Müde... verzeihen... vertrauen?

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Fee16
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Müde... verzeihen... vertrauen?

Beitrag von Fee16 » Do Aug 01, 2019 6:45 pm

Hallo,

nach einigen Jahren in denen mir bewusst geworden ist, was alles passiert ist, bin ich es langsam leid und müde. Bin es leid mich zu verstecken, Groll zu hegen und immer wieder von Erinnerungen überfallen zu werden.

Vor einigen Tagen ist eine berühmte Person verstorben: Eva Kor, sie war eine Holocaustüberlebende, die den Tätern verziehen hat.
Ich frage mich, ob das eine Möglichkeit ist mit dem Thema Missbrauch "Frieden zu schließen". Natürlich wird es dadurch nicht ungeschehen, aber durch den ständigen Groll geht mir langsam die Energie aus. Auch wenn ich noch an Traumafolgeschwierigkeiten zu leiden habe, vielleicht kann ich sagen: "so ist es jetzt. Was geschehen ist, ist geschehen. Ich bin nicht mehr wütend, ich verzeihe und es ist in Ordnung". Natürlich wird es mich weiter begleiten, aber auch durch Groll und Hass kann ich es nicht ungeschehen machen.
Vielleicht habe ich die verrückte Hoffnung, dass ich dadurch der Welt um mich herum etwas mehr vertrauen könnte. Vielleicht ist das auch eine zweite Baustelle und es gibt einfach einen Anteil in mir der sich die heile Welt durch "Verzeihen" herbeiwünscht...
Ich weiß es nicht.

Gibt es jemanden der Erfahrungen mit Verzeihen hat oder eine Meinung dazu?

LG Fee
... keine Angst mehr.

Blümle

Re: Müde... verzeihen... vertrauen?

Beitrag von Blümle » Do Aug 01, 2019 7:38 pm

Ein berühmtes Zitat besagt

Der Schwache kann nicht verzeihen.. Verzeihen ist eine eigenschaft der starken.

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Dorie
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Re: Müde... verzeihen... vertrauen?

Beitrag von Dorie » Do Aug 01, 2019 8:47 pm

Hallo Fee

Meine Schwester ist 3jahre älter als ich und als ich ca 9 Jahre alt war, wurde ich von ihr abgelehnt, gehasst, gemobbt und auch hin und wieder haben wir uns geprügelt. Ich bin ihr bis zu meinem 26 Lebensjahr hinterher gelaufen und dann hab ich mich zurück gezogen. Heute bin ich 42 und vor 2 Jahren und 5 Monaten ist sie auf mich zu gekommen und hat sich erklärt. Ich konnte verstehen warum. Sie war ja selbst ein teeny und allein. Sie wurde aufs übelste belogen. Ich war zwar nicht schuld daran, aber hab es abbekommen.
Ich habe ihr verziehen, weil sie zu mir kam, sich entschuldigt hat und ich spürte seitdem keinen Hass und keine Ablehnung mehr. Sie passt auf das sie mich nicht verletzt und bis jetzt ist es ihr gut gelungen.
Ich habe innerlich meinen Frieden gefunden.
Das was sie gemacht hatte, war nicht ok, aber seit ich verziehen habe, hat das Macht verloren.
Damit habe ich noch nicht verarbeitet, aber wenn ich daran arbeite, finde ich, das es bei mir nicht mehr so weh tut wie vorher.

Meinen MB habe ich auch verziehen und hab Frieden. Aber hier hab ich nur für mich verziehen, damit es die Macht verliert. Noch nicht für die Täter, weil keine Reue oder Aussprache. Aber ich bin auf den Weg es zu tun, für Weiteren Frieden und das es weiter Macht verliert.
Träume nicht dein Leben,sondern lebe deinen Traum


Gib mir die Gelassenheit,Dinge hinzunehmen,die ich nicht ändern kann.
Gib mir den Mut,Dinge zu ändern,die ich ändern kann.
Gib mir die Weisheit,das eine vom anderen zu unterscheiden.

Gastacht

Re: Müde... verzeihen... vertrauen?

Beitrag von Gastacht » Do Aug 01, 2019 10:09 pm

Ich kann das nicht und wüsste nicht wie das gehen soll.
Vielleicht ginge es
1. Wenn ich so ein gutes leben hätte wie andere ohne mb und es mir langfristig gut ginge und
2. Der täter ernsthaft bereuen würde und in seinem rahmen eine art strafe etc vorschlagen würde als zeichen dass er es ernst meint. Evtl würd ich das ablehnen aber so ein angebot zu machen fänd ich gut.

Evtl kommt das gefühl auch ohne das irgendwann aber im moment geht das null. Er streitet auch alles ab. Da seh ich keine Grundlage.
Gastacht

Schneeweißchen

Re: Müde... verzeihen... vertrauen?

