Trauma und Stimme

Hier findet Ihr einen Raum, in dem Ihr über alles reden könnt, was in den anderen Foren keinen Platz hat.
Benutzeravatar
Lorelei
Beiträge: 4206
Registriert: Di Sep 18, 2007 3:22 pm
Wohnort: Rheinfelsen

Trauma und Stimme

Beitrag von Lorelei » Di Jan 21, 2020 9:03 pm

Ich würde gern ein Buch schreiben, das ich selbst gebraucht hätte und das es immer noch nicht auf dem deutschen Markt zu geben scheint. Es soll sich um Auswirkungen von Trauma auf die Sprech- und Singstimme drehen. Wenn ihr mögt, und wenn es okay ist, könnt ihr hier schreiben, welche Erfahrungen ihr mit eurer Stimme gemacht hat - sowohl im Sprechen als auch im Singen.

War der Klang eurer Stimme immer gleich?
Hat er sich verändert?
Seid ihr verstummt oder sei ihr erst recht laut geworden?
Wenn ihr eine Therapie gemacht habt oder andere Dinge getan habt, um euch besser zu fühlen, hat das Auswirkungen auf eure Stimme gehabt?

Ich bin meinen eigenen Weg mit meiner Stimme gegangen und singe dieses Jahr mehrere Konzerte mit Chor und Orchester. Das hätte ich aber ohne viel Unterstützung nicht geschafft. Wie geht es euch damit?

neugierig,

Lorelei
Was hinter uns liegt und was vor uns liegt ist nichts in Vergleich zu dem, was in uns liegt. - Ralph Waldo Emerson

~SteinHart~
Beiträge: 4497
Registriert: Di Mai 05, 2009 11:38 pm

Re: Trauma und Stimme

Beitrag von ~SteinHart~ » Di Jan 21, 2020 9:07 pm

Hallo Lorelei,
meinst du nur eine generelle und langfristige Veränderung der Stimme, oder auch kurzfristige Phänomene?

Mir versagt die Stimme bei Traumainhalten oft völlig, oder ich flüstere. Ist sowas auch gemeint?

SH
Die Zeit bewegt sich in eine Richtung, die Erinnerung in eine andere.
(William Gibson)

Benutzeravatar
Lorelei
Beiträge: 4206
Registriert: Di Sep 18, 2007 3:22 pm
Wohnort: Rheinfelsen

Re: Trauma und Stimme

Beitrag von Lorelei » Di Jan 21, 2020 10:29 pm

Ja. Gerne. Und wenn du über das Wetter sprichst, tritt es nicht auf?
Was hinter uns liegt und was vor uns liegt ist nichts in Vergleich zu dem, was in uns liegt. - Ralph Waldo Emerson

~SteinHart~
Beiträge: 4497
Registriert: Di Mai 05, 2009 11:38 pm

Re: Trauma und Stimme

Beitrag von ~SteinHart~ » Di Jan 21, 2020 11:02 pm

Da muss ich ehrlich gesagt überlegen.

Glaube nicht.

Ich merke aber auch erst seit kurzem selbst das Flüstern bewusster. Und das tritt tatsächlich meist in der Therapie auf. Wenn es um früher geht, oder ich kurz vorm in einen Flashback rutschen bin, oder teildissoziiert mich wieder zurück kämpfe.

Die Thera sagt auch die Stimme wird anders. Aber nicht nur die Stimme.

Veränderungen gibt es durchaus auch im normalen Leben. An der Arbeit rede ich anders (sowohl Wortwahl als auch Stimme) als privat, oder daheim. Aber das flüstern beschränkt sich glaube ich auf das Trauma.

SH
Die Zeit bewegt sich in eine Richtung, die Erinnerung in eine andere.
(William Gibson)

Ein gastchen

Re: Trauma und Stimme

Beitrag von Ein gastchen » Di Jan 21, 2020 11:07 pm

Hallo Lorelei

Kann ich dir dazu eine pn schreiben?

