Gedanke ganz kurz und dann ka das schlechte Gewissen.

Was aber am Ende fest steht, für mich, ist dass ihr Leben bis zu genau dem Moment im Arsch ist. ABER in Zukunft kann es anders sein. Auch in einem System. Viele schaffen es.
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Enzo
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Re: Systemsprenger

Beitrag von Enzo » Mo Mär 30, 2020 9:31 am

gut, steinhart. Dann will ich jetzt mal eine Lanze für die Mutter brechen . Niemand ist umsonst so, wie er/sie ist. Was glaubst Du, muss sie durchgemacht haben, um so zu handeln, so zu werden, so zu sein?

die Frau ist mit einem gewalttätigen mann zusammen, wahrscheinlich nicht der erste. Jeder, der noch ganz sauber im Kopf ist, würde doch sofort auf der Stelle sagen, dass sie diese ungesunde Beziehung beenden muss. Alle bis auf die, die so etwas kennen. Und die blicken, was genau da ab geht Die, die seit frühester Kindheit die Erfahrung gemacht haben, wie gewalttätige beziehungen funktionieren. Das ist ganz tief drin in den Erfahrungen, in den Mustern, nach denen das eigene Leben immer wieder neu gestrickt wird.
erst findet eine Frau einen Partner, und zunächst scheint alles wie es sein soll. Friede Freude eierkuchen, liebe Wonne waschtrog. Endlich etwas Aufmerksamkeit, die so dringend benötigt wurde. Die vielleicht die Flucht aus dem elternhaus ermöglichten. und wie gelernt sind Männer fordernd und Frauen müssen gehorchen. das wichtigste auf der Welt ist die bedürfnisbefriedigung des Mannes, und zwar sofort, denn (so ist das noch im Gehirn als Warnung verankert) es könnte sonst ein böses Ende nehmen. Aber klar, Frau ist ja fähig und kriegt das alles hin. Hier kann man sehen, im Kopf gehen die ersten Retter Fantasien ab. "Ich kann ihn ändern, wenn ich.... Er ist ja eigentlich gar nicht so, ich weiß das, das macht er nur weil..,.. und wenn ich in XYZ gebe, dann klappt das. Ich muss doch nur..."
In gewisser Weise sind das allmachtsphantasien. Eine höchst ungesunde Art der Hybris.

Was denkst du, was die Mutter bräuchte? Da kommt ein System, erklärt sie für unfähig, nimm ihr das Kind weg und steckt es in eine Einrichtung. Und in der Folge in die nächste, die nächste, die nächste, die nächste, die nächste...
Du verlangst, dass sie wenigstens die Beziehung zum Kind aufgibt. Du verlangst, sie soll ihr Scheitern öffentlich eingestehen, indem sie das Kind aufgibt. Du verlangst, dass sie sieht, wenn nichts funktioniert und sie, die sich als letzten Zufluchtsort empfindet, auch wenn sie es gar nicht leisten kann, soll sehenden Auges das Kind alleine lassen? Das wäre dann das Scheitern ihres gesamten Lebens.

Das ganze Drama wird auf dem Rücken von Benni ausgetragen. Und daran kannst Du sehen, dass das System scheitert. Doch deine Idee scheint mir zu sein, dass das Drama (beispielhaft für alle Dramen in dieser Art) in Zukunft auf dem Rücken der Mutter ausgetragen wird. Denkst du, du hilfst damit irgendjemandem? Glaubst du, du kannst irgendetwas an der Bindung zwischen Mutter und Kind, ob sie sicher oder unsicher ist, vermeidend, ambivalent, desorganisiert, ändern? Glaubst du du kannst die Uhr zurückdrehen? Benni braucht eine Therapie, das wird sehr deutlich gesagt. Ebenso deutlich wurde klar, dass sie erst irgendwo ankommen muss, damit die Therapie greift.(wobei sich ja die Katze in den Schwanz beißt, denn ohne Therapie bleibt Benni wie sie ist und kann nirgendwo ankommen, weil das System sie so nicht akzeptieren will)

In keinster Weise wurde erwähnt, das die ganze familiie in therapie gehört. Denn die Mutter und die Geschwister sind Teil von bennis Ursprungssystems. Und ein System stabilisiert sich immer wieder selbst, weil es ja funktioniert. Nicht in dem Sinne, wie wir funktionieren begreifen, aber es erhältt sich, weil alle sich im System befindlichen Elemente das tun, was sie immer tun. Es braucht einen Impuls von außen, einen oder mehrere, damit sich etwas ändert.