Beitrag von Schneeweißchen » Sa Aug 03, 2019 10:17 am

Ich möchte mich Gast acht anschließen. Nur weil man selbst momentan vielleicht das Ganze(Thema) satt hat,
dadurch wird der Täter ja nicht weniger böse bzw. sieht seine Schuld oder das was er falsch gemacht hat ein. Das ist Kleinkinderdenke.
Ich für mich möchte mit diesem Menschen jedenfalls nichts mehr zu tun haben. Seinen (inneren) Frieden damit kann
man trotzdem schließen, in dem man das Thema führ sich loslässt und sich wieder dem Leben und der Zukunft öffnet.

Und um überhaupt ansatzweise in diese Richtung denken zu können, müssen Täter an sich arbeiten, Schuld einsehen, wiedergutmachen,
erstmal Alimente/Unterhalt zahlen (das ist ja wohl das Allerwenigste) und sich da nicht aus noch aus der Verantwortung stehlen.
Und ganz wichtig auch, dass was sie an Schuld auf sich geladen und Anderen damit angetan haben, ehrlich bereuen, an sich arbeiten
und ganz wichtig: zugeben und um Verzeihung bitten.

Dann ist vielleicht soetwas für die Zukunft evtl. möglich. Aber ehrlich gesagt, dass ist vielleicht 1 von 1.000 Fällen, in denen das
vorgekommen ist. Noch dazu wo Täter ja selber ab/wegspalten, und sich gar nicht mit dem was sie Anderen angetan haben,
auseinandersetzen möchten.

Man kann auch mit der Vergangenheit irgendwann seinen Frieden schließen und sich wieder dem Leben hinwenden. Das heißt
nicht dass man weiter hassen muss oder soll. Aber ehrlich gesagt, wie soll man so einem Menschen jemals wieder vertrauen
können? Wie abgebrüht/abgespalten muss man sein, um überhaupt Anderen/Schwächeren sowas antun zu können? Ohne Mitleid
(für das Opfer), völlig kalt und ohne Empathie? Ich glaube, das kann man als Täter (selbst wenn man in Therapie ginge) in
einem Leben gar nicht aufarbeiten, was da in der eigenen Kindheit schief gelaufen sein muss.

Ein Anfang immerhin wäre ja mal, ein aufrichtiges um Verzeihung bitten und außerdem seinen (finanziellen) Verpflichtungen
nachzukommen (Therapie für die Opfer) ist ja schließlich teuer. Als allerersten Schritt, damit könnte man ja schonmal (als Täter)
als Zeichen des guten Willens und der Wiedergutmachung zuliebe den 1. Schritt machen - aber selbst dazu sind sie ja meist noch nicht mal in der Lage,
da vielzusehr auf sich und ihren eigenen Vorteil bedacht.

Außerdem, wer würde denn wieder so niederfrequente Energien in seinem Leben haben wollen? Wenn Täter an sich arbeitet
und wiedergutmacht (wenigstens ansatzweise) und ein ehrliches Bemühen von seiner Seite vorhanden ist, dann vielleicht irgendwann mal
(wobei man ja als MB-Betroffene schauen muss, ob man überhaupt schon soweit ist - ein zu frühes und von außen insistiertes Verzeiehen
(auf Druck der Kirche oder dem Therapeuten) kann in manchen Fällen durchaus auch nochmal wieder eine erhebliche Re-Traumatisierung bedeuten).

Wenn sich das Ganze in Form der Aufarbeitung des Täters in höheren Energiebereichen abspielt, dann vielleicht.
Aber welcher Täter kann das zulassen? Diese Selbsterkenntnis (an Schlechtigkeit) - das würde wahrscheinlich das völlige
Zusammenbrechen seines eigenen Lebens und des Glaubens an sich selbst bedeuten.

Wer ist als Täter so mutig, und würde sich auf diesen Weg begeben?
Wohl nur ganz Wemige ...

LG Schneeweißchen

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Fee16
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Re: Müde... verzeihen... vertrauen?

Beitrag von Fee16 » So Aug 04, 2019 3:52 pm

@Blümle: danke dir.
Dorie hat geschrieben:
Do Aug 01, 2019 8:47 pm
Das was sie gemacht hatte, war nicht ok, aber seit ich verziehen habe, hat das Macht verloren.
Damit habe ich noch nicht verarbeitet, aber wenn ich daran arbeite, finde ich, das es bei mir nicht mehr so weh tut wie vorher.

Meinen MB habe ich auch verziehen und hab Frieden. Aber hier hab ich nur für mich verziehen, damit es die Macht verliert. Noch nicht für die Täter, weil keine Reue oder Aussprache. Aber ich bin auf den Weg es zu tun, für Weiteren Frieden und das es weiter Macht verliert.
@Dorie: vielen Dank für deinen mutmachenden Beitrag. Ja, so ähnlich wie akzeptieren - Frieden schließen mit sich selbst stelle ich mir das vor.


@Gastacht und Schneeweißchen: Es tut mir leid was euch geschehen ist. Ich weiß aber nicht, ob ich ein Schuldeingeständnis und auch eine Aufarbeitung vom Täter dafür brauche.
Irgendwie binde ich mich da doch wieder an den Täter. Erst wenn der Täter alles zugibt und bereut und etc.... dann darf ich loslassen.
Vielleicht will ich das schon vorher machen. Ja, dann wird es keine Wiedergutmachung geben, die gibt es so wahrscheinlich aber auch nicht. :roll:
... keine Angst mehr.