Waldkatze
Beiträge: 2480
Registriert: Mi Sep 26, 2012 9:54 pm

Re: Trauma und Stimme

Beitrag von Waldkatze » Fr Jan 24, 2020 5:21 pm

Meiner Stimme ist die Mitte ist verloren gegangen nach dem Trauma. Entweder war sie hoch, leise und dünn oder tief und laut.

Der Weg der Traumaverarbeitung hat die Mitte zurückgeholt, grundsätzlich ist meine Stimme und die Art, zu sprechen sicherer und fester geworden (wie meine Persönlichkeit und auch), nach wie vor kippe ich aber bei Angst und Müdigkeit in eins der Extreme.

Ich spiele seit meiner Kindheit Blechblasinstrumente, und hatte immer Mühe mit Stütze, Luftführung und der richtigen Atmung, was ich heute auch aufs Trauma zurückführe. Die Luft und/oder Energie kommt irgendwie schlecht vom Bauch zum Mund, überall sitzen Verkrampfungen und Verspannungen, im Bauch selbst, Brustraum/Schultern/Nacken, den Hals klemme ich oft zu, bis hoch zur angespannten Kiefer- und Mundmuskulatur.
Es ist deutlich besser geworden, aber so ruhig und gelöst dass es wirklich gut und offen klingt wenn ich spiele (oder singe) bin ich leider selten. Am schlimmsten ist es wenn ich Gefühle wegdrücke, dann ist die Verbindung zum Bauchraum nicht da und es klingt nicht.

Gruss Waldkatze
Ich bin, wer ich bin, und das alles bin ich. Punkt.

Benutzeravatar
Lorelei
Beiträge: 4206
Registriert: Di Sep 18, 2007 3:22 pm
Wohnort: Rheinfelsen

Re: Trauma und Stimme

Beitrag von Lorelei » Sa Jan 25, 2020 10:07 am

gastchen, natürlich kannst du. Mach einfach. :)

Waldkatze, denkst du, wenn du zusätzlich zur Thera noch Unterstützung im gesangpädagogischen oder logopädischen Bereich hättest, wäre es noch ein wenig einfacher? Oder bringt dir das nichts, weil zuerst das Trauma bearbeitet werden muss und dann erst alles andere kommen darf?
Was hinter uns liegt und was vor uns liegt ist nichts in Vergleich zu dem, was in uns liegt. - Ralph Waldo Emerson

Waldkatze
Beiträge: 2480
Registriert: Mi Sep 26, 2012 9:54 pm

Re: Trauma und Stimme

Beitrag von Waldkatze » Do Feb 06, 2020 11:06 pm

Hm, mein Gefühl sagt, zuerst müssen die traumabedingten Verspannungen und Verkrampfungen weniger werden, dann erst könnte - ja, eher etwas gesangspädagogisches, denke ich - etwas bringen.
Ich bin, wer ich bin, und das alles bin ich. Punkt.

Anonym

Re: Trauma und Stimme

Beitrag von Anonym » Fr Feb 07, 2020 10:03 am

Also ich rede generell wenig und wenn doch, dann sehr leise und meist mit hoher Stimme, also eigentlich wie ein kleines, hilfloses Kind... Ich versuche, daran zu arbeiten, weil ich es selbst nicht gut finde, diesen Mitleid erregenden Eindruck zu erwecken. Wenigstens ist es mir jetzt im Gegensatz zu früher bewusst, aber es fällt mir schwer, mich zu ändern, weil ich unglaublich unsicher bin und so klingt meine Stimme dann halt auch.

Anonyma

Re: Trauma und Stimme

Beitrag von Anonyma » Sa Feb 08, 2020 9:34 am

@anonym
Du kannst vielleicht allein zu Hause oder im Wald üben tiefer und lauter zu sprechen. Hab das mal mit schreien gemacht. Ja erstmal peinlich, schrecklich aber später auch toll. Wenn man spürt man darf das und wieviel Energie da mit schwingt.