Die Mutter ist ebenso gefangen wie Benni. Sie ist nur älter und es wird er eine andere Rolle zugeschrieben, und ihr wird die Verantwortung für ihr Verhalten ganz anders angelastet als ihrem Kind. ich denke nicht, dass sie aus sich selbst heraus die Ressourcen hat, die se benötigt, um sich von jetzt auf sofort zu ändern. Sie weiß noch nicht mal wie das geht, eine gute Mutter zu sein. sie ist nicht nur mit Benni überfordert, sondern mit dem Leben.

Jeder, der den Film gesehen hat, denkt zunächst wie du. Aber eigentlich ist die Mutter auch eine echt arme Sau.
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Re: Systemsprenger

Beitrag von ~SteinHart~ » Mo Mär 30, 2020 9:42 am

Ich halte die Mutter nach wie vor für unfähigen Dreck. Ja, das ist wneig diffenrziert und nein, das wird ihr natürlich nicht gerecht.
Die arme Sau braucht Hilfe keine Frage.
Sie zieht sich einfach immer wieder raus, wenn es konkret wird. Lügt Benni an, hampelt herum wie eine Aufziehpuppe, konstruiert schöne Momente, zieht sich aber direkt zurück wenn es um Verantwortung geht.

Sie hat dieses Kind nicht verdient, sie hat gar keine Kinder verdient meiner Meinung nach.


Ein sauberer Cut, ein aufgeben der elterlichen Rechte, ein konsequentes sich zurück ziehen hätte evtl. zur Folge dass zumindest diese (Vertrauens- und Bindungs-) Erschütterungen nicht mehr auftreten.

Friede Freude Eierkuchen wäre dann allerdings auch nicht. Benni ist zu sehr im Arsch dafür.

SH
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Re: Systemsprenger

Beitrag von ~SteinHart~ » Mo Mär 30, 2020 9:45 am

Der einzige Moment im Film in dem ich Mitleid mit der Mutter hatte, war als sie Benni zurück wollte und alle direkt darauf angesprungen sind. Da hätten Gespräche geführt werden müssen... da hätte man sie und Benni vor ihrer Unfähigkeit schützen müssen.

SH
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Re: Systemsprenger

Beitrag von EineVonUns50 » Mo Mär 30, 2020 12:28 pm

ich finds schade, dass es einfach nicht möglich ist sich auszutauschen oder verschiedene Sichtweisen zu diskutieren, ohne dass du, SH, gleich wieder so eine gewaltvolle Sprache an den Tag legen musst. vielleicht gäbe es ja auch noch andere, die eine andere /eigene Sicht auf den Film und die thematik haben und die sich dem aber auch nicht aussetzen wollen, uns jedenfalls geht es so und das finden wir echt schade, dass das hier nicht möglich ist, weil wir uns gern ausgetauscht hätten über den Film.

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Re: Systemsprenger

Beitrag von ~SteinHart~ » Mo Mär 30, 2020 3:25 pm

Tja und ich finds schade dass DU Evu entweder nicht in der Lage bist mich NICHT zu lesen, oder zu ignorieren, oder aber ein bissi das Verständnis aufzubringen wie für so manch anderen hier. Stell dir einfach mal vor, dass ich mich mächtig zurück halte und lies im Gegenzug über die harten Wörter hinweg. Oder sowas in der Art. Du hast doch keinen Schimmer was ich schreiben würde, wäre mir alles egal ;)

Für mich ist die Mutter im Film ebenso Täter, wie meiner es für mich war UND wahrscheinlich eben auch so wie meine Mutter.