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Dorie
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Re: Müde... verzeihen... vertrauen?

Beitrag von Dorie » So Aug 04, 2019 5:27 pm

Fee16 hat geschrieben:
So Aug 04, 2019 3:52 pm
@Dorie: vielen Dank für deinen mutmachenden Beitrag. Ja, so ähnlich wie akzeptieren - Frieden schließen mit sich selbst stelle ich mir das vor.
Den hab ich bekommen. Ich rede damit nichts schön, es war und ist schlimm. Ich akzeptiere das ich ihn erlebt habe. Es ist aber ein Prozess. Ich musste auch mir verzeihen, weil ich mir die Schuld gab. Das war für mich das schwierigste.

Fee16 hat geschrieben:
So Aug 04, 2019 3:52 pm
Ich weiß aber nicht, ob ich ein Schuldeingeständnis und auch eine Aufarbeitung vom Täter dafür brauche.
Irgendwie binde ich mich da doch wieder an den Täter. Erst wenn der Täter alles zugibt und bereut und etc.... dann darf ich loslassen.
Bei meiner Schwester bekam ich die Aussprache. Bei meinen Eltern, bei den angeblichen Verwandten, die mir das mit meiner Schwester einbrockten werde ich es nie bekommen, weil gestorben und bei den Schulmobbern und die den MB machten werde ich es auch nicht mehr erleben, weil ich wohne weit weg. Ich brauche es aber auch nicht um loslassen zu können, weil sonst hätten sie wieder Macht über mich und das will ich nicht. Ich bin nicht abhängig von ihren Entschuldigungen und ihrer Reue.
Wenn ich das bräuchte, würde ich vieles nicht mehr los lassen können. Und ich habe vieles ohne Aussprache lösen und verarbeiten können und dann los gelassen, als sie gestorben waren.
Ich muss das mit mir klären und nicht mit denen.
Träume nicht dein Leben,sondern lebe deinen Traum


Gib mir die Gelassenheit,Dinge hinzunehmen,die ich nicht ändern kann.
Gib mir den Mut,Dinge zu ändern,die ich ändern kann.
Gib mir die Weisheit,das eine vom anderen zu unterscheiden.

Kaktusblüte
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Re: Müde... verzeihen... vertrauen?

Beitrag von Kaktusblüte » So Aug 04, 2019 7:45 pm

ich persönlich finde das sich selbst zu verzeihen als das größte was ich mir im laufe der langen zeit
erarbeiten könnte,bei ihm kam kein einzigesmal verzeihen in frage und der versuch eine aussprache und versöhnung mit der mutter
hat sich als ein grosser fehler entppupt,denn sie hat zum schluss sich selbst als opfer dargestellt,,,,verrückt

gruss
kaktusblüte

Gastacht

Re: Müde... verzeihen... vertrauen?

Beitrag von Gastacht » Do Aug 08, 2019 5:01 pm

Hallo fee
Find was du schreibst super. Find dann aber für mich den begriff falsch. Das ist für mich ein loslassen vom mb und der person und der gegenwart raum geben.Akzeptanz was war und dass es nicht zu änderm ist. Das strebe ich auch an. Dem so wenig raum und macht wie möglich zu geben.

Das hat für mich aber nix mit verzeihen zu tun. Das ist für mich an ein Gespräch gekoppelt, eine Aussprache.
Ein verzeihen von dem der täter nicht weiss ist für mich keins. Aber das kann ja jede bezeichnen wie sie mag.
Liebe Grüße
Gastacht

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LunaSue
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Re: Müde... verzeihen... vertrauen?

Beitrag von LunaSue » Do Sep 12, 2019 8:01 pm

Hallo Fee,

Ich war auch sehr müde vom Kampf gegen den MB.
Das es ein sinnloser Kampf war habe ich lange nicht erkannt.
Erstmal fand ich es dann sehr bitter, mit "Restbeschwerden" aus der Therapie zu gehen,
mit denen ich mich abfinden sollte.
Letztlich ist es so und es bleibt auch so. Die Gewalterfahrungen als existent und zu meiner
Vergangenheit gehörend anzunehmen war definitiv befreiend. Damit war ich den Druck los etwas "weg haben zu müsen".
Anstatt für ein Leben ohne MB zu kämpfen habe ich gelernt ein Leben mit dem MB zu führen.

Tja - und Vergebung...
Vergebung heißt für mich die Taten zu den Tätern zurück zu geben.
Sie bei denen zu lassen und nicht meinen "Wert" daran zu definieren.

Vergebung bedeutet für mich auch und vor allem alle Ansprüche an die Täter los zu lassen.
Dabei komme ich ohne Aussprache, ohne Reue und eine Pseudo-Wiedergutmachung aus.
Für mich bedeutete die Aufgabe dieser Ansprüche den Gewinn aus der Abhängigkeit heraus zu kommen.

Viele Grße
Luna
Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt.
Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte,
der dem Leben zu antworten - das Leben zu ver-antworten hat.

Viktor Frankl

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