Denk es geht aber hauptsächlich ums innen. Sichvzu fragen ist das Angst? Unsichtbar sein wollen etc? Und wo will und brauche ich das heute noch und wo nicht?
Hab mal mit einem Mädchen gearbeitet, schon 18, sie sprach auch so und je weiter die thera lief umso besser wurde es..
Anonyma

Hoffnung
Beiträge: 23
Registriert: Mi Dez 04, 2019 9:31 pm

Re: Trauma und Stimme

Beitrag von Hoffnung » Mo Feb 24, 2020 10:59 pm

Hallo!
Ich liebe Singen.
Ich singe auch in ca 3 Chören und mehrere Konzerte im Jahr teilweise auch mit Orchester und ich hab mit 20 schon viele tolle Projekte mitgesungen
Ich bin aber auch ein bisschen in eine Musikerfamilie hineingeboren worden...
Was die Auswirkung auf mich mit Trauma etc angeht:
Beim Singen kann ich mich oft frei machen, innerlich fliegen und Ruhe und Frieden finden. Nach Hause kommen innerlich.
Ich hatte aber auch vor 3 Jahren eine lange Geschichte mit starken anhaltenden Halsschmerzen, die ca 2 Jahre und 20 Stunden Logopädie gebraucht haben un wegzugehen. Auch reagiere ich mit Stimme allgrmein sehr sensibel. Wenn es mir gut geht singe ich - eigentlich immer und überall. So vor mich hin halt. Je schlechter es mir geht, desto mehr schweige ich und oft schnürrt sich mein ganzer Hals zu und wenn es wirklich schlimm ist bringe ich keinen Ton raus. Dann kann ich einfach nicht singen. Dann spreche ich auch kaum mehr. Und alle Versuche ein Lied anzufangen ersticken nach spätestens einem Ton. Weil es sich anfühlt als würde alle Luft in meinem Hals stecken bleiben. Das ist dann ein sehr schlimmes Gefühl, so als würde ich mich verlieren.
Bei traumatischen Themen werde ich beim sprechen auch sehr schwach, spreche sehr leise und ganz brüchig irgendwie.
Mir haben Gesangsstunden geholfen lockerer zu lassen und ich merke auch immer mehr, wie verkrampft mein Hals ist. Der ist einfach traumatisiert...
Da fällt es mir schwer mir selbst und meiner Stimme Raum zu machen um wirklich voll da zu sein. Groß zu sein.
Was noch wichtig ist: Wenn ich aber aus meiner Stummheit herausfinde und es schaffe, meist erstmal mit ein paar Tönen anzufangen mich auszudrücken, mir Raum zu geben, dann befreit es sehr und ich habe darin dann einen Zugang zu mir -finde einen Weg zu mir, der sonst irgendwie verborgen ist.
Neulich hab ich einfach angefangen Klavier zu spielen und nach einer Weile dazu gesungen, aber erst durch das Singen konnte ich den Gefühlen und auch Worten,die in mir waren Raum geben. Das bin einfach ich. Und dann singe ich ganz viel für mich und erzähle, was ich mir sagen will und darin fühle ich mich so aufgefangen, dass ich diese schlimmen Gefühle auch immer mehr Stück für Stück da sein lassen kann. Das ist für mich eine riesige Erleichterung.
Manchmal fließt es einfach. Das Singen heilt mich.
So kann auch meineTherapeutin mir nicht helfen. Meine Stimme hat sich tatsächlich im Laufe der Therapie geändert, ist stärker und erwachsener geworden, aber das könnte auch an der guten Stimmbildung liegen,die ich in der Zeit hatte, außerdem bin ich ja auch noch recht jung.
So das war jetzt ein Roman. Aber ich liebe Singen. Es war irgendwie immer das was mich festgehalten hat. Egal wie tief ich falle, bald hab ich wieder Chor. Das kann mir niemand nehmen. Diese kleine glückliche Zeit in der Woche. Aufatmen.
Ich hoffe du kannst was damit anfangen :)
Lg,Mira