Dass meine Sichtwiese wenig differenziert ist, was die Mutter betrifft und ihr nicht gerecht wird habe ich geschrieben... und die "Sau" war bei Enzo aufgegriffen. Als Dreck sehe ich sie dennoch und wenn sich dadurch evtl. anwesende, in manchen Belangen auch "versagende" Mütter abgewertet fühlen, KANN man das besprechen, oder eben auch nicht.

Letztendlich ist es ein FILM, ich tue weder der Figure weh, noch der Schauspielerin.

Also was jetzt Evu, was erwartest du jetzt? Soll ich mir über jede Vokabel Gedanken machen, soll ich möglichst politisch korrekt schreiben und möglichst niemandem, der vielleicht liest auf die Füße treten, soll ich mich vielleicht bei der Filmfigur in aller Form entschuldigen?


Mich interessiert durchaus was an dem System sinnvoll zu ändern wäre, aus der Sicht von manchen hier.

Ich denke einfach dass das System so wie Enzo schreibt an Grenzen kommt/nicht funktionieren kann. ABER mal ehrlich wer würde denn dieses Kind nehmen? Siehe die Pflegemutter, die sie erneut auf nimmt und das was dann passiert ist. Das war weder abzusehen, noch irgendjemandes Schuld, aber ich verstehe soooo gut, dass Benni da nicht mehr und ja nie wieder hin kann.
Auch beim Schulbegleiter kann sie nicht Teil der Familie werden, wie auch?

Manchmal passen die Umstände eben nicht, manchmal hat man Pech. Hätte, hätte Fahrradkette… wären die anderen Kinder nicht da (bei Pflegemutter und Schulbegleiter)

Benni muss man nicht "nur" lieben, das wäre ja noch das einfachste an der Sache. in Benni kann man sich schnell verlieren... wer hier wollte sie nicht annehmen, in den Arm nehmen, vor der Welt beschützen...? DAS ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass die Welt eben bleibt, es andere menschen gibt die Benni auf den Geist gehen, sie triggern, die eigene Bedürfnisse haben und eben ihren Platz im Leben.... sie da in irgendwas zu integrieren ist das Problem, denn bei allem liebenswerten was dieses Kind hat, ist sie gefährlich :(

SH
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Marie26
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Re: Systemsprenger

Beitrag von Marie26 » Mo Mär 30, 2020 6:35 pm

Ich wollte den Film schon lange sehen und hatte es wieder vergessen.
Danke fürs wieder hochholen.

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Re: Systemsprenger

Beitrag von EineVonUns50 » Mo Mär 30, 2020 7:13 pm

zu sh: Wir können vieles verstehen. Bei den Erwachsenen im Film, beim Kind, bei vielen Leuten, sogar bei unseren eigenen Mutter. Ich kann es sogar bei dem Erzeuger verstehen, was da wohl abgelaufen ist in seinem Kopf. Ich kann oft auch verstehen oder vermute es zumindest, was dich triggert und welche Situationen es sind, wo du ausfallend wirst..

Und aber trotzdem ist es eben ganz klar so, egal bei wem und wie sehr oder wenig jemand zum Täter wird, heißt eben Verständnis nicht, dass ich es einfach hinnehme oder drüber hinweg sehe, wenn andere dadurch abgewertet oder verletzt werden. Wie will man sonst eine Änderung erreichen? wenn man einfach das Gelernte unreflektiert weiter betreibt? Worte können so zersetzend und manipulierend sein und schaffen Atmosphäre, genauso wie körperliche Gewalt. Und wir lehnen Gewalt ab, in jeder Form und von jedem/jeder Erwachsenen, weil wir eben darin keinen Sinn sehen und das nichts verbessert ausser der Kompensation der Gefühle derjenigen, die sie ausleben - auf Kosten derer, die sie aushalten müssen.