Mucki
Beiträge: 200
Registriert: Mi Jan 17, 2018 10:27 pm

Re: Trauma und Stimme

Beitrag von Mucki » Di Feb 25, 2020 5:41 pm

Hallo, das ist ein interessantes Thema finde ich und mag deshalb auch etwas dazu schreiben. Eigentlich ist meine Stimme eher im tieferen Bereich, ist klar und sicher. Lange Jahre habe ich in Chören gesungen und musste bei der Arbeit viel reden, war also immer im Training. Ein Phänomen mit der Stimme gibt es im Zusammenhang mit meiner Seele dann aber doch. Es ist so, dass ich prinzipiell Probleme damit habe mich und meine Verfassung richtig wahr zu nehmen und da ist die Stimme immer das erste, woran ich merke, dass es mir nicht gut geht. Sie klingt dann etwas anders, die Hauptsache ist aber eine gewisse Anstrengung, die das Reden dann kostet, ich scheine dann mehr Druck aufbauen zu müssen, damit ich einen Ton überhaupt bilden kann. Für Außenstehende sicher kaum zu merken, für mich aber, so sehe ich es, eine Art "Alarmanlage" für mich, dass etwas nicht stimmt, ja gar gefährlich ist.
Was mir auch auffällt ist die Tatsache, dass ich es schlecht aushalte mich mit Menschen zu unterhalten, die eine bestimmte Art des Redens haben, also ich meine den Klang, nicht unbedingt die Inhalte. Hohe leise Stimmen ohne, ich nenne es so, Volumen kann ich nicht aushalten, ja sie machen mich nahezu aggressiv . Beim Hören von Hörbüchern kommt es für mich auch stark auf die Stimme an und selbst,, wenn die Geschichte mir gut gefällt, kann ich es nicht anhören. Ich weiß nicht, ob hier jemand schon eine von Luise Reddemann gesprochene Imagination o.ä. gehört und versucht hat? Mit jedem Wort von ihr wurde ich wütender, wobei ich gar nicht recht weiß, warum Stimmen so auf mich wirken, dass ich total ungeduldig und innerlich wütend werde. Ich bin sonst ein eher ruhiger und geduldiger Mensch und auch aus den versch. Traumata kann ich mich nicht an eine bestimmte Stimme erinnern.
Liebe Lorelei, wenn dieses Buch zustande kommt, würde ich es sehr gerne lesen.

Mucki

mehrfach

Re: Trauma und Stimme

Beitrag von mehrfach » Di Mär 10, 2020 12:49 pm

je lauter es ist, desto stiller wird man. man denkt, sie müssten es doch aus jeder zelle deines gehirns schreien hören, sie müssten doch sehen, wie deine haut in tausend stücke zerreist, sie müssten doch fühlen, was in dir stirbt, wenn sie dich anbrüllen und mit lockrufen besänftigen. aber diese stimmen sind in dir eingesperrt und sie können nicht raus, weil niemand sie hören will. und selbst wenn. gehört ist nicht gefühlt oder verstanden, und nicht immer wird es dann leiser.

es ist auch gar nicht das, was wir sagen oder rausschreien, nicht einmal das was wir flüstern oder stottern, was uns fesselt. es ist die stille, die atempausen in der musik, die leeren takte die so sehr schmerzen, dass man verstummt. und stirbt.

sie klingen traurig, sie klingen wütend, sie klingen ängstlich. warum klinge ich erst, wenn ich rede? nein, gehört ist lange nicht gefühlt.

worte klingen noch weniger als stimmen. es braucht schon ein orchester, um stille zu fassen.

Antworten