Verstehen/Verständnis heißt nicht, dass ich deshalb stillschweigend hinnehmen muss, wenn dabei Dritte darunter leiden. Das Verhalten bleibt destruktiv/falsch, auch wenn ich verstehen kann, wie es vielleicht dazu gekommen ist oder was dahinter steckt.



Und so auch in diesem Film können wir die Menschen teilweise verstehen - was sie dazu gebracht hat, so zu reagieren, wie sie reagieren, sie haben aber trotzdem dem Kind geschadet und es allein gelassen und das war falsch. Dieser Schulbetreuer hätte beispielsweise supervision in Anspruch nehmen können, an sich und seiner Psychohygiene arbeiten können, ohne gleich das Handtuch werfen zu wollen. Es war klar, dass der rückzug der Mutter aus dem Versprechen, das Kind extrem destabilisiert und da wurden keinerlei Vorkehrungen getroffen, so dass es zu dem Ausbruch gekommen ist mit dem Sohn der Pflegemutter. Nach dieser Retraumatisierung hätte es erstnochmal eine Pause (nochmal eine Auszeit im Wald um die Wut rauszulassen? z.b.) gebraucht bevor die Eingliederung in die Pflegefamilie angestrebt wird. Die meisten Ausbrüche, wenn nicht alle Ausbrüche schienen für uns sehr vorhersehbar und hatten ganz klare Auslöser, die in den Handlungen der Erwachsenen lagen. Es hätte auch andere Handlungsmöglichkeiten gegeben bei den erwachsenen, beispielsweise schon bei der Situation im Krankenhaus, so dass sie nicht fixiert in einem Zimmer allein gelassen wird. Es hätte Bindung gebraucht ja und es hätte sicherlich auch Kompromisse gegeben, die Bindung ermöglichen auch im professionellen Bezugrahmen, 8 Stunden Bindung hätten auch schon viel bewirkt. Aber diese Haltung: die Mutter steht nicht zur Verfügung und alle anderen dürfen nicht - ist menschenverachtend, ganz besonders wenn es um Kinder geht.

Für uns war der schlimmste Satz im ganzen Film, der von der Ärztin, als sie nach diesem Ausbruch in der Kinderpsychiatrie war und sich dort besser fühlte: "Wir müssen sie bald entlassen, denn sie fängt an sich emotional zu binden." Das war doch eine Art "todesstoß" für das Kind. Wenn es nirgendwo einen passenden Platz gibt und sie sich aber dann in der Kinderpsychiatrie stabilisiert, warum dann nicht dafür kämpfen, dass sie dort bleiben kann? Und von dort aus weiter agieren?

Dabei war so klar, dass es genau das braucht. Emotionale Bindung - und die beiden, die sich darauf halbwegs eingelassen haben, wurden damit allein gelassen, so als ob das an sich per se schon verwerflich wäre. Ich denke da an die Szene, als die sozialarbeiterin am Boden zusammenbrach und alle Kollegen in ihre Zimmer gingen und ihr niemand geholfen hat ausser der Kleinen, die sie versucht hat zu trösten. In den dargestellten Szenen haben auch die Menschen versagt, nicht nur das System. Das System lässt sich manchmal auch verändern, wenn es Menschen gibt, die dafür kämpfen und da waren so viele menschen um dieses Kind, die hätten kämpfen können. Aber nicht solange die Leute in diesem System glauben, das System wäre schlauer und besser als das eigene Denken, Fühlen und Wissen und die sich selbst ihr Engagement, ihre Intuition und ihre Gefühle verbieten, weil sie die Systemvorgaben verinnerlicht haben.
Und aber natürlich macht das System auch die menschen kaputt, die darin arbeiten durch permanente Überforderung und Arbeitsüberlastung, Bürokratie usw. keine Frage.

lebensphilosphisches OT:
für uns scheint wie ein Kreislauf zu sein, in dem Menschen durch andere Menschen / die Gesellschaft/durch Systeme kaputt gemacht werden, Erwachsene ihre Kinder zerstören, so wie sie selbst zerstört wurden und nebenher fleißig an einer zerstörenden, sich selbst vernichtenden Gesellschaft bauen. Aus unserer Sicht ist es ist aber nicht zwangsläufig ein kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt. Theoretisch ist jedes Kind, das auf die Welt kommt ist erstmal eine neue Chance auch für die Eltern und auch für eine Gesellschaft, etwas anders zu machen - so ganz philosophisch betrachtet. Leider versuchen viel zu wenige andere Wege zu gehen und den gewaltkreislauf zu verändern. Aber wozu leben wir, wenn wir es nicht wenigstens versuchen? (dieses "wir" meint uns, unser kleines System) Da ist ganz tief drin ein sehr großes Bedürfnis, diese Gewalt, die wir erlebt haben, nicht weiterzutragen und daran "arbeiten" wir auch schon ziemlich lang. Das gilt nicht nur für Aussen, sondern mindestens genauso innen drin - innerhalb unseres Systems.

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Re: Systemsprenger

Beitrag von ~SteinHart~ » Mo Mär 30, 2020 7:55 pm

Du meinst also man hätte eine erneute Eingliederung bei der Pflegemutter anbahnen "müssen"?

Ganz ehrlich da hat sie ja auch noch ein Wort mit zu reden und der Junge eben auch. Der Zug war meiner Meinung nach zu Recht abgefahren (damit mache ich Benni keinen Vorwurf, auch wenn es ihr Verhalten war dass dazu geführt hat)

Und der Schulbegleiter zieht sich ja nicht plötzlich zurück. Im Gegenteil. DAS rechnete ich ihm hoch an. Ob er sich letztendlich rauszieht wird im Film auch gar nicht gezeigt.
Ich fand die Szene, bzw. die Botschaft aber sehr wichtig. Eben dass Rettungsfantasien nichts bringen, außer Leid. Mag sein dass ich das so wichtig fand, weil mich die Supermütter in den Facebook Kommentaren zur Filmwerbung so aufgeregt haben, mit ihrem "gebt sie mir, dann ird alles gut" Kommentaren)


An welchem Punkt wäre denn ein Loslösen von der Psychiatrie deiner Meinung nach sinnvoll gewesen? Wenn nicht zu dem genannten?
Was hätte eine festere Bindung denn mehr gebracht?
Meiner Meinung nach nur mehr Schmerz bei späterer Trennung.

Aber ja das empfand ich auch als eine der emotionalsten Szenen. Dieses "Glück" zu sehen, dieses schöne und dann zu erkennen dass es doch nur Illusion ist. Eine Klinik ist kein Zuhause.

Die Mutter hat, warum auch immer versagt.
Wäre es nun so, dass sich ein (Familien-)System "immer" ausreichend von selbst stabilisiert(?) müsste man ja einfach solche Verhältnisse lassen wie sie sind :?: stirbt halt der ein oder andere. Natürliche Selektion von Systemen, die, warum auch immer eben NICHT funktionieren und sich ausreichend selbst regulieren?


Letzten Endes reden wir, bei aller Realität über einen Film und da werden Figuren und Szenen eben entworfen. Hier sehr realistisch und das fand ich so gut an dem FILM. Die Mutter wird unfähig dargestellt, Benni verstörend liebenswert und gefährlich, die anderen so wie sie eben dargestellt wurden. Der Film erklärt nicht, er löst auch nicht. Was er macht ist zeigen, nicht mehr und nicht weniger.

Da blieb bei mir eine starke Beklommenheit zurück. Es kommt nicht oft vor, dass man nicht mal ein traurig schönes Happy End hat, oder irgendeine Lösung. Sondern, wie im Leben so oft, einfach mit den Tatsachen allein gelassen wird.

Im wahren Leben braucht es auch etwas Glück und gutes Timing.
Ohne zweites Pflegekind wäre der Versuch vielleicht geglückt, mit bissi mehr Unterstützung für die Mutter wäre eine sicherere Verbindung entstanden... wäre hätte, wenn... es war nicht so und das ist es im Leben leider so oft :(


Ich meine bei allen Rettungsfantasien mal ganz ehrlich. Wer hätte, als Familienvater, oder Mutter Benni aufgenommen, oder behalten?
Immerhin muss der Junge recht lange im KH gewesen sein (wird so angedeutet bei der Szene am Bett von Benni)

Wer würde Kinder, in aller Konsequenz, dieser Gefahr aussetzen?
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Re: Systemsprenger

Beitrag von EineVonUns50 » Mo Mär 30, 2020 8:15 pm

ich meine, dass nach der Retraumatisierung zunächst eine Schutzraum hätte geboten werden müssen, wo sie das hätte abreagieren könne, eben z.b. durch 1:1 im Wald. Dass dieses Setting mit dem zweiten Kind nicht geeignet ist, war doch vorneherein klar. wenn pflegeeltern, dann wäre es sicher Pflegeeltern /pflegepersonen ohne andere Kinder besser gewesen. aber wenn bei dieser Pflegemutter mit dem anderen Kind, dann hätte es da eben mehr Anbahnung gebraucht, nach einer Stabilisierung durch die Retraumatisierung.

bindung heilt und ermöglicht Veränderung. Das hat der Film gezeigt ganz deutlich. Warum das Kind nicht in der Psychiatrie belassen mit festen Bezugspersonen, egal nun ob ein Jahr oder länger? wenn dadurch Stabilisierung möglich wäre und mit der Stabilisierung Therapie möglich gewesen wäre? Das Kind musste ja irgendwo untergebracht werden und keine Wohngruppe hat sie mehr genommen, also warum nicht dort belassen, wo sie sich stabilisierte? Warum muss da ein loslösen gleich mitgedacht werden? da hätte sich etwas entwickeln können, da wäre die chance am größten gewesen im Vergleich zu allen anderen befristeten kurzfristigen Maßnahmen.

wir haben schon einige Male gehört / gelesen / gesehen von Kindern, die aus der Familie genommen wurden und die, auch wenn es nur wenige monate oder ein kurzer Zeitabschnitt war, in der sie in einer Atmosphäre gelebt haben, in der sie sich binden konnten an Betreuer o.ä. im Nachhinein für sich als "rettend" bezeichnet haben. Es ist nicht so, dass jede loslösung immer die gleiche oder noch schlimmere Not auslöst, so nach dem motto: irgendwann tuts dann noch schlimmer weh. das glaube ich nicht und das erleben wir auch nicht so. Natürlich schmerzen Trennungen, aber wenn es vorher eine gute und stabilisierende Bindung gab und die trennung nicht gewaltsam von der Bindungsperson aus geht (was dann retraumatisierend wäre), kann eine Trennung dann eben auch besser verkraftet werden, weil die Persönlichkeit gereift ist.
Zuletzt geändert von EineVonUns50 am Mo Mär 30, 2020 8:28 pm, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Systemsprenger

Beitrag von EineVonUns50 » Mo Mär 30, 2020 8:24 pm

Ich sehe auch nicht, dass die rettungsfantasien schuld sind. Natürlich war das heikel, als er sie die zweite nacht "heimlich" aufgenommen hat, aber die Kleine wurde ruhig und es war "gut" in dem Moment, bis die Angst der Mutter um ihr eigenes Kind (das zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht in Gefahr war - was sie gesehen hätte, wenn sie nur 15 Sekunden lang hingeguckt hätte) die Kleine dann so getriggert hat, dass die Situation eskaliert ist. Da fallen mir mind. 3 varianten ein, wie das hätte auch anders ablaufen können. Da waren weder die rettungsfantasien schuld noch Benni. es war die angst im Kopf der Mutter und diese Angst hat Benni wahrgenommen und darauf mit Aggression reagiert. Die angst der Mutter verständlich sicher in gewisser Weise, aber an der Stelle auch etwas unlogisch, da die mutter die ganze Zeit vorher ja sehr entspannt mit ihr umgegangen ist und auch ihr Kind bei ihr gelassen hat und sie sie ja eingeladen hat, die zweite nacht bei ihnen unterzukommen.